Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-08-15 · Heft 33 (15.8.1929) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 33 (15.8.1929)
Date
1929-08-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450580--76226-2533791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 10 Nr. 33' Der Israelit 15. August 1929 Ijfi f 1tj( i -i':r t'HV. (M W ~ihl. ■\' ■ i - . i ■ '■l II 41' einen essen inwendig, die Augen sklavisch an die Kurdiätverordnung geheftet und sprechen mit viel Liebe von ihrer Galle und ihrem Magen. Andere essen auswendig und reden lieber von Leber und Milz, nämlich von der Kalbsleber und der gefüllten Milz. Es sind die entschieden angenehmeren . . . Nachmittags und abends. Am Nachmittag um viere beginnt das zweite Trinken. Mit weniger Andacht und Sammlung als morgens. Wer gut auf den Beinen ist, sucht um -diese Zeit die waldigen Höhen auf, von denen aus sich der herrliche Blick aufs Tal bietet. Andere ziehen es vor, im Arkadenbau bei einer Tasse Kaffee das große Korso, das bunte Getümmel, zusammengesetzt aus Lachen, Musik und leuchtenden Toiletten, an sich vorüberziehen zu lassen. Nach dem Abendessen, wenn biie Sonne hinter den Kaskaden untergeht und auf den Waldhöhen die Lichterreihen der Restaumlionen wie Riesenglühwürmer aufstrahlen, sammelt sich die vornehme Welt in Klub und Kasino. Die Kurkapelle spielt große Symphonien. Weit draußen wird gegen eine Mark Eintritt großes Feuerwerk abgeschossen. Der Himmel aber kennt keine Sperre, und so kommt es denn, daß die Zahlenden Rauch und Gestank bekommen und die Zaungäste weiter draußen die ganze Pracht des Feuerregens ungeschmälert genießen. Da oben gibt es noch Gerechtigkeit und Ausgleich . . . Zur gleichen Zeit sitzen im Vestibül unseres Hotels die Rabbis und verhandeln über hohe und tiefe Dinge. Eine Symphonie von Tönen und Akkorden, für die man das richtige Ohr haben muß, ein Brillantenfeuerwerk von Ideen, M-ein-ung-sn, Witz- und Blitzworten-, für das man das richtige Auge haben muH. Da ist das alte, kleine Männchen, dessen Graubart fast mit den Augenbrauen zusammengewachsen ist und die Nase viel kleiner erscheinen läßt, als sie ist. Ein bekannter Gast in den Kisstnger Straßen!. Die ihn kennen, sagen nur einfach und mit großer Ehrfurcht: „der WAkomirer!" In diesem eckigen Kopfe sitzt die gesamte rabbinische Literatur, von Mifchna und Talmud angefangen bis zu den letzten Refponsen, wie -in einem eisernen Dressur. Seine Lebensbedürfnisse bestehen in einem Stückchen Hering, einem Stückchen Fleisch zu Ehrendes Sabbat und einer guten saftigen Prise Schnupftabak. Nimmt er die Prise und nießt nach allen Seiten, da fährt ein Glanz über sein vergeistigtes Gesicht und er ist ausgesöhnt mit Gott und Welt und Menschen, sogar mit den bissigM Schnaken ... Es ist eine schöne Welt! Da ist gar nichts zu sagen!'. Da ist der große schwarzbärtige Mann, Rabbi Jeruchem. Wer weiß bei uns, was und wer Rabbi Jeruchem ist? Rabbi Jeruchem ist der Leiter der Mir er Jefchiw-ah, die 400 Jünger m ihren Mauernbeherbergt. Das Auge sieht streng aus-, von Musfargl-cm-z verklärt, aber voller Güte und- Hingabe das Herz. Haben sich die jüdischen Dinge im Osten verschlechtert? Keineswegs, sagt er. Das Städtchen hat tewas nachgelassen, die Zentren blühen und gedeihen, wie nie zuvor, und die Menschen, diese Jünger aus den Jeschi w-ahs . . . Ihm fehlen di-e Worte, dieses Edelmaterial zu schildern-. Mir und Wilkomir habennicht alleinphonetische Verrvand-schaft, sie sind aus der Landkarte zwei nebeneinander liegende kleine Pu-n-kte. Die Entfernung ist kaum so weit, wie von Frankfurt nach Kissingen, ab-er de-r Krieg hat einen Trennungsstrich gezogen, dazwischen läuft die Demarktionsgrenze zwischen Litauen und Polen, und so haben sich hier Mir und Wilkomir so vieles zu erzählen, als kämen sie aus zwei verschiedenen- Wel-tteilm Der chassidische Raw aus Gal-iMen (nicht Rebb-e), der, ein Fürst in der langen, sauberen- Atlaskleidu-ng, -dabei sitzt, versteht nicht alles. Ostgalizien ist wiederum eine ganz andere Welt. Ab-er im enisch-eidenen Punkte -treffen sie sich, verstehen sie sich vollkommen, klingenihre Ansichten und M-einungenharm-onisch ineinander. Der lilauiisch-e Rabbi, der polnische Rebbe, der Herr „Doktor" aus dem östlichsten Zipfel Deutschlands. der Redakteur aus Frankfurt, der Dozent aus Berlin- und -der Wissenschaftler aus der Gemeinde ander Oder, sie verstehen einander, finden sich schließlich in- Gedankengäng-en, die allen gemeinsam sind. Eine -e-igenie Symphonie, für die man -das vichti-ge Ohr hab-en muß, ein Br-illantenfeu-errverk, dessen- Goldfun k-en nicht in der Luft zerstieben . . . —tz. Jüdische Italionalbiographie. Don einem Nachschlagewerk wird man im Allgemeinen verlangen: 1. möglichste Vollständigkeit,- 2. unbedingte Zuverlässigkeit; 3. größte Genauigkeit. Darüber hinaus darf man voraussetzen, daß Ileberflüssiges vermieden, das Gebotene aber sprachlich und typographisch in einwandfreier Form gegeben wird. Es ist schmerzlich, sagen zu müssen, daß auch nicht eine einzige der genannten Voraussetzlingen auf das Werk, das hier gewürdigt werden soll, zutrifst;*) dies umsomehr, als die gigantische Arbeit, die hier geleistet wurde, Staunen Hervorrufen mußte. Und was für ein wunderbares Werk würde diese Schöpfung für die Allgemeinheit deutscher Zunge. *) Große jüdische Nationalbiographie mit mehr als 8000 Lebensbeschreibungen namhafter jüdischer Männer und Frauen aller Zeiten und aller Länder. Ein Nachschlagewerk für das jüdische Volk und dessen Freunde von S. Wininger, Bd.!, I! und lll bis Io ... (Cfg. I—XX) Ezernowitz (lernouti) Selbstverlag. darstellen, wenn es diese Mängel nicht hätte! Man könnte das Judentum dann darum beneiden. Daß Wininger nicht alle Namen, die in dieses Gebiet gehören, ersaßt hat, weiß er selbstverständlich und er fordert jetzt die Benützer des Buches auf, ihm fehlende Namen zu melden. Damit kann aber der Fehler nicht mehr gutgemacht werden, da das jetzt Fehlende nicht mehr an jene Stelle kommen kann, an der es gesucht werden wird. Abgesehen von den fehlenden Autoren — merkwürdigerweise fehlen auch solche, deren Werke Wininger vielfach benützt hat, z. B. Aron Friedmann und Braunschweiger — sind die bibliographischen Angaben häufig sehr mangelhaft. Bei vielen Verfassern fehlen wichtige Werke (z. B. I S. 109 Almanzi) oder sie sind wie z. B. bei Ascher ben Jechiel (I S. 159) sehr dürftig angegeben. Innerhalb mancher Familien, wie z. B. Eünzburg—Ginsburg, herrscht oft eine verschiedene Schreibweise des Namens. Wo dies der Fall ist, sollten Hin-- weise angebracht sein. Die hebräischen Titel sind ungleichmäßig behandelt. Manchmal sind sie nur hebräisch gedruckt (oft mit Fehlern wie z. B. bei Elieser von Worms, 7. Zeile von oben (11 S. 151); Mos. Galante, 2. Zeile von oben (II S. 378); Heller, 6. Zeile von unten (HI S. 48); Jachjah, vorletzte Zeile (III S.225);. zuweilen transskribiert (nicht immer genau) uns dann wieder hebräisch und transskribiert. Ortsnamen sind öfters verstümmelt, sehr schlimm z. 23. bei Isaak Hetz (IH S. 91), wo aus Fürth ein nicht existierendes Porto gemastt wird; aber auch die erkennbaren Druckfehler wie Würzberg statt Würzburg (II S. 548 4. Z-ei-le von oben) oder Schueitach statt * Schnaittach (I S. 538 bei Ehanoch b. Jehuda Löw) sind störend. Die Korrektur ist überhaupt flüchtig erledigt worden, sonst könnten nicht so eine große Menge Druckfehler — sie alle aufzuzählen, fehlt hier d er Raum — stehen geblieben sein. Erheblich sind auch sprachliche Mängel; oft läßt das „Deutsch" viel zu wünschen übrig. Nur einen Satz als Beweisr „1801 heiratete sie einen Friedländer, von dem sie sich spätes! trennte, zum evangelischen Glauben übertrat und den Namen Frohberg annahm" (II S. 355). Das ist keine Schreibweise für ein wissenschaftliches Werk! Eigenartig ist auch W.'s Gepflogenheit, einen Rabbiner m Bayern-, Arzt in Polen, Talmudist in Böhmen usw., bayrischer Rabbiner, polnischer Arzt, böhmischer Talmudist zu nennen (so z. B. I <5. 17 u. 40, II S. 558, 565, 533 u. 433). Er sagt manches doppelt (so über Stil Altenbergs I S. 114, Sterbejahr Aquilars I S. 140) und stellt auch Vorkommnisse falsch dar, wie beispielsweise bei dem Artikel Fromer (II S. 356) W. schreibt: „Mit seinem Aussatz: Das Wesen des Judentums in der „Zukunft" Jänner (irrigerweise statt Juni) 1904 bekennt er sich offen zu seiner Ueberzeugung, datz es für den Juden nur eine Rettung gebe: Assimilation. Entrüstung bei den Orthodoxen, Entlassung aus dem Amte." Nun forderte F. in dem betreffenden Artikel keineswegs Assimilation, sondern schlan.kbeg die Taufe. Die Minderwertigkeit der jüdischen Religion gebiete völliges Ilntertauchen und die Juden sollten die Religion ihrer Wirtsvölker annehmen. Der Artikel erregte in allen Kreisen des Judentums größtes Aufsehen und es äst eine Kglatte Erfindung, daß die Orthodorsn sich dabei besonders hervorgetan hätten. Wer, wie Schreiber dieses, dje Angelegenheit miterlebt hat, weiß, von streichen Seilten Fromer entlarvt wurde (der Artikel erschien anonym) und daß die Entrüstung über F., der damals bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin angestellt war, auch bei sonst ganz indifserenten Juden ungeheuer gewesen ist. Da F., um den es jetzt sehr stille geworden ist, in der Zwischenzeit seine Ansicht über die Zukunft der Juden geändert hat und seine Entgleisung sicher bereut, ist es bedauerlich, diese Geschichte nochmals aufwärmen zu müssen. Hingegen bringt W. Stil- und Literatilrproben — mandp Lmal war die Auswahl recht unglücklich — die ganz zwecklos sind und wertvollen Raum wegnehmen. Was denkt sich der Vers, eigentlich, wenn er bei Heine? einige Gedichte öder bei Goldfaden drei volle Seiten, also sechs Spalten „Proben" abdruckt? Hat er nicht einen einzigen Berater, der ihn auf das Sinnlose solchen Tuns auffmerksam macht? — Er fennt nicht den Unterschied zwischen Jüdisch-deutsch und „Jiddisch". Mit letzterem Wort bezeichnet man den Jargon, -dernoch jetzt im Osten im Gebrauch ist. Wesentlich davon verschieden ist das „Jüdisch-deutsch", das früher in Deutschland, Oesterreich, Holland und manchen anderen Ländern im Gebrauch war und eine eigenartige Literatur hat. Aus dieser Verwechslung resultieren eine Reihe von Fehlern, dies unbedingt hätten vermieden werden müssen. Wie gesagt, es kostet Ueberwindung, an der fleißigen, mühevollen Arbeit so viel auszusetzen, aber die Mängel sind so erheblich, daß sie genannt werden mußten. Aber es mutz auch andererseits gesagt w.erden, datz Winninger ein verdienstvolles Werk zu schaffen im Begriffe steht und da wenig Vorarbeiten vorhanden sind, hat er es nicht leicht. Es mutz lobend anerkannt werden, datz er ungeheure Mühe angewandt und trotz der Unvollkommenheit seines Unternehmens viel geleistet hat. Man darf ihm aus ehrlicher Ueberzeugung weitgehendste Unterstützung und Förderung wünichen und gerne die Hoffnung ausfprechsn, datz er noch eine zweite Auflage — vermehrt und um -manches vermindert, verbessert und nochmals geheilt — erleben möge. Berlin. Louis Lamm. ÄLLSUtwortliÄ für den allgemeine« Teil und das Feuilleton B. SHachnorvitz. Frankfurt a. M.; Inserate 1. K.: S. SchaK ’ OBJite. eberrLa. Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Ostenbach). — Verla ..Zeraelit", G.m.b.ß., Frankfurt a. M, — Druck H«r«ro« Verlag« MtisngesellschafL. Frankfurt a. M. WW Briefkasten. Der Artikel, „Ein Besuch beim Ehofez Chajim" kn Nummer 30 unseres Blattes stammt aus der Feder des Herrn Berthold Jaffe, V rlin, Krausnickstraße 18. Bei Deutsch-Holl. Palästina-Verwaltung durch Herrn Joseph Strauß, Siegling eingegangen: Matnas Jad für Emde Siegling M. 10.—, Chaloh v. Edi Feith M. 1.65, Chaloh v. Joseph Strauß M. 2.—, zus. M. 13.65. Wochenkaleuder. v. 17. — 24. Aug. 1829 I v. 11. - 18. Ab 5689 Samstag 17 11 isru narr Sonntag 18 12 Montag Aug 19 SR 13 Vienstag 20 14 Mittwoch 21 15 *it?y ntpsn Donnerstag 22 16 Freitag 23 17 Sanistaa 24 18 3pV Sie brauchen sich wi'rM-ch nicht solch große Sorgen um die Ihnen notwendig, erscheinenden N-euansch-assun-g-en zu machen. Sehen ©ie Ihren Kleiderschrank durch. Sie werden noch manche Stücke -darin finden, die durch Reinigen und Auffärben zu neuem Glanz erstehen können. Die Firm« Wilhelm Setbet., Färberei und ch em. Reintgung (siehe Inserat) verleiht Ihrer Garderobe die gewünschte Schönheit, durch ihre Erfahrungen -auf diesem 'Gebiet (Bestehen feit 1900) kann sie allen Ansprüchen gerecht werden. Ihre Aufträge nimmt zur prompten Erledigung, gernentgegen die Annahmestelle Kaufhaus Köster-ich, hier, H-anauerl-andftr. 19, Tel. Carolus 44 894. Die beliebtssle ToileUeseife! Macht jung und schön! In Qualität unerreicht! Gewicht 90 Gramm Preis 35 Pfennig Alleinige Hersteller: Diintlier S Haussner Akt.-6es. Chemnitz 16 ♦ N O N C E N JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN UN6ESIRASSE7 #IEL. HflHSA 4641 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142353 EINZIGE INSERATEN-ANNAHME FÜR FRANKFURTER GESCHKFTS-INSERATE DES »ISRAELIT« U O AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN,WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VON DRUCKSACHEN HANDEL'GESCHAFTE»PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.