Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1929)
- Date
- 1929-07-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Jeuilleion Beilage Der jsraetit Nr. 2$ 1-2- Meltgewissen und Schuldlüge. (Aus einer Rede, die im Völkerbunde nicht gehalten wurde.) Einst fragte eine Matrone Rabbi Joste spöttisch, womit eigentlich der Gott der Juden seine Zeit ausfülle, nachdem er doch i-n sechs Tagen sein Schöpfungswerk -vollendet hatte und seit dieser Zeit sozusagen arbeitslos fei. „Er führt die Paare zusammen", antwortete der Rabbi, „eine Aufgabe, die täglich neue Arbeit bringt/' „Heiratsvermittlergeschäfte!" lachte die kluge Römerin. „Solche Schicksalschmiederei bringe auch ich fertig, ohne erst eine Göttin sein zu wollen." Und sie zeigte nun, w i e sie es konnte, lieh all ihre ledigen Sklaven und Sklavinnen antre- Len, stellte sie nach Geschlechtern in zwei Reihen auf und verfügte: „Du hast diese und jene diesen zu heiraten!" „Also habe ich dag göttliche Handwerk der Herzensverbmdungen geübt", triumphierte die Matrone. „Wollen abwarten!" sagte der Rabbi skeptisch, „wollen sehen, wie sich diese von oben herab diktierten Eheverbindungen nach zehn Tagen bewährt haben." Nach zehn Tagen hatten die Neuvermählten Paare in Gegenwart von Rabbi und Matrone wieder anzutreten«. Welch grausiger Anblick! Lahm kam der eine hergehumpelt, halb erblindet die andere, alle voller Groll und Bitterkeit, mit verbundenen Köpfen und den bittersten Vorwürfen gegen die Herrin über die aufgezwungene Verbindung. Alle klagten sie ihr Schicksal an und schrien nach Aenderung, Erlösung, Trennung ... „So sehen Bündnisse aus, wenn sie von Menschen nach Laune oder Maßgabe eigener Interessen der Diktatoren von oben herab diktiert werden. Es ist eine göttliche Arbeit, Paare Zusammenzuführen." — Wir lachen über die ergötzliche Midraschgeschichte und wissen kaum, daß wir damit den Geist der Geschichte und die. Weltpolitik von heute belachen. Rabbi Joste darf n o ch lachen über die naiv-brutale Handlung der vielmögenden römischen Herrin. Zehn Jahre sind verstrichen, seitdem „die Herren der aus Blut und Eisen, neu hervorgegangenen Welt" in Versailles mit der goldenen Feder in der Hand die politischen Eheverbindungen der Völker, Länder und Nationen diktierten. „Das Volk gehört zu diesem Landstrich, jene Sprachgemeinschaft zu der und der Nation!" Her mit der Karte Europas! Hier ein Zeichen und dort eine Linie und dort wiederum ein Punkt. Trennungsstriche und Vindungsstriche. Das sind die neuen Grenzen Europas. Die und die Völker und Länder gehören zusammen. Und damit basta! Wie sieht die Sache nach zehn Jahren aus? Lahm und blind- und mit verbundenen Köpfen stehen sie alle da und schreien im Chore: „So kann, so darf es nicht weitergehen!" Polen und Litauen liegen sich in den Haaren und auf dern Balkan schießen sie aus Kriegsflinten. „Heraus mit unserem WMal" schreien die Litauer. Sie haben zwar dafür den Deutschen Memel genommen. Aber darüber sollen sie, die Deutschen, schreien. Und sie tun es auch. Belgien will deutsche Mark, Amerika französische Franken haben. In Frankreich ruft man das W e l t g e w i s s e n gegen Amerika an, und Deutschland begeht den „Jahrzeitstag" von Versailles als Trauertag. Sein „Kaddischgebet" ist eine Verwahrung gegen die Schuld lüge. Weltgewissen und Schuldlügje! Worte, die auch für uns Juden immerhin von einiger Bedeutung sind. W e l t g e w i s s e n! Wo war das Weltgewissen, als bei der Liquidierung des Krieges in Südrußland die Soldateska in jüdischem Blute badete? Wo bleibt das Weltgewissen, da im roten Sowjet sich jüdische Menschen mit ihrem Sabbat und ihrem heiligen Buche in den tiefen Keller und auf den Dachboden verkriechen müssen, um nicht die alte Kaiserstraße hinab nach Sibirien zu wandern«? Wo war das Weltgewissen, als man vor etwa einem Jahre im alten Rumänien und erst vor wenigen Wochen in Lemberg und in P o s e n den Juden die Fensterscheiben und den Schädel dazu einschlug und ihre Synagogen demolierte? Warum schweigt das Weltgewissen', wenn im arabischen Jemen jüdische Kinder zum Islam gezwungen werden und in die Wüste flüchten, um dort ein Raub der wilden Tiere zu werden? Wo bleibt das Weltgewisten, wenn Furien in Menschengestalt, in jüdische Friedhöfe eindringen, um — etwas, was Altertum und Mittelalter nicht kannten — den Schlaf der Toten zu stören und ihre letzte Wohnung, das Grabmal, zu schänden? S ch u l d >l ü g e! Es ist ganz gewiß eine Ungeheuerlichkeit, einem Volke allein die Schuld für den ersten August 1914 zuzuschieben. Wenn in der Kinderstube mit Waffen gespielt wird und das Unheil ist geschehen, so sind sie alle gleich schuldig und gleich unschuldig. Man verwahre sich in schärfsten Tönen gegen diese Lüge der Alleinschutd. Allein, es gibt ja so viele der Schuld lügen in der Geschichte, vom Altertum und Mittelalter her, die zu zerstreuen wären. Wie wäre es, wenn man endlich einmal — der englische Pastor Dr. Heerford gibt den Anlaß dazu — an die zweitau - sendjährige S ch u l d l ü g e gegen die alten Pharisäer heranginge? Wir wollen mit Dokumenten, den wahren Protokollen der „Weisen von Zion" dienen. Man lese die B ü - ch e r d e r V ä t e r s p r ü ch e, wie wir es selbst den ganzen Sommer über Sabbat für Sabbat tun, und sehe, wie „rechthaberisch" und „selbstgefällig" diese „Buchstabenmenschen" waren. Hier hat nicht der Verteidiger das Wort, sondern die Pharisäer sprechen selber . . . Wie steht es mit der Lüge der Brunnen- Vergiftung im deutschen Mittelalter, die sich heute noch in anderer und verschiedener Art und Weise auswirkt? Man verwahrt sich gegen die Schuldlüge und verbreitet auf der anderen Seite in Wort und Schrift, die Juden hätten erst den Krieg und dann die Niederlage verschuldet; die Juden, die Hunderttausende von Opfern stellten. Und dann die Lüge aller Lügen, die uns schon die Schamröte ins Gesicht treibt, wenn wir uns gegen sie verteidigen müssen, die Ritualmordlüge. Hier gäbe es schon Arbeit für das Weltgewisfen, stände zu hoffen, daß es durch den Faustschlag auf den Tisch der französischen Kammer wirklich geweckt würde. Der alte Rabbi Josse hat schon recht. Erst wenn „Gott die Paare zusammenführt", wenn Ehebündnisse zwischen Völkern, Nationen und Ländern nach inneren Grundsätzen und^ Notwendigkeiten einer wahren Weltbesriedung geschlossen werden, dann erst kann die Welt zur Ruhe kommen. . •: -!:r : Ein Völkerfrieden setzt aber voraus, daß jedes Volk den Frieden in sich hat und-ihn zum Bun d e.des Friedens bringt. Und i m Volke sind es die Einzelnen, die den Frieden in sich tragen müssen, um, in Multiplikation dieses individuellen Friedens, Volk in Frieden und Einheit abzugeben. Die Urzelle des Weltfriedens trägt jedermann in seiner Brust. Die Steigerung des Friedens, mit dem Gott seine Menschen segnet, lautet: „Friede dir, Friede deinem Hause und — dann erst — Friede alt dem, was dir ist . . ." Der Jahrmarkt von Rohany. Novelle von Vinjamin Segel. (Schluß.) Und der Vorbeter sang: „ . . . damit wir dir danken und dich als Einzigen bekennen in Liebe. Gepriesen sei, Ewiger, der du erkoren Haft dein Volk Israel in Liebe!" — Jetzt fuhr es wie ein elektrischer Strom durch die Versammelten. Die Augen schlossen sich, die Hände hoben sich hoch, wie zum Schwur: die Finger streckten und bogen sich in wonniger Verzückung. „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." „Echoood!" zog es sich lange hin, so weit der Atemzug reichte. Da zischten einige kleine Kieselsteine durch die Luft und fielen dem einen und dem andern auf den Kopf. „Und du wirst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und es sollen die Worte, die ich dir heute gebiete, in deinem Herzen sein, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen . . ." Der Großgrundbesitzer mußte seine ganze Energie aufbieten, umOeine Wut zu bezähmen. Die Hirtenjungen hatten einen richtigen' Spektakel veranstaltet, alle paar Minuten schleuderten ihre kleinen Fäuste Sand und Kieselsteine aus die Köpfe der Versammlung, von der keiner mit der Wimper zuckte, als bezöge sich das ganze gar nicht auf ihn«. Jetzt rollte von der anderen Seite ein Leiterwagen herbei. Der Bauer hielt an, sah sich um, dann sprang er herab und schwang die Peitsche gegen die Schar der kleinen Missetäter: „Ihr S . . buben! Wollt ihr euch nicht sofort von dannen trollen? Oder soll ich euch erst das Fell gerben." Er ließ die Peitsche ein paar Mal niedersausen, em großes Gekreisch erhob sich, dann stob die Bande davon und folgte der Viehherde. Der Bauer, der für den Herrn Stationsvorsteher ein Füßchen Bier gebracht hatte, lud seine Ware ab, dann setzte er sich vor das Pförtchen des Gartens, als wäre er entschlossen, hier Wache zu halten. Mittlerweile war man zur Schemoneh Eßreh gelangt. Aber die Zeit drängte, man durfte es sich nicht vergönnenl, zuerst die stille Schemoneh Eßreh zu beten, und sie dann laut zu wiederholen. Man mußte kürzen. Der Vorbeter fing daher gleich mit der lauten Rezitation an. Erst nach der Keduschah sollte sie leise fortgesetzt werden. So war immerhin eine gute Viertelstunde gewonnen. Er leistete ^es sich noch, den Schlußvers der Keduschah mit der schönsten Melodie herauszuträllern: „Von Geschlecht zu Geschlecht wollen wir deine Größe verkünden, und durch die Dauer aller Zeiten deine Heiligkeit bewähren; und dein Lob soll aus unserem Munde nicht weichen in alle Zeit und Ewigkeit. . Dann senkte er seine Stimme und fuhr fort, zusammen mit den anderen: „Du schenkst dem Menschen Erkenntnis und lehrst den Sterblichen Einsicht ..." In das Vogelgezwitscher, welches die Luft erfüllte, mengte sich plötzlich etwas, wie ein fernes Donnern und Krachen. Noch eine Sekunde, und ein geller Pfiff ertönte, der Zug wälzte sich dröhnend und ächzend heran. Den Vorbeter durch- :! r‘l- ‘ i|| iS M :i i'?;i :• K um "i I/O m m