Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-08-29 · Heft 35 (29.8.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 35 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450582--76252-2533819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2. Nr. 35 Der Israelit 29. August 1929 nicht gleichbedeutend mit Nichtstun. Hoffen, Beten und Arbeiten -im Stillen obliegt uns. Tränen um Jerusalem waren immer soviel in der Diaspora wie Ta t e n in und um Jerusalem! Und' dennoch muß die Presse in diesem Augenblick Anklage -erheben gegen die Mordgesellen, die gewiß nicht typisch für das arabische Brudervolk sind; gegen die nationalen und intellektuellen Hetzer in der arabischen Nation, die als Drahtzieher hinter und über dem Mob stehen; gegen die Instanzen, die pflichtvergessen den Dingen schweigend zuschauen oder einseitig eingreifen. Wenn schon ein Blatt wie der „Daily Telegraph" der Palästinaregierung zumindest große Schwäche vorwirft, so sollte man doch in L o nd o n ganz energisch die Untersuchung in die Hand nehmen. Man wird schon rasch zugreisen müssen, denn ein chronisches Uebel ist in Jerusalem und Palästina in ein akutes Stadium getreten, das nicht allein für die Juden, sondern mindestens ebensoviel für Großbritanniens Ansehen in der Welt von größter Gefahr sein kann. Darauf ist auch der Appell des Allpalästinensischen Klagemauer-Komitees — dem bekanntlich auch die Jerusalemer Aguda angehört — an England und alle Völker abgestimmt. „Die b e st e n M ä n n e r a l l e r N a ti o n e n mögen ein Ohr und ein Herz haben für die Not derer, deren religiös e und nationale Gefühle mit Füßen getreten werden." Man müßte an der Weltkultur und an der Zukunft der Menschheit verzweifeln, wollte man annehmen, auch diese Stimme werde wie die Stimme des Predigers in der Völkerwüste verhallen. Möge der mit neuem Blute getränkte heilige Boden bald die erwartete Heilesfrucht für Israel und die Menschheit hervorbringen—. löir mrnrr ism Die letzten Ereignisse seit Freitag, den 23. A u g u st, stellen sich nach den . uns -ausverschiedenen Quellen zug-egasngenen Berichten folgendermaßen» dar: Freitag Abend. In der ganzen Woche wütete ln Jerusalem und umliegenden Städten und Dörfern eine wilde Agitation gegen die Juden. In Moschee und auf öffentlichen Plätzen wurde das arabische Volk mit der Behauptung, »die Juden wollten die Omarmoschee den Mohammedanern mit Gewalt Mtmßen, auMstachM Das führte 'dazu, daß am Freitag, den 23. August, viel BoK aus den Dörfern in die Stadt strömte, das sich gegen Abend i-ns jüdische Beirtel ergoß. Dort Meß die Bande auf heftigen Widerstand von Selten der Juden» und der Polizei. Int Laufe des zweistündigen Kampfes wurden zwölf Juden getötet. Me Zahl der getöteten Araber war nicht festzustellen, da die Toten von ihren Kameraden sofort Trost in Tränen. sbs b^v pn “p ’M2 rri-n vnx m qov o’s DP2 -vl-'arr trr>2' '222 'sw •>222 „Wie Joseph sich unter Weinen mit seinen Brüdern aussöhnte, so kann auch Israels Erlösung nur unter Tränen vor sich gehen, wie es (Iirmejahu) heißt: „Mit Weinen kommen sie und unter Flehen führe ich sie heim". (Midrasch rabba). Es sei folgendes oorausgeschickt: Was soll der Hinweis auf Joseph bei der Voraussage der tränenreichen Heimkehr Israels? Tränen, sie sind eines der Gnadengeschenke, die dem Menschen geworden, mit denen der Mensch von aller Kreatur ausgezeichnet wurde. Tiere können nicht weinen. „Die Tränen find der Schweiß der arbeitenden Seele, so wie der Schweiß die Träne des arbeitenden Körper ist" (S. R. Hirschs Kommentar zu M. 1. 2v'i) Midrasch rabba erzählt von den ersten weinenden Menschen beim Anblick des ersten Todes, des erschlagenen Sohnes. „Sollten wir auch unser Augenlicht verlieren?" tagten sie. „Nein", sprach Gott, „das sind die Perlen, die euch und eur m ganzen Geschlechts geschenkt sind. Wo die sich mitten im Leide einstellen, bringen sie Erleichterung." Aber es liegt im Wesen der Sache, daß sich Tränen weggeschafft wurden». Die Verwundeten» auf beiden Seiten, baruiniber viele schwer, betrugenüber 100. Ernstlich verwundet wurden a>n diesem Abend u>. a. auch I t a m a r den Abi, der frühere Redakteur des „Doar Hajom", Sohn des bekannten Hebraisten Glieferbe-n Juda, sodann der O-rienAedakteur der „Vossische-n Zeitung,", Dr. Woffg-ang v. Weis l. Samstag. Samstag Morgen herrschte zunächst Ruhe. M!e Stadt sah aus wie eine belagerte Festung, PoWeiabt-effUNg-en und Pan-zeraut-os bewegten sich -inden Straßen und in der Luft kreuzten Aeroplane». Große Plakate an» den Sauten verkündeten den» Kriegszustand. Am Samstag vormittag wurde die Zahl der arabischen Todesopfer bet den Frertagabend-Kämpfen mit' 16 angegeben. Die arabischen PoEzisten seien bei Beginn des Kampfes desertiert, so daß den eng-l-ischen» und jüdischen Polizisten allein die schwere Arbeit blieb. Zwei Mische Polizeibeomte wurden dabei schwer verwundet. In der Aacht zu Sonntag. In der Nacht zu Sonntag wurden 21 Juden bestattet. Zu den 16 Toten kamen noch fürs hinzu, die in der Nacht ihren Verletzungen erlegen ware-n. Auf Wunsch und Befehl der Behörden fand die Bestattung ito aller Stille statt. Inzwischen» wurde bekannt, daß die Arab-er in den neuen Stvdt-be-K Talpioth oing-edru-n-g-en, waren. Da die Menschen geflüchtet! waren, plünderten- und brandschatzten sie und verbrannten drei große BibM'otheken, darunter die des vor einigen Jahrenin Homburg vom gleichen Schicksal »getroffenen Schriftstellers S. I. A g - n 0 n. Die PoffzÄ griff scharf, aber zu spät! ein. Fast vollkommen niiedergebrannt ist die bei' Jerusalem Meidende Siedlung „ G edud Awoda". Bei dem Angriff aus die »in der Nähe Megend-e Kolonie Kal andre Metzen die Araber vier Tote. Vernichliun-gen richteten sie auch in d-sr GavtLnkokonie vor der Stadt, „Bajii we-» gan", an. Das Blutbad in Hebron. Sonntag nachmit-tag -langten die ersten erschütternden Nachrichten aus Hebron ln Jerusalem ein». AucherMifche Mitte-Mungm spWchen von 45 Token und 50 23 er* le tz ten in der J-efchiwah. Unter den» Toten befinden sich auch zwei Rabbiner, Lehrer an der Jeschiwa. Die jüdischen» Bewohner und der Rest der Bachuriin flüchteten sich lins PoMzeigebäude, wo sie noch eingefchloffen sind. 12 der getöteten Jünger sind amerikanische Staatsbürger. Me ThvmjüNWr sollen sich' tapfer ihrer Haut gewehrthaben, so daß es» -auch auf arabischer Seite 45 Gefallene gab. Doch 'läßt sich Mtes nicht mit Klarheit sagen. Die Lage in Tel-Awiw und der Kolonie. Der Angriff auf Tel-Awiw wurde am Sonntag na'chm-itta-g unternommen, wobei sechs Juden getötet und ein>e große Anzahl verwundet wurden. Unter den Toten nur spontan der Seele entrigen können. Ist der Schmerz zur Tagesgewohnheit geworden, so ringt er uns kein Weinen mehr ab. Hat man das Glück Tag für Tag erwartet, so gibt es keine Freudentränen bei seinem Eintreffen. Wie sollten wir danach noch weinen um das Leid des endlosen Golus, wie Freudentränen haben, wenn das Glück der Erlösung eingetroffen, nachdem wir seit Jahrtausenden dieses Glück erwarten, ja als Tatsache in uns erleben? Angeführte Midraschstelle gibt Antwort: Der Schlußakt der Josephstragödie zeigt doch, daß es ein Glück geben kann, das trotz Erwartung bei seinem Eintreffen so sehr alle Erwartungen überbietet, daß man es nur weinend empfangen kann. Wußte doch Joseph vom ersten Augenblicke an, daß die Stunde der Demaskierung kommen, daß er, wenn er das Spiel lange genug getrieben, den Brüdern in den Armen liegen würde. Wie hatte er sich doch auf diese Stunde vorbereitet. Und dennoch! Als sie kam, da heißt esr-pn -p’v „Es w ei nte Joseph". Wie aber Joseph bei aller Vorbereitung und Erwartung noch spontane Tränen der Freude bei der Vereinigung mit den Brüdern hatte, '222 vtbx vw de>2, so wird es auch mit Israel sein, '222 s*>s prr ~p, Weiß es doch der Prophet: itm' '222, weinend kommen sie, obzwar c>i"2rr o’j-nnnn, sie unter Flehen und Hoffen seit Jahrtausenden schon auf dem Weg zu diesem letzten Ziele sind. (Nach nvsvni um»n zu purst.) befindet sich der Schriftsteller Ha r «1 r i, unter d-en Der-, wuin-diel-en der Präsident der Fabrrkanten-'Veiveinilgung Dr. Walter Moses. Zu-r gleichen. Zeii-t zog» -ein arabischer Brassen-zag durch die Straßen! vom Jaffa. Hier war PoWzsii r>scht»zsW!g am Platze. In demum'Mgien-den Kolanienwurde schwer gekämpft. In der StieMum® Na» ha Aal würden» mehrere Jud-en, d-ie die Kvloniie ver»t»eidig't»en, schwer verletzt. In Nablus spielten sich Kämpfe zwischen Ara»b»ern und Polizei ab; viele angesehene Christen wardM, weil sie für Juden' g-ehMen wurden-, getötet. In großer G-efahr b»esi>n»det sich d»ie Koldnie Rech-ob»oth. Der Arbeiterführer Ben Zwi telegraphiert auf Umw»eg»en nach- London: „Wir sind v»erraten- und werden angegriffen. Wir sind von der ganzen Welt abgeschlofsen. Retl-st uns!" R»echo»bo,t-H -ist -eine der größt-en» und reichsten Kol»o»ni-en -in Palästina. Im Emek sind die einsam gelegenen Siedlungenden schw-ersten Gefahren ausgesietzt. Die C'haffidnn->Koloniie Nachlath Jacobbet Haifa wurde anUe-g-r-ifsen. D-ie Kolonisten tvehrlensich tapfe»r und schlugenzunächst den Anglriff ab. Nach der M-ite-tilung- -eines Boten der I. T. A., »d»er über Haifa -in Bsliruth am 26. August eing-etroffen ist, werden die Uebevfälle auf die Kolomen in Emek p l a n» m ä tz -i gl und i n a l l e r O e f f e nt l i chkeit vorb»ereitet. MM»lä-r -und Polizeisind nicht am Platz. Di-e jüdische S-eWstw-ehr arbeitet über ch-re Kräfte, ist jedoch zu schwach, um d-en Anstürmen standzu-halien. Eine Dep»esche aus Jerusalem vom 26. besagt, d-atz die Nacht zu Montagr-uhig verlausenist. Weiter-e acht Ju»d>M, die -inzwischen ihren Verletzungen erlegen sind, wurden -in ddese-r Nacht still zu- Grabe getragen. Schutzmaßnahmen. Nach Ankündigun-g der R-egi-erung. sind Kriegsschiffe unterwegs. MM-tärabteikung-en sind mit Flugzeug-en hierhergefchickt worden. Me Regierun-g hat den G r o ß - Musti von P alä stina, der allgemein als der geistige U rheber' de-r U-nruhien gilt, verwarnt und ihm m-itgeteilt, daß er für dieweiteren Vorgängepersönlich verantwovtlich gemacht wird. Eine ähnliche Berw-arn-ung erhielt Musa Kaztm Pascha, der Borsitzende der ar-ab-ischen» Ex>e»k>u-tiv-e. Die j ü d t s -ch e © -e l b st w e h r wird von lder MWerung unterstützt und erhält auch Waffen. Miktürifche Trupps wetden zum Schutze d»es Emek und der Ruthenbergwerke am Jordan e»nffandt. Oberrabbiner Kuk sandte ein Telegpamm an den Chief-Rabbi nach London, daß er bsl der engKfchjen Regierung rascheste Hilfe bewirke. Der jüdische Abgeordnete des -amerikanifch-en Kongresses, E-eller, richtete einen Protest nach WafhAgton, worin er mit Rücksicht auf die amierikan-ischen Opfer ein Eingreifen Amerikas kategorisch wünscht. yteues Blutbad? Am Dienstag brachten die Tageszeitungen Bevi-chte über n-eue Straßenschlachten in Jerusakleines Feuilleton. Der Brisker Raw. (Zur zehnten Wiederkehr des Todestages von Rabbi Ehaim Soloweitschik Bon A. E. Molschko in Wontreur. (Schluß.) Nach etwa 14 jährigem segensreichem Wirken, im Alter von 40 Jahren, wurde Rabbi Chaim als Nachfolger seines Vaters nach Brisk (Brest Litowsk) berufen. Jubelnd empfing die ganze Stadt den neuen Oberrabbiner. Ahnte sie doch, daß sie durch den großen Welt- Gaon populär werde, denn tatsächlich konnte man den Namen des „Brisker Raw" in der ganzen jüdischen Wett hören. Brisk wurde also durch Rabbi Chaim weltberühmt. Rabbs Chaim war voller Bescheidenheit. Die Ehre, die man ßihm überall erwies, war ihm zuwider, ja lästig. Seine große Güte war unbeschreiblich. Seine Freigebigkeit kannte keine Grenzen. Ost kam es vor, daß er den ganzen erhaltenen Lohn an Arme und Bedürftige verteilte, während zu Hause noch nicht einmal das Nötige für v2v vorhanden war. Im Winter war seine Holzkammer stets den Armen offen, gar manchmal wurde sie ganz entleeren, ohne zu bedenken, daß er dann ließ er wird frieren müssen. Wo zu helfen, zu raten, zu trösten sich nur Möglichkeit bot, konnte man den Rabbi finden. Kein Unwetter konnte ihn in seiner Wohltätigkeitsübung hindern. Rabbi Chaim hat keine Werke veröffentlicht und doch sind seine miin ’frivrr, seine eminenten philosophischen Ideen im Talmud, der ganzen talmudischen Welt be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.