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Der Israelit · 1929-08-01 · Heft 31 (1.8.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 31 (1.8.1929)
Date
1929-08-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Teuilleton w ZI \m mm Aus finsteren Zeiten. Von Hermann Fuchs in.'. Berlins Der' Berliner Magistrat hat die letzten Häuser des „Alten Jüdenhof" angekauft. Diese werden abgerissen, um anderen, modepne,n Bauten Platz zu machen. Die nachstehende — historische — Skizze hat somit gerade in den Trauergedenktagen dieses Jahres einen gewissen Anspruch auf Aktualität. ' Die Red. Alljährlich, zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, in der Zeit von Lichtmeß bis Ostern, bemächtigte sich der im Berliner Ghetto — (dem „Kleinen Jüdenhof". in dem damaligen „Geckholl" oder „Geckhalt" belegen) — in düftern kleinen Häuschen zusammengepferchten Juden eine große Beklommenheit. Diese Zeit war für die Feinde der Juden die geeignetste, Anschuldigungen vorzubringen, sie schlachteten Christenkinder, um deren Blut den ungesäuerten Broten beizufügen- oder dieses zu andern rituellen Zwecken. zu verwenden. Gelang es ihnen, durch Bestechung falscher Zeugen oder auf andere Weise derartige Anwurfe aufzubringen, so war das Schicksal nicht . nur des davon betroffenen' einzelnen Juden, sondern mehr oder weniger der gesamten Judenheit besiegelt. Die Angeschuldigten wurden festgenommen, vor den Hohen Rat geschleppt und, wenn sie sich nicht schuldig bekennen wollten, dem Diebshenker zur Erpressung eines Geständnisses übergeben. Für diesen bedeutete die Ausführung der Torturen ein lohnendes Geschäft. Abgesehen davon, daß ihm jeder Eigentümer mit je ein Pfennig vierteljährlich tributpflichtig war, erhielt er an Sporteln: für das Enthaupten, Hängen und Lebendigbegraben je fünf Schilling, für das Schlechtbrennen und Brandmarken sechs, jemand in einer Küpe zu braten zehn Schillinge,. Stäupen zehn Pfennig und außerdem die Kleider des Hingerichteten. So war es natürlich, daß auch er bestrebt war, feine traurige Berufstättgkeit nach Möglichkeit, künstlich zu fördern und zu erweitern. Hierfür bildeten die Juden geeignete und willkommene Objekte. Die des '' Ritualmordes^ .Beschuldigtem waren auf jeden Fall dem sichern Verderben ausgeliefert. . Bekannten sie nicht — und sie hatten Und konnten, nichts-bekennen — fo wurden sie als „hartnäckige-Leugner" stuTode gepeinigt; Mächten üe. dagegen unter° den mtsetzlichen Folterqualen ein „Geständnis", um durch einen schnellen Tod erlöst zu werden, so wurden sie m einer der oben angegebenen Bollzugsarten hingerichtet. Selbst dek in Verzweiflung auf sich genommene Uebertritt zum Christentum vermochte nicht, sie vom Henkertode zu erretten. ' In« einem Häuschen des *Jüdenhofs wohnte der Arzt Ben Hillel mit feiner Tochter Judith. Er wurde der „Weise" genannt. Aber nicht nur 'von seinen Glaubensgenossen. Sein Ruhm als Schriftgelehrter, Arzt und Menschenfreund, ging weit über die Grenzest der Mark Brandenburg hinaus. Ja, als der Kurfürst an einer schweren Krankheit darniederlag und die Leib- und andere Aerzte sich keinen Rat wußten, zog man Ben Hillel hinzu, dessen Kunst es gelang, den Kranken zu retten. Von diesem Zeitpunktab wurde Ben Hillel zum kurfürstlichen Leibarzt ernannt und galt als besonderer Günstling des Fürsten. Nach dem Tode der Gattin Ven Hillels be- , sorgte dessen Tochter Judith das bescheidene Hauswesen. Sie war zu-einer Jungfrau von seltener Schönheit erblüht. Der Vater, der mit zärtlicher Libee an ihr hing, unterwies sie in den mannigfachen Kenntnissen und Künsten jener Zeit. Von ihrem Liebreiz erfuhr der Stadtschreiber, der, als er sie einmal gesehen hatte, in heftiger Leidenschaft für die schöne Jüdin entbrannte. Er lauerte ihr aus und machte dem Mädchen häßliche Anträge, die sie. energisch abwies. Als sie dem Vater hiervon berichtete, sagte Beni Hillel: „Mein geliebtes Kind, das einzige Gut ' des jüdischen Weibes ist seine Keuschheit und Reinheit. Bewahre sie dirl Besser der Tod als eine Entehrung!" Von nun an hielt Ben Hillel ein wachsames Auge über sein Kind. Die sinnliche Leidenschaft des Stadtschreibers aber steigerte sich ins Maßlose. Er mußte sich der „Judendirne" bemächtigen und sie seinem Lüsten gefügig machen. So oder so. Der Jüdenhof wurde während der Nacht streng geschlossen gehalten und von zwei —achtern bewacht. An diese wandte sich der Stadtschreiber. „Habt Ihr während der Nacht nicht in einem der Häuser Kindergewinsel vernommen, als ob ein Kind gelötet würde?" — Die Torwächter verneintem. „Doch, es ist so gewesen; es muß so gewesen sein. Besinnt euch!" Er redete heftig auf sie ein. — „Ja, wir glauben, so. etwas gehört zu haben", gaben sie zögernd zu. — „Gut, das werdet Ihr vor dem Hohen Rat bekunden." In unmittelbarer Nähe des Jüdenhofs lebte als Höckerin ein Weib, das ihrer Körperfülle wegen „die dicke Else" genannt wurde. Ihr Handel war nur vorgeschoben. Der Haupterwerb bestand in Kuppelei und in Wahrsagen, das zur damaligen Zeit arg verpönt war und sehr streng bestraft wurde. An diese wandte sich der Stadtschreiber. Die dicke Else bekam einen gewaltigen Schreck, als der Gestrenge bei ihr eintrat. „Ihr werdet Euch beim Hohen Rat zu verantworten haben, Else," begann er, sie mit seinen stechenden Augen! durchbohrend. „Ihr werdet der Wahrsagers i und ähnlicher Teufelskünste beschuldigt." — „Das sind Lügen, Herr Stadtschreiber, eitel Lügen." — „Nun, Meister Peter (der Henker) wird Euch die Zunge zu einem Geständnis lösen." — „Meister Peter ist mein leiblicher Vetter, Herr Stadtschreiber. Er wird bezeugen, daß ich einen ehrsamen, christlichen Lebenswandel führe". —^ „Das wird Euch nicht viel helfen!, Else. Wir haben schriftliche Beweise in Händen'. Aber —- —i es Abt vielleicht ein Mittel, Euch'vor dem Scheiterhaufen'zu bewahren. Kennt Ihr die Tochter des Juden Salomon Ven Hillel?" — „Wer sollte die schöne Judith sticht kennen?" — „Nun gut. Ich habe Appetit auf die Judendirne/Könnt Ihr Niir sie zuführen, sä bleibt alles unter uns und der Teufel wird auf einen Höllenbraten Mehr verzichten müssen." — „Aber ihr Vater steht beim Kurfürsten in hoher Gunst." — „Das laßt nur meine Sorge fein." , Ben Hillel hatte das Morgengebet beendet und nahm mit Judith das schlichte Frühstücksmahl ein, als auf dem Hofe sich ein großer Tumult erhob. Aus allen Häusern stürzten verängstigte Gestalten mit Schreien und Wehklagen in seine Wohnung. „Gott soll uns helfen^ Ven Hillel, die Gojim kommen über uns!" Noch hatte sich Ven Hillel von seinem Schreck nicht erholt, als ein Haufe Bewaffneter, unter ihnen der Stadtschreiber, in den Jüdenhof und in das Haus Ben Hillels eindrang und die Versammelten fesselte und abführte. Sie wurden vor den Hohen Rät geschleppt und ihnen der Prozeß wegen Ritualmokdes ge-, macht. Umsonst waren alle Beteuerungen. Die beiden Torwächter bekundeten bei ihrer Seelen Seligkeiten, sie hätten in der fraglichen Nacht deutlich Kindergeschrei, das aus dem Keller eines Hauses im Jüdenhof kam, vernommen. So wurde das Todesurteil über die Jnkulpaten verhängt. Angesichts des ihnen drohenden Verderbens wurden viele ihrem Glauben abtrünnig. Sie hofften durch Uebertritt zum Christentum ihr armseliges Leben retten zu können. Immer wieder ermahnte Ben Hillel die Verzweifelnden, auf Gott zu vertrauen, im Glauben der Väter zu beharren und lieber den Tod zu erleiden als eine so furchtbare Todsünde auf sich zu laden. Vergeblich. Eine Anzahl schwor den Glauben der Väter ab — wurde über trotzdem dem Henker überliefert. Ein trauriger Zug bewegte sich zur Richtstätte. Voran schritt der Prior der Dominikaner mit dem Kruzifix, ihm zu beiden Seiten schwarze Brüder und hinter ihnen her die dem Tod geweihten Israeliten. Unter ihnen Ben Hillel. Judith hatte versuchen wollen, beim Kurfürsten Gnade für ihre bedrängten Glaubensgenossen öder wenigstens für ihren Vater zu' erlangen — der Kurfürst war abwesend von Berlin. Immer mehr näherte sich der Zug der Richtstätte zu. Da sprengte der Kurfürst mit seinem Gefolge heran und lieh sich Bericht erstatten. Mit eindringlichen, Worten berichtete der Stadtschreiber über, die angeblichen Misseatten und das Urteil. „Wie, mein Leibarzt ist auch unter ihnen?" rief der Kurfürst bestürzt. „Auch er," antwortete der Stadtschreiber, „und wohl einer der Schlimmsten". ■ Da brach sich ein junges Wöib mit aufgelöstem Haar und angstverzerrten Mienen durch die Menge Bahn, warf sich vor dem Kurfürsten auf die Knie und schrie: „GnWe! für meinen Vater! Er ist unschuldig!" Dann brach sie ohnmächtig zusammen. Es war Judith. Sie wurde von der dicken Elfe ausgenommen und in deren Wohnung gebracht. „Gnade! Gnade für den Judenarzt!" — „Er hat mein Kind von der Taubheit geheilt," — „er hat mich von der Gicht erlöst", — „er hat mir mein Weib gerettet!" hallte es im Chor aus dem Volke. [0* rjH "So will ich denn," sprach der Kurfürst, „Ben Hillel meiner Gnade teilhaftig werden» lassen. Den andern geschehe, wie sie es verdient." „Nun," fragte der Stadtschreiber die dicke Else, „ist das Vögelchen eingefangen?" — „Sie ifk im Alkoven, Herr Stadtschreiber." Dieser stürzte in die Kammer und suchte mit ungezügelter Gier sich des. fast, gelähmten Mäd- H^ns zu.bemächtigen. Ein wütendes Ringen begann. Mit gellender Stimme schrie Judith: „Schma Jisroel . , ." Dann! brach sie zusammen. Als der Stadtschreiber sie aufhob, waren ihre Äugen gebrochen. Sie war tot. Müde mit zerschUndenen Gliedern, erreichte Ven Hillel durch Nebengassen /sein Heim. Äus der Wohnung vernahm er Weinen und Wehklagen. Mit weißen Linnen bedeckt, lag Judith da, umgeben von einer Anzahl Trauernder. Sie hatte ihr Leben geopfert' für ihre Keuschheit. Ainderecke. Gerettet. " Skizze von Jsaac Schönberg. Ein Hochsommertag. .Die Luft ist beklemmend schwül und drückt dumpf gegen, die heiße Stirne. Der Himmel hat sein klares, freundliches Blau abgelegt und sich für! ein undurchsichtiges, stumpfes Weißlichgrau entschieden.

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