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Der Israelit · 1929-08-15 · Heft 33 (15.8.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 33 (15.8.1929)
Date
1929-08-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jeuilleton- Beilage Der jsraelit r. 33 Wie die Großmutter den Großvater nahm. Von K. Michaelis in Kamöurg. (Schluß.) Großer Himmel! Esther sinkt erschrocken auf einen Stuhl und einen Augenblick ist es ihr, als habe sich ein schwarzer Schleier zwischen sie und die strahlende, lachende Sonne geschoben. Was sie da eben erblickt hatte und nun wieder erblickt, als sie durch die Gardine lugt, das hat gar wenig gemein Mit der Gestalt, die sich ihre erregte Mädchenphantasie aus ihrem unbekannten Freier geschaffen hatte. Ich muß vorher bemerken, daß mein Großvater einer der schönsten Greise war, die ich je gesehen habe. Von imposanter Gestalt, leuchteten aus einem edlen Gesicht ein paar geistvolle dunkle Augen, und ein weißer, tief über die Brust wallender Bart vollendeten das ehrwürdige Bild. Aber damals war er noch nicht groß — er war erst 17jährig und ist erst später gewachsen — außerdem war er eben vom schweren Nervenfreber erstanden, und seine Haltung war matt, die Augen gerötet und die Haare vo>n> der Krankheit ausgegangen. So bot er kein Bild, das ein 18jähriges Mädchenherz entzücken kann, und was in der Seele Esthers damals vorgegangen, mag mit der süßen Seligkeit einer Braut sehr wenig Aehnlichkeit gehabt haben. Was sie da mit sich abgemacht hat, erfuhr kein Mensch,- denn niemand kümmerte sich um die Braut in dem einsamen Stübchen. Unten ging es unterdessen desto lebhafter zu. Man hatte sich zur Mahlzeit medergesetzt, und nachdem man sich von den Strapazen der Fahrt durch Speise und Trank genügend gestärkt hatte, ging es in die Studierstube, wo sich inzwischen schon die Aeltesten der Gemeinde eingefunden hatten. Man begann mit dem Bocher zu lernen, ihm aus den verschiedensten Gemores tiefsinnige Fragen vörzulegen, und siehe da, der knabenhaft aussehende, schwächliche Jüngling schien jetzt ein ganz anderer geworden zu sein. Seine Gestalt richtete sich straffer auf, und die bis dahin matt blickenden Augen leuchteten, als er in dem eigentümlich singenden Ton, in dem gelernt wird, die an ihn gerichtetem, Fragen beantwortete. Die Gesichter der älteren L5ute würden immer freundlicher, und der Urgroßvater strahlte. Da hatte ihm der Vetter ja ein wahres Juwel gesandt, und im Stillen gelobte er sich, gleich nach der Ehassene zwei fette Hühner chm ins Städtchen zu senden. Vielleicht gab man sie gleich dem Mechutten mit. Doch aus den zwei Hühnern wurden vier, als sich herausstellte, daß der Bocher 800 Blatt Gemoro auswendig kannte, für ferne Jugend eine schier unglaubliche Leistung. Die Lerner verabschiedeten sich beglückwünschend, der Urgroßvater aber trat auf seinen Schwiegersohn zu und umarmte ihn mit Freudentränen. Ja, Gott hatte ihn schwer geprüfter hatte ihm die vier Säulen seines Hauses genommen, doch er beglückte ihn wieder in diesem Jüngling, der die Erforschung der heMgen Thora zu seinem Lebenszweck machen würde. So war nach langer Zeit wieder Sonnenschein, und auch im oberen Stübchen hatten sich die schweren Wolken verzogen. Die Mutter war hinaufgegangen und hatte das Töchterchen durchaus nicht in einer Stimmung vorgefunden, wie es einer Braut zukam. Sie konnte das auch begreifen; hatte doch auch sie sich schier erschrocken, als der zukünftige Mann ihrer Tochter so gar unmännlich vor ihr gestanden. Doch auch sie hatte gehört, wie alle den Schwiegersohn als einen ganz bedeutenden Larndem» priesen; und hatte ihr Gatte nicht heiter ausgeschaut, wie nicht wieder seit dem Tode der geliebten Söhne? „Mein gut Kind," sagte sie daher, „nun, wahr ists, er ist nicht gar schön. Aber was tuts? Er wird noch schön werden, wenn Du ihni wirst pflegen, daß er sich erholt von feiner schweren Krankheit, die er durchgemacht hat. Aber bedenk doch, Kind, die Kowed. Den besten Lerner von der Kownoer Jeschiba, und alle die Leut' haben die Köpf' geschüttelt, wie er hat angefangen zu lernen und haben gesagt, ein Zweiter zu ihm war nicht zu finden; und Du sollst sehen, Esther, er wird Raw werden, möglich noch bei uns in der Kehille und Du wirst Ehr' haben von ihm." Und Estherchen trocknete ihre Tränen, und bald schien auch die Sonne hier oben so hell wie unten. Und als die Freundinnen alle kamen, die Mtel und die Goldchen und die Milka, und nicht genug erzählen konnten, wie sehr ihre Väter den scharfen Kopf und die große Gelehrsamkeit des jungen Mannes gerühmt hatten, da regte sich ein ganz klein wenig der Stolz, daß sie dieses Wunder zu ihrem Manne haben sollte. Am anderen Tage wurde die bräutlich geschmückte Esther dem Bräutigam unter dem Trauhimmel zugeführt, und hier war es, wo er zum ersten Male das Weib sah, das ihm angehören sollte. Es mag uns moderne Menschen sonderbar anmuten, und ich will mir auch kein Urteil über diese Art von Eheschließung anmaßen; ich kann nur die Tatsache berichten!, daß die Großeltern in 62jähriger, glücklicher Ehe gelebt und Freud und Leid getreulich zusammen getragen haben. Ich sehe noch den Großvater, wie er sein altes Frauchen in die Arme schließt und zu meinem Bruder sagt-. „Mache es wie ich, Josef, nimm Dir eine hübsche Frau wie mein Altchen, dann hast Du Deine Freude dran." Naseweiser Backfisch, der ich damals war, rief ich ihm entgegen: „Du hast ja Deine Frau erst unter der Chuppoh gesehen, Großvater: da konntest Du doch nicht wissen, ob sie hübsch ist." „Närrchen Du," lachte der Großvater, „ich habe wohl erst hingeschaut; wenn sie nicht schön gewesen wäre, hätte ich nicht „li" gesagt." Den seltenen Mann deckt nun schon jahrelang der grüne Rasen. Mitten im Preise Gottes, dem fein ganzes Leben/ geweiht war, mit dem Tätlich angetan, ist er abgerufen worden. An seiner Bahre weinten nicht nur seine Angehörigen und zahlreiche Schüler, auch viele Fromme trauerten um den Verlust des Rabbi, der durch seine Gelehrsamkeit und seinen Lebenswandel eine Leuchte des Judentums gewesen!. Doch was feine Frau an ihm verloren, das weiß nur sie allein, die das hohe Glück hatte, 62 Jahre mit einem solchen Manne das Leben zu teilen, und darum ist ihr immer die seligste Erinnerung, „wie die Großmutter den Großvater nahm". Im Reiche des Rakoczy. Alomenkbilder aus Sifsingen. ä Morgens: Wenn die Glocke sieben schlügt, öffnet derRakoczytempel seine geheiligten Hallen. Im Riesenquadrat des Küvgartens erwachen Leben, Farbe aitni> Bewegung, zwischen Bäumen und Bänken. Taufrisch schillern in allen Farben die Blumen in den Ständen am Eingänge. Indes drinnen in der Halle am blinkenden Messingbrunnen die buntgekleidsten unterfränkischen Mädchen,, Prtestwinnen im Dienste des- Rakoczy, ihr Amt beginnen; die Gläser heben und weihen, weit ausholen, geheimnisvolle Schwingungen in der Luft ausführen, ein- und ausleeren und Mit BÄtenvaffe-r das Gußopfer in ferner Heilwirkung steigern. Die Menschen bewegen sich, das Weihe - glas in der Hand, langsam und gkäublvg, hin und her, laufen sich in den Weg, verzweigen sich zu einem Knäuel und streben auseinander. Der heilige Tanz um den Götzen Rakoczy. Von der Kapelle im Garten wird der Morgenkult mit einem feierlichen Choral ei-nge leitet. „Lobet Gott in den Höhen!" oder ähnlich. Da stehen die Gläubigen andachtsvoll, barhäuptig, mit gefalteten Händen oder das Glas wie zum Weihespruch erhoben und ,lauschen oder brummen leise den Text mit. Ein schöner Anblick. „Und auch wenn der Fremde, der da kommt aus fernem Lande" ... so weihte Salomo seinen heiligen Tempel ein. Im Tempel des Rakoczy kann es für „den Fremden, der aus fernem Lande kommt" und diesen Zusammenhang zwischen Rakoczy und R e l i g io n nicht kennt, feine Unannehmlichkeiten haben. Unterläßt er es aus Unkenntnis, beim Choräle den Kopf zu entblößen, kann ihm passieren, daß ihm von hinten derbe Fäuste den Hut vom Kopse ,reihen,, unter Begleitung von Wortm, die Zu den getragenen, frommen Tönen in, gar keinem Verhältnis stehen. Merkwürdig genug: der lautlose Hut bedeute eine Störung, die schneidige Attacke aus ein bedecktes fremdes Haupt fei keine Störung und errege kein Aergernis! ... So sind die Menschen. Auch der Tempel des Rakoczy hat feine Fanatiker. Ausnahmen, bilden Feze und Helme. Der großgewachsene bärtige und rotbefezie Mann, den mein Mnd für den „König von Aegypten" hält, darf bedeckt blei^ ben. Auch der Stahlhelmschmuck aus völkischem Schädel würde unberührt bleiben. Ein Hut ans einem Judemsopfe erregt aber Aengernls. Sind die getragenen Töne des Chorals verhallt, dann beginnt die Freiheit, ,auch Religio nsfreiheiih die in der Gemeinde der Gläubigen und der H-Msuchenden durch keinen Mißbon gestört wird. „Ich kenne keine Parteien, mehr", knurrt der kranke Magen,, seufzt der träge Darm. Die holden Priesterinnen im bunten, unlerfränkifchen Gewände leeren ein, lewen, aus, bedienen Freund und Feind, Einheimischen und Fremden mit gleicher Liebe, gleichem Eifer und gleicher Hoffnung — aus ein gutes Trinkgeld. Und auch der Rakoczy in feiner letzten Wirkung kennt keinen Unterschied zwischen- Konfessionen und PartM'M. V ormi tta g: In den späteren Vormittagsstunden, nach dem Frühstück, leert sich dar Kurgarten in dem Maße, wie sich die hellen, schönen Straßen des sauberen Städtchens be-r beben. Die Ludwigstraße hinaus, Mer die weiße Brücke zum LMpolÄbad, die herrliche Salinepromenäde hinunter, eilen Menschen daher mit Bademänteln aus dem Arm. Alle Männer fast — mit Ausnahme der ganz Allen and der polnischen Rabbiner — sind so gründlich Hutlos, als wären, sämtliche Hut- -und Mützenmacher der ganzen Welt in den Generalstreik getreten,. Viele haben dunkle Brillen vor den Augen, als waren sie Generäle oder Bankdirektoren, die eiligst über die Grenze müßten. Von wegen der Sonne . . . Auch, Ä Hutlosigkeil hätte -irgendwie mit der Sonne zu tun. Die Sonne reißt ihnen den Hut vom Haupt, als sänge sie am Himmelsdom einen Choral . . . Der zunMst blanke Schädel muH in der offenen Sonne bräunen. Wieviel Köpfe im Zeitalter der Hutlosigkeit bereits in der Sonne Zur Größe gereift sind, sagt uns keine Statistik. Nachweislich arbeiteten und arbeiten unter den großen Hüten früherer Zeiten und unter dne riesigen Zobelstreimeln des Ostens ganz respektable Köpfe . . . Entstiege Homer aus dem Grabe, er würde sich wundern, wie stark Ave Straßen der BaAeplätze von Sklaven bevölkert sind, und wie gering ihnen, gegenüber die Zahl der „Freien" ist. _ Im Kurgavten weilen um diese Zelt nur die Ruhebedürftigen, sitzen aus -den Svnnenlehnstühlen an dw Peripherie des Gartens. Diese Stühle scheinen in irgendeiner Beziehung zur Sonne zu stehen. Es ist nicht fo, daß sie in dw Sonne stehen-, sondern-, wo sie stehen, brennt immer die Sonne. Demgemäß sind sie immer an den DornMagsstunden bis auf den, letzten besetzt. Auch hier sieht man, wieviöben im Lebenein Plätzchen an der Sonne nicht gegönnt ist . . . Hat manaber einmal das Glück, -ein solches Plätzchen zu erhäschen-, da kann man Zeuge dw merkwürdigsten Gespräche in feiner Nachbarschaft sein. Ich hörte, wie ein Engländer und ein Chinese sich über die höchsten Fragen einer Kurmenschheiit -unterhielten': ob Spargel zu Kalbshaxel Mt sei . . . Mit,tag s: Beim Mittagessen, im Hotel sind mehr Länder und Landsmannschaftenvereinigt, als sie je in Genf odw im Haag an -einem Tische beisammen sahen. Ich zähle: Amerika, Belgien, Deutschland, Palästina, England, Südafrika neben Holland und Türkst. Guatemala sitzt neben Groß-Krotzenburg und 'bezieht aus der Gegend von Schweinfurt — einen Zahnstocher ... Von Wüirzburg bis Wilna hat der Rakoczy feine Anbeter, von Pol zu Pol und überhaupt in Polen-. Die Bedürfnisse, Wünsche und Geschmäcker dieser Menschen sind so bunt und verschiedenartig, wie ihre Sprachen und Gesten. Die Geduld, mit der die -liebenswürdigen Wirte, 'bis zum Letzten Serviermädchen, auf all diese Wünsche eingehen, könnte man eine Engelsgeduld nennen, hätten -die Engel je Gelegenheit gehabt, sich in der Bewirtung von Juden miit krankem Magen nach Kur- und Speisezettel zu erproben . . . Unter -den Kurgästen lassen sich zwei! Hauptkategorien unterscheiden. Die

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