Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1929)
- Date
- 1929-08-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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9 Jcuillcton- Vellage er Israel XSM. Wie die Großmutter den Großvater nahm. Bon A. Michaels in Kamöurg. Nein, lieber Leser, Du brauchst Dich nicht zu wundern, die Sache hat ihre Richtigkeit. Es ist kein Irrtum, auch kein Druckfehler. Die Großmutter hat den Großvater genommen oder vielmehr die Eltern der Großmutter den Großvater; denn so war es in jenen guten, alten Zeiten, von denen die Großmutter noch immer leuchtenden Auges spricht. Ich höre sie so gern erzählen, die alte Frau. Sie hat ein langes, inhaltreiches Leben hinter sich. Mel hat sie «erlebt. Trauriges und Frohes, und bunt wie in einem Kaleidoskop wechseln die Bilder, die sie aus ihrer Erinnerung vor uns erstehen läßt; doch uns das Liebste ist es, wenn sie erzählt, wie „der Alte" ihr Mann geworden. Ihre Eltern! waren die ersten Juden in der kleinen Stadt an der Grenze. Erst nach Ablauf vieler Jahre hat sich dort eine größere Gemeinde gebildet; vier blühende Söhne und vier Töchter berechtigten die Eltern zu den schönsten Hoffnungen. Die Söhne waren hochbegabt und im Lernen sehr bedeutend. Da traf die Urgroßeltern der harte Schlag, im Verlaus weniger Jahre vier Söh>n>e durch den Tod zu verlieren. Der Schmerz der hartbetroffenen Eltern war tief; doch ein echter Jude darf sich nicht maßlos seiner Verzweiflung hingeben; „der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn fei gelobt." Und so mußte weiter gelebt werden, röenn auch die Wunden noch schmerzlich zuckten. Doch schrecklich war es dem Vater, in die Studierstube der Söhne zu gehen. Da standen bis an die Decke hinauf die Bücher, Seforim, worunter der Talmud, der so tief ist wie das Meer und ebenso unergründlich. An der Hand des Vaters hatten die Teuren die ersten Schwimmversuche gemacht und leuchtenden Auges hatte er gesehen, daß bald die Schüler den Meister übertrafen und sich immer tiefer hineinwagten in die Welt, die sich ihnen aufgetan, und die ihnen bald eine vertraute war/ Ach, nun stand alles verödet und die Gemores an den Wänden sahen ihn an wie verwaiste Kinder, die vaterlos geworden. Aus dieser Stimmung heraus schrieb er an einen Verwandten, der in einer russischen! Stadt lebte, in der eine bedeutende Jeschiwa war. Er schrieb, daß ihm ein unerforschlicher Ratschluß seine Söhne genommen, daß er nicht wolle, daß die Gemores, die ihnen so heilig gewesen, in fremde Hände übergehen, und bitte ihn deshalb, da seine Tochter Ester schon lange heiratsfähig sei, aus der Jeschiwa dort einen Bocher ofs Schwiegersohn auszusuchen, der gut lernen könne." Die Antwort traf umgehend ein. Dort an der Schule sei ein Bocher, der so gut lernen könne, daß sich der größte Kozin seiner auch nicht als Schwiegersohn schämen brauche. O, glückliche Zeit, da Wissen noch mehr wog, als alle anderen Güter! Die Partie war fertig. Der Hauptbeteiligten, meiner Großmutter, wurde bedeutet, daß sich ein sehr guter Schidduch für sie gefunden habe, ein junger Mann, der ein guter Lamden sei. Weitere Personalbeschreibung wurde nicht beigefügt, weil die Eltern auch nichts Näheres wußten. Dann auch war das Aeußere ganz Nebensache, und damit hatte sich die 18jährige Ester abzusinden. Auch hatte sie nicht viel Zeit, darüber nachzudenken; denn in der nächsten Woche traf der Auserwählte — ihrer Eltern ein und bis dahin gab es alle Hände voll zu tun, um eine würdige Chassene, wie es sich für das Haus des größten Baal ha Bajis in der Stadt schickt, herzurichten. So wurde denn mit dem Backen der Kuchen begonnen und Ester blieb nicht viel Muße, sich sehnsüchtigen, verliebten Träumen hinzugeben. Und dennoch! Wo ist das junge Herz, das vor so einem bedeutenden Wendepunkt in seinem Leben steht und nicht höher schlägt bei dem Gedanken andenjenigen, dem es sich bald ganz zu eigen geben wird? Es ist wahr; Ester hatte ihn noch nie gesehen; aber ihrer Phantasie war freier Lauf gelassen und beim Eierschlagen und Teigrühren war gar bald eine herrliche Männergestalt erstanden, stolz und« kraftvoll, mit feurigen Augen, die, ach, so liebevoll blickten, wenn er sich zu ihr niederbeugte, um sie in die Arme zu schließen. Undwie gelehrt war er! Das ganze Städtchen würde staunen, wenn er anfing zu lernen . Wer weiß, vielleicht würde sie gar noch einmal Rebbezin. O, sicher! Und in der Weiberschul würde sie den Ehrenplatz einnehmen, und wenn «er seme Drösche halten würde, dann würde die ganze Schul lauschen; denn er sprach so schön und zu Herzen gehend, ihr Mann. „Esther, ist der Schnee schon fertig, es ist Zeit, daß er an den Kuchen kommt," weckte sie die Stimme der Mutter aus ihren ehrgeizigen Träumen und erschrocken fuhr sie auf; denn der Schneebesen hatte müßig in ihrer Hand geruht, und sie mußte mit doppelter Eile sich rühren, um den Schnee der Mutter in die Küche liefern zu können. Doch alles im Leben geht vorüber, und so auch diese so arbeitsvolle, erwartungsfrohe Woche. Endlich war der Dag angebrochen, der den Erwarteten bringen sollte. Es schien, als ob auch die Natur sich rüste, dem Bräutigam ein fröhliches Willkommen zu b rin gen. Hell und freundlich lachte die Sonne am leuchtend blauen Himmel, und die Linden vor dem Hause hatten ihr schönstes Gewand angelegt, chr hellgrünes, liebliches Frühlingskleid. HJa, es war Frühling, herrlicher, sprossender Frühling, und wie eine Frühlingsknospe sah unsere Esther aus, die eben in den Garten getreten 'war. Das frische, liebliche Gesicht war mit einer holden Röte übergossen, die dünklen Augen, sonst wahre Schelmenaugen, blickten gar sinnig und erwartungsvoll, und die btaunen Zöpfe, die morgen, am Tage der Chuppoh, unter der grausamen' Schere fallen sollten, tanzten lustig bei jedem Schritt auf dem Rücken des Mädchens, als wüßten sie nichts von dem harten Schicksal, das sie bedrohte. Langsam ging das. sonst so flinke, rührige Mädchen durch all die Frühlingspracht. Ihr schien heute alles so anders, so feierlich, ganz, als wäre der heilige Sabbat wiedergekehrt, und doch war erst gestern Abend der liebe Gast mit Kerze und Räucherwerk hinausgeleitet. Sie. erschrak fast, als Mendel, der Schneider, ihr über die Gasse einen Willkommen zurief, und sie fragte, ob der Mechutten schon mit dem Bocher gekommen sei. Sie verneinte errötend und eilte behende ins Haus. Auch hier alles so frisch und hell. Die Stuben weiß gescheuert und mit Sand bestreut, die Tische, mit weißen Linnen bedeckt, und aus der Küche drangen gar liebliche Düfte von Braten>, Fischen und frischen Kuchen. Die Mutter trat eben heraus, stattlich anzuschauen mit der blendend weißen Haube und dem Schwärzen Seidenkleid. „Geh' nur hinauf in Dein Stübche, Kind," sagte sie und strich zärtlich über die blühenden Wangen der Tochter. 32 „Sie müssen gleich kommen, der Vater — soll leben — ist ihnen schon entgegengegangen, und es paßt sich nicht, wenn die Kalle so herumläuft. Geh', mein gut Kind, Haschem wird Dir schon Massel und Brache geben und Du wirst noch im späten Alter ihm danken für den heutigen Tag." Sie drückte mit Tränen in den Augen einen Kuß auf die Stirn der Tochter und Esther stieg hinauf in ihr kleines Mädchenstübchen, das im obersten Stockwerk lag. Vom Fenster aus konnte sie einen Teil der Straße überblicken und so schaute sie nun klopfenden Herzens da hinab, von woher ihr das Glück kommen sollte. Da — da hinten, das müssen sie sein; denn eine Staubwolke, von Pferdehufen aufgewirbelt, erhebt sich dort. Sie tritt erschrocken zurück; ein heftiges Zittern überfällt sie, und als sie sich dem Fenster wieder nähert, ist das Gefährt schon ganz nah. Ein sehr elegantes Gefährt ist es übrigens nicht; kein Brautwagen mit atlasgepolsterten Sitzen, auch nicht einmal eine einfache Droschke, nein, frei heraus sei es gesagt, ein ganz einfacher Leiterwagen, auf dessen Vordersitz sie deutlich ihren Vater und einen stattlichen, in einen Kaftan gekleideten Mann erkennt. Das ist wohl der „Mechutten"; wer auf dem Hintersitz sich befindet, kann sie noch nicht sehen; denn der Wagen ist überdeckt. Jetzt hält der Kutscher vor der Tür. Die Mutter ist herausgetreten und bewillkommt den Fremden, und nun klettert auch der Bräutigam aus der hinteren Wagenecke heraus und tritt zu den Eltern. (Schluß folgt.) Beseelung. Von Jfaac Schönberg. Durchkränk' mit Ewigkeiten schwer, Was hellbeschwingt dein Sinn, gebar; Das Worbgebäud', das, schwachgefügt, Vor deines Geistes Antlitz ragt, Bind' mit. der Seele zeitenlosem Mörtel, Der in «den tiefen Schächten« deines Jchs Verborgen ruht. Heb' ihn ans Licht, daß mit der Weltenbühne Wankendem Gebild er sich vermähl' Zu gottdurchwob'nem Crdenwert . . . ♦mrj? uni* N2'x Wir möchten es nicht ohne weheres mit jenem religiösen Kaufmann halten., der in einer orthodoxen Kehillo „einen schönen Tifcho-boav" verbrachte, weil ihm die abwechslungsvolle Art des Vortrags der r-nrp besonders zusagte. Noch weniger sollte est Vorkommen, daß die Langeweile mit all ihren häßlichen« Begleiterscheinungen das Szepter führt«. Langeweile ,ist die natürliche Tochter der Unkenntnis in einer Sache, der Unwissenheit. Herbart nennt sie die Todsünde «des Unterrichtes. Ihr Antipode ist das Interesse. Es entspringt der Vertrautheit mit «dem Inhalt, dem Verständnis der Materie. Wir möchten für die Liturgie des 9. Aw kurz das zusammenfassen, was «in einfachen^Umrissen jeder wissen« sollte, um einigermaßen mit Interesse und Verständnis dem Gottesdienste dieses Tages folgen«. können. Zunächst das Buch na'K, ö«üc Klagelieder des Propheten Jirmija. Sie werden« am Vorabend des Trauertages verlesen und führen ihren Namen nach dem Anfangswort des ersten Satzes: 'isi 112 nasr nr'rr „Wie fitzt sie so einsam, die Stadt, «die einst so volkreich war." Die Klagelieder Jirmijas gehören« zum dritten« Teil der Bibel, den o'2i7i2 oder Hagtographen. (Schriften) 02«»« zählt mit den Büchern Schir-Haschirim, Nut, Koheleth «oder «dem Prediger und dem Buche Esther zu den sogenannten« „fünf Rollen", niVaa m>n. Sie waren ursprünglich auf Pergamentrollen geschrieben und wurden öffentlich und feierlich verlesen, auch eine Vor-02-12 gesprochen. Heutzutage ist dies nur bei ivorr r-iVaa der Fall. Doch sagt man noch gewohnheitsgemäß auch ns«»« und n«n nVa» «ufrv. In der Bibel sind die „3 Rollen" nach «der Reihenfolge «der Vorlesungszeit geordnet, also a'wn zuerst (Nißan) das Buch Esther zuletzt (Adar). Die Klagelieder bestehen, aus fünf Kapiteln: bis auf das «letzte find alle Versanfänge nach dem Aleph-beth geordnet, demnach find für jedes der vier ersten Kapitel 22 Verse genommen, da unser 'a '» aus 22 Buchstaben besteht; das dritte Kapitel hat jedoch 66 Verse, da ein