Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1929)
- Date
- 1929-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Aus den Geheimnissen des Golus. (Eine Wund-erg-efchichte ohne Wunder, nuch dem Werke 'iisv H Husjatin 5688.) Der berühmte Gaon Rabbi Samson Wiener pflegte aus- und einzugehen beim König. Eines Tages fragte der König geradeaus: „Sin d die Juden das auserwählte Volk, warum find sie dann schon« so lange in der Golusvsrbannung?" x „!Das kommt nur daher," sagte der Rabbi, „daß immer noch Neid und Haß unter ihnen herrschen." . „Das leuchtet mir nicht ein," erwiderte der König. „Ich will klaren Bescheid haben, wenn ich dir und den Juden noch weiterhin meine Freundschaft schenken soll." Rabbi Samson fühlte sich bedrängt und grübelte über neue Gründe nach, konnte aber keine finden. Die alten Bücher und die innere Stimme sagten ihm, daß es d o ch so sei, daß nur Neid und Eifersucht die Erlösung aufhalten. q- * * Da ergab es sich einmal,; daß sich der König mit seinem Gefolge auf der Jagd befand. Es war zur kältesten Winterzeit, da Schnee und Eis alle Wege bedeckten. Im Walde kam die Jagdgesellschaft 'auseinander. Jeder wollte auf eigenem Wege dem Wilde nachjagen'. Der König verirrte sich aber im dunkeln Walde und verlor die Fühlung mit seinen Leuten. Es verging ein halber Tag und der König war noch nicht zurück. Da bemächtigte sich eine große Unruhe der Minister und Generäle. Sie gingen hinaus, nach dem König zu suchen, schrieen, riefen, pfiffen, gaben Signale und ließen die Hunde bellen und stöbern, aber vom König kam keine Antwort und zeigte sich keine Spur. Der König irrte auf einsamen Wegen herum, weitab von der Gesellschaft, die ihn suchte. Es senkte sich finstere.Nacht über die Erde. Von allen Seiten heulten die wilden Tiere. Todesangst erfüllte sein Herz, aber je mehr er sich mühte, auf die richtige Straße zu kommen, desto mehr irrte er vom Wege ab. Er war -allein, umgeben von nächtlicher Finsternis/und wilden-Tieren, die in der kalten Jahreszeit umherschwürmten und nach Beute brüllten. *- :; Plötzlich sah er sich an einem Flusse, der den Wald von einem Dorfe trenntet Rasch tat er die Kleider ab undschwamm, da nirgends eine Brücke oder Fähre zu sehen war, hinüber. Ohne Kleider stand er, naß und frierend-, aus der anderen Seite und klopfte an das dunkle Fenster des ersten Hauses. Kaum hatte die Bauersfrau den Mann in diesem Zustande erblickt, da schrie sie, Teufel und Dämonen stiegen aus der Hölle auf, um sie zu erschrecken, und schloß schleunigst Türe und Fenster. So erging es ihm auch an der Türe des Zweiten, des dritten und vierten Hauses. Wer wollte einen nackten, zerzausten Menschen mitten in der Nacht ins Haus lassen? Da erblickteer blinkendes Licht in einem der großen Häuser. Cs war die Schenke oder Herberge, die Berte, der jüdische Schenker, w« Pacht hatte. Dorthin begab sich nun der seiner Güter und Würden bis aufs Hemdentblößte König. Die Wirtsfrau schrie entsetzt auf bei dem Anblick des Mannes und wollte ihn von der Türe weifen. Berte aber dachte anders darüber. „Ein armer Mensch, wenn auch Nichtjude, er friert und ist hungrig. Ließen wir ihn draußen', dann erfriert' er und wir hätten seinen Tod verschuldet. So mög er eintreten und sich erwärmen." . Den Protesten der Frau zum Trotze, die in ihm einen Mörder fürchtete, der sie nachts alle umbringen würde, ließ Perke den Mann ins Haus, setzte ihn an den Tisch undbewirtete ihn mit Schnaps und Speisen. Dann legte sich der Fremde auf der Ofenbank zur Ruhe, und der jüdische Wirt deckte ihn sogar mit seinem Ziegenpelze zu. Er ließ aber die ganze Nacht das Licht brennen und behielt den sonderbaren Mann im Auge, da sich seine Frau noch immer nicht beruhigt hatte. Morgens stand der Mann auf und fragte den Juden, wie weit er nach Wien zu fahren hätte und ob nicht ein Fuhrwerk zu haben sei. Er habe noch gerade Geld genug, um dieses zu bezahlen. Der jüdische Wirt erbot sich, sein kleines Wägelchen anzufpannen undihn gegen vier Gulden nach Wien zu fahren, überließ chm auch, trotz der Bedenken der Frau, leihweise den Pelz für die Reise. -In Wien angekommen, fragte der Jude, wo er halten undihn absetzen solle. „Vor dem königlichen Schloß," sagte der Reisende zum größten Erstaunen Berkes. „Man wirduns einsperren und totschlagen, wenn wir in solchem Zustande dort erscheinen," ängstigte sich der Jude. „Keine Angst", beruhigte ihn der Fremde, „ich stehe für alles -ein." Wie sie nun vor dem Hofe des Königs erschienen, gab es große Unruhe und freudige Bewegung. „Er ist da!" ging es von Mundzu Mund. Und geschmückte Diener eilten von -allen Seiten herbei. Das sah alles Berke nicht, denn er blieb draußen bei seinem Wagen. * * * Der König ging inseine Gemächer, wusch sich und wechselte seine Kleider. Dann ließ er den kleinen jüdischen Schenkwirt vor sich kommen. Von Mächtigem Schrecken wurde dieser gepackt, als ihn die Diener von seinem Wagenwegholten und-zum König führten. „Sagte ich es mir doch gleich," dachte der Jude, „ich durfte hier nicht halten. Nun ist dieser fremde Reisende verschwunden und hat mich meinem Schicksal überlassen. Ich werde jetzt zur Rechenschaft für meine Tat gezogen." Im vollen Glanze seiner königlichen Würde und inkostbaren Gewändern saß der König an der Spitze seiner Räte. Der Jude erkannte ihn natürlich nicht. Auf die Frage des Königs, ob er ihn kenne, sagte er tonlos: „Wie sollte ich, ein armer jüdischer Dorfpächter, den- König schon« gesehen und gesprochen haben?" „Aber ich kenne d i ch wohl," sagte der König. „Ich kenne dein Haus, deine Frau und jedes Gerät deiner bescheidenen Wohnung ist mir vertraut. Wer hat heute Nacht in deinem Hause übernachtet?" „Ich weiß es nicht," zitterte der Jude, „er kam halb nackt und erfroren inmein HaUs und ich nahm ihn -auf, weil es ebenein Mensch war, der Hunger und Kälte ausgesetzt war. Heute brachte ich ihn hierher, setzte -ihn auf seinen- Wunsch hier ab, und nun ist er verschwunden. Ich bin unschuldig . . ." „Ich bin selber der Mann," sagte der König, „der heute Nacht in deinem Hause ein« schützendes Dach gesunden." Und nunerzählte er den Ministern den- Vorgang in allen Einzelheiten, erzählte, wie er von jeder Türe abgewiesen wurde und einzig und allein im Hause des Juden- Liebe und Gastfreundschaft gefunden hätte. „Nenne mir deinen Lohn," sagte nun der König. „Hundert,-taufend, zehntausend oder hunderttaufend Gulden, es soll mir sticht zuviel sein." Der Jude schwieg. „Ist es zu wenig, dann nenne du den Betrag." Der Jude gab keine Antwort. fi rar. 29 11 1929 „Dann zahle ich eben nur deine Auslagen," sagte der König ärgerlich. Nun öffnete Berke den Mund: „Geld und Gut sind mir nicht so wichtig, ein anderer Wunsch liegt mir sehr -am Herzen, -den« der König erfüllen möge." „Nenne deinen« Wunsch." „Im Nachbardorf sitzt ein Mann, der Woche für Woche in mein Dorf kommt und dort alles Getreide, Felle und Flachs von den Bauern, sozusagen mir vor der Nase weg kauft. Mein einzigre Wunsch wäre, daß -diesem Nachbar verboten würde, in mein Dorf zu kommen . . Tags darauf ließ der König- Rabbi Samson kommen und sagte chm: „Du hast recht, Rabbi! Ein« herrliches Volk, dieses Volk der Juden, kein Volk auf Erden-, dem die Liebe, das Erbarmen- und die Hilfsbereitschaft so tief im Herzen sitzt, wie diesem Volke. Aber Neid und Eifersucht fressen wie Würmer an diesem Edelholze, sind die Schatten, die die herrlichen Eigenschaften zeitweilig verdecken." „Wir beten," schloß -der Rabbi, „und wir arbeiten dahin, daß dieses Unkraut aus den jüdischen Herzen entfernt wird, damit die Erlösung baldkommt. . ." Die «Habimain Palästina. Die ^„Habima", die nach ihrem Triumphzug durch Europa -für eine zeitlang in Palästina gelandet ist, kam dort «nicht so aus ihre Rechnung, wie man es bei dieser hebräischen Bühnenkunst im Lande der hebräischen Sprache hätte erwarten dürfen. Zu ihrem Repertoire hat sie dort noch einiges hinzugelernt. Ihr letztes Stück heißt: „Kether David" (Die Krone Davids), ein biblisches Drama, das unseren König David im Mittelpunkte hat. Und -gerade dieses Stück hat in Palästina eine Bewertung gefunden, die die „Habima" nicht gerade im Zeichen des Aufstieges zeigt. Zn T e l - A w i w gab es nach der ersten Vorstellung eine Massenversammlung, die von 5000 -Menschen besucht" war und die' so etwas 'wie ein öffentliches Gericht über das Stück, das Spiel und die „Habima" überhaupt abhielt. 'Nach Berichten palästinensischer Zeitungen beteiligte sich Bialik an der Auseinandersetzung nicht, ebenso lehnten ses die Mitglieder der „Habima" ab, in diq Diskussion einzngreifen. Das Hauptreferat, schon beinahe eine Anklagerede, hielt Dr. K a b a k. Die Superlative, /mit denen man jahrelang die Habima verwöhnt hatte, 'sagte er, müßten endlich aufhören. Daß sie jetzt gar dazu kam, König David so zu prosanieren, zeuge von Impotenz. Er sieht aber darüber hinaus auch in all den anderen Werken der „Habima" ein einfältiges Gemisch von ertremem Modernismus. Der /sDybuk" fei eine Fälschung des. jüdischen Lebens. Im „Ozar" (Der Schatz) sieht man die Inden des Städtchens durchweg als Idioten und Neurastheniker. Die „Habima" haÄ gar kerne Verbundenheit mit dem jüdischen und hebräischen Schaffen, -auch nicht mit dem hebräischen schaffenden Schriftsteller, Md verdiene nicht den - Namen eines jüdischen Nationaltheaters. ,Er protestiert gegen die Zuschüsse für den Regisseur. Dr. M o s s i n s o h n: Die Darstellung eines biblischen Dramas legt uns Juden Pflichten auf. Die „Habima" spielte mit gryßer Kunst. Aber die Darstellung trug ein fremdes Gesicht, bedeutete sogar in einzelnen Punkten!ein Sakrileg. Die nichtjüdische Gestalt des Königs David stieß ab. Will man schon ein ' historisches Drama zur Vorstellung bringen, so dürfen doch die Personen picht des Charakters entkleidet werden, die ihnen Geschichte und Tradition gegeben haben. Die Kluft zwischen Schriftsteller und Theater führt in der „Habima" zu unjüdischen Erscheinungen. Vr erkennt das große Können der „Habima"-Äeute an, wünscht aber, daß sie sich mehr in die jüdische Psyche vertiefen. (Es ist schade, daß Dr. Mossinsohn bei der Darstellung der biblischen Gestalten 'im Vibelunterricht in seiner Schule 'bekanntermaßen einen anderen Standpunkt vertritt und betätigt.) Dr. Heräri nimmt die „Habima" in Schutz. Es sei!ihr gutes Recht, König David nach ihrer Auffassung darzustellen. Wer von den Kritikern könne sagen, wie König David in Wahrheit war?. Er teile nur den einen Vorwurf, daß die „Habima" sich zu wenig für die literarischen Schöpfungen jüdischer Schriftsteller interessiere. Noch wärmer für die „Habima"- und speziell für das Dav'idstück stritt Dr. 'K'a u f m a n n ein. Gerade kn dieser Darstellung 'sieht er deutlich, was die „Habima" bereits m Palästina gelernr hat. "Herr Z e r n'o w k tz, der dfe Versammlung leitete, faßte in einer Schlußrede das Pro und Contra zusammen und dankte den Rednern und der Versammlung.