Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Kr Der Israelit lWV Der Jahrmarkt von Rohany. Novelle von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Seine stattliche Gestalt im lichten Reisemantel ständ aufrecht mitten zwischen den vielen Sachen, noch frisch trotz des stark ergrauten, kurzgeschorenen Bartes. Das Schreien und Fluchen war nicht so schlimm gemeint, aber es gehörte zum Lebensstil des Edelmannes, den er sich seit Jahrzehnten aneignete, damit verschaffte man sich Respekt beim .gemeinen Volke und hielt es in angemessener Entfernung. „Heda!" schrie er zum Lakai hinüber, „geh du hinein und kauf mir eine Fahrkarte. Ist der Schalter schon geöffnet?" Jetzt näherte sich ihm Labik mit bedächtigen Schritten, lüftete den alten Kastorhut, setzte ihn aber gleich wieder auf. ■ „Guten Morgen, Herr Graf!" rief er. Der Gutsbesitzer maß ihn mit einem erstaunten und geringschätzigen Blick. „Sieh da, was willst du hier, buckliges Kamel? . . . Wie oft Hab ich dir verboten, mich Graf zu titulieren, ich bin kein Graf." „Aber Sie werden es noch, Herr Baron, das versichere ich Ihnen. Wenn Sie es nicht werden, so wird es Ihr Herr Sohn ganz gewiß. Der Herr von Brumicki ist auch erst vor kurzem zum Grafen gemacht worden, obwohl sein Vater Braunstein hieß und mit Pferden handelte. Ich Hab ihn noch selber gekannt." „Du bist der frechste Schuft, der mir je vorgekommen ist . . . aber was willst du von mir? Einen Gulden? Zwei?" Er steckte die Hand in die Tasche. „Gott soll mich behüten, wozu brauch ich Ihr Geld? Ihre Seele will ich, Ihre jüdische Seele. Wir sind nämlich unser gerade neun Juden hier und' brauchen den zehnten zu Minjan." „Hast du Jahrzeit?" fragte der Gutsbesitzer schon etwas besänftigt. Vor einer Jahrzeit hatte er einen höllischen Respekt. „Rein," antwortete der Bucklige. „Rur so, wir sind unser gerade zehn, mit Ihnen zusammen, und wir möchten gern mit Minjan öawenen." Der Gutsbesitzer brach halb ärgerlich, halb belustigt, in ein Lachen, aus. „Hat man. je eine solche freche Verrücktheit gehört? Mitten auf offener Straße " fallen 'fie einen an. Minjan ist ihnen in den Kopf gekommen! Habt Ihr keine anderen Sorgen? An einem ganz gewöhnlichen Wochentage. Und sie haben nicht einmal Jahrzeit. Ich glaube, du bist von Sinnen, Mensch." - „Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, wenn ich Sie, Gott behüte, einladen würde, mit wir eine Portion Schinken zu essen, könnten- Sie sagen, ich sei von Sinnen. Sie erinnern sich ja noch gewißaus dem. Cheder-in Tarnopol, was die heilige Gemara sagt: der Mensch begehrt nicht eher eine Sünde,,', als bis ein verrückter Geist in ihn fährt; aber wenn, ich Sie einlade, eine'-solche Mizwah zu tun,- muß ich da erst Wort Sinnen sein?" * „Trost dich von dannen, unverschämter Kerl, ich habe keine. Zeit, der Zug wird bald-da sein." „Zeit haben wir noch genug, dsr Herr Stationsvorsteher reibt sich erstHdeNnSchlaf aus den Augen. Wir können ruhig daweNen, und nachher trinken wir ein Gläschen zusammen, wie sichs für ehrliche Juden geziemt. Sie haben doch wohl einen guten Tropfen bei sich, aus Ihrer eigenen Brennerei?" „Nach einem guten Tropfen steht dir immer der Gaumen. Dich kenne ich. Sag mir nur, was wirst du auf der anderen Welt anfangen? Wo wirst du dort einen guten Tropfen nehmen, um allemal dein Herz zu laben?" _ „Ich habe keine Sorge, auf der anderen Welt werden Sie ja auch brennen." „Ei, du Galgenstrick, nimm dich in acht," schrie der Großgrundbesitzer, wütend über diese Zweideutigkeit. Gegen die. Zungenfertigkeit des Buckligen war er immer wehrlos und dann geriet er in sinnlose Schimpferei: „Niederträchtiger Frechling, Leutequäler, Weiberjäger, Zierbengel, Lästermaul . . ." Der Großgrundbesitzer schäumte und eine Flut lieblicher Bezeichnungen ergoß sich über den armen Labik, der ruhig dastand imb1 nicht mit der Wimper zuckte. ' „Nur noch Treiphefresser haben Sie zu mir nicht gesagt, gnädiger Herr . . . Das wäre gerade, wie wenn ich Sie einen Buckel schimpfen sollte." „Der Zug hat anderthalb Stunden Verspätung," meldete der Lakai. „Der Schalter ist geöffnet. Hier ist die Fahrkarte." „Sehen Sie, da haben wir noch gemächlich Zeit, anständig zu dawenen. Kommen Sie nun hinein! Bloß zu Keduschah und Borchu. Das dauert ja kaum eine halbe Sutnde. Ich will mir nur inzwischen eine Fahrkarte lösen." Halb widerwillig betrat der Großgrundbesitzer den Wartesaal. Die Bauern und Arbeiter lüfteten demütig die Mützen, die Juden verneigten sich bloß und die drei oder vier von ihnen, die Tallith und Thephillin anhatten, nickten. leicht mit dem Kopfe. Berl, der Getveidemakler, der den Vorbeter machte, ging auf den Ankömmling zu und lud ihn ein, an die Frontseite oben beim Fenster zu treten, doch Hersch Lügner bahnte sich rasch einen Weg, schlängelte sich unter vielen Bücklingen und Krümmungen an Perl heran und nachdem er ihm einen salbungsvollen Gntenmorgen geboten, flüsterte er ihm etwas zu. Die Hand des Großgrundbesitzers fuhr in die Hosentasche, und Hersch Lügner nahm sofort eine Anzahl klirrender Silbermünzen ungezählt in Empfang. Dann lugte er noch sorgfältig zum Fenster hinaus . . . Keiner der drei Bauern ließ sich blicken ... Cr war beruhigt . . . „Wir werden es kurz machen, gnädiger Herr," sagte Perl. „Wir sind schon bei Jischthabbach. Nur Borchu sagen wir, dann Schema und Keduschah, es wird nicht lange dauern." Er wendete sich um, stellte sich an die Wand und^ fing mit lauter Stimme! den Hymnus an: Jischthabbach.. . . Gepriesen fei deip Name in Ewigkeit, Könitz unser, GoT der du bist der große Herrscher, der Heilige, im Himmel und auf Erden. Denn dir allein, ewiger Gott, Gott unserer Väter, ziemt Lied und Preis, Lobspruch und Gesang, dein ist Sieg, Größe, Heldentum, Herrschaft und Pracht,, die Heiligkeit und das Reich." Uber Perl hatte sich verrechnet. Die anwesenden'Arbeiter und Bauernburschen, schon etwas angetrunken und von der Gegenwart. der Bauerndirnen zum Uebermut gereizt, fingen an, dreinzubrummen, zu lachen, große . Späffe zu treiben und den Gesang nachzuäffen. Selbst die Anwesenheit des gefürchteten Großgrundbesitzrs flößte ihnen keinen Respekt ein, da er sich unter diese armseligen Juden gemischt hatte und es ihnen gleichtat. In ihm kochte die Wut auf, am liebsten hätte er ausgeholt und eine reichliche Portion Ohrfeigen ausgeteilt, aber er scheute sich, den angefangenen Gottesdienst zu stören und sein Ingrimm wandte sich gegen diese Juden, die den seltsamen Einfall hatten, hier im Wartesaal des Bahnhofs mitten unter einem halbbetrunkenen Pöbel sich eine Synagoge zu eröffnen, als wären sie bei sich zu Haufe. Dieser verdammte Buckel, der ihn beredet hatte, hereinzukommen ... Er nahm sich vor, ihm später eine Lektion zu geben, an die er denken sollte! . . . Solch eine Patsche . . U Nun stand er da, zusammen mit Labik dem Buckel, Dawid dem Viehhändler, Salomon dem Glaser, dem Getrerdemakler, - dem Schneider und dem Haubenmacher, als wäre er ihresgleichen und nicht Perl, der Großgrundbe-. sitzer, Herr auf drei großen Gütern, vor dem die Bauern zitterten, der mit Grafen und Baronen tafelte und zur Jagd ritt. . . Welch eine Schmach . . .! Diese gemeinen Kerle werden das in der ganzen Welt herumerzählen, die Damen auf den Gütern und in der Stadt werden es erfahren . . . Man wird ihn auslachen . . . Die Frau Bezirkshauptmann, für die er jetzt eine Menge köstlicher Dinge mit sich führte. . . . Brr . . .! in welch eine Patsche war er da geraten . . .! Man muß sich von diesen Juden fernhalten, so fern als nur möglich, und nichts mit ihnen, gemein haben . . . Man erntet nur Schande und Spott von ihnen und kommt um sein Ansehen in der ganzen Umgegend! ... Der Vorbeter indessen, unbekümmert um das höhnische Gebrumme und das Lachen im Saal, sang seinen Hymnus mit einer steigenden Wärme und Schwung und schloß: „ . . . Herr aller Weltwunder, der du Wohlgefallen hast an Sangesliedern der Menschen, König, Gott, der du lebst ewiglich!" Hier hielt er inne und Labik benutztedie Pause, um „auszureden". Er sagte: „Gehen wir lieber hinaus in das Wäldchen, dort zwischen den Bäumen sind wir ungestört." Der Einfall war gut. Sie rafften ihre Siebensachen zusammen und gingen hinaus in den von einem Gitter umfaßten kleinen Hain vor dem Stationsgebäude. Der Großgrundbesitzer folgte, wütende Blicke um sich werfend und die Fäuste in den Taschen ballend. Er war da in ein Netz hineingeraten, von dem er sich nicht freimachen konnte . . . Das sollte ihm nicht wieder passieren. Der Vorbeter stellte, sich neben einen Baum hin und fing das Kaddisch an, als wäre nichts vorgefallen. „Erhöht und geheiligt werde fein großer Name in der Welt, die er geschaffen hat nach seinem Willen. . ." „Amen!" hallte es wider. „Lobet Gott, den Hochgepriesenen!" Alle Köpfe neigten sich tief, und wie aus einem Munde kam es: „Gepriesen sei. der Ewige, der Hochgepriesene, immer und ewig!" - Tautropfen funkelten ün den grünen Blättern in allen Farben des-Regenbogens. Die Sonne war aufgegangsn und streute, unzählige goldene Lichtflecke über das grüne Gras, wob einen schimmernden Schleier um die verschlissenen und zerfaserten Talleissim der betenden Männer und umstrahlte die verblichene Thephillin mit dem Namen Gottes über ihren Stirnen. Würzige Düfte schwebten in der Luft. Die Welt füllte sich mit Licht und Leben. „Du hast das Licht-gebildet und du hast die Finsternis erschaffen, du stiftest Frieden zwischen ihnen, du wirkst das Weltall," fang der Vorbeter. Die Vögel piaren in den dichten, rauschenden Laubkronen envacht und stimmten laut zwitschernd ihr fröhliches Morgenlied an. „Du erleuchtest die "Erde und alle, die sie bewohnen, in^ deiner Barmherzigkeit. In deiner Güte verjüngst du das Werk der Schöpfung jeden Tag von neuem, immerdar. Wie herrlich find Deine Werke, o Gott, alle hast Du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll Deiner Besitztümer . ." Nun hgtten sie den Jahrmarkt und den Zug ganz vergessen, sie gaben sich dem Augenblick hin und dem Rausch, der zu ihnen aus der Tiefe dieser tausendjährigen Gesänge aufstteg. „Heilig, heilig, heilig ist der ewige Gott der Heerscharen, voll ist die ganze Erde von feinem