Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 Nr. 15 Der 3 s r a e l i t Blätter Das darf nicht fein! Um der Würde der Thora und Israels nach außen, wie um der Stärkung des eigenen jüdischen, in den Dienst der Thora gestellten Schönheitssinnes willen darf das nicht fein! Die jetzt in Vorbereitung befindliche Zweite Kenessio Gedaulo muß, geistig das Werk der ersten fortsetzend, äußerlich ein anderes, ein würdigeres, ein schöneres Bild bieten! an den Geber der Gebote mahnend, am eindringlichsten das Amt und die Würde Israels und dieses Kongresses verkündet: "■ma n n Der Lhofez Ehaim und die Kenessio Gedaulo. Dieser Forderung kommt der Uustand entgegen, daß der diesmal gewählte Saal keine Zirkusarena wie damals, sondern schon an sich einer der größten und schönsten Säle Wiens ist. Trotzdem bleibt es die Aufgabe einer verständnisvollen Kongreßleitung, die architektonische Wirkung des Saales durch gut gewählten und geschickt angebrachten Zierrat verschönernd zu steigern — wobei außerdem, auch dafür wird gesorgt werden müssen — daß keinerlei Schra/nken und Bretter aus rohem Holz oder andere primitive Behelfe den Gesamteindruck stören. Din Einzelheiten der Saalausschmückung entziehen sich naturgemäß einer so allgemeinen Besprechung und lassen sich nur an Ort und Stelle, im Saale selbst, auswählen und verteilen. 'Schön gezeichnete und groß angebrachte Inschriften in strengem Schwarz? und Weiß, die lustige Farbensülle bunter Fahnen, die liebliche Farbigkeit von Blumen und das friedliche Grün von Blattpflanzen werden zusammenwirkend die erstrebte Schönheit gestalten müssen. Von! besonderer Wichtigkeit jedoch ist jedenfalls die Auswahl und künstlerische Verwendung von Emblemen — von das Wesen und den Zweck dieses Kongresses möglichst ausdrückenden Symbolen. Dieselben könnten auf Schilde gemalt und von passenden Aussprüchen umrahmt werden. Die Menorah, die drei Weltsäulen, die Thorarolle, der Baum dell Lebens wären etwa einige solcher zu verwendenden Symbole; vor allem aber wohl, als Zeugnis des am Sinai gestifteten Bundes und als passendstes Symbol für die geistige Grundlage des Kongresses: Die Gesetzestafeln! Und es würde sich empfehlen, eben dieses Symbol, als das tiefstbedeutende, aus den anderen noch besonders hervorzuheben durch Wahl gerade der Gesetzestafeln, zum Schmuck für die wichtigste, die in die Augen fallendste Ausschmükkung des Kongrehsaales: Für die große Fahne der Kenessio Gedaulo! Es ist nun einmal bei der Wesensart des Menschen nicht anders, als daß seine tiefsten Gefühle unendlich gesteigert werden können durch sinnfällige Darstellung, durch HeraushebuM aus seinem Innern ins Sichtbare. Die Freude und der Stolz der Teilnehmer dieses Kongresses würde in einer solchen großen prunkenden Fahne Form werden und würde, über der Schar der Thoratreuen flatternd, als bildgewordene Idee Ehrfurcht für die wecken, denen sie leuchtet — würde Zögernde anlocken. Schwankende mahnen, Feinde verwirren — die Ehre der Thora und des Thoravolkes verkündend mit den Worten des Psalmes: „Du hast denen, die dich fürchten, ein Banner gegeben ..." Schon dieser Ausspruch beweist, daß der Gedanke einer solchen Fahne nicht von vornherein als unjüdisch abgetan werden kann; und da muh auch hervorgehoben. werden, daß der erste, hier nur wieder ausgenommene Vorschlag einer solchen Fahne der Kenessio von jüdischester, thoratreuester, maßgebendster Stelle kam, nämlich von dem Rabbi von Sadagora. Und wenn, von seinem ursprünglichen Vorschlag in der Wahl des Symboles ein wenig abweichend, hier diese Fahne in Worten entworfen werden darf, so wäre sie aus schwerer weißer Seide in Form eines Banners zu nähen, in Gold mit den Gesetzestafeln bestickt und in deren Gold wieder silbern eingewirkt die zehn Gebote. Darunter aber, einziger zu diesem Grundsymbol des Judentums passender Ausspruch, könnte, in goldener Zierschrift in die weiße Seide eingesteckt, nur jener eine Vers der Thora zu lesen sein, der, Voll innerer Spannung ist die Atmosphäre. Jetzt, nahe vor der zweiten Kenessio Gedaulo, türmen sich die Probleme und voll banger Sorge, wenn auch voll froher Sorge, wenn auch voll froher Zuversicht, daß letztlich alles in Frieden und Harmonie sich löst, sehen wir der Zweiten „großen Versammlung" entgegen. Ob es eine große Versammlung wird, ob es gelingt, der Krone unseres Volkes wieder alten Glanz zu geben? Wir wissen es nicht, wir hoffen es nur. Das wissen wir, wissen wir leider, daß dieser Krone heute mancher Stein fehlt. Der eine fiel heraus, den änderen entfernten wir vielleicht gar selbst mit unvorsichtiger; Hand. Wir hoffen's, weil wir guten Willens sind/ bereit zur Tat und zum Opfer. i Die meisten Fragen, die uns auf der Kenessio Gcdaulo beschäftigen werden, betreffen innere Auseinandersetzungen: Wer gehört zu uns und wer darf Führer sein? Eine Frage jedoch, die ist von außen an uns herangetreten: Die Stellung der Orthodoxie zur Jewish Jewish Agency. Diese Stellungnahme — wo immer!wir in Polen waren, die erste Frage, die man an uns richtete: Wic> steht Agudas Jisroel zur Jewish Agency. Und wir hatten es bequem mit unserer Antwort: S.?wi: der Raöbinische Rat entscheidet, so ist die Stellungnahme. Und doch! In unserem Inneren wuchs und wuchs die Unruhe. Gewiß, nur. nach dem Recht der Thora weben unsere Großen entscheioen und sie werden kein Ar-: Postscheck - Konto der Landesorganisatioe: Landesorganisation der „Agudas Jisroel“ in Deutschland, Hamburg: No. 50204 Hamburg. sehen der Person kennen und kein Ansehen des Geldbeutels. Aber, so tönte die innere Stimme in nn'r, sind unsere Rabbiner, auch unsere Großen und Größten nicht hineingestellt in den Zwang des Tages? Leben sie wirklich so eingespannt in die vier Ellen der Halacha, wie der Gegener es ihnen vor'wrrft und wie es doch ihr größtes Glück und ihr höchster Vorzug wäre, „um den Spruch in der Wahrheit tiefsten Wahrheit zu fällen". Da führte mich mein Weg zum Lhofez Ehaim, da schenkte mir das Schicksal das Erlebnis eines Tages in seinem Haus, vor seinem Angesicht:, und. da ich diesen Mann sah, der im zehnten Jahrzehnt seines Lebens steht und da ich dieses Mannes Thoraworte hörte, die stundenlang von seinen Lippen strömen, aus seinem Herzen fließen, da siel alle Angst von mir ab, alle Unruhe und alle Sorge. Gehe hin, du Hühner des Heiligen und wiederhole vor seinem Angesicht Deinen Spott über diesen weltfremden und weit,erneu Mann. Und magst Du hundertmal abgebrüht sein im Tiegel Amerikas, hundertmal die Sorge um Deinen „Keren" höhergestellt haben als die Sorge um die Thora, ist noch ein Stück Jüdisches oder nur Menschliches in Dir, Du stehst m zitterndem Schweigen vor diesem „Gerechten, einer Grundlage der Welt". „Will der Ehofez Ehaim zur K. G. k o m m e n" lautete unsere Frage. „Ob ich will? mehr als Ihr wollt, daß ich komme/ will ich kommen". „Ich will meinen Brüdern sagen, was sie tun müssen, ach, ist die Welt schrecklich. Da gibt es Menschen, die leben ohne ein Stückl Thora und meinen sie sind noch Jiden, esschar schlechte Jiden, aber doch Jiden. Rein, meine Bruder, ein Jid ohne Thora ist kein Jid. Geht hin und sagts den Jiden draußen: Jeder, trägt die Verantwortung. Lernt Gemoroh! Und wenn Ihr nicht Gemoroh könnt, Mischnajos, Tenach, lernt ein Stückl Chumesch. Jeder Jid muß nirisn hob Dinim, ein Stückl Chumesch lernen. Ein Jid ohne Chumesch ist kein Jid. Chumesch, Brüder, Chumesch! Und die Welt hat noch einen großen Irrtum. Sie meint Aulom Haboh sei die Hauptsache. Aulom Haboh ist nicht so wichtig, Aulom Hase-Menschen sollen wir sein. Ihr glaubt mir nicht, Brüder? Es ist eine deutliche Mßschnäh: Besser ist eine Stunde der Rückkehr und guten Haiidlungen^ ln dieser. Welt, als die ganze künftige Welt.;. Gut zu sein, Diener Gottes zu sein, das ist unser Ge-> schäfft." So sprach der Zaddik zu uns und nie in unserem 1. August 1929 Leben haben wir so wie" damals die Wahrheit des Wortes von den p trsrin tr-a-r gespürt wie in jener Stunde. „Ob ich zur Kenessio Gedaulo: komme, meine Brüder? Ich möchte Euch gerne einen Wechsel ausstellen, aber weiß ich, ob ich ihn. einlösen kann? ' Ich bin alt, ich bin schwach, ich habe so wenig Zeit!" ' Der Chosez Ehaim ist alt und schwach, hat keine Zeit mehr. Aber daß wir ihn haben, das macht uns jung, das macht, uns stark, das hebt uns über die Zeiten, Der Lhofez Ehaim will zur Kenessio Gedaulo kommen t Gott segne ihn mit Kraft und schenke uns dieses Glück! W. S. I. Landesversammlung der holländischen Agudas Israel. Die Landesorganisatjon der Agudas Jisroel in Holland hielt am Sonntag, den 14. Juli in Amsterdam ihre Jahresversammlung ab, die durch die bevorstehende Ke. e,,i.i Genau.o besonderes Interesse und auch besonne e .Leohaf izkeit .gewann. In einer groß angelegten Erösfnuügs e e behanoelte der verdienstvolle Bo s tze lde der holländischen Aguda, Oberrabbiner S. I. H i. s ch - Z w o t 1 e, so ziemlich alle Probleme, l ie i i den Gesichtskreis de: Agudas Jisroel fallen. Ausführlich verweilte der Redner bei den Auseinandersetzungen und den Kämpfen um den Paragraph 4 der Satzung. Bon den praktischen Aufgaben war es insbesondere die Sabbatsrage die der Präsident erörterte. — Von seiten de: Jugend wurde verlangt, eine gesch oss:, e Sitzug arzlberaumen, damit man sich rückhaltloser aussprechen ' könne. Der 'Antrag wurde jedoch von der Mehrheit abge ehnt. Alsdann gelangten die ci zllne i Eegenstä rde der Tagesordnung der K. G. zur Vepehung. Ei e von Hausdorff-Rott er -- dam reührte Gruove beantrage, die holländische Agudas ^i.rrel möge sih für di» unveränderte Beibehaltung des Paragraphen 4 aussprechs.'i, da es unerwünscht sei, Misrachisten 'in die Leitung gelangen zu lassen. Dem wurde ron mehreren Seilen entgegeugehalten, daß ein Misrachist, der der Aguda beurete, damit schon sein Berennt.ls zum Grundgedanken der Aguda abgelegt habe, sodaß es sinnlos sn, ihrN das passive Wahlrecht atz erkennen. Der Antrag Hausdorff wurde mit 19 gegen 19 Stimmen bei 2 Stimmenthallungen abgelehnt. Eine lange Diskussion löste die Aukim- Frage aus. In einem Teil der holländischen Jugend ist hie für starke Stimmung vorhanden, während von rabtll ll.cher Sei'e, insbesondere von den Herren Oberrabbiner Hirsch und Rabbiner Saarlouis, eine gegne.ische Hauung eingenommen wird. Die Aulim- Orgcn i,a ion würr e Gegensätze und Zersplitterung in die Aguda hineintragen. Herr S l a g t e r trat dagegen war für die Aulim-Jdee ein. Wenn innerhalb der Aguda e; ohnedies alle möglichen Spielarten von orthodoxem Judentum gäbe: Chassidiu, Mussaranhängcr, Ausgetretene, Gemeindeor tho-d-oxle, Vertreter und Gegner des Thora im Dsrech Erez-PMizsps, so sei nicht ernzrsehen, warum nicht auch eine Gruppe, die das Aulin.-Programm betone, in de: Aguda fruchtbar arbeiten iöil! e. Der Vorsitzende befürchtet, die A lim-Bewegung könne sich zu ei:er Art westlicher Chassidismus entwickeln. In ci rer eindrucksvollen Rede begründet Herr Slagter den Antrag des La udesvorstandes, lautend: „Die Kenessio Geeauio erklärt, daß es zu deu wichtigsten Ausgaben der Agudas Jisroel gehöre, alle Juden der Thauro näher zu bringen." De: Antrag wird unter dem Vorbehalt geeigneter Redigierung von der Versammlung angenommen. Die Abendsitzung war zunächst technischen und organisatorischen Fragen interner Art gewidmet. Dünn wendet man sich der Besprechung der Jewish Agency-Frage zu. Rotterdam beantragte, die K. G. solle veranlaßt werden, beim Völkerbund gegen den Ausschluß der Agudas Jisroel aus der Agency zu protestieren und zum Ausdruck zu bringen, daß die Agency nicht als Vertretung des jüdischen Volkes angesehen werden, kann. 'In der lebhaften Diskussion wird u. a. darauf hingewiesen, daß auch in dieser Frage die scheinbar negative Haltung der Agudas Jisroel lediglich die Konsequenz lyres Dellgibfen Charakters sei. Dgs ganze i'irdisch e Volk dürfe der Aguda dankbar lern, daß sie in diesem historischen Augenblick, als einzige Organisation gegenüber den materiellen Gesichtspunkten das religiöse Prinzip in seiner Reinheit zu betonen den Mut habe. Hinsichtlich der Beziehungen der Agudas Jisroel zum „Weltverband der Schomre Schabbos" tritt die holländische Aguda für ein freundschaftliches Zusammenwirken unter Aufrechterhaltung der Selbständigkeit und Handlungsfreiheit der Agudas Jisroel ein. Die Delegierten wählen zur Kenessio Gedaulo ergaben als Vertreter der Landesorganisation die Herren S. R. SI a g t e r, Joz. V r o m e n, Dr. Hausdorff. Als Delegierte wurden gewählt Oberrabbiner H i r s ch, More I. V r e d e n b u r g, H. v. Leeuwen, Julius Goldschmidt, M. v. Geldern, I. L iss au er; als Stellvertreter die Herren Schmerler, Cosman, B. Prins, I. Zobaks, JB. Eobits und I. Holpern. Schließlich wurde noch die, Aufforderung an die Kenessio Gedaulo gerichtet gegen das n o r - w e g lh'ch e 'S ch ä ch t v e r ö o r arzukämpfen und ferner, sich mit der Rot der Juden in Rußland zu beschäftigen. Die Versammlung schloß mit einem, warmen Dank an den Vorsitzenden für seine mühevolle Arbeit..