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Der Israelit · 1929-08-22 · Heft 34 (22.8.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 34 (22.8.1929)
Date
1929-08-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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I5r. 34 Jcuillcion- Beilage sw*: Wm Zwei Seufet und ein Brief. Von Jsaac Schönberg. 1. Endlich war es so weit. Mordche, oder, wie er sich von nun an nannte, Max sollte studieren. Nach langem Für und Wider der um das Wohl ihres Sohnes bedachten, Eltern, einigte man sich schließlich dahin, den nun Siebzehnjährigen in die ferne, große Stadt zu schicken, wo er die weltliche Bildung genießen, oder gar das längst erträumte Ziel, die Matura erreichen sollte. Die Mutter, dank ihrer Ueberredungskunst, wußte alle etwaigen Bedenken und Einwände zu zerstreuen und die Einwilligung des gestrengen Vaters zu erlangen, dessen Skrupel nur allzuoft berechtigt schienen. Zwar galt Max als ein kluger, talentvoller, doch eigenwilliger Junge, dem das kleine, traute Karpathenstädtchen schon lange zu eng geworden war, imb in welchem er nicht den Boden entdeckte, der seine ungestümen, weitgespannten Pläne zur Reife bringen konnte. Freudig glänzten seine Augen, so oft er einiges aus der Stadt vernahm, die ihm Erfüllung seiner lange gehegten Wünsche zu bringen verhieß, und-, wie eine spannende Lektüre, verschlang er die brieflichen Nachrichten seiner ihm vorausgegangenen Kollegeni, die des öfteren von ihren Fortschritten zu berichten wußten. Dies stachelte seinen Ehrgeiz auf und bestärkte ihn in seinem Vorhaben, zumindest Gleiches sich zu erringen. Und bei dem Gedanken, daß nun auch er, in naher Frist, seinen Mann würde stellen dürfen, spannte und reckte sich, hoffnungstrunken, seine ohnedies hochaufgeschossene Gestalt. Er, Mordche, der im Städtchen den Ruf eines verträumten Idealisten hatte, wollte es gar bald an den Tag legen, daß feine Pläne keineswegs Produkt eines mit Phantasie überladenen Gehirns gewesen waren. Seinen Worten sollte nunmehr die -entschlossene Tat folgen. Im Geiste sah er sich bereits als weltgewandten, bildungsgesätti'gten Menschen heimkehren, bestaunt und geachtet von den verblüfften, endlich bekehrten Besserwissern. So stand er ganz im Banne einer ihm noch fremden, ungekannten Wett, die ihn Unwiderstehlich -an sich zöh und dem Städtchen mit seinen Menschen und deren Gepflogenheiten langsam entfremdete. Freigeistige Reden, die er, zum elterlichen Schrecken, zuweilen vom Stapel ließ, wurden mit Entrüstung quittiret Und brachten ihrem Urheber nichts, denn Rügen und bittere Vorwürfe ein». Derlei Szenen im elterlichen Haufe waren es, die das Mißtrauen des Vaters nährten- und dessen Beziehungen zu seinem Sohne merklich trübten. So sah sich der Vater vor eine ihm Sorgen bereitende, schwer zu entscheidende Alternative' gestellt. Dm graute bei dem Gedanken, sein Kind-, fern dem wachentden -elterlichen Auge zu wissen, an einem Ort, der Gefahren und Verlockungen jeder Art in sich barg, und leicht den Nährboden.für die „apjkorsi-- schen Ideen", — wie er die im jugendlichen Ueberschwange gezeitigten,/ Wortentgleisünge'n seines Sohnes mannte — äh geben konnte.' Das Mißtrauen ging selbst so weit, die Erfüllung der täglichen religiösen Pflichten durch Mordche, fern dem elterlichen Hause, in Zweifel zu ziehst. Worte, wie „Apikores" und ähnliche, die zUtoeilen Mordche entgegengeschleudert würden, trafen, wie Peitschenhiebe dessen Ohr, unket denen' et schmerzlich zusammenzuckte. Lag ihm doch nichts ferner, als die Vernachlässigung, oder gar Nichtbeachtung der heiligsten jüdischen Pflichten. Da auch Beteuerungen kein geneigtes Ohr fanden, schlich sich 3 4ck Zell 95 Hasenqasse löngesg3Sse25-2? Af(e (ihrenu.Schmud werden umgefauschl'oder umgearbeiheh \\hrQnnurbef ÜMfti mm ‘"--v allmählich Trotz und Bitternis in sein Herz. Was sollte werden, wenn man ihm kein Vertrauen schenkte? Muhte nicht bald auch das Selbstvertrauen schwinden? Der Glaube an den eigenen Wert verloren gehn? Solche Gedanken waren es, die in kritischen Stunden sein Gehirn zermarterten und ihm die Lust zu jeglichem Tun raubten. Ein Lichtblick jedoch durchbrach stets das trübe Gewölk solcher entmutigenden Tage. Es war dies Ehana, seine Schwsteer. Sie, das rebäugige Chanel-e, wie man sie »im Städtchen zu nennen pflegte, war es, die ihn stets ermutigend aufrichtete und zu immer wieder neuem Beginnen anspornte, wenn ihn, durch äußere Umstände, die Schaffenslust verließ. Ihr konnte er jegliches anvertrauen, ohne fürchten zu müssen, mißverstanden zu werden. Seinen Plänen und Zielen brachte sie wohlwollendes Verständnis entgegen, legte oft -eine verblüffende objektive Kenntnis an den Tag und verstand -es, durch treffende Anregungen und nützliche Ratschläge, dem Bruder Hel- > send zur Seite zu stehen. Nicht zuletzt war auch sie es, der es, nächst der Mutter, durch ausdauernd-es Beschwichtigen und sanftes Zureden gelang, den etwas jähzornigen, doch im Grunde treusorgenden Vater von seinem Entschluß, Mordche das Studium zu verweigern, abzubringen, um diesem den Pfad zu seiner Selbständigkeit und zu erfolgreichem Beginnen zu ebnen. 2. Run war der Tag gekommen. Mutter und Tochter wetteiferten» im Tressen der letzten Vorkehrungen zur Abreise. Alles Nötige sowie minder Notwendige ruhte bereits, wohl verwahrt, in einem umfangreichen Koffer, nurmehr seiner Beförderung harrend. „Hast du auch die Teftllin nicht vergessen?" begann die Mutter zu reden. ■ Chanel-e besann sich eine Weile, entgegnete aber sodann, schnell: „Ich habe sie in allen Ecken und Enden gesucht, aber nirgends finden können." Im selben Augenblick betrat der Vaterdas Zimmer., Den vermißten Beutel in seiner Hand, schritt er wortlos auf den, am Bodenliegenden Koffer zu, öffnete ihn und verstaute den roten Beutel zwischen andere Stücke des Kofferinhalts. Was bedeutete dieses geheimnisvolle Gebühren? Der Vater, des Argwohns gegen den Sohn noch »immer nicht vollends ledig, war in letzter Stunde auf einen schlauen, originellen,, doch ihn beruhigenden Einfall gekommen. Der etwas verspätet eingetroffene Beutel enthielt, außer seinem heiligen Inhalt, einen kleinen- Briefumschlag, welcher, neben einigen belanglosen Mitteilungen eine größere Geldnöte in sich schloß. Der Zweck war ersichtlich. Sollte — ein Gedanke, der das Vaterherz zum Stocken brachte — Mordche seiner morgendlichen Pflicht nicht genügt haben, so mußte ihm dieser Brief, falls er noch im Beutel lag, zum Verräter werden. » Mordche befand sich .indes auf seinem Zimmer und durchrpaß mit -langen Schritten, stirnrunzelnd, zuweilen halblaute Selbstgespräche führend, den niedrigen Raupt. Er war sich gar wohl bewußt, mit. dem heutigen Tage in eine neue Gpoche seines Lebens zu -treten, die ungeahnte Anforderungen an ihn stellen würde und seine Lebenstüchtigkeit erproben mußte. Ihn reizte jedoch ö«er Kampf mit den Hindernissen, die am Wege lagen und welche es zu überwindm galt. Er wollte und konnte sie meistern. In Zukunftskombinationen versunken, hatte er sich mittlerweile hingesetzt, sann vor sich hin und wurde -erst durch Chanele, die mit dem Ruf: „Der Fiaker steht unten," das Zimmer betrat, aus seinem Brüten geschreckt. Chanele war sichtlich erregt und hatte Mühe, die Tränen zu unterdrücken, die ihr im Auge standen. Mordche strich ihr beschwichtigendüber das dunkle, schimmernde Haar, tröstete sie und versprach, bald Gutes von sich hören zu lassen. „Und wirst du auch fromm bleiben, Mordche?" kam es gepreßt von Chaneles Lippen. „Ja, das werde ich", war die entschiedene Antwort. „Hier nimm dies kleine Geschenk zum Abschied!" Mit diesen Worten überreichte Chanele ihrem Bruder einen neuen, eigen angefertigten Tefillinbeutel. Goldene Initialen waren zierlich auf tiefblauen Samt gestickt, und verrieten kundige Hände und künstlerisches Auge. „Ich danke dir, Schwester," brachte Mordche bewegt hervor. „Mordche!" ries es nun abermals. „Wo bleibt er denn, der Tachschit; gewiß hält er wieder Konferenz mit Chanele!" Es war der Vater, der diese Worte hinaufrief und der Unterredung der beiden» ein Ende bereitete. Schnell ließ Mordche den Beutel in seine Rocktasche verschwinden undeilte hinunter, wo ihn die Eltern erwarteten, um ihn zur Bahn zu geleiten. Gefaßt nahm er nun Abschied von Chanele, die im Hause Zurückbleiben mußte. Bleich und stumm stand sie unten am Haustor, mit Tränen kämpfend, die sie dennoch übermannten, ihr über die Wangen liefen, und vorwitzig auf die adrette Schürze kollerten. Indessen war der Kutscher auf seinem Bock eingenickt. Nachdem man ihn wachgerüttelt und mit -einem Schluck Wotka.ermuntert hatte, ging die Fahr in schnellem Trab zur etwas entfernt gelegenen Station. Auf d-em Wege fehlte es nicht an nochmaligen, eindringlichen Ermahnungen Mordche gegenüber. Waren die des Vaters meist sittlich-religiöser Art, so bezogen sich diejenigen der Mutter, zum weitaus größten Teil auf Verhaltungsm-aßreglen bei eventuellen Witterungs Umschlägen. „Zieh dich warm an, wenns kühl ist!" Trink kein kaltes Wasser, wenn du schwitzest!" Diese und ähnliche Lebensrege-ln durste Mordche viele Mal bejahen». Nun war man am Ziel. Da bis zur Abfahrt des Zuges nur noch wenige Minuten verblieben, hieß es sich sputen und manwar gezwungen, etwas zu -eilig Abschied zu nehmen, wobei der Vater Moxdche seinen Besuch, im Laufe, der folgenden Tage in Aussicht stellte, da geschäftliche Pflichten seine Anwesenheit in der Stadt erforderten». Das Zeichen zur Abfahrt war gegeben, langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Mordche blickte aus dem Kupeefenstsr. Wehmütig sah -er das traute Städtchen mit feinen Häusent und Türmen seinem Auge entgleiten, sich immer mehr an den Berg anschmiegen, sah Wälder und Hügel, die er geliebt und so oft durchstreift, langsam in der Ferne zerrissen. Dies alles sollte er nun, auf lange Dauer missen, alles Liebgewonnene, das sich in ihm befand, viele Monde entbehren? Er fand sich plötzlich beklemmend allein, hilflos auf einer einsamen Insel ausgesetzt, lauernden Gefahren preisgegeben, und mochte laut hinausschreien, schämte er sich nicht vor sich selber. 1 Doch neue ©irlbrücfe vermochten» bald diese Melancholie zu übertönen und die schwermütigen Heimatserinnerungen zu verdrängen. Neues Schauen und Erleben nahm nun- Mordches Sinn gefangen. Wohlig ließ er die Bilder unbekannter Städte und Landschaften an sich vorüberziehen

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