Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10. Nr. 30 Der Israelit 25. IM 1929 dem Versteck des Schatzes zu führen. In einem Wagen machten sie die weite Reise. Der Graf kam in den Besitz seiner Kleinodien. Jakob aoer tonnte die Rückreise nicht mehr mit ihm antretrn. Er starb im Hause eines Geiersbacher Juden und wurde in der Nacht beerdigt. Der jur.'ge Graf nahm selbst an dem Begräbnis teil, zu dem alle Juden der nächsten Dörfer erschienen waren, und veranlaßte, daß dem treuen Arzte ein würdiger Gedenkstein gesetzt werde." Ein Bruchstück desselben hatten die Kinder kurz vorher gesehen. Sie weihten dem Toten eine Minute sollen Gedenkens. Das Gewitter hatte sich inzwischen verzogen und die Ausflügler konnten den Rückweg antreten. Nach wenigen Minuten kam auch die Sonne wieder zum Vorschein und bestrahlte die warmherzigen Menschen, die dieses äußeren Einflusses bedurften-, um aus wehmutsvoller Stimmung allmählich zu frohem Genießen zurückzufinden. Etri Sabbat beim Lhüfez Lhaim. Schon seit Jahren war es mein sehnlicher Wunsch, einmal den berühmten und großen' Zaddik und Gaon Chofez Lhaim persönlich kennen zu Lernen. Auf einer Geschäftsreise in Polen führte ich diesmal endlich mein langgehegtes Vorhaben aus und machte zu dem weltberühmten Rabbi einen Abstecher. Ich wählte gerade einen Sabbat, weil ich erfahren hatte, daß nur am Sabbat Chofez Chaim spricht. Ich bin nun am Freitag, den 28. Juni 1929 nachmittags'von Wilna abgereist und zwar nach der Station Baftuny. Es wurde mir nämlich in Wilna berichtet, daß von Baftuny nach dem Städtchen Radun zu jedem Fuge Auro-Omnibuffe verkehren. Wie enttäuscht war ich aber, als ich um 5.45 Uhr in Baftuny ankam. Kein Autobus zu finden. Baftuny ist ein keines Dorf, in dem nur ein Jude wohnt, der mich nun, «>./' ich verzweifelt am Bahnhof stand, bat, bei ihm über den Sabbat zu bleiben, weil kein- Zug mehr rechtzeitig, weder nach Wilna noch nach Lida vor Sonnabend zu erreichenwäre. Es gab nur den einen Ausweg, sofort Radun durch die Post zu ben-achrichtigsn, daß man ein Extraauto für mich schickt. Das taten wir denn auch. Endlich kam das Auto. Zwei Herren sprangen heraus. Der eine stellte sich als der Neffe des Chofez Chaim vor, der zweite war auch ein Hörer der Jefchiwa. Sie nahmen meinen Koffer und Decke ins Auto, und, um noch rechtzeitig zu- Sonnabend in Radun einzutreffen, fauste das Auto in großer Eile über Chaussee und Berge. In ca. dveiviertel Stunden waren wir kurz vor Radun. Unterwegs trafen wir noch verschiedene Jünger der Jeschiwo spazieren gehend und kaum war ich in dem Städtchen angekommen,, als mich eine ganze Versammlung begrüßte. Darunter hauptsächlich ein alter, guter Freund, der Rabbiner Samuel Walkin und gleichzeitig ein jüngerer, der Rabbiner Vunrm Weizel, ein Enkel des weltberühmten Zaddik, Markus Weizel aus Slonim. Wer nun schon -einmal in Palen war und gar in den kleinen Städtchen, kann sich die Behausungen- und Stra-i ßne oorstellen. Ich wurde in ein kleines Haus geführt, wo ich Unterkunft genommen habe. Die Herren brachten meinen Koffer und Decke herein. Es war auch die höchste Zeit, denn der Sabbat hatte in dem Moment begonnen, als ich gerade ins Haus trat. Ueberall sah man die SabbM-ichter schon in den Stuben brennen. Es herrschte eine Sabbatruhe, wie es nach dem jüdischen Gesetz sein soll. Die Hörer aus der großen jüdischen Jeschiwo, die ziemlich um mich versammelt waren, erklärten mir, daß der Chofez Chaim ain Freitag abend vor Maariw-Gebet spricht und wenn ich ihn noch hören wolle, müsse ich sofort hingehen. Ich kleidete mich daher s<f schnell wie möglich um und lief mit aller Schnelligkeit, um noch die Worte des Chofez Chaim zu hören Erst wurde ich in die große Jeschiwo von verschiedenen Hörern geführt. Dort wurde ich dem geistigen Führer der Jeschiwo, Rabbiner Leiser Wolf Kaplan, vorgestellt und dann ging ich gleich zum Chofez Chaim. Ich war überglücklich, daß endlich mein langersehnier Wunsch in Erfüllung ging und ich diesen alten-, weltberühmten Zaddik und Gaon Hador persönlichsehen könnte. Ein kleines, eingefallenes Häuschen, aus Brettern' hergestellt, wurde mir als das Wohnhaus des Chofez Chaim gezeigt. Die Türen kaum schließbar. Erst sah ich ein« Menge Menschen umherstehen und es herrschte vollständige Stille. Zwei Lichter und eine Lampe brannten auf dem Tische, und auf dem Sofa saß der berühmte Greis. Ein ganz kleines Männlein, gebrechlich, im hohen Alter von 94 Jahren. "v?~pr- Wenn man diesen Menschen schon aus der Ferne steht, fällt einem der geistvolle Kopf, diese leuchtende Gelehrsamkeit auf, daß man wirklich von dem Manne sagen kann, die „Schechma ruht auf ihm". Ganz leise und langsam sprach er nun zu der Versammlung von Thora und Emuno und alle Hörer saugten jedes Wort gierig in sich auf und nahmen es für ihr ganzes Leben mit. Die Jünger machten mir Platz, damit ich in [Der Nähe des Chofez Chaim sitzen -konnte, um alles aus feinem Munde zu hören. | Einige Zitate möchte ich hier aus feinen Worten anführen-, die ich aus feinem eigenen Munde hörte. 1 Der Chofez Chaim schilderte!, -daß wir jetzt in einer schlechten Zeit leben, und deshalb meinte -er-, wenn man im dieser schlechten Zeit -eine Mizrooh tut, würde diese i yu-ndert.mal soviel angerechnet, als wenn man sie in einer normalen Zeit getanhätte. Alfa, wennman i heute ein- Blatt Gemoro -lernt, wird es so angerechnet, als wenn man 100 Blatt gelernt hätte, weil wir in einer kritischen Zeit kleben. So bringen die Sfo-rim. jDer Schöpfer sei in solchen Zeiten gleichsam „someach bechelkau". Dannwandte sich der Greis den tragischen I Verhältnissen in Rußland zu, wo man die Thoraoer- '-Nichten und aus den Herzen reißen wolle. Aber das! werde nicht gelingen-. j Für mich war die -schlichte Rede -einer der größten Momente meines Lebens. Ms nun der Chofez Chaim seine Rede beendet hatte, wurde von -de-r ganzen Gesellschaft Maariw -gebetet. Da der Chofez Chaim schwer hört-, ist der Vorbe-tor ganz in seiner Nähe, damit er alles vernehmen kann-. Das Gebet war so innig, wie ich es seltenerlebt. Als wir schon Schma beendet hatten, war der Chofez Chaim erst bei dem ersten Abschnitt. Er läßt ab-er nicht das Publikum auf sich warten, sondernverlangt, daß man immer weiter betet. Als das- Maariw-Gebet beendet war, ging ich mit einigen Jüngern und Rabbiner Walkin -an die frische Lust. Inzwischen hatte sich in der Stadt die Nachricht verbreitet, daß ein Berliner Jude eigens gekommen fei, um den Chofez Chaim zu begrüßen und zu sehen. Da ich schon einmal wegen einer Gemeindesache von Zoppot aus mit dem Chofez Chaim korrespondiert und das Vergnügen hatte, ein handschriftliches Schreiben von ihm selbst zu erhalten, so wurde dem Chofez Chaim nach dem Beten mitgeteilt, daß -ich da sei, mir dem er seinerzeit aus Zoppot korrespondiert hatte. Auch noch verschiedene andere, berühmte Rabbiner, die ich zufällig k-a-nnte, waren dort versammelt. Ich wurde nun zum Chofez Chaim geführt. Der Raum hatte sich nach dem Gebet langsam geleert, so daß ich fast alleinmit ihm und seinen nächsten Verwandten im Zimmer war. Erst wurde i-ch von dem Schwiegersohndes großen Rabbiners und Rösch Jeschiwo Mendel Sachs begrüßt. Dann kamen einige Neffen und noch verschiedene andere Herren. Der Chofze Chaim, der fast nicht gehenkann und immer aus seinem Sofa sitzt, erhob sich und bot mir mit warmen Worten Schalem Alechem. Nun standich ganz in seiner Nähe, begeistert und -befriedigt. Cr fragte mich, ob es mein Wirt, bei demich Quartier genommen hatte, nicht übelnehmen würde, wenner michfür Sabbat zu Tisch einkaden würde. Darauf wurde ihm von feinen nächsten Verwandten mitgeteilt, daß ich erst kurz vor Schabbos angekommen fei, -so daß der Wirt nicht vorbereitet sein wrde, darumwürde er es auch nicht übel-, nehmen. Daraus lud mich der Chofez Chaim zu Tisch ein. Diese Einladung gehört zu den Seltenheiten-. Denn dauernd kommen große Gelehrte und Rabbiner zu ihm, um seinen Rat zu hören. Der Chofez Chaim sagte das Kiddufchgebe-t aus Wein. Dann folgte das Essen. Der Platz wurde mir ganz in seiner Nähe angewiesen, da er hauptsächlich an mich Fragen richtete, wie es -i-n Deutschland missehs m-ti der Emuno, mit der Thora, ob viel gelenrt werde und ob für die Jugend richtige, fromme Talmud-Th o ra-Schulen eingerichtet sind. Besonders hob ich, auf seine an mich gerichtete Frage, hervor, daß das jüdische Leben der Berliner Gemeinde sich in der letzten Zeit sehr gebessert und einen Schwung nach rechts genommen habe. Cr freute sich außerordentlich und aus vollem Herzen, als ich ihm dies m-i-tteilte. Während des Essens hat er in voller geistiger Frische immerzu nur Thora -gesprochen. Ich war nach den Strapazen etwas angestrengt und wurde von verschiedenen Hörern der Jeschiwo, auf Veranlassung des großen Zad-diks, in mein Quartier begleitet. Dort wurde für mich -ein kleines Zimmer reserviert. Sehr primitiv. Am Morgen um 6 Uhr wurde ich von verschiedenen Herrenaus der Lehranstalt geweckt, mit d-em Bemerken, daß das Morgengebet beim Chofez Chaim jetzt schon beginne. Ich zog mich an und ging mit ihnen wieder in das Häuschen des Chofez Chaim. Als ich ankam, waren schon sehr viele Leute versammelt und schon war fast das halbe Morgen-gebet beendet. Ich habe mich beeilt, dem Dorbet-er nachzu kommen. Die Andacht -der ganzen Versammlung war so begeisternd, wie ich sie noch nie mitgem-acht habe. Zur Thora wurde der Chofez Chaim als erster aufgerufen. Ich bekam Maftrr. Jedes Wort wird dort derart langsam und mit einer so besonderen- Kawone gebetet, daß das Gebet am Sonnabend über dreieinhalb Stunden gedauert hat. Nach dem Gebet sahen, w-i-e am Abend zuvor, dieselben BerwaM-eN zu Tisch.. Das Essen zog sich sehr lange hin-, weil der Rabbi bei jedem Gang immer wunderbare Thoraworte oorbrachte, nach dem Wochenabschnitt und zum Schluß bat mich der Chofez Chaim, das Benschen in seiner Nähe vorzutragen, was ich mit besonderer Vorliebe tat. Das Essen wurde gegen Mittag beendet und schon waren wieder Hörer der Jeschiwo da, um mich abzuholen, und zwar zu dem großen Gelehrten und Leiter der Jeschiwo, Rabbiner Leiser Wolfs Kaplan-. Er halte gerade vor einer großen Versammlung einen philosophischen! Vortrag mit hervorragendem- M-ussar. Ms ich dort hinkam, war es so voll, daß. ich fast draußen stehen mußte. Dann wurde ich gegen 3 Uhr vonein'er großen Versammlungin die Jeschiwo geführt. Ca. 300 Gelehrte saßencm -einzelnen Pulten, in den- Talmud vertieft. Die Jeschiwo selbst ist -ein schöner Bau und richtige Keduscho weht den- -ins Haus Ein-tretenden an. Nachdem ich mit verschiedenen Herren gesprochen hatte,!san-d ich, daß dieselben nicht ei-ns-eitig nur Talmud lernen, sondern auch in -der weltlichen Wissenschaft sehr gut Bescheid wissen. Es war wirklich ein Genuß, an-zusehen, mit welcher Liebe, welcher Hingabe und welcher Begeisterung sie sich -dem Talmudstudiumwidmen,. Nachher habe ich -viner Cin-ladung -des dortigen Sta-dtrabbiners Folge geleistet, der ebenfalls als großer Gaon bekannt ist. Indessen wurde mir rnitgeteM, daß gerade an diesem Sonnabend in den großen Synagogen einige Redner sprechen würden-, und zwar wegen eines Stäbchens Jwie, das vollständig niedergebrannt ist. Ich ging hin. Dort betrat als -erster Redner Rabbiner Bierbaum aus Brifk, der ebenfalls in der Jeschiwo arbeitet, als zweiter der Rabbiner Pomeranz ans Grojewo, als dritter Rabbiner Samuel Walkin aus Pinfk -die Tribüne, um zur Hilfe aufzurufen. Zum Schluß sprach ein ganz junger Mann von 19 Jahren, -ein Herr Pupkin aus Rakow. Eine solche Redegewandtheit habe -ich von einem so jungen Menschen, der sonst' als Talmudgelehrter gilt, nicht erwartet. Dann wurde in -der Synagoge das Mmchogebet begonnen. Nunmehr kamen- Bollen vom Chofez Ch-aim, die mir sagten, daß -er mit dem dritten Mahl aus mich warte. Ich lies sofort mit den Boten zum Chofez Chaim. Dort fand ichden Greis über besondere jüdische Bücher gebeugt. Während des Essens rer sammelten sich wiederum alle Hörer der Jeschiwo, denn -um diese Zeit spricht -gewöhnlich der Zaddik noch einmal. In Kürze hatte sich eine solche Menschenmenge in dem Hause angesammelt, daß die Türengeöffnet werden mußten und weit draußen auf der Chaussee noch Menschen zu sehen waren. Mit großer Frische sprach der Greis über drei Stunden ohne Unterbrechung, hauptsächlich Mussar. Durch die eingetretene Dunkelheit hat sich eine solche Stimmung gebildet, daß man gar nicht glaubte, aus der irdischen Welt zu sein. Dann wurde das M-aar-iwge-b-e-t mit einer solchen Innigkeit und Andacht gebetet, wie man sie selten zu hören bekommt. Nach der Hawd-olo habe ich mich vom Chofez Chaim verabschiedet. Mit herzlichen- Worten hat er mir die Hand -gedrückt und Glück zu allen m-eimien- Unternehmungen -gewünscht. Ich machte noch mehrere Besuche bei den Vorstehern der Synagoge und der Jeschiwo. Am anderen Morgen haben -es sich verschiedene Hörer nicht nehme.n lassen, mich um 3.30 Uhr früh mit dem Auto direkt nach Baftuny zu begleiten, und zwar waren dies, wie ich hörte, die besten Talmudgelehrten der Jeschiwo. Dieser Sonnabend wird -nie aus meinem Gedächtnis schwinden. Ich wünschte, daß jeder Jehudr einmal persönlich einen solchen Sabbat erlebte. Wie bescheiden und anspruchslos dieser Mann ist. Seinganzes Trachten und Tun ist immer nur Thora und Thora und Wohltat, damit die Welt nicht ganz von -den Gesetzen Gottes abweicht.__ Familiennachrichten. Barmizwoh: fDlax, Sohn des Herrn Eduard Freimann, Frankfurt a. M., Waldfchmidtstr. 1191, Synagoge Börneplatz, oius riviv w*p> wa» Vermählung. Mar Bamberger, Wiesenfeld mit Gerta Kah, Rhina. Briefkasten. Rabbiner L. L. in P. Sie bemerken mit Recht, daß der Schöpfer des jüdi'chen Kalenders nicht der Tanaite Hillel, der in den Sprüchen der Väter vorkommt, war, sondern Hillel der Jüngere, der Urenkel von Rabbi Jehudo Hcwosi. Verlangen S[e beim Einkauf ausdrücklich cke beste lür 4Uetruac Hers feiler Güßf/ter&Haussmna Chemnitz-Rappel Garantiert nur aus reinen Pflanzenölen hergestellt 100 Gramm-Stück 15 Pfg. 200 Gramm-Stück 30 Pfg