Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1929)
- Date
- 1929-08-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 35 Der Israel 4 t 29. August 1929 Newyork, 26. August. Am Dienstag nachmittag marschierten 35 000 Juden durch die Straßen von Newyork, um für den bedrohten Jifchuw von Palästina zu L-emonstri-eren. 50 große jüdische Organisationen nahmen an der Demonstration teil, es wurden fchwarzu-mflorde amerikanische und zionisttsch-e Flaggen getragen. Das Ziel des Marsches war das britische Generalkonsulat. Im Inge schritten Hunderte Rabbiner, auchzahlreiche Frauen- und Kinder. Me>le der Teilnehmer weinten. Die riesige Demonstration, durchdie der Werkehr in zwölf Strahn gestoppt werden muhte, gelangte ohne jeden Zwischenfall an das Ztel. Vor dem Haufe des Generalkonsulats wurde in Ansprachen der tiefe Schmerz und der Protest ö-er amerikanischen Juden gegen die Angriffe auf denjüdischen Jifchuw in Palästina zum Ausdruck gebracht. Die früh-er-en Palästina-Legionäre, die in den Reihen der Engländer auf pakästin-ensifchem Boden gefochten haben, führten Transparente mit riesigen Aufschriften mit sich. Die Demonstration machte in Newyork ungeheuren Eindruck. Newyork, 27. August. Eine auf Anregung der Zionistischen Organisation Amerikas in Newyork stattgefunde-ne Konferenz führen-- der Juden hat -eine R!efolution angenommen, in der die Palästinaregierung angeklagt wird, daß sie trotz sichtbar gewesener Gefahr nicht die entsprechenden Vorkehrungen getroffen hat. Die Konferenz beschloß, eine Masferversammlung nach dem etoa 25 000 Personen fassenden Madison Square Garden einzuberufen. Eine aus 18 Vertretern bestehendie Abordnung begab sich nach Washington. Sie wird heute, Dienstag, vom Präsidenten Hoover, dem Staatssekretär Stimson und Senator Borah empfang-en werden-. Der „Waad Harabonim" hat beschlossen, den 4. S e fite m b e r (Jomkippur-katan) als Fasttag zu proklamieren. Es werden- Trauerandachten mit „Hefpejdim" (Gedächtn-isanfprachen) abgehabten werden.. Ausschreitungen bei Haifa, Konzentration der jüdischen Bevölkerung. London, 28. August. Die engbischen Nachrichtenagenturen melden!, daß am gestrigen Tage schwere arabische Ueberfälle in und bei Haiisa sta-ttsanden, die mit Plünderungen verknüpft waren. Die Regierung beabsichtigt, di-e auf den Dörfern und Kolonien und überhaupt zerstreut wohnenden! Juden in einigen städtischen Mittelpunkten zusammenzuziehen, weil ihr Schutz sonst nicht möglich ist. Das würde natürlich, so notwendig die Maßregel seinmag-, die völlige Preisgabe der jüdischen Kolonien bedeut ten-. Die. ln ganz Palästina vorhandene Tr-uppen-m-acht dürste sich zur Zeit aus nicht mehr als 5000 Mann belaufen. Araber mit englischer Jnfanterieberoaffnung? London, 28. August. Der Ullstein-Nachrichtendienst meldet folgendes: Von nichtamtlicher Quelle wird in London zugegeben-, daß alle Versuche, den König des Hedjas-, Jbn Saud, zu veranlassen, gegenüber den Ereignissen in Palästina eine für England wohlwollende Neutralität auszuüben, und Stämmen,, die seiner Oberhoheit unterstehen, die Abwanderung nach Palästina zu untersagen, fehlg-eschlagen sein sollen. Es wird weiter zugegeben, daß die- Abteilung der arabischen Banden, die das meiste Blu-tv-ergießen in den letzten Tagen verursacht haben, vollständig mit e n g bischer I n s a n t e r i e b e w a s f n u n g ausgerüstet seien, und daß mindestens der Verdacht besteht, d-aß die arabischen Beamten und Gendarmen der Mandatsregterung schon seit längerer Zeit mit den arabischen Nationalisten unter -einer Decke gesteckt haben-, und somit als i-ntell-ektu-ell-e Bo rb-e reite r -und Stabsoffizi-ere der Arader-Revolte und des „Heiligen Kriegs" gegen die Juden bezeichnet werden müssen-. Schweiz. Von der Ieschirvah in Montreux. Montreux., 15. August. Die Jeschiwah veröffentlicht ihre Jahr-es-rechnung für die Zeit vom 1. April 1928 bis 1. April 1929. Der Etat balanciert mit Franken 62,190.50. Die Beiträge der Schüler betrugen oa. Fr. 30,000.—„ der Mitglieder ca. Fr. 10,000.—, Spenden aus der Schweiz ca. Fr. 10,000, vom Ausland ca. 7000.—„ Stiftung von Jacob Michael Fr. 3000.—. Das Haus-haltungskoUto b-ezi!ffe-rt sich auf ca. Fr. 28,000.—, Miete ca. Fr. 11,000.—, Saläre der Dozenten Fr. 4200.—, Löhne des Dienstpersonals Fr. 4000.—. Es verblieb -ein Defizit von Fr. 4237.—t, dessen Deckung im laufenden Jahre erhofft wird-. Als Präsident des Kuratoriums -unterzeichnet -die Rechnung Herr Sali Harburg er in Zürich, als Vizepräsident Herr A. W. R o f e n z w e ig, als Kassierer die Herren Josua Goldschmidt und Camille Lang, als Aktuar Herr Dr. Ortl i e b , sämtlich in Zürich. Exekutive des Kongresses zum Schuhe der jüdischen Minderheiten. Zürich, 18. August. Die Exekutive des Rates zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten (Council for th-e Rights o-f Jewifh Min-or-idis), die am 16. August in der Tonhalle zu Zürich eine Sitzung -ab hielt, sandte an dien -litauischen Ministerpräsidenten- Woldemaras das folgende Telegramm, das von- Leo Motztin, Nahum Sokolow und Dr. Stephen S. Wife unterzeichnet wurde: „Mit Schmerz und Bestürzung haben wir von, den anlijüdischen Exzessen in Litauen- Kenntnis genommen. Wir sind fest davonüberzeugt, daß Sie als der Schöpfer des Manifestes über die jüdische Autonomie in- Litauen alle wirksamen Mittel -anwenden werden, um -ein Regime -der Sicherheit und Gerechtigkeit zu befestigen undder jüdischen Bevölkerung, die mit allen -"Kräften an der Schaffung des litauischen Staates mi-tzgearb-eitet hat, die Entwicklung eines norm-alen Lebenszu ermöglichen,." Personalien. Vurgpreppach, 26. Aug, Unter inniger Anteilnahme der gesamten jüdischen Bevölkerung, feierte am vergangenen Sabbat der in -allen Kreisender Bevölkerung hoch geschätzte Kaufmann Simon- Blum seinen 70. G-eburts^ tag. Wie er viele Jahre hindurchals- Ku-ltusvo-rstand die Gemeinde führte, so vertritt er sie noch heute Mg vor Jahrzehnten in der Verwaltung der politischen Gemeinde, wo man seiner Meinung Achtung und-- Vertrauen entgegen-b ringt. Trotz seineshohen Altersist er unermüdlich geschäftlich tätig und versäumt wie in feiner Jugend noch heute keinen- Gottesdienst ohne zwingenden Grund. Seil vielen Jahren ist er auch als- Mncha-Borb-eter -am Jomkippur tätig und erfreut die- Gemeinde durch die althergebrachten W-eifen. Bonjüdischen wie christlichen Kreisen wird er als der Ratgeber in schwierigen Lebensfragen ausgesucht. Herr Bezirksrabbiner Dr. Ephraim ehrte den- Jubilar in der Synagoge durch eine von Herzen kommende Ansprache. Maroldsweisach, 26. Au-g. Am vergangenen Donnerstag wurde Jakob Hecht unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nach -ebenvollendetem 61. Lebensjahre zur miup gebracht. Der Verblichene war eine gütige,- überaus bescheidene Natur, voll tiefer, echt-jüdischer Frömmigkeit. Der Erhaltung eines Minjans, sowie der Abhaltung des Gottesdienstes galt feine stete Fürsorge m seiner Kleingemeinde, wie er auch di-e übrigen Gemeinde-Mitglieder inihrem Interesse für die Erhaltung der kleinen Kehilla imm-er wieder zu begeistern suchte. Im Weltkriege verlor -er -einen Sohn -auf dem westlichen Kriegsschauplatz. Am Trauerhause widmeten Herr Bezirksrabbiiner Dr. Ephraim von Burgpreppach, Herr Obierlehrer Freudenberge-r von Thünge-n-, Herr Hauptlehre-r L-eui, Burgpreppach, e-iu Ve>rtreter d-er Bank, deren Filiale er -leitete, sowie sein Sohn, Herr Lehrer Salr Hecht, Berlin, dem Berewigt-en: warme Nachrufe. Auch der Krieger- und Veteranenv-ereindes Ortes, dessen- Kassier der Dah-i-ngefchieden-elange Jahre gewesen war, h-att sich durch eine Fa-hn-endeputati-on vertreten -lassen. Briefkasten. Pr. W. Verfasser des in Nr. 30 vom 25. Juni erschienenen Artikels „Ein Sabbat beim Chofez Chajim" ist Herr Berthold Jaffe in Berlin. Familiennachrichten. Barmizw o: Jonas, Sohn des Herrn Max Neuberger. Berlin, Elsasierstraße 24. d’bsp nviv. — Hugo, Sohn des Herrn Landrabbiner Dr. Blum. Emden. (m»ft ]pn s’i'toa nm) -v'vLV r^-is nIv- Dr. jur. Roman Pretzel, Berlin W. 10, Genthi- Nerstraße 39 ist von seiner Reise zurückgekehrt. Er erteilt Auskünfte, Rechtsgutachien, Ehescheidungsprozesie, Staatsangehörigkeitsfragen, Beschaffung von Dokumenten, Vertretung b. d. poln. Behörden und Gerichten. Trauer in der Dieburger Synagoge. Und wieder branntendie Lichter -im heiligen Raume. Alles wie damals, als wir uns vor-etwa zehn Waschen zur E-i-nweihu-ng vevs-ammelben. Untenim Mänue-rva-um-e und oben auf den Frauengalevien- Kopf an Kopf. Die Vertreter der Behörden, -dte GmsMchen der b-et-den Konfessionen auf -ihren Ehrenplätzen-. DaM -noch die Feuerwehrleute -in ihren bliinkenden Helmen und Ver-eiNe mit ihren Fahnen. Unten aber vor den Stusen zur heiligen Lade diie schwarzbedeckte Bahre, darin der Mann -ruhte, der vor zehn Wochen oben die ganze Feier leitete, der die Synagoge mit Selbstaufopferung ohnegleichen feiner Gemeinde gegeben, -der feine Gerneinde durch, Jahre g>eleiteit. Ihm, Abraham Löb, galt am Freitagdie zweite erhebende Foi-er -in diesem geweih-ten- Raume-. Am Dienstag ab-en-d verließ -er, wie immer, nach> der Andacht als -letzter das Gotteshaus, schloß die Türen ab-, ging nach Haufe und ertedigte noch -einige -dringende Arbeiten für seine Gemeinde. Unterschrieb den Vertrag mit -dem neu-en Lehrer, der nun oerpfMch-tet wurde, schrieb dann noch eine launige Karte an den Baumeister nach Fviedberg, mit -dem noch smiges abzuwickelnwar. Das letzte Wort, das aus seiner Feder kam,, hieß: „Wer zuletzt lach>t . . ." Dann ginger zu Bett und schlief ein — für immer. Wer die Bedeutung Abraham Löbs in seiner Gemeinde, in seiner Heimcrtsftadt, und weit -darüb-er hinaus, noch -nicht kannte, dtzm muhte sie bei A-eser Feier aufgehen. Es sprach als erster Herr Provin-zialrabbiner Dr. Merzüach, Darmstadt. In seiner -eigenen zu Herzen gehenden Art schilderte er, tute jeder Stein und jede Säule -dieses Baues Zeugnis abtegt für das Lebensw-erk -des M-ann-es. Ein Satz -aus -dem- Prophetenabfch-nAt fügte sich in -das Bild, als fei -er -eigens dazu geprägt. Abraham Löb wird eine Anklage fein für alle, die meinen', man -könne heute in der k-rMsche-n Zeit -und in einer kleinen Gemeii-nde nicht ganz seinem Judentum leb-en. Ging er doch keinen Abend zu B-ett, ohne einen Abschnitt aus dem Buche, -aus dem schon -der Vater schöpfte, zu lernen, ohne s-oi-n-e- Gebete und die letzten B-ekenn-tnisse zu -beten-. Treue -und Liebe waren HauptbestandteWe seines Wesens, fein Leben eine Heiligung des Gottesnamens. Sein Namen und fein Andenkenw-e-rd-enim Mittelpunkte seines Kreises -leitend undbelebend ewig n-achwirken. Herr Lehrer Kaufmann, -der -ein Menschenalter mit Löb für das Gedeihen der G-emeiNde gearbeitet hat, sprach nun Worte herzlichen Gedenk-en-s -und eh-re>nder Würdig-un-g. Der zweite Vorsteher, Herr Max Vär, dankte für Vorstand und Gemeinde undtegbe Ge-löbni-s ab, sein Werk sortzusetzen-. Im Nanteu der S-tarkenburgloge -in Darmstadt -entbot Herr Dr. Stern letzten Brudergruß und Herr Mayer würdigte die Verdienste Lö-bs im Gesetzestreu-en Ber-ban-de der Hessischen Gemeinden. Vertreter des E in z e k h. -a n de l s, des Turnvereins usw. kamen -noch W Worte. Darauf sprach Defbewegk Herr Redakteur Schachnowi-tz, Frankfurt, Worte des Abschiedsvom Freunde und Verwandten. Abraham Löbwar einer der Begnadeten, die Sonne im- Herzen tragen. In feinem Auge wohnte dte Gü-te, auf feinen Lippendas einnehmende Lächeln und im Munde hätte er stets das heitere Wort, voll Witz -und Geist, mit 'dem -er sich und andere über die schwierigsten Situaitiv-nen hinwe-gfetzte. Aus Eing-elzügen -aus der erst vor kurzem gemeinsam verlebten Ferienzeit formte Redner das CharakterbiO. Mebegnadet -und auserwähW muß doch dev Mann gewesen sein, dem es befchteden war, mit solcher Lebenskrönung (Sy-r nagogenbau) von dannen zu schÄden. Noch muschte in stiner Se-ete die Siegesfreu-d-e o-b de-s Gelmgen-s des- Werkes, dte F-reud>e -der unvergeßlichen Einwckhungsfei-er, als sie, -getMgenvon diiefem G-esange, hiinübie-rfchlummerte. Wie der große Führve Moses, nach MÄvaschwort,mit nt-'vr nmn nn'D von seinem Volte scheidet, di-e in ihren Anfangs-bUchstab-en ras- -ergeben, so war Abra-Ham Löb-s Leb-en -ein nav- Eine rrve?: Harmonite und teere Ausgegkichenhe-ib. N2--2: Segen für Gemeinde und Ge-- meinschaft und zuletzt r&’sn: die Errichtung dieser Heimstätte für die Andacht seiner Gemeinde. In den ewigen Sabbat kehret die Sabbatseete, geleitet -vom 'in nsb in sein-e r Synagoge, vom ->«ia seiner Gemeinde. Stille bewegte sich nun der -endlose Zug der Trauern-- den über den Marktp-latz und durchdie Straßendessauberen St-äd-tchens, angeführt von -den- Ver-einsn milt umflorten Fahnen, gefolgt von der giantzen Gemeinde, allen Teilen der Bü-rder, dev Geistlichkeit, der Behörden und V-ertrechern vieler Org-cmisaWonen und Jnsti-tutionen auch -i-n Frankfurt und Darm-stadt. Auch d!er Central verein deu-tscher Staatsbürger jüdisch,en- Glaubens ehrte seinen hochverdienten Obmann -durch- Anwesenheit seines Syndikus für Hessen-Nassau. Der Männergeftmgversin von Dieburg Ließ es sich nicht nehmen, nach altem Ver-» emsbrauch, vo-r dem Portale des Fri-edhofes (es ist ein altehrwürdiger Sammelfri-edhof für einegroße Anzahl von Gemeinden d-er Umgebung) -ein Trauerkbed zu fingen. Dann brachte man dte -irdifchlen Rests Mvahäm Löbs durch dte Hallen -des „Lebenshaufes" uNd in aller Einfachheit, unter den vorgeschrivbienen Gebieten, zur ewigen Ruhe. Still, voller Wehmut-, zerstveuie sich! -die Menge. Gm Mann von Fü-Hrerqualvtäten ist ausfeinem Kreise geschlteden. Möge Gott neb-en den Töchtern- und dev greisen Mutter seine verwaiste Gemeinde trösten.