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Der Israelit · 1929-07-25 · Heft 30 (25.7.1929) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 30 (25.7.1929)
Date
1929-07-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ST Der Israelit Br. 30 1020 Im Burgverließ. rjs^vm i Von Heinrich Elastädter. Bei herrlichstem' Sommerwetter hatte die Familie Kölner den Bahnhof einer unbedeutenden Station verlassen, um eine Wanderung nach der berühmten Geiersburg anzutreten. Sie bestand aus vier Personen: Vater, Mutter, einem Mädchen im Alter von sechzehn Jahren und einem elfjährigen Knaben. Sie befanden sich seit acht Tagen in einem kleinen Luftkurort, und dies war der erste größere Ausflug, den sie unternahmen. Einige andere Kurgäste hatten sich ihnen angeschlossen, eine muntere .Gesellschaft, die schon währendder kurzen Bahnfahrt allerlei Anlaß zum Lachen geboten hatte. Jetzt ging es auf schmalem Feldwege dem Waldgebirge zu. Der erste Teil des Weges war nicht gerade angenehm. Der Staub, den die sich tummelnde Jugend aufwirbelte, legte sich auf die Atmungsorgane, und die Sonne, die allmählich immer höher stieg, entlockte den Wanderern manchen Schweißtropfen. Vater Kölner, der die Führung übernommen hatte, hielt sich mit den Seinen an der Spitze und gewöhnte seine Kinder an ruhiges, gleichmäßiges Ausfchreiten. Als sie dann der Wald- -ausnahm, atmete jeder erleichtert aus. Die Waldeskühle, der erquickende Morgenduft der Waldpflanzen, das Geglitzer des Morgentaus, der noch an den Gräsern hing, das reizende Spiel des Sonnenlichtes in den "Zweigen und auf dem Waldboden, der ganze Waldeszauber verfehlte seinen Eindruck auf die Wandergesellschaft nicht. Man rastete einige Minuten und setzte dann den Weg fort, der baldziemlich steil aufwärts führte undmit der Zeit schmäler und steiniger wurde. Nach und nach wurde -es stiller in dem bisher so munteren Kreise. Durch die Enge des Pfades zog sich die Gesellschaft auseinander, und die Anstrengung des Aufstieges verurteilte die meisten Teilnehmer zum Schweigen. Nur Kölner ging ruhig mit seinen Angehörigen vorauf und machte sie auf alles Interessante, das sich den Blicken darbot, aufmerksam. Dadurch genossensie vieles, was anderen vollkommen entging. Als sie etwa ein Stunde emporgestiegen waren, gelangten sie auf eine Waldwiese, an deren Rand sich eine klejpe Wirtslhaft befand... Hier sammelten sich wieder die Teilnehmer, und. viele begrüßten die Gelegenheit zum -Äusruhen und zur Labung. Herrn'Kölner war dieser frühzeitige Aufenthalt nicht angenehm, aber er: fügte sich schweigend derMehrzahl..Als er aber nach einiger Zeit zum Aufbruch mahnte, da fand es sich, daß man nicht geneigt war, jetzt schonden bequemen Ruheplatz zu verlassen. Kölner sollte mit seinen Kindern vorausgehen und in der Ruine die anderen erwarten. Nur ungern blieb.Frau Kölner zurück, aber sie wollte die Gesellschaft nicht durch eine völlige Trennung verletzen. Vater, und Kinder waren bald den Blicken der Zurückgebliebenen entschwunden. Sie setzten munter ihren Weg fort und freuten sich der genußreichen Stunden. So kamep» sie, ehe sie es erwarteten, nach dem Dorfe Geiersbach, von wo in einer kleinen halben Stunde die Ruine zu erreichen war. Im Walde trafen sie einen Forstbeamten, mit dem sich. Kölner einige Minuten unterhielt. Als er hörte, daß der Mann m Geiersbach geboren war, fragte er ihn-, ob dort früher Juden gewohnt, hätten. „Seit langer Zeit gewiß picht", antwortete der Förster, „aber früher vielleiM Einen Tümpel am Dorf nennt mandie Jud-enquelle, und im Walde befindet sich ein Stein mit hebräischer Schrift." Kölner fragte, ob es weit dahin sei. Der Mann verneinte es und führte gern die Leute die kurze Strecke. Da sahen sie einen grauen, gebrochenen Sandstein, der offenbar den Bruchteil einer Mazewo, eines Grabsteins, darstellte. Die Kinder entfernten das Moos, das sich in vertieften Stellen angesetzt hatte, und der Vater befeuchtete aus einer mitgebrachten Wasserflasche die eingegrabenen Schriftzüge, aus denen die Schwärze längst gewichen war. Und siehe da! Ganz deutlich konnten auch die Kinder einige Worte lesen: 8D*n »ytk apwv nur ließ sich der Zusammenhang nicht finden, da der Stein zu schmal war. , Suchend gingen Kölners Augen über die Umgebung, aber sie vermochten nicht, den fehlendn Teil des Steines zu entdecken, der vielleicht in die Erde gesunken oder weggeschafft worden war. Wahrscheinlich hatten sich die ehemaligen Bewohner hier im Walde einen Friedhof angelegt, der entweder absichtlich zerstört oder im Laufe der langen Zeit der Verlassenheit vom Walde überwuchert worden war. Nur ungern trennten sich die Kinder von dem einsamen Orte. In ihrer Phantasie entstand das Vild längst vergangener Zeilen und längst dahingeschwundener Menschen. Es hätte sie befriedigt, wenn es ihnen gelungen wäre, noch mehr Erinnerungszeichen und Nachrichten über sie zu sammeln, was aber gegenwärtig, unmöglich war. So nahmen sie denn Abschied, indem jeder ein kleines Sternchen auf den Grabstein legte, und strebten nun der Ruine zu, die sich ihnen schon nach wenigen Minuten auf einem Kegel am Waldesrande zeigte. Sie war nur von einer Seite her zu betreten. Nach den anderen Richtungen fiel der Fels, auf dem sie sich erhob, steil gegen die Ebene hin ab. Den großen Burghof umgab viel Gemäuer, die leeren Fensterhöhlen ließen die Unordnung der Zimmer einigermaßen ahnen. Ein fensterloser, kellerartiger Raum, dessen Eingang einen Blick in die finstere Höhle gestattete, erwies sich als das Vurgverließ. Auf den Rundturm, den ein Verschönerungsverein vor dem Verfall bewahrte, führte eine neu angelegte hölzerne Treppe. Von oben genossen unsere Freunde eine entzückende Fernsicht. Die ganze Ebene mit ihren zahlreichen Dörfern und Flecken, die fernen Städte, die glänzenden Flußläufe lagen wie auf einer Landkarte ausgezeichnet vor ihnen, und das Gebirge glich einem mächtigen Rahmen um dieses reizende Bild. Lange ließen Vater und. Kinder^ still ihre,Blicke Darüber hinschweifen, bis ein ferner Donner sie -plötzlich aus ihrer Beschaulichkeit, aufschreckte. Ganz unbemerkt hatte sich der westliche Himmel mst Wolken bezogen, die sich in ungeahnter:: Schnelligkeit zu einer gewaltigen Mauer auftürmten. Als die drei Wanderer wieder am Fuße des Turmes standen, da hatte sich die Sonne schon hinter einem Wolkengebirge versteckt. Plötzlich zuckte ein greller Blitz durch die Lust, ein furchtbarer Krach, folgte, und ein heftiger Sturmwind schüttelte die .Baumriesen, die auf und neben dem Gemäuer die Wache zu halten schienen. Es war klar, daß Geiersbach nicht meyr zu erreichen! war. Schnell entschlossen führte Kölner die Kinder m das finstere Burgverließ, das wenigstens Schutz vor dem nun einsetzenden Platzregen bot. Aber sie konnten nicht am Eingang stehen bleiben; der Wind trieb die Tropfen weit durch die offenen Lücken, deren Tür, mochte sie ehemals noch so fest gewesen sein, wohl schon seit Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten dem Zähn der Zeit nachgegeben hatte. Kölner entzündete seine elektrische Taschenlampe. Aber fast hätte er sie im plötzlichen Erschrecken fallen lassen... .An der Rückwand des/Raumes erblickte er einen Mann und Weben ihm zwei Tiere, die . dieser angebunden hatte und die, durch das Licht scheu gemacht, nun heftig an der Schnur zogen. Im nächsten Augenblicke mußte Kölner über sich selbst lachen. Er hatte ja weder einen Reisigen noch einen Gefangenen vor sich, sondern einen ländlichen Händler, der mit seinen zwei an diesem Morgen -erstandenen Ziegen schon vor ihm hier Schutz gegen das Gewitter gesucht hatte. Er hatte die Tiere an einem Eisenringe, der sich in der Wand befand, angebunden und rauchte nun gemütlich sein Pfeifchen. Eine Unterhaltung knüpfte sich an. Der Handelsmann erwies sich als ein Jude aus einem Dorfe der Umgegend. Kölner erzählte ihm von dem Grabstein im Walde, und jener bestätigte, daß in Geiersbach ehemals Juden! gewohnt hätten, aber wohl nur wenige. Von einer Synagoge wisse man nichts. Nur eine Sage -erinnere an die Glaubensgenossen, die hier gewohnt, gelebt und gelitten hätten. Kaum hatten dies die Kinder gehört, da baten sie den Fremden, ihnen doch die Sage zu erzählen, und er begann: „An diesem Orte, wo wir uns befinden, hat einmal ein Jude ein halbes Jahr von Wasser .und Brot gelebt. Er hieß Jakob und soll ein berühmter Arzt und ein bedeutender Talmudist gewesen sein. Er stammte nicht aus dieser Gegend, sondern war ein Holländer. Er kam als Reisebegleiter eines holländischen Grafen nach Deutschland. Der Ritter Kaut von Geiersburg hatte gehört, daß der Graf in der Nähe vorbeizöge, und daß er große Schätze mit sich führe. Er lauerte chm auf und überfiel ihn eines Tages im Walde. Während sich die Bedeckung, die der Graf zu seiner Sicherheit gemietet hatte, mit den Reisigen des Ritters im Kampfe befand, verbarg der Graf mit Hilfe des Juden seinen Schatz. Aber die Leute des Ritters waren in der Ueberzahl. Sie töteten einen Teil der gräflichen Söldner, schlugen die übrigen m die Flucht und trafenauch den Grafen tödlich. Bevor dieser seinen Geist aufgab, rief er seinem Begleiter zu: „Jakob, verrate das Versteck nicht." Der Ritter hatte das gehört und nahm den Juden als Gefangenen mit auf seine Burg. Er hoffte, ihn durch Drohungen bewegen zu können, das Versteck des Schatzes preiszugeben. Aber alle Drohungen halfen nichts. Da versuchte er es mit allerlei Versprechungen', abermals vergeblich. Der harte Mann hätte schon gleich seinen Gefangenen foltern lassen. Aber Jakob war schon ein alter Mann, und der Ritter mußte fürchten^ daß er unter der Folter sterben werde, ohne sein Geheimnis enthüllt zu haben.-Darum ließ er ihn hier in diesem V.erließ bei-Wasser und Brot -einsperre!N>,':hnd er.'schwur, däß Jatob es nicht eher verlassen solle, W er sich seinem Willen gefügt hätte. - u Der Kerkermeister hatte ein krankes Weib. Er bewohnte mit ihm eine Hütte in Geiersbach. Die Frau siechte dahin und niemand konnte ihr helfen. Da hörte der Mann von einem jüdischen Nachbarn, daß sein Gefangener ein großer Arzt sei. Als er ihm am nächsten Tage wieder sein dürftiges Brot brachte, versprach er ihm die Freiheit, wenn er sich seines Weibes annehmen wolle. Jakob versicherte, sein Möglichstes tun zu wollen. In der Nacht führte ihn der Kerkermeister durch einen geheimen Gang -aus der Burg. Es war eine stürmische Winternacht, und sie gelangten unbeobachtet in das Dorf und in die Hütte. Jakob untersuchte die Frau und erteilte Anordnungen, die später zu ihrer Genesung führten. Dann brachte ihn der Sohn des Kerkermeisters auf einem Schlitten in einer Verkleidung hinweg. Es gelang dem befreiten Juden nach langer Zeit, in seine Heimat zurückzukehren. Er suchte die Familie des Grafen auf, und obwohl er inzwischen ein schwacher Greis geworden war, erklärte -er sich bereit, den Sohn des Grafen zu

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