Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450574--76116-2533674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Nr. 27 Der Israelit Schickfalsmomenke im Judentum. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Slltmann in Trier. Vielfach, wenn man vom „Schicksal" spricht, glaubt man sich, wie durch ein Zauberwort, in die Jahrtausende zurückversetzen zu müssen. Mystik taucht auf, und man denkt an Astrologie und Götterweson,, Fatalismus und Orakeltum. Was will man uns heutzutage vom „Schicksal" erzählen? Gibt es denn auch für den aufgeklärten, modernen Menschen so etwas wie Schicksal? Der Mensch der alten Welt stand im Banne dieses Wortes, aber der neuzeitliche hat sich doch wohl davon befreit. Mit Nichten! Er hat sich gar nicht davon befreit. Nur die Art hat gewechselt, die Sache ist geblieben. Es gibt auch ein modernes Fatum, eim, neuzeitliches Orakeltum, an dessen Unfehlbarkeit ebenso wie einst in grauer Vorzeit geglaubt wird. Stoff und Kraft, Technik und Naturbeherrschung, Wissenschaft und Kunst, das find deine Götter, Mensch der Moderne! Du schaust auf sie, wie vormals die Alten auf ihre Götter geschaut, und erwartest ihrm Bescheid. Einst hieß die Parole: „Befrage die Sterne!", heute heißt sie: „Befrage dich selbst!" Ist da ein Unterschied zwischen einst und jetzt? Nein, im Wesen und Ausgang bleibt es dasselbe. Mystik und Mythos lieferten den Menschen einer über ihm schwebenden dunklen Gewalt aus, Aufklärung und Naturalismus geben ihm sich selber preis. Der alte Schicksalswahn verschlang den Menschen im trägen Sichselbstverleugnen, der neue vernichtet ihn im stolzen Nursichselbstbehaupten. Beides ist Abweg, beides ist Jrtum. Nur in einem dritten — das Judentum hat es der Welt zuerst gegeben — liegt die Wahrheit und das Heil vom Schicksal, im Vorfehungsglauben und im ethischen Tun. Gott und Mensch treffen in diesem Punkte zusammen und wirken und weben vereint am Schicksal. Gottes ist der Machtbereich des „Du kannst!", des Menschen Sphäre der Pflichtbereich des „Du sollst!" Ern „Du mußt!" schaltet insofern aus, als nichts Unabwendbarkeit und Verhängnis wird, so der Mensch, kraft seiner sittlich-religiösen Tat, zu seiner Aufhebung beiträgt. Das Ethos zerreißt den Mythos. Das vorausgeschickt mit dem Zweck, uns erst klar zu machen, was dem Judentume Schicksal ist. Nun hat aber das Judentum ein Wort für Schicksal, das dem zu widersprechen scheint. Das jüdische Schrifttum ist voll davon, und der Gebrauch hat es zu einem wahren Volkswort gemacht, — Masel. Ist das Masel nicht eine Art Mythos fatalistischer Prägung, der Ausdruck für eine gewisse Vorweggenommenheit des Schick- Die Sendung der Kundschafter. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. „Kleine Ursachen — große Wirkungen." Belanglos, ohne jede Bedeutung erschien das Verlangen des Volkes, das auf dem besten Wege war, die. Erfüllung der den Vätern gewordenen Verheißung zu erleben und ins Land der Hoffnung und Sehnsucht einzuziehen: wr»R nnbvi r,a rbsi ivu -pm m *wt «rit« ia'ir"i pRi m nsm irjsi» -m->*>R Rai 1VR Dnyn NR1 Wir wollen doch Männer vor uns herschicken, daß sie für uns das Land erspähen und uns berichten über den Weg, den wir gehen und über die Städte, zu denen wir kommen". Dieses Verlangen, das so harmlos klang, — billigte Moses. Noch nach vierzig Jahren spricht er: nann 'L'p at>”i Die Sache war recht in meinen Augen". Hier bezeugt s der Lehrer, l aß nicht Zweifel und Kleinmut an der Schwelle dieses Wunsches gestanden, — daß vielleicht des Volkes Führer, i on der besten Absicht erfüllt, .die Gesamtheit, deren Schwanken und Wanken sie nur zu gut kannten, durch ten erwarteten Bericht ermutigen und anspornen zu lännen hofften .... Des Volkes Sendboten aber begriffen ihre Aufgabe nicht. Was immer sie erschauten, in welcher Befchaffenl rit Land und Leute sich ihnen auch zeigte, hätte ihnen Anknüpfung bieten können, das Volk über die Größe und Bedeutung des Zieles zu belehren, dem sie entgegensteusals, der Glaube an einen Stern der festen, unabänderlichen Bestimmung? Man, könnte es aus manchem Zusammenhang heraus fast meinen (vgl. z. V. Moed-Katan 28, 1, Joma 41, 1, Horijot 12, 1, Megila 3, 1, Kohelet rabba 81, Sohar Num. 134, Baba-Kama 2, 2, Baba-Mezia 105,-1 u. a. m.). Es ist indessen nicht so. Im Talmud Sabbat 156 findet sich hierüber eine charakteristische und entscheidende Kontroverse zwischen Rabbi Chanina und Rabbi Jochanan. Der erstere behauptet: Vxnff'V Vt» vi i'Lna ^ra o^na „das Masel macht klug, das Masel macht reich, es gibt für Israel eine feste Schicksalsvorausbestimmung": der letztere bestreitet das und verficht den Grundsatz: Vx'nzp1? “?ta pxes gibt im Sinne Israels keinerlei Schickfalsvorausnahme. Das Schicksal ist vielmehr — wie Rasch! und Tosaphot den Ausspruch zur Stelle erklären — in beständigem Flusse und von Grad und Maßstab des jeweiligenethisch-religiösen Verhaltens abhängig. Bei dieser Auffassung Rabbi Jochanans ist es denn auch geblieben. Sie ist ganz aus dem Geiste des Judentums heraus geschöpft, in der Bibel bestätigt und hat die Zustimmung der maßgebendsten Tanaiten und Amoräer gefunden (vgl. Sabbat a. a. O.). Wenn dennoch vielfach vom Masel die Rede ist, das dem Menschen zur Seite stehe (vgl. die Stellen a. a. O.), so ist das überall mit einer weiteren Deutung Rafchis zu vergleichen, der in Megila 3 das Wort Masel mit nbvab tnx *W' „der Genius eines jeden Menschen in der Höhe" erklärt, oder wie im, Sabbat 53, mit pVai *]xba „der Engel des Menschen, der Fürsprecher für ihn". Damit ist nämlich nichts anderes als der Gedanke aus den Spr. d. V. 4, 13 gemeint, daß man sich durch das ethische Verdienst einer mxa einen Verteidiger und durch eine rmy selbst einen Ankläger schaffe. (Vgl. dazu auch Tosaphot Taanit 29, 2 XSL m *iax) Masel ist also eine bildliche Formel für 7VDT' für Verdienst. Man versteht damit eim,e"Anekdote, die man sich von einem großen Chassidim-Rabbi des vorigen Jahrhunderts erzählt. Zu diesem kam eines Tages einer seiner getreuen Anhänger und beklagte sich über sein xw'2 xto sein schlimmes Masel, das ihn verfolge. Der Rabbi legte ihm eine Frage vor und sagte: „Hast du neben deinem schlimmen Masel — von dem du sprichst — rechtschaffene koschere TefMn, Zizit und Mesusot Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Phenyldimethylp.,|| j nm Acetylsai., Coff.nl« 1.4.U in allen Apotheken Helon erten, und auch über die Gnade dessen, der schon den Vätern versprochen. pRn j-r jdr „Deinem Samen will ich das Land geben". Sie hätten alle zu Begeisterung/ zu freudigem Selbstbewußtsein fortreißen können, wenn sie die Eindrücke, die sie empfangen, richtig, mit gläubigem. Sinne und Gott verbundenem Willen und Stteben gedeutet hätten. Es war.-gar nicht ihnen-der Auftrag erteilt worden, zu befinden, ob es im Reiche der Möglichkeit liege, das Land zu erobern, oder ob sein Besitz überhaupt ersttebenswert sei. Sie sollten Proben von der Frucht des Landes bringen, die in allen Freude und Hoffnung auslösen und das Verlangen nach dem heiliqen Lande steigern sollte. Es ist immer vom Uebel, wenn man seinen Auftrag verkennt oder nicht der rechte Mann am rechten Platze ist. Das kleinmüttge Volk, das ohnehin noch nicht gefefttgt, bei jeder Gelegenheit sein Gottverttauen verlor, lauschte den zehn, die ihm zu Munde redeten, und nicht den zweien, die das große Wort sprachen:«2 *sn dr „Wenn Gott an uns Gefallen hat, so wird er uns in dieses Land bringen und es uns geben, das Land, das von Milch und Honig fließt". So war es um das Geschlecht, das erlöst und erwählt ward, geschehen —: und ein neuer Stamm mußte erblühen, der unter den Stämmen der Wüste seine Kraft bewähren lernte. Und Moses Schicksal selber ist damit besiegelt. Durste er nicht jetzt Israel ins Land führen, — wurde er auch dann ein Opfer des neuen, staunenden Geschlechtes, das seinen Zweifel und Wankelmut büßen mußte, indem es feine Führer in der Wüste dahinsinken sah ... . Kleine Ursachen — große Wirkungen. Die Alten sagen: d’iwr rbv „Sende Dir Kundschafter", das will sagen: "\rwib tue es, wenn du es willst. Als dein Werk soll die Sendung gelten. Nicht Gottes Name und Wille darf mit ihr verknüpft sein. '»!> rnvH Ran der Gute und Edle findet die Unterstützung, die seine Absicht und ___ 4, Sufi 1929 ifltiiö auch sonst ein gutes Gewissen? Wennja, dann gehe ruhig nach Hause, dein Masel ist gut!" In -einer anderen Anekdote hat allerdings der scheinbare Dualismus zwischen „Jamafel" und „Nichtmasel" in Israel zu -einem anderen, paradoxen Ausgang geführt. Verlor da ein jüdischer Mann einen langwierigen Prozeß und war darüber — wie das zu verstehen ist — voller Verdrossenheit und Aerger. Da traf ihn seinverhaßter Widerpart und begrüßte ihn, merkwürdig genug, mit dem Wunsche „Mafeltow!" Empört über die vermeintliche Verhöhnung, fuhr er auf und rief: „Wie können Sie es wagen, mich abermals zu kränken und mir zu meiner Niederlage noch Mafeltow zu sagen? Das ist eine Herausforderung!" „Beruhigen Sie sich," erwiderte der andere, „es war nicht ernst gemeint, es gibt ja kein Masel." „Ein Masel, daß es kein Masel gibt", resignierte der Beleidigte, „sonst hätte ich Sie verklagt!" — Daß Masel mDT' Verdienst bedeutet und der Wunsch „Mafeltow!" nichts anderes besagt als: „Ein Verdienst ist dir beigestanden", oder „ein Verdienst möge dir beistehen!" hat unser Beleidigter offenbar «licht geahnt, sonst hätte er, da er den Prozeß verlor, die Anspielung auf ein Verdienst doch zu sehr als Ironie empfunden und sich nicht so schnell beruhigt. — Jedenfalls steht nach dem bisher Ausgeführten fest, was Masel und damit was Schicksal für uns Juden ist — Gottes Watten und unser Verdienst. Es braucht deshalb für uns nicht mit dem Dichterwort zu heißem,: „Jedweder ist des dunklen Schicksals Knecht!", da man keinem unabänderlichen, versklavenden Verhängnis ausgeliefert ist. Ebenso kann man uns nach der jüdischen Auffassung auch nicht mit einem anderen klassischen Spruch zurufen: „Dein Schicksal ruht in, deinem eigenen Brust!", da der Mensch keineswegs nur allein Herr seines Geschickes ist. Aber der Mensch ist trotzdem in einem starken, grundwirkenden Maße es selbst, der durch sein Tun und Lassen in das Auf und Nieder seines Gut und Böse eingreift, sein Schicksal Zug für Zugmitgestaltet und es in das Buch der göttlichen Waltung einzeichnet. Das Schicksal ist nichts anderes als eine Antwort Gottes auf unser Handeln und eine Frage Gottes an unsere sittliche Spannkraft.^ Je nach seinem beherzten Zugreifen oder schlaffen Fahrenlafsen aller Gegebenheiten im Leben zu wirken und zu werken, rechtet und richtet man über den Menschen an jedem Tage und zu jeder Stunde, (vgl. Rosch Haschana 16) je nachdem sich sein Ethos äußert. Wie Rabbi Akiba sagt: „Alles geschieht nachdem Ausmaße der Taten" (Spr. d. V. 3, 19). Je' mehr ethische Entfaltung, desto Zielsrichtung verdient. Aber auch pnvis rwv'H rra, der einen schlimmen Weg vor hat, erreicht dieses^ Ziel, — ohne daß eine höhere Macht störend eingr ist. Das ist das Gesetz von der Freiheit des Willens und der Ungebundenheit unseres Tuns. Das Gute ist unser Verdienst wie wir verantwortlich sind für das Böse/ das unser Tun auslöst. Das ist die bedeutsame Lehre, die unsere Lehrer aus dem einen kleinen Wörtchen herleiten. Du bist der Auftraggeber, — du trägst auch die Verantwortung! Diese Wahrheit ist von so großer Kraft und Bedeutung, daß ihr unsere Alten und auch die großen Denker und Weisen des Mittelalters beredten Ausdruck verleihen, 021m nitf-m, die Freiheit ist gewahrt, —ob auch Gott alles schaut. Das ist die Krone, die Gott dem Menschen aufs Haupt gesetzt hat, als er ihm das Recht eingeräumt zwischen gut und böse, zwischen wahr und falsch selbst zu entscheiden. Wir haben aber seinen Willen in unserer min niedergelegt, und so sind wir nicht führerlos. Aus freiem Willen, gettagen von ber Ueberzeugung, daß dieses Gehorchen unser Heil bedingt, sollen wir freudig dem Machtgebot des Gotteswortes lauschen und immer! von neuem es beherzigen: im»n -ra cs. „Nur von Gott fallet nicht ab, pRn ov m iRim *>r, dann braucht ihr nicht das Volk der Erde zu fürchten". Kleines Feuilleton. Noch einmal die deutsche Talmudausgabe. Zu der Kritik, die Goldschmidts Talmud-Uebersetzung (ohne Text) im „Israelit" vom 20. Juni 1929, Nr. 25