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Der Israelit · 1929-07-09 · Heft 28 (9.7.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 28 (9.7.1929)
Date
1929-07-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Selbe 14. Nr. 28 Der Israelit 11. IM 1929 zuckte es vom Scheitel bis zur Zehe. Ein verdächtiges Scharren und Hüsteln ließ sich ringsum vernehmen . . . Wird der Zug warten, bis die Schemoneh Eßreh zu Ende ist . . .? Sonst ist der Jahrmarkt verloren ... Er bot alle seinie Kräfte aus, um diese niedrigen Gedanken abzuweisen ... Der Jahrmarkt. . . Zehn oder auch zwanzig Gulden Verdienst . . . Die Unruhe wuchs und Perl, der Getreidemakler, fühlte, daß seine ganze Gemeinde jetzt an allen Gliedern zitterte . . . Man müßte die stille Schemoneh Eßreh abbrechen, Gott stehen lassen, um zu den Waggons zu stürzen . . . Jetzt ertönte abermals ein langgezogener Pfiff, dann ließ sich ein ohrenbetäubendes Zischen vernehmen . . . Die Lokomotive hielt. Der Stationsvorsteher stürzte heraus, mit der Glocke in der Hand und schrie: „Eine Minute Aufenthalt, alles einsteigen . . .! Alles einsteigen . . .!" Der Vorbeter fühlte sich wie gelähmt an allen Gliedern. Auf ihm lastete jetzt die Verantwortung, er war ihr Abgesandter vor Gott . . . Wenn sie jetzt Reißaus nehmen und das heiligste Gebet abbrechen, und zur Krippe und zum Jahrmärkte hinstürzen, nie -im Leben würde er wieder den Mut finden . . . Welch eine Schmach vor Gott . . .! „Eine Minute Aufenthalt! Alles einsteigen . . .!" gellte es ihm durch das Hirn. Er stopfte sich die Daumen in die Ohren, um nichts zu hören. Wie zusammengeballt in einem einzigen Bilde standen sie plötzlich alle vor ihm, der Viehhändler, der Glaser, der Schneider und sein kranker Knabe, der Haubenmacher und der Bucklige und alle anderen, die zum Jahrmarkt hin wollten, um etwas zu verdienen . . . Vielleicht den> Unterhalt von Weib und Kind für einige Wochen . . . Wenn sie alle jetzt auf und' davonliefen, wer würde es fertrgbringen, einen Stein auf sie zu werfen . . .? Er flüsterte schmerzlich, fast laut: „Verzeih uns, Vater, denn wir haben gesündigt . . . Vergib uns, König, denn wir haben gefrevelt . . Er hielt die Augen geschlossen und lehnte sich schwer an^ den Baum . . . War noch jemand im Wäldchen, oder waren sie schon alle fort . . .? „Blick herab auf unser Elend, nimm dich unser an, und erlöse uns, um deines Namens willen, denn du bist ein mächtiger Erlöser ..." Heiß und leidenschaftlich, wie nie zuvor im Leben, hauchte er diese Worte hin, krampfte unter dem Tallith die Finger zusammen, daß sich ihm die Nägel ins Fleisch bohrten . . . „Sende uns deine Heilung und wir werden genesen, schick uns deine Hilfe, und uns wird geholfen sein, denn du bist ein treuer und' barmherziger Arzt..." Wie ein geheimnisvoller, glühender Strom ging es von ihm aus und legt sich, einem Banne gleich, über alle anderen. Keiner wagte sich zu rühren . . . Ein Pfiff, dann fing das Knattern der Lokomotive wieder an, der Zug setzte sich in Bewegung. Fort war er. . . „Zum Donnerwetter", schrie der Stationsvorsteher, der wieder herauskam. „Die alle sind zukückgbelieben!! Stehen da und schaukeln sich, wie die Aehren im Winde . . . Und sind die halbe Pacht gelaufen, um den Zug zu erreichen . . . Eine schöne Geschichte! Jetzt können sie bis zum Abend warten." Berl fühlte, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen war . . . Nun war alles überstanden v . . Er holte tief Atem. Ihm war, als hätte er etwas Großes erlebt. Er war sehr bewegt. Triumphierend klang seine Stimme, jetzt hatte es keinen Zweck mehr, sich zu beeilen. Er holte die schönsten Weisen hervor und fang die stille Schemoneh Eßreh laut und' feierlich zu Ende, als wäre heute ein rechter Festtag. „Mein Gott, bewahre meine Zunge vor bösen Reden und meine Lippen vor trügerischen Worten, denen, die mir fluchen, laß meine Seele schwelgend verzeihen, und demütig wie der Staub sei sie gegen alle . . . Oeffne mein Herz deiner Lehre, auf daß ich deinen Geboten nachstrebe : . Der du Frieden wirkst in deinen Höhen, sende Frieden über uns und über ganz Israel. Amen!" J Er verneigte sich M trat tzrei Schritte zurück, dann wandte er sich um. AM waren schweigend damit beschäftigt, TaMth und Thephillin abzulegen. „Eine schöne Geschichte habt ihr mir da eingebrockt . . ." platzte endlich der Großgrundbesitzer heraus . . . „Mit Juden soll man sich nie einlassen, das sag' ich mir immer. Kommt da solch 'ein Hungerleider, solch ein Tagedieb, und schleppt mich hinein zu Minjan, und ich laß mir den Zug vor der Nase weglaufen ... Jetzt muß ich die Pferde abhetzen, um noch rechtzeitig in Rohany zu sein ..." „Ach, was werden Sie sich ärgern, gnädiger Herr, holen Sie lieber Ihre Flasche mit dem guten Tropfen hervor, wir wollen mal Thikkun trinken, da wir schon Minjan gemacht haben." „Hol dich der Teufel mit deinem guten Tropfen," schrie der Gutsbesitzer wütend. „Janko, Stefan!" rief er nach dem Kutscher und dem Lakai, „packt die Sachen wieder in den Wagen, wir fahren nach Rohany! . . . Ha, was soll ich nur mit 'euch anfangen, ihr Habenichtse, ihr Schnorrer, ihr Lumpengesindel? Ich kann euch doch nicht alle in meinen, Wagen stecken, es ist kein Platz! . . . Du, Joffel, pack deinen kranken Bengel hinein, ganz oben auf meinen Sitz, damit ers bequem hat . . . und ihr beiden da, ladet eure verfluchten Päcke hinauf, und klettert hinein, soviel nur hinein könn,en . . . Zum Teufel auch, will man sich einmal einen vergnügten Tag machen, kommen einem die mit ihrem Minjan dazwischen, und man muß sich mit einem Wagen voll schmieriger Juden zur Stadt schleppen, allen, anständigen Leuten zum Gespött, und versäumt dabei das Wichtigste ..." Schimpfend und fluchend überwachte er die Aufladung ihrer Habfeligkerten, ließ ihrer einsteigen, so viele Platz fanden. „Hier, du buckliges Kamel, da hast du eine Flasche vom besten, trink und' ersäufe daran. Willst du nicht auch einsteigen? ..." „Nein, ich danke", antwortete Labik, „ich werde zu Fuß gehen mit den andern, wir haben nichts zu versäumen." Die meisten mußten Zurückbleiben. Es galt, zu Fuß Rohany zu erreichen, aber der Jahrmarkt war verloren. Das war ein bitterer Verlust. Aber sie waren alle von einem gehobenen Gefühl beherrscht, als hätten sie ein Fest mitgemacht. Teuer bezahlt hatten sie es, na, Gott wird ihnen das schon auf eine andere Weife ersetzen ... Wie sollte man einer solchen Mizwah aus dem Wege gehen, die man so selten zu erfüllen Gelegenheit hat? . . . Wegen eines Jahrmarktes, wegen einiger Geldstücke? . . . Man will doch auch einmal Jude sein . . .Gott kann einem auch ohne den Jahrmarkt helfen . . . Halb wehmütig, halb fröhlich tranken sie einander zu, nippten an den Gläschen und wünschten sich gegenseitig alles Gute. Dann riefen sie den Bauer herbei, der die Hirtenjungen verscheucht, und schenkten ihm ein, er spuckte kräftig aus und jagte drei Gläschen nacheinander hinter die Binde . . . Immer mehr verflüchtigte sich der Mißmut über den herben Verlust. Eine herzhafte, hoffnungsfreudige Stimmung überkam sie. Hersch Lügner allein ging länge schweigend und aufgeregt hm und her, dann wurde er auf einmal redselig, und fing an, seine Geschichten zu erzählen. Plötzlich brach er ab, eilte fort in den Hinterhof des Stationsgebäudes, wo er von keinem gesehen werden konnte, zog das verfluchte, sauber geschriebene Stück Papier aus der Brusttasche, zerriß es in winzige Fetzen, und ließ sie im Winde flattern. Dann kam er zurück und rief: „So, nun können wir gehen! Es ist höchste-Zeit!" Die Kutsche des Großgrundbesitzers trabte die Anhöhe hinan. Oben angelangt, sah er sich um und erblickte M paar Indem die- Mit ihrens Bündeln auf den Schultern unten im Tal einhertrotteten, schüttelte voll Mitleid den Kopf Und dächte bei sich: „Solch ein dummes Polt! Sagt man da immer/'die Jüdeti stiM ftutz! Wegen' eines Minjans den Jahrmarkt zrr verfaunW! Söhch ein dummes, dummes Volk! / - Me der Bobower Rebbe einen Juden vor großen Unheil rettet. Jüdische und poMifche Blätter Polens .bringen folgende Bsgebenhest, di« sich wie >em Wunden? anhörk und zur Zeit das ganze jüdische Galizien in Atem Haft. Im Dorfe Kamjonko m GaW>en fand man die Leiche des Landwirts Roman Btlewki. Der Verdacht fiel auf den jüdischen. Schankwirt >in Kamjonko, Beter, der wenige Tage vorher einenhiestigen Zusammenstoß mit Bilewskr hatte, wobei der Jude von dem Bauer sogar tätlich angegriffen und. mißhandelt wurde. Es stand nun bei den BansM und dev Polizei fest, daß der Jude 'aus Rache den Bilewskr meuchlings ermordet Hatto. Beler wurde, obwohl er sich entschieden gegen diesen Verdacht wehrte und bei Gott, Himmel und Erde-seine Unschuld beschwor, ln Haft genommen. In seiner Verzweiflung begab sich der Sohn des Verhafteten zum B o b o w >e r R e b b e n. Er schüttete ihm das Herz aus, schilderte unter Tränen die Gefahr, in der sich sein Vater unverfchuDe'tlsr Weife befand und wußte zu erzählen, daß drei Bauern aus dem Dorfe Feinde des Bilewski waren und schon wiederholt ihn mit dem Tode bedrohten^. Der Rebbe hieß dienjungen Beler sofort noch vor der Bestattung des Ermordeten nach Hause fahren. Er solle den Richter und die Polizei dazu bewegen, daß sowohl se>m Vater wie die drei genannten Bauern an die Leiche des Ermordeten! geführt werden. Alle vier sollten nacheinander der Leiche die Hand drücken. Wer von ihnen, feiine Hand von der des Toten nicht mehr los bekommt, seid der Mörder. Bei der gewaltigen Autorität, die der. Bobower Rebbe. auch kn den nrchtjüdischen Kreisen Westgaliziens besitzt, ließ sich der Untersuchungsrichter auf -den Versuch ein, obwohl er der Sache sehr skeptisch gegenü'berstcmd. Im Beisein der Kriminalpolizei und der Unlerfuchuntzsbehörden wurden nun die vier Männer an die Leiche gebracht. Ms erster trat der Jude Beler an den Toten heran, drückte jene Hand und ging wieder aar seinen Platz. Auch der eine Bauer konnte' sich glatt vom Toten loslassen. Wie aber der zweite Bauer, mit Namen Jüsef Paknik,, >des Toten Hand berührte!, brach er in einen hysterischen Schveikrampf aus. Er fürchtete sich vor dem Toten, 'daß er sich an chm nicht räche. Und dann legte er im Angesicht der Leiche und in Gegenwart der Behörden ein umfassendes Geständnis ab. Er hatte schon lange mit BAewski Differenzen, wegen einer Feldgvenze. Sie lebten in Feindschaft, und er wollte nun dem Streite, da er ihn gerade auf .einsamem Wege 'traf, mit .der Axt ein Ende machen. Jusef Palnkk wurde sofort in Haft genommen. Der jüdische Schenkwirt Beter ist auf steten Fuß gesetzt. Ob Wunder oder nur kluger Rah, das Eingreifen des Rabbi hat zur Aufdeckung des Verbrechens und zur Abwendung schweren Unheils vom Haupte eines Unschuldigen .geführt. Garantiert nur aus reinen 'Pflanzenölen hergestellt 100 Gramm-Stück 15 Pfg. 200 Gramm-Stück 30 P f g ausdrücklich öie beste tur Alleinige üerstelter, Chemnilifeppd ffTTTTTTTTT mm Seit 33 Jahren beliebt und bewährt, in tausenden von Haushaltungen als unentbehrlich erprobt, so ersteut sich bei unseren Hausstauen unter den Bedarfsartikeln für die Hauswirtschaft' die rühmlichst bekannte weiße Elefantenseife mit der Schutzmarke „Elefant" von Günther & Haußner A.-G. in Chemnitz der größten Beachtung und Wertschätzung. 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