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Der Israelit · 1929-07-18 · Heft 29 (18.7.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 29 (18.7.1929)
Date
1929-07-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 2 Nr. 14 Der 3 s raeliL Blätter 18. Jul: 1929', n^iTvrTUDij WELTKONGRESS D.AGUDAS-JISROEL 9miEN.10.-17. SEPTEfflBER 3. 21t. Lewin über die kenessio Gedaulo. In der Vorwoche hat in Wien eine Sitzung des Eeschäftssührenden Ausschusses der Agudas Jisroe! stattgesunde, i, der hier zwecks Besprechung wichtiger Fragen tagte, die auf dem im September in Wien stattsinoenden 2. Weltkongreh der Agudas Jisroel (Kenessio Gedaulo) zur Behandlung kommen sollen. Bei dieser Gelegenheit gab der Präsident des geschäftssührcnden Ausschusses der p o l n i s ch c n Agudah, Zerr I. M. L e w i n . dem Schriftführer der Wiener Wochenschrift „Die Wahrheit", verschiedene Auskünfte über aktuelle Fragen. Herr I. M. Lewin, ein Schwiegersohn des bekannten Eerer Rebben, äußerte sich sehr zufrieden über die derzeitige Situation der polnischen Agudah, die mit ihren 600 Ortsgruppen und 100 000 Mitgliedern, ihren Jugendgruppen und Arbeitergruppen einen großen Machtfaktor im polnischen Judentum darstellt. Dies äußerte sich auch bei den letzten S e j m w a h l e n , bei denen die Agudah aus ihre selbständige Liste 190 000 Stimmen vereinte, aber wegen des ungerechten (tu übrigen unserem österreichischen ähnlichen) Wahlrechtes auf diese Weise kein Mandat erobern konnte. (In Warschau z. B. erhielt die selbständige agudistische Liste 24 000 Stimmen, die Wahlzahl betrug aber 25 000.) Dagegen gelang vder Agudah, auf der Negierungsliste einen Vertreter, den Abg. Kirschbraun, zu erhalten, denn sie ist damals zusammen mit der Regierung vorgegangen, während die Jüdischnationalen es für angemessen hielten, mit den anderen Minoritäten gemeinsame Sache zu machen. Diese Haltung der polnischen Agudah hat bereits gute- Früchte getragen, der offizielle Antisemitismus, dessen Bestehen der Ministerpräsident Bartel seinerzeit in Sejm selbst zugeben mußte, wurde gebrochen. Auch die letzten Lemberger Unruhen wurden von der Regierung josörl un Keime erstickt. Dagegen machen die 'Jüdischnationalen gemeinsam mi? den anderen Minoritäten eine Minderheitenpolitik, die 'programmatisch nie die Zustimmung der Agudah finden kann. Aus kulturellem Gebiete leistet die Agudah in erzieherischer Hinsicht ungemein viel, hier sind besonders die Bejs- Jakob-Schulen zu erwähnen, deren Einrichtung dem tatkräftigen Direktor des Keren Hathora Doktor Deutschländer zu verdanken ist. Die Agudah schreitet jetzt an die Errichtung einer Jeschiwah in Lublin, und eines Seminars :in Krakau, ihre Warschauer Tageszeitung „Der Jud" hat starke Verbreitung; es ist also die kulturelle Tätigkeit der von Herrn I. M. Lewin geleiteten Organisation durchaus zufriedenstellend. Dies ist umso beachtenswerter, als die ökonomische Lage der polnischen Juden eine katastrophale ist. Trotzdem sie bloß 14 Prozent der Bevölkerung betragen, steuern sie infolge eines ungerechten Steuersystems, das vor allem die städtische Bevölkerung belastet, 30—40 Prozent zu dem sehr hohen Staatsbudget bei. Die Agudah will wegen dieser unerträglichen Wirtschaftslage der polnischen Juden auch in ökonomischer Hinsicht tätig sein; so wird jetzt an die Schaffung von Kreditinstituten mit Oeffentlichkeitsrecht geschritten. Besonders viel erwartet sich Herr I. M. Lewin von der bevorstehenden Kenessio Gedaulo, die eine geistige Ermunterung der religiösen Juden in aller Welt bringen soll. In diesem wirtschaftlich und politisch vielleicht schwersten Moment der jüdischen Geschichte soll ein ernstes Wort die Anschauung, daß das Judentum auf seiner heiligen Thora basiert, bekräftigen. Dies wird zugleich ein Aufleben der Organisation und eine Erstarkung der verschiedenartigen Tätigkeit der Weltorganisation beinhalten. Neben der Behandlung äußerst wichtiger Fragen, wie Schechita, Protest gegen die Religionsverfolgungen in Rußland wird vor allem die Stellungnahme zur I e w i s h Agency die aus aller Welt versammelten Delegierten stark beschäftigen. Die orthodoxen Juden sind von einer heißen Liebe zum Heiligen Lande durchdrungen, können aber an der Agency nn ihrer heutigen Form schon deshalb nicht teilnehmen, weil Verhandlungen über eine Beteiligung der machtvollen Weltorganisation der Agudah seitens der offiziellen Zionisten in den letzten fünf Jahren, da dieses Problem akut war, nie ausgenommen wurden. Seinerzeit schwebten wohl diesbezügliche Verhandlungen, doch scheiterten sie an der berechtigten Forderung der Agudah, daß die kulturellen Fragen ausgeschaltei werden sollen, da dies der einzige Punkt ist, der die beiderseitigen Anschauungen trennt. Jede Organisation sollte deshalb, nach dem Vorschlag der Orthodoxen, ihre kulturellen Institutionen selbständig weiterführen, weiters verlangte die Agudah, daß sie in religiösen Fragen nicht überstimmt werden dürfe. Nun ist auf nndemokratischer Grundlage eine Agency zustande gekommen, die für die Zionisten eine Verwirklichung ihres Leitsatzes „Der Judenstaat ist auf dem Wege" bedeuten soll, die Agudah aber kann die Agency rn r'hrer fetzigen Form nicht anerkennen. In ähnlichein Sinne dürfte nach der Ansicht des Herrn I. M. Lewin die Entscheidung der Kenessio Gedaulo fallen. Aus der Bewegung. Berlin. In der Frauen gruppe der Agudas Jisroel sprach Herr Alexander A l t m a u n über das Thema: „Vom Sinn Gehalt der Offenbar u n g". Nachdem der Redner in einleitenden Worten die allgemeinen Umrisse der Erfassungsmöglichkeiten der Offenbarung unter Bezugnahme auf den Rambam gezeichnet hatte, ging er daran, Wesen und Tatsache der Offenbarung zu entwickeln. Der leitende Gesichtspunkt des nun folgenden 1. Teils des Vortrages war: Aus dem philosophischen Begriff des Absoluten den jüdischen Begriff der.Offenbarung als ein Postulat der Vernunft abzuleiten. Der Redner zeigte, wie die beiden großen Strömungen der menschlichen Gristesgeschichte. der Relativismus und 'd er Absolutismus in allen ihren Spielarten, wicht imstande seien, den Begriff einer absoluten Wahrheit und eines absoluten Sollens zu erfüllen und so gelangte er durch einen philosophischen Beweisgang zum Begriff der g'ttlichen Offenbarung, deren Wirklichkeit also — noch abgesehen von ihrer geschichtlichen Tatsächlichkeit — eine Forderung der Vernunft sei. In der so gewonnenen philosophischen Fundierung trete dann eben noch als erfüllende Wirklichkeit dis historische Gegebenheit hinzu. Nachdein der Redner diese theoretische Grundlegung noch durch Bilder aus dem Midrasch und der künstlerischen Sphäre illustriert hatte, ging er vom Sinn zum eigentlichen Sinn g e h a l t der Offenbarung über. Er begann den 2. Teil mit einer grundsätzlichen Skizzierung der modernen Wertphilosophie, um an-einem systematischen Vergleichsobjekt den besonderen, absoluten Charakter des Taurogeistes umso deutlicher zu entwickeln. Er zeigte, wie die einzelnen Werte des Lebens bis hinauf zum höchsten Wert, dem der Heiligkeit, dort rubriziert und bewertet werden und zu 'welchen Konsequenzen dis dadurch bewirkte Zerschichtung des Lebens führe. Als den grandios 'einfachen Gegentyp beleuchtete er hierauf die Grundidee der Tauro mit ihrer Harmonisierung und Verabsolutierung aller Lebenswerte im Dienste des Heiligen. Hieraus xrgab sich zweierlei: 1. Der jüdische Begriff des Heiligen und 2. das jüdische Menschenideal der heiligen Persönlichkeit. Auch hierin konnte der Redner den fundamentalen Unterschied zwischen den jüdischen Weltmaßstäben (und denen anderer - Weltanschauungen auseinandersetzen. Im 3. Teil wandte er sich dem aus der theoretischen Grundlegung sich ergebenden Fragenkreis der praktischen Realisierung der jüdischen Idee in Welt und Judentum zu. An Hand von Geschichte, Gemoro und Midrasch legte er den faktischen Einfluß des Judentums auf den Geist der Menschheit dar, schilderte hierauf das jüdische Volk in seiner Beziehung zur Tauro und malte ein Bild von der tauroerfüllten jüdischen Seele, wie sie noch bis vor kurzem den Typus des jüdischen Volkes kennzeichnete. Diesem Bild der Vergangenheit stellte er dje seelische Qede der Gegenwart scharf gegenüber, zeigte den Grundfehler unserer unjüdischen Wertungsweise und forderte un diesem Punkte eine Umwertung unserer Werte. Einen besonderen Appell richtete der Redner an Hand zahlreicher Aeußerungen aus Midrasch und Tausesto an die ijüdische Frau, deren wesentlichste Ausgaben er aus dem theoretischen Gehalt seiner Gedanken organisch entwickelte. ünd zeigte die tiefe Bedeutung, die ihr Zusammenschluß zu einer Frauengruppe innerhalb der Agudas Jisroel -gewinnen könnte. Nach kurzem Hinweis auf das kommende Schwuausfest schloß der Redner seine Ausführungen. , Breslau. -Am Dienstag, den 9. Juli, fand in der hiesigen Agudahortsgruppe die Wahlversammlung für die Kenessio Gedaulo statt. Nachdem Herr Rabbi Dr. Cohn über die Aufgaben der Kenessio Gedaulo berichtet hatte, ergriff Herr Nabb. Dr. Esra Munk aus Berlin das Wort. Auf Wunsch der! Versammlung äußerte er sich zunächst über die Gesichtspunkte, die bei der Beurteilung des Kampfes um den Paragraph 4 der Agudah-Satzung in Betracht kommen. Schwierigkeiten ,entständen dadurch, daß die gleichen Organisationen wie z. B. der Misrachi' in den verschiedenen Ländern verschieden beurteilt werden und auch in der Tat eine verschiedene Färbung besitzen. Alsdann verbreitet sich der Redner singehend über die Frage der I e w i s h Agency. Der Orthodoxie sei es unmöglich in die Vlgenci) einzutreten, solange diese nicht ausschließlich aus wirtschaftliche und politische Angelegenheiten beschränkt werde, sondern vielmehr die Verantwortung für ein dem Geiste des überlieferten Judentums völlig widersprechendes Kulturwsrk zu tragen hat. Fürth -(Bayern). Die vor wenigen Wochen gegründete Ortsgruppe des A n g e st e l l t e n b u n d „A g u - das 'I i s r o e l" entfaltet eine sehr rege Tätigkeit. In dieser Woche wird in einer öffentlichen Versammlung der Gruppe Herr Rechtsanwalt Dr. Gustav Münz- Nürn-- berg über das Thema „A r b e i t s r e ch t" referieren. Die bei Gründung geplanten Fortbildungskurse in Englisch, je ein Kurs für Fortgeschrittene und Anfänger, haben zwischenzeitlich begonnen. — Die Gründung einer Mensa für junge Angestellte ist in die Wege geleitet. Elberfeld. Am 23. Juni traf die jüdische Jugend zwecks Gründung einer Ortsgruppe der Agudas Jisroel in der Synagoge Adäs-Aeschurun zusammen. Herr Aron Keller, Köln, sprach in kurzen Worten über Zweck, Ziel und Ausgaben der Agudas-Jisroel, betonte besonders, daß nur eine intensive Arbeit an den Heimabenden den Aufgaben der Agudas-Jisroel gerecht würde; außerdem müßte die Jugend durch geeignete Lektüre und die Besprechung, zeitgemäßer Probleme auf den Weg des thoratreuen Judentums geführt werden. Die neugegründete Gruppe der Agudas-Jisroel in Elberfeld würde der Ehewras- Limmud-Thauroh A. I. I. Ortsgruppe Köln unterstellt, die Uns mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. Unpolitisches Mosaik. Von Frank Levy. I. Es tut sich was, sagt man, glaube ich, in Berlin. Einer aus Wien hat einen Artikel gegen Rabbiner Hirsch geschrieben. Oder vielmehr über die ostjüdische Jugend, die in hellen Haufen zu ihm überlaufen soll (?). Die Welt liegt dem Artikelschreiber in den Haaren, _ er liegt der Welt in den Haaren. So oder so. Es ist gleich. Die Hauptsache: es tut sich. II. Einen Aufsatz gegen S. R. Hirsch. Wie heißt? — Also „Hirsch ist Philister, Hirsch ist Moralist, oder besser moralisierender Bürger" — Bum! „Die ostjüdische Jugend strömt gen Hirsch. Höchste Gefahr, allerhöchste Alarmbereitschaft!-Bum! Bum! „Eine der vornehmsten jeweiligen jüdischen Gesamtheitsaufgaben der A g u d a : Eindämmung der Hirschströmung im nahen Osten! Hm! Hm! Hm! Da hätten wir's ja. — Der erste Satz stammt ganz gewiß von einem bedeutenden Hirschforscher unserer epigonenhaften Gegenwart. Den zweiten Satz hat bestimmt ein berühmter Kenner der ostjüdischen Jugendpsyche vom Stapel gelassen. Der dritte Satz endlich ist der Crlösungsschrei einer rigorosen agudistrschen Seele.... Das.wäre die Textkritik — die hätten wir soweit geschafft. i III. Usbngens, all dem könnte eigentlich leicht abgeholfen werden. Wir schlagen, anstelle des herauszubaldowernden Paragraphen 4 folgenden neuen Anti-Hirsch-Paragraphen vor: — Kurz und bündig — § 4 der Aguda-Satzung: „Es ist jedem ostjüdischen Jünglinge (bis zu 120 Jahren) auf das strengste untersagt, irgend ein Werk von S. R. Hirsch zu lesen, zu kaufen oder sonstwie in seinem Besitz zu behalten. Wer es doch tut, ist zu keinem Amte in der Aguda wählbar." Das wäre doch ein Bombenerfolg in der Kenessio! Nicht wahr?—? Rabbiner Hirsch a. D. Die Jdealziele würden sich ihrer Verwirklichung mit riesigen Schritten nähern. Herrliche Zetten wären im Anzug. Die Unterscheidungsmerkmale zwischen ost- und westsüdischen Menschen würden verschwinden, bis auf ein unbeträchtliches Minimum, das nur darin bestehen würde, daß der letzere zwar den Chanrew und den Psalmkommentar ebensowenig kennen wird, wie der erstere, daß!er ihn aber doch wenigstens — zur Var-Mizwa geschenkt ibekommt. IV. Allen Ernstes, Herr S. Forst, Sie haben einen ganz unmöglichen Irrtum. Einen aufregenden, dämonischen Irrtum, der vor lauter .Widersinn auseinanderbirst. Denn den Irrtum kann man belächeln, wenn man guter Laune ist, aber den Menschen, der diesen Irrtum so hochoffigiell mit sich hecumfchlep.pt, aus dem dieser Irrtum so elementar begrisfswidrig herausschreit, diesen Menschen muß man nachdrücklich und unerbittlich daraus hin. weisen, wieso er so heroisch stolpern mutzte über banale Wahrheiten und welche psychologische Vertauschungen dieser ganzen Ansicht zugrunde liegen können. Ilm es kurz zu sagen. Man verwechselt die Erscheinung mit tzhrem Widerschein. Man sagt Rabbiner Hirsch und meint damit bewußt und unbewußt die verschiedenen Fornren der kalten und warmen Begeisterung seiner Anhänger. Nicht S. N. Hirsch ist ein Bourgeois — Herr Forst sondern vielmehr ein Großteil seiner Bekenner im Westen. Hirsch und sein Werk — von den „Neunzehn Brieseu" bis zur „Jüdischen Symbolik", von den „Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel" bis zur Austrittsgemeinde >— atmen ohne Ausnahme: fieberhafte innere Angespanntheit. . _ Sie find alle gleichsam der stoßweise Atem^eines bis an die Fingerspitzen mit revolutionären Energien geladenen Deines. Sie sind feuerlebendige Schöpfungen, die jsich ein wuchtender Riesengeift stürmisch abgerungen hat.' 'Gewiß '7— diese Werke können zugestandenermaßen alle aussehen, wie biedere, folgsam-brave Bausteine einer platten, ’ -anspruchslosen Bürgerwohnung. Sie können sich. UUck) lesen wie satte Moralreden, saftige Deutungen und Sprüche ohne revolutionäre Dynamik, ohne schwunghafte Fiebrigkeil.

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