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Der Israelit · 1929-08-01 · Heft 31 (1.8.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 31 (1.8.1929)
Date
1929-08-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 31 Dieses wölbt sich nun, wie ein stählerner, riesiger PaÜzer über die flache, nur von einzelnen verstreuten Bäumgruppen unterbrochene Landschaft, und verleiht dieser ein müdes, verdrießliches Gepräge. Schmutzig gelb schlängelt sich eine einsame Landstraße mitten hindurch und scheint sich ins Endlose hmzuziehen. Eine Gestalt nähert sich aus der Ferne, staubäufwirbelnö und schleppenden Fußes., Es ist Ehäskele der Hausierer. Langsam, den Körper vornübergebeugt, schreitet er vorwärts. Nicht 'die Last der Jahre hat seinen Rücken gekrümmt — er mochte kaum vierzig zählen — vielmehr mußte das umfangreiche, festgeschnürte Bündel, das sich täglich auf seinen, nichts weniger, denn athletischen Schultern breitmachte, dazu beitragen Chasleles etwaigen Drang zur aufrechten Gangart zu hemmen und erfolgreich zu unters drücken. Chaskele seufzt. Heute will es gar nicht recht vlirwärtsgehep. Die Hitze und der schlechte Verdienst, eines sucht das andere zu übertrumpfen und dazu brummt wütend der Schädel. Chaskel hat jetzt nur einen Wunsch, schnell die Bahnstation zu erreichen, zumal am fernen Horizont ein dunkler Streif sichtbar wird, der sich 'zusehends verbreitert und bedrohlich näherrückt. Nun heißt es sich sputen, will man nicht auf freiem Felde von einem Unwetter überrascht werden. Die Landstraße will aber gar kein Ende nehmen. Noch keine Turmspitze wird sichtbar, und kein lebendes Wesen ist weit und breit, zu sehen. Fernes Donnerrollen ist zu hören. Die finsteren Wolkenmassen wälzen sich immer rascher heran und strecken ihre Arme, gleich dunkeln Ungeheuern, nach dem noch lichten Teil des Himmels, und haben auch diesen bald verschlungen. Zudem hat ein schaurig heulender Wind sich erhoben, welcher den Staub aufpeitscht und Ehaskel ins Gesicht schleudert. Chaskel wird bange. Er beschleunigt seine Schritte, so gut er es eben vermag. Er denkt an Weib und Kinder, die sich gewiß zu Hause um ihn ängstigen werden, sieht das Kleinste, das sich die Nase an der Fensterscheibe plattdrückt, nach dem Pappi fragt, und von der selbst besorgten Mutter beschwichtigt wird: Bald wird er. kommen, - der Pappi und euch, was Schönes mitbringen. Derweil zucken grelle Blitze am Himmel, der eine gespenstische schwärzlich grüne Färbung angenommen hat; Donner folgen in immer kürzeren Abständen und zerreißen das beängstigende Schweigen ringsum. Chaskel beginnt es zu frösteln. Ein Auto huscht vorbei, nimmt jedoch keine Notiz von ihm und ist bald seinen Augen entschwunden. Will denn der Weg noch immer nicht enden? Da — in einigen hundert Metern Entfernung, nah am Wegsaum, sieht er ein Haus — nein — es ist eine Hütte. Vielleicht — denkt er — erreiche ich diese noch, efv die Schleusen des Himmels sich geöffnet haben- Ermutigt läuft er weiter. Die Last aus seinem Rücken drückt ihn schwer, läßt seinen Fuß oft stocken, und so kann er sich nur stoßweise und mühevoll fortbewegen. Die Bürde von sich werfen, daran wagt er nicht zu denken. Die ersten großen Regentropfen fallen klatschend aus ihn. Unweit winkt das schützende Dach, die Hütte. Stärker strömt nun aber auch der Regen, gierig schlürft der heiße, ausgedorrte Boden das ersehnte Näß. Donner krachen und Blitze blenden Chaskels Augen. Dessenungeachtet bleibt er eine Weile stehen und spricht die, Segenssprüche. Es fällt ihm ein, die Mett sagt: bei Gewitter auf offenem Felde, platt auf den Bauch legen; unwillkürlich muß er lachen; so meschugge werde ich doch nicht sein. Weiter nur weiter, Gott wird mich schon schützen. Und unfern ist die Hütte. Doch immer heftiger prasselt der Regen hernieder, schlägt ihm ins Gesicht — er sieht nichts vor seinen Augen — nur Stegen* säden. Es ist beinahe stockfinster geworden. Die Angst treibt ihn nun, wie besessen, weiter. Er ist durchnäßt bis auf die Haut und fühlte es nicht — das Bündel ist ihm von den Schultern geglitten — er weiß es nicht. — Ist er schon an der Hütte vorbei? Butze schneiden höhnische Fratzen über ihm, aber sie meiden ihn. Entfesselte Sturmwinde stoßen mit rohen Fäusten wider seine schwache Brust; die verbündeten Naturgewalten scheinen Orgien zu feiern. Chaskel verlassen die Kräfte — das trt den Kleidern angesammelte Wasser .zieht ihn zu Boden — er droht umzusmken. Doch im letzten Augenblick entdeckte er in knapper Entfernung die Hütte. Mit letzter Kraftanspannung will er sie noch erreichen. Plötzlich ertönt ein ohrenbetäubender Knall. Ein Klirren und Knattern — grell zuckt es vor Chaskel auf — wie betäubt ist er stehen geblieben — der Schreck hat seinen Fuß gebannt. Wenige Schritte vor ihm liegt die Schutzhütte, zerschmettert, Rauch steigt aus den Trümmern. Chaskel kann es noch nrcht fassen — er ist dem Tode entronnen — gerettet. Sekunden früher angelangt, er läge jetzt, erschlagen, unter den qualmenden Ueberresten der Hütte. Und es ist, als habe dies letzte Geschehen die Macht des Unwetters gebrochen; der Regen hat allmählich nachgelassen, der Himmel wird lichter und läßt bereits kleine Fetzen kristallenen Blaus durchsickern. Ein prickelnder Ozongeruch ist zu verspüren. Das Grün des Feldes strahlt in leuchtenden Farben und verbreitet einen erquickenden, balsamischen Duft. Gedämpfter Donner, die Nachhut des Ungewitters, durchzittert die Luft und blasse Blitze flackern noch einmal auf. Die ,Sonne kommt leise hinter Wolken hervor und hält lachend Umschau, ob alles vorüber ist. Einige Regentropftn fallen zischend aus die schwelenden, halbverkohlten Sparren der zerstörten Hütte. Chaskel weilt geborgen in einer Dorfschenke. Bauersleute -haben ihn, nach seiner wunderbaren Rettung, halb bewußtlos, 'am Wege, gufgefunden .und dem..„armen Jub", auf ihrem Leiterwagen ins Dorf gebracht. In der Der 2 » t <* e l i t 1. ANgust 1929 Schenke hat er sich zähMlappernL und hüstelnb . seiner staP' kalten Kleidung entledigt und. gegen trockene eingetaüscht: Den wohlgemeinten Rät der Wirtsfrau, etwaigen nachteiligen Folgen der letzten Stunden vermittelst einer kräftigen Schwitzkur vorzubeugen,, hat er lachend ausgeschlagen. Er möchte sich nur noch, ein wenig ausrühen, im übrigen aber mit der Nächsten Bahn zu den Semen, die ihn gewiß länge erwarten, züruckkehren. Und in der Tat fühlt er sich Nach kurzer Zeit genügend frisch; aN den Aufbruch zu denken. Die zahllosen Strapazen und Unbilden, die zu jeder Jahreszeit seinen Beruf begleiten, haben ihnk zU einer gewissen FmNiünität, Krankheiten gegenüber, verhölfen. > Chaskel wendet sich nun zum Gehen, nachdem er den biederen VaurrÄMen gedankt und als Lohn für. ihre Menschenliebe, eine gesegnete Ernte prophezeit hat.' An der Tür trifft ihn noch eine Üeberraschung. Dqr Dorfschulze tritt ein in Begleitung eines Dauernburschen, welcher «ein langes geschnürtes Bündel- Unter seinem Arm trägt. Er hat.-dieses, wie er sagt, auf der Landstraßegesunden ^und ins Dorf getragen, wo alle Leute es als dasjenige ,des „buckligen Chaskel" erkannten. Seltsam, dieser hatte ganz daran vergessen. Zwar, als er es, geöffnet hat, muß er feststellen, daß der Inhalt zum größten Teil verdorben und nür weniges noch brauchbar ist.- So überläßt er alles dem ehrlichen Burschen, der schmunzelnd und überschwengliche Dankesworte stammelnd, die fürstliche Entlohnung in Empfang nimmt. Chaskel hat ja heute ein weitaus kostbareres Geschenk erhalten und dünkt sich reicher denn ein König. Rabbinische Geschichken. llebertragen aus dem Sammelbuche meines Vaters v'Non von Jak. Lupoliansii in Karlsruhe. Rabbi Eisick von Litschow kam einmal, als armer Wanderer (verkleidet, in ein Städtchen. Ein selbst nicht begüterter, jaber frommer Jude nahm ihn zum Uebernachten in sqin Haus und machte ihm, so gut es seine ärmlichen Verhältnisse zuließen, eine Schlafstelle zurecht, wobei er bedauerte, daß es ihm nicht möglich sei, seinem Gaste eine bessere Schlafgelegenheit zu geben. Am anderen Tage verabschiedete sich Rabbi Cisick von seinem Gastgeber mit dem Segen, daß ihn Gott für seine Barmherzigkeit mit vielen Gütern beschenken möge. Der Segen Rabbi Eisicks ging in Erfüllung und der arme Jude, wurde in kurzer Zeit ein reicher Mann. Mit dem plötzlichen Reichtume zog aber auch ein anderer Sinn in des Juden Herz ein, und er, der früher fein karges Brot mit deN Armen teilte, er häufte nun Güter auf Guter und sich keinen Bedürftigen über die Schwelle seines Hauses kommen. Diese Sinnesänderung des von ihm gesegneten Juden kam Rabbi Eisick zu Ohren und, als er wieder einmal ins -Städtchen kam, besuchte er seinen früheren Gastgeber. Nur schwer konnte er zu ihm gelangen, denn die Diener, des Hauses hatten Anweisung, keinen unbekannten Fremden lins Haus zu lassen; erst als er sagen ließ, daß er derjenige fei, der ihn damals gesegnet hatte, bekam er; Zutritt. „Schaue einmal", sagte Rabbi Eisick nach einer kurzen Begrüßung zu dem reichen Juden, „durch die Scheiben des Fensters hindurch!" „Was siehst Du?" „Viele Menschen, die ihres Weges ziehen", antwortete .der Gefragte. „Und nun", fuhr Rabbi Eisick fort, „blicke einmal in diesen Spiegel, der gerade auf dem Tisch liegt!" „Wen siehst Du hier?" „Mich selbst", antwortete der Reiche. „So sinne einmal darüber nach", sagte Rabbi Eisick weiter. „Beidemal schautest Du durch Glas! Das eine Mal sähest Du so viele fremde Menschen, als Du durch das bloße Glas des Fensters schautest; das andere Mal aber, da Du durch das mit Silber bezogene Glas des Spiegels blicktest, da gewahrtest Du nun Dich selbst." „Ist es nicht besser, das Silber wieder zu entfernen", — dabei rieb Rabbi Eisick den Silberibezug des Spiegels ab, — „damit Du außer Dir noch jemand siehst?" Der Reiche verstand, nahm's sich zu Herzen und bat Rabbi Eisick, für sein ferneres Wohlergehen zu beten, ihm versprechend, daß er nun mit seinem Vermögen auch Anders -bedenken wolle. Die beliebteste Idiletteseife! Macht jung und schön! In Qualität unerreicht! Gewicht-90 Gramm Preis 35 Pfennig Alleinige Hersteller: Ciintber £ Haussoer Akf.-Ges. , Chemnitz 16 iUSl. Lassen Sie Ihre tl n K £r:|N bet Neeser-LAPP, Allegasse Z reparieren. Sie gehen gut und die Preise sidd billig Alles unter Garantie. Jüdischer Bevölkerungszuwachs ( in Rußland. Im Zusammenhang mit der in letzter Zeit häufig wiederkehrenden Erörterung des Geburtenrückganges bei den Inden.hat dieSeMvm für Wirtschaft und.-Statistik des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts interessante Ziffern über Gehurten, Sterblichkeit und Mischehen der jüdischen Bevölkerung in Rußland, wodie Lebensbedingungen -doch besonders schwere sind, veröffentlicht. Diese Ziffern sind, auf GruNd des neuesten amtlichen Materials („Die natürliche Bewegung der. Bevölkerung der 'SSR-Union im Jahre 1926", Moskau, Band 1, Lieferung 2) zusammengestellt worden. Im Jahre 1926 sind in Rußland (ohne den asiatischen Teil) bei einer jüdischen Bevölkerung von 2 399 347 Seelen 57 786 Geburten gezählt worden, dies ergibt eine Geburtenziffer von 24,08 pro 1000. In den einzelnen Teilen Rußlands sind die jüdischen Geburtenziffern wie folgt: Zentralrußland mit 8687 (18,06), Ukraine 39 380 (25,02), ^Weißrußland 9719 (28,26 pro. 1000). Die Sterbefälle ikn demselben Jahre betrugen für Gesämtrußländ (ohne deN asiatischen Teil) 21666 (9,11 pro 1000)-, davon für Zentralrußländ 3896 (8,04), für die Ukraine 14 551 (9,24), für Weißrußland 3448 (10,03). Daraus ergibt sich folgender natürlicher Zuwachs auf je 1000. der jüdischen Bevölkerung: Gesamtrußland 14,97; Zentcalrußland 40,02; Ukraine 15,78; Weißrußland 18,23. Sehr gestiegen ist die Zahl der Mischehen unter den russischen. Jüden. Auf 23 588 reine jüdische Ehen im Jahre 1926 entfielen 1983 jüdische Frauen und 2378 jüdische Männer, die Mischehen eingingen. Der höchste Prozentsatz -an Mischehen ergibt sich in Zentralrußland, wo die Juden rine verschwindende Minderheit der Gesamtbevölkerung idarstellen; der geringste Prozentsatz in Weißrußland, tzvo die Juden am dichtesten leben. Obwohl die überwiegende Mehrzahl der Juden unter Ukrainern -und Weißrussen lebt, gehen doch die Juden bedeutend Imehr Mischehen mit Russen ein als mit Ukrainern und Weißrussen. Von den 2378 nichtjüdischen Frauen, die jüdische Männer heirateten, -waren: russische 1665 (70,0 Proz.); Ukrainische 467 (19,6' Proz.); weDtussische 60 (2,6 Proz.); polnische 56 (2,4 Proz.); andere 130 (5,4 Proz.). Von den 1983 nichtjüdischen Männern, die Jüdinnen Heirateten, waren: russische 1064 (53,7 Prozf)-; ukrainische 531 (26,8 Proz.); weißruffifche 94 (4,7 Proz.); polnische 60 (3,0 Proz.); andere 234 (11,8 Proz.). Es ergibt sich also, daß die Neigung jüdischer Männer zu russischen Frauen viel stärker ist, als hie jüdischer Frauen zu russischen Männern. ♦I A N mmm C E N B U R O JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT •MAIN LAHGESTRflSSE7 1EL. HANSA 4641 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE INSERATEN- FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS-INSERATE DES »ISRAELIT«!♦ AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN,WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VON DRUCKSACHEN HÄNDEL'GESCHRFTE’PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK 6903

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