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Der Israelit · 1929-07-09 · Heft 28 (9.7.1929) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 28 (9.7.1929)
Date
1929-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 28 Schicksalsmomente im Judentum. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Alkmünn in Trier. (Schluß.) Die Weisen in Ehulin 7 haben für dieses VorbehalLenfein des Moments für den, der auf ihn hingewirkt hat und für ihn gereift ist, das schöne und tiefe Wort: “rannV i’nix fr um mpa in „Raum haben ihm die Vorhergehenden gelassen, sich an dem nur ihm Vorbehattenen zu bewähren." Und in der Tat, die großen, grundlegenden Schicksalsmomente unseres Volkes, die dem Judentum seine historische Gestalt gegeben und bewahrt haben, sind nicht erst aus einem Zusammenspiel von günstigen Umständen heraus entstanden, sind nicht das Produkt politischer Kompromisse und geschickter Machinationen. Sie sind überhaupt nicht, wie man so sagt „gemacht worden"; sie sind vielmehr aus ihren berufenen Gestalten sozusagen herausgewachsen, mit Notwendigkeit und Folge zur Entfaltung gekommen. Wie die Pflanze sich auftut, die Blume sich erschließt, wenn ihre Zeit, der Höhepunkt ihrer Blüte da ist und die Liebkosung der Sonne sie berührt, so ist ihr Moment für sie un-d sind sie für ihn hervorgebrochen oder wie der Chassidismus dies etwa ausdrücken würde: „nisgale geworden", aus der stillen Vorwirkung in die Erscheinung hervorgetreten. Jesaja läßt ein Aehnliches vernehmen, wenn er von dem Zaddik sagt: „Dann wird anbrechen gleich dem Morgenrot dein Licht, und deine Heilung schnell gedeihen, und es zieht dir voran deine Frömmigkeit, und die Herrlichkeit des Ewigen schließt deinen Zug" (Jesaja, 58, 8). Nicht jeder kann darum in Israel hingehon, den sich darbietenden Moment aufzugreifen und den Schicksalsgestalter zu spielen, selbst wenn er das größte Talent dazu besäße, selbst wenn er einer wäre, i^> maiy nswmp' dem die Stunde beizupflichten und zuzulächeln scheint. Die Berufung muß aus allen Stunden des Lebens heraus geboren fein, die ihn für die eine Stunde ruft. Die These, die auch heutzutage schlagwortartig kursiert: „Wer immer es auch macht, wenn es nur gemacht wird", hatte niemals Boden in Israel. Und es ist gut so. Nur das Hat es bewirkt, daß wohl zu allen Zeiten Dränger auftraten und Stürme tobten, Eruptionen und Revolutionen über uns hinweggingen, aber keine Erschütterungen von Grund auf bewirkten und keine Umstürze bis in die Wurzel hervorriefen oder für dauernd hinterließen. Es stand gar mancher auf und gab vor, es sei der Schicksalsmoment gekommen, die große Wendestunde sei da, jetzt oder niemals müsse man dem Judentum den Ruck nach , Der Israelit vorwärts geben, aber es hatte nur minimales .Gewicht, der erhoffte große Erfolg solcher „Erneuerer" blieb aus, oder er . verlief ohne Nachhaltigkeit. Die überwiegende Masse der Judentumsbekenner hat er jedenfalls nie erfaßt. Das historische Judentum ließ sich in seinem Gefüge von keiner der momentgeborenen Größen bewegen- und aus den Angeln heben. Daß es aber selber dabei blind gewesen wäre für die Zeichen der Zeit, taub gegen den Pulsschlag des Moments, wenn er wirklich da war, wer wagt es zu behaupten? Ein Blick nur auf die Gestaltungsprinzipien der Ueberlieferung widerlegt schon diese Behauptung. Da ist z. B. der großzügige und kühne Grundsatz von n«-»in nvu?' von dem sogenannten Augenblicksentscheid, dem Gebot der Stunde. Um das Ganze des Judentums in Augenblicken der Bedrohung zu retten, haben schon Gestalten der Bibel, wie beispielsweise David und Elia und nach ihnen andere ragende Tradenten und Führer (vgl. Horiot 6, 1; Midr. rab. Bamidbar 14; Jalkut Tehilim 60; Hassagot Harawed z. Maimoni Hilchot Sch'mita-wejobel 13, 10) Teile vom Ganzen für vorübergehende, bestimmte Zeiten preisgegeben und so dem als solchen richtig erkannten und festgehaltenen Schicksalsmoment Rechnung getragen. Um außer dem im Talmud und Midrasch Genannten nur noch einiges aus verschiedenen Zeiten zu nennen: Moses hat in dem Augenblicke seines heiligen Zornes, als er vom Sinai kam und das Volk in seiner Entartung das goldene Kalb umtanzen sah, die aus Gottes Hand hervorgegangenen Gesetzestafeln zerbrochen, eine der kühnsten Kühnheiten der Horoat-Schaah. Das Volk war für den Moment des Gesetzes unwürdig und unfähig geworden. Das Gotteswort wäre in dem Wirrwarr des tiefen Verfalls einer Trübung und Verfälschung durch die Verirrten ausgefetzt gewesen, weshalb es ihnen jetzt Moses ganz vorenthielt, um es für eine spätere, günstigere Zeit zu retten. Der mutige und zeitangebrachte Entscheid fand Gottes Beifall und wurde mit der Anerkennung: mav«? *]na -nr?" „Heil dir und Kraft, daß du sie zerbrochen!" quittiert. Rabbi Jochanan ben Sakkai hat in Erkennung eines der schicksalsschwersten Momente für Israel Jabne an Stelle Jerusalems zur' Gottesdienst- und Thorapflanzstätte erhoben. Vieles, was bis dahin nur für Jerusalem und den heiligen Tempel galt, übertrug er, allerdings mit dem Zuversichtsvermerk iznpBn niT mna, „baldigst könnte das Jod-Bad Töte Alpenkurhof Parkhofei Erstklassig Behaglich Aus den „Sprüchen der Väter". Aus dem Nachlaß von Professor Adolf Weyl. (Zur dritten Jahrzett am 8. Tamrnus.) *) Hillel. lieber Hillel wird -inden „Sprachen der Väter" «usgesprochen viel berichtet, aus der sonst hier üblichen mehr aphoristischen Kennzeichnung erhebt er sich durch die Fülle der von« ihm mitgeteilvten Aussprüche zueiner besonders gerundeten und reichen- Persönlichkeit. Auch tritt er, ebenfalls seltenerweise, an verschiedenen Stellen der „Sprüche" undjedesmal möglichst vielseitig auf, und wüßten wir durch andere Ueberlieferung nicht noch so viel mehr über ihn, es gelänge gleichwohl!, sttn ganzes Mistiges Wesen allem -nach den hier in Frage stehenden Lehren bedeutend nachzuzeichnen- und als gewaMtze geistige Gesamterfchemung hinzustellen, während beiden anderen großen Weisen und Lehrern dies nach dem D^t der „Sprüche" bedeutend weniger oder gar nicht möglich ist, sondern bei ihnen die übrigen Quellenherangezogen werden müssen, um ihre groß«!, Persönlichkeitengebührend -erstehenzu lassen. Während ihn die übrigen Quellen als den großen Lehrer, den gütigen Meister, den erfolg- *) Hsrausgogeben von Dr. Hermann Weyl. Berat, hierzu „Israelit" Nr. 27 (7. Juli 27). reichen Kenner der Lehre und des Gesetzes, der profanen Wissenschaften- und -des Laufes der Gestirne schildern, der auch -den für immerdar anerkannten und für alle Zeiten „geheiligten-" Kalender . schuf, nach dem Neurnonde und Schaltjahre, und damit der ganze Kreislauf der jüdischen Sabbate und Feste fehlerlos feststellbar sind, steht er in den „Sprüchen der Väter" mit markanten- und tiefsinnigen- Aussprüchen vor uns, die zwar nur knapp, und doch voll unendlicher Perspektiven sind, und unsere -dankbare und ehrfürchtige Bewunderung heischen. Die Thora, die göttliche Lehre, wird in ihnenimmer wieder als Ausgangspunkt und als notwendiges Ziel! alles menschlichen Streben« hin-gestellt-. Ihr hat sich jedes Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft unterzuordnen. Gemeinde und Einzelner können und dürfen sich nicht mehr widersprechen. Zibb-ur, die in der Thora geeinigte Gemeinde;, ist die höhere Verbundenheit, die alle in der Thora sich gebunden fühlenden- Einzelnen umschließensoll und muß. Zibbu-r, -diese Gemeinschaft, ist die Gemeinschaft im göttlichen Gesetz, das ist die Gemsn-sch-aft.in Gott. Don ihr schließe Dich nicht «US-, Weil mit diesem Sich-Ausschließen das Band hin zur Thora und zum göttlichen- Gesetz gelockert wird, weil die Gefahr des krassen und schrankenlosen- Individualismus allzusehr droht, und weil die Thora -die im. religiösen G-esetz geeinigte Volksgemeinschaft ist und nur inihr betätigt werden kann. Das alles und noch viel mehr heißt: ■nasn-p ffnsn-im „Schließe Dich nicht von der Gemeinschaft aus". Der Zibbur, die Gemeinschaft, wohl und sichtig verstanden, ist Vollzugsorgan der religkösen Jdee, ist zugleich Bürgschaft dafür. Dieser wohlverstandene Zihbur ist. die jüdische. .GkWetnschaft, - dte und ich Großen, - indkm^leinen. u-nü^ktei^leü (ÄnM-lchen-und in weltgeschichM-chem Ausmaße, die Ewigkeit der Thora verbürgt und garantiert. _- _ 11. Juli 1929 Heiligtum erbaut werden!" auf Jabne,. ja auch andere Orte mit einem fn rpn stellte er in vieler Hinsicht der Halacha der heiligen- Stadt gleich (Rosch-Haschana 29—30). Doch gewiß eine Tat mutiger Voraussicht, die sich denn auch in der Folge geradezu als Akt der JuLentumsrettung erwies. Rabbenu Gerfchom, die „Leuchte des Exils", fand es an der Zeit, unter anderem tief einschneidende Maßnahmen des Ehefchließungs- und Scheidungsgesetzes zu erlassen. Eine davon, z. B. das Verbot, mehrere Frauen zu ehelichen (vgl. Schulchan Aruch Eben Haef-er 1, 9—11), das sich nur auf seine kühne Schau des Moments und seiner Notwendigkeiten für die Konservation des jüdischen Remheitslebens, des Hausfriedens undder Heiligkeit der Familie gründete. Es zeugt von der Unbefangenheit eines ganz mächtigen Augenblicksentscheids, der den berühmten mutigen Schritt Esras, die heidnischen Ehen aufzulösen, übertraf, da er in Rechte innerhalb Israels selbst eingriff, die in der Thora keine direkte Einschränkung erfahren. (Vgl. Jebamot 65, 1, Tur Eben-Haefer 1, Bet-Josef, Darke-Mosche daselbst.) Wenn es um wc geht, um schützende Zäune für das Gesetz, seine Bitte und seinen Geist, oder rmbv TnaS um Vorb-eugungsmaßnahmM, nvvnuf *pV nnnn deren die Stunde oder ein bestimmter ausgedehnterer Zeitraum bedarf, fehlte es der vielverschrieenen, angeblich starren Halacha und ihren Trägern wahrlich niemals an Kühnheit^ Weitblick und Größe (vgl. Sanhedrin 46, 1; Jebamot 90, 2; Horiot 6, 1; Berachot 63, 1; Rofch- Hafchana 25; Maimoni, Hilchot Sanhedrin 24, 4; Tur Schulchan Aruch Chofchen Mischpot 2 und Meiras-Enajim dazu Anmerkung 7, 9). Allerdings, nur zur Erhaltung und nicht zur Auflösung, zum Schutz und Aufbau und nicht zum Niederreißen mußte es letzten Endes dienen. Es wäre deshalb grundfalsch und durchaus verfehlt, eben daraus etwa einen Freibrief für kühne Neuerer und Umstürzler herzuleite-n. Denn nicht nur daß Horoat Schaah, wie schon das Wort besagt, eben nur für den Moment oder vorübergehend für eine kürzere oder längere Zeit getroffen werden kann und nicht darüber hinaus zu einer dauernden Festlegung als Gefetzesaufhebung oder Gefetzeshinzufügung führen darf, ist der Augenblicksentscheidselbst indieser Einschränkung auch nur jenen Bewährten und Erprobten-, von denen schon die Rede war, freigegeben. Der Talmud in Sanhedrin 89, 1 nennt die Berechtigten der Horoat-SchaahQ'>ptniO'bie von Grund auf und von jeher Gefestigten, in der wahren Judentumsschau Erfahrenen. Er führt den Beweis, daß selbst Elias freimütiger Augenblicksentscheiü auf dem Berge Karmel, als er, entgegen der Norm auf einem Höhenaltar opferte, nur hingenommen Diese Gemeinschaft, kann, sich nur in Friedeniwtift innerer Harmonie, nicht aber in Hader undgeg-enseMger Zersieischung -erhalten. Drum sei von den Schülern Arons: &ii>tp anis Liebe den Frieden. Setzt den Frte- <bm und nicht den Haß als GrunWel, -als Grundpteiler Eures Lebens. Gewiß, die Menschen sind eben, nur Menschen. Aber oft, leider allzuoft, gelingt es, gerade weil sie nur Men-fchen sind, sie von dem Friedensweg immer mehr und mehr abzubringen, und sie ganz entgegengesetzten Zielen zuzuführen. Darum: rpn Liebe den Frieden, dränge hin, ja, jage -nach Frieden,. Nur er ist das die Gemeinschaft der Menschen^ die göttliche Lehre und die Gemeinschaft ermöglichende Prinzip. Nicht Haß und gegensekti-ge Wut und Verachtung und Zerstörung, sondern Liebe. Liebe die Gotitesgeschöpse, insonderheit die Menschen, waa vrr arm- Aber diese Liebe, wohlverstanden, kann keine rein indiv-iduakiftifche sein, denn was ist der Mensch ohne höhere Eingeordnetheit in höhere und von Gott geleitete Zusammenhänge. Drum liebe den- Menschen um seiner innersten Bestimmung willen^; weit er Spiegel Gottes sein soll und stets und immer verpflichtet ist, dieses Mel zu erreichen. Wenn Du die Menschen liebst, so liebe sie um ihrer Gottesdienerschaft willen ni-ni» ■pviav „Webe dte Menschen und leite sie hin zur Thora." Dies ist das, , Ideal. - Es steht graniten da und heischt Gefolgschaft. Und das -indw-iduelle Leben-muß an ihm den Maßstab finden, der einzelne Mensch erfährt seine güMge ~ Bewertung gemäß seinem Standort ttr dieser religiös fundierten Moral. (Fortsetzung folgt.)

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