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Der Israelit · 1929-06-27 · Heft 26 (27.6.1929) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 26 (27.6.1929)
Date
1929-06-27
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 26 Der Israelit verhalt nochmals kurz beleuchtet, well wie**) die gemachten Ausstellungen beweisen, m-M Artikel noch Unklarheiten enthielt. Es gibt zwei Fälle, in denen für die Tötung der Ger Toschab voll und ganz haftbar ist, das ist erstens eine beabsichtigte, aber im guten Glauben ausgeführte, wo er sich in Unkenntnis des Gesetzes gedacht hatte, er dürfe diesen Totschlag ausführen, und zweitens Schegaga, eine fahrlässige Tötung. Nach jüdischem Begriff ist Schegaga eine Handlung ohne genügende Achtsamkeiteine Schuld. Wie der Rambam zu dieser Halacha bemerkt: „Der Mensch ist immer verwarnt", ob er wacht, ob er schläft, ob er absichtlich oder fahrlässig handelt. Wie <er für einen Sachschaden in jedem Fall haftbar ist, den er andern zufügt, so ist er es auch für den Schaden an Leib und Leben, und jeder hat seine Schritte wohl zu behüten, daß er nicht durch irgendwelche Unvorsichtigkeiten den Nächsten ums Leben bringt. Ich habe trJ meinem Artikel mit aller Deutlichkeit ausgesprochen, daß grade die tausend Unglücksfälle der Gegenwart uns zeigen, wie gering das moderne Verantwortungsgefühl in dieser Beziehung entwickelt ist. Und das ist, wie von mir dargelegt wurde, der Sinn und die Tendenz der scheinbar strengen talmudischen Gesetzgebung, das Verantwortungsgefühl und die Gewissenhaftigkeit zu steigern und zu vertiefen. Das ist umso erforderlicher bei jemand, dem nicht durch dauernde religiöse Uebung und durch anhaltendes Studium der heiligen Schriften immer wieder seine Verantwortung ins Bewußtsein gerufen wird. Aber wie sehr grade die jüdische Gesetzgebung über Schegaga, trotzdem bei dem Israeliten keine Todesstrafe Vorschrift war, gewirkt hat, das zeigen viele Tschuwaus, wo sich Juden in ihrer schrecklichen Gewissensnot wegen einer unvorsätzlichen Tötung an die Großen ihrer Zeit wandten, um eine Strafe sich auserlegen zu lassen und ihr ganzes Leben als Büßer, schuldbewußt und sühnebedürftig zu verbringen!. Grade der erzieherische Erfolg der jüdischen Gesetzgebung über den Totschlag, die einen so tiefen Abscheu vor der gewaltsamen Vernichtung des Menschenlebens in uns eingepflanzt hat, zeigt die sttliche Höhe und Unangreifbarkeit dieses Gesetzeskomplexes. Der Satz, den Kaatz angreift, bezog sich also gar nicht auf den strittigen Fall der Schegaga, sondern auf nachgewiesenie Schuldlosigkeit und Unvorsätzlichkeit, auf viirr. Hier ist der Ger Toschab frei wie der Israelit, und meine Vermutung bezog sich nur darauf, ob man nicht auch in einem solchen Falle ihn irgendwie zum Schutz gegen den Goel Hadam ins Golus gehen läßt. Aber das ist in der Tat nur eine Vermutung. Daß dies der Sinn des angegriffenen Satzes ist, muhte aus der ganzen Darlegung, die über das Unglück unachtsamer Tötung spricht, deutlich ersichtlich sein. Kaatz Polemik fällt also in nichts zusammen. Ueber das Asylgesetz muß grundsätzlich festgehalten werden, daß die Thora (Num. 35, 29) es ein vsws npn nennt, also nicht ein reines Rechtsgesetz, und infolgedessen auch nicht logisch ganz motlvierbar. Es ist ferner eine unzweifelhafte Tendenz des jüdischen Gesetzes, daß, je höher der Mensch in seinem religiösen Pflichtenkreis steigt, desto weniger strenge Strafen erforderlich sind, um ihn zur nötigen Gewissenhaftigkeit zu erziehen. Alle angedrohten Strafen hatten ganz eigentlich nur einen erziehenden, die Gewissen schärfenden Charakter. Praktisch wurden sie selten geübt. Allbekannt ist es, daß, selbst wenn einmal in 70 Jahren ein Sanhodrin ein Todesurteil aussprach, es ein mörderisches genannt wurde. Diese völlige Verschiedenheit aber der jüdischen Gerichtspraxis gegenüber der modernen macht es von vornherein unmöglich, schematisch Uebertragungen und Vergleiche vorzunehmen, vor allem aber, wenn eine Einzelbestimmung **) Einige Diktatfehler hübe ich ja, nach Vergleich mit meinen Notizen, gleich in der folgenden Nummer des „Israelit" berichtigt. aus der Gesamtheit herausgegrifsen wird. Das führt immer zu schiefen Urteilen. Was die Deutung des Ausspruches in, Megilla betrifft, die Katz gegenüber der meinen ausgestellt hat, so ist sie, bei Licht besehen, genau dieselbe, wie das, was ich gesagt habe. Ueber Ausdrücke wie „Wortübermrttlung" und „Prophetie" lohnt kein Streit. Jeder mag die Kaatzsche Deutung bevorzugen. Jedenfalls ist die seine wie die meme für das ganze Buch Deuteronomium gültig. Indem Kaatz die vom Talmud gemeinte Differenz nur auf die grammatische Verschiedenheit der Subjekte zurückführen will, hat er ja am besten bewiesen, wie unberechtigt der gegen den Talmud erhobene, von mir bekämpfte Vorwurf ist. Und das ist das allein wesentliche. Vücherbesprechungen. Palästina, Idee, Probleme, Tatsachen. Von Gerhard H old heim. 180 Selten-. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.80. Berlin, C. A. Schwetfchke u. Sohn. Das erste Drittel des Buches gibt einen U-ebierMitf über die Zionistische Idee, während der andere Teil das gegenwärtige Palästina schildert. Im Anhang wird noch der Text des Palästm amandats mitgeteiilt. Dem Leser wird ein kurz gefaßter, handlicher U-eb-erblick geboten, der besond'ers den wirtschaftlichen Aufbau würdigt. Der Gefamteindruck ist der einer Zionistischen Propagandafchrift im Interesse des Palästinawerkes. Dieser Umstand erklärt, wie trotz des sichtbaren Strebsns, die Sachlichkeit zu wahren, über mansche Klippe leichthin hinrveggeglitden wird. Dieser Umstand erklärt aber auch die Verständnislosigkeit des Autors für die Bedeutung des „Alten Jischrrw". Ihmist der „Me Jischuw" ein „Msgesprochen rückschrittliches Element" von vorwiegend „Chalukkah- Empfängern", eine Bevölkernngsfchicht, /die „im öffentlichen l^ben Palästinas kaum noch eine Rolle spielt." Die „Agudas Jisroel" erwähnt er nicht mit einem Wort. Man sieht wieder einmal, wie gern die Zionistische Oeffsntlichkeit über die orthodoxe Judenheit zur Tagest ordnung schreiten möchte. S. G. Jüdische Studien. Joses Wohkgemuth zu seinem 6 0. Geb urts tage von Freunden- und Schülern gewidmet. Frankfurt a. M. Kau ff - mann. 1928. 4°. 284+40. Eine wirklich festliche Gabe zum MterseiNtriM eines Führers und Freundes seiner Schüler, im Geiste dessen gehalten, dem sie gilt. In Form und Ausstattunggeradezu -einladend. ist jede Einzelarbeit eine Bereicherung der jüdischen Wissenschaft. Eine objektive Würdigung des Streites Saadja—Darvid den- Sakkaj eröffnet den Reigen. Auerbach stellt hier einen Beitrag zu unserer Geschichtswissenschaft, der nicht nur hoch über die sonstige Reinwaschungs-Literatur der heutigen Historiker erhaben, sondern zugleich 'ein weiterer Beweis dafür ist, daß die Graetzsche Geschichte nur noch selber historische Bedeutung hat und die Erstellung eines einwandfreien' jüdischen Gesamtgeschichtswerks nur an tief bedauerlichen äußerlichen Hindernissen gescheitert ist. Auch Marwns Studie über das Sagenland Schubat ist die' heilsame Entlarvung einer Legende, die nicht echt jüdischer Herkunft, sondern Produkt miÄe-laWerlicher Reise-Abenteuer war. Geschichte und palästinische Landleskunde werden durch -einen Beitrag S. Kleins gefördert. Eine. genaue KenNünis palästin-ensischer Orte und der Schreibweise ihrer Namen ist jedoch nicht nur der Geschichte, sondern oft zugleilch dem Berständms der Halacha vonnutzen, so S. 27,, Abs. 2 und 26 Note 12. — Einem Hasser wie Schopenhauer nicht nur sine ira 'et studio gegenüberzutreten, sondern zugleich seine Stellung zum Judentum geduldig und fast liebevoll auf ihren Urgrund, nämlich des Verfassers Unkenntnis vom Judentum zurückzuführen und vor allem das Alles in einer geradezu forkreißenden und doch gedankentiesen Studie vorzubringen, — das irrv -iv der Bibel so zu deuten, daß Schopenhauers Bibe-lfein'dschast dahinter zur häßlichen Larve verblaßt und vor allem zur heutigenantifemMschen Tierschutz-'Heuchelei ein innerlich überzeugendes Wort zu findein, — das ist das Geheimnis des Mannheimer Raw, dessen harmonische Persönlichkeit aus jedem Satze spricht. So wie er Schopenhauers Lehre behandelt, ist Wese Widerlegung keine Sache der Vergangenheit, sondern eine der lebendigen Gegenwart. Bon etlichem talmudischen Studieneiser und glücklichem Blick für Wirklich«-Wesentliches Zeugen Jakob Horovitz's „Randglossen", besonders Nr. VII, die sogar zu wichtigen halachischen Konsequenzen führt. Eine an Anregungen überreiche sprachpsychologische Arbeit Blaus über den „Gegensinn" 'hebräischer Wörter schöpft das Beste aus de^ vislumstviütenen Fveud'- schen Gedankenwelt, deren Kritik vor kurzem gleichfalls Blau im Jeschurun aufs BortreMchste gegeben.. Es dürfte jedoch den Rahmen dieser Besprechung überschreiten, Hildesheimers Arbeit über eprunn ma-rn auch nur annährend zu würdigen; hier liegt unsdie Lebensarbeit eines noch jugendlichen. Gelehrten von, die den Leser trotz der SpeZvaMät der Materie geradezu in ihren Bann Zieht. Die photographische Wiedergabe einiger Handschriftseiten machen diese Arbeit, die geradezu zum Höhepunkt der Festschrift und zur eigentlichen Ehrung «des Meisters wird, auch rein äußerlich zu einem Genuß für den- Leser. 27. Juni 1929 — Wie man auf wenigen Seiten und mit schlichtem' Aufwand einen gründlichen- Beitrag zur Einleitungswissenschaft liefert und dabei vorsinaitische Religoinsgeschichte, Tex!tve«rständnis und Traditionskünde zugleich fördert, lehrt uns Jos. Carlebachs Ruth-Studie.- Auch des unermüdlichen LeviU-Haifa Untersuchung über die gaonäische Literatur und Grünbergs tcrllMU'dische Miszellen' werden dem Jubilar eine im Gewände der heiligen Sprache rvMkommene Glückwu nfchgabe bedeutet haben. Dr. B. Cohen. Die Umkehr. Bon Arnold Zweig. Potsdam. Gustav Kiepenheuer Verlag. Aus der strotzenden- Fülle feines feingeschliffenen und bewgelichen Geistes, seiner reichen, und zärMch walitenden Phantasie hat hier Arnold Zwe-tg ein Weines Kunstwerk an Innigkeit und Formschönheit geschaffen. Er behandelt die altbekannte -und auch dichterisch -schon verwertete Erzählungvon dem Juden, der Bischof ward, durch den Baalschemtow zur Umkehr veranlaßt wurde und von diesem die Zusicherung erhielt, daß seine'Buße dann droben angenomme wordensei«, sobald ihm aus fremdem Munde feine eigene LebensgeWWe erzählt würde. Dieser Rahmen, innerhalb -dessen Mystisches- und Kabbalistisches schön vermenschlicht ist, ist ausgefüllt mit einer Reche von Gestalten, über deren Tun und Treiben eine -gedämpfte, verschleierte, wie aus der Ferne herklingende Wärme und Leidenschaftlichkeit -Liegt, die sich sogar in den Selbstanklagendes Bischofs -nicht zum erschütternden Schrei verdichtet und in der Charakteristik des Baalschemtow direkt Würde und Größe erhält. Um die in ihm rauschende, ihn marternde und niemals zur Ruhe kommende Stimmen des Mischen- Blutes einzulullen, zu übertäuben-, wegzustoßen, läßt der Bischof nach vorherigem Maueranschlag kraft feiner in Brixen unbegrenzten Machtvollkommenheit jahrjährlich einen Juden töten, der vor der Ostermesfe etwa, aus der Straße -betroffen wird. Die Stimme des Blutes verkörpert sich ihm in Traume rschein-ungen, zunächst seinen Ahnen, die um seinetwillen in jener Wel-t leiden!, dann des Baalschemtow, dem von ihn-en in Gesichten der Auftrag wird, ihn zurückzusühren. Schließlich -läßt sich der Baalschemtow selbst vor der Ostermesse -ergreifen!, tritt mit dem Bischof inpersönlich mahnende und aneifernde Berührung und läßt ihn, gleichfalls chassidischer Tradition gemäß, von der Kanzel herab aus -der Predigt abrufen. Dieser befreit +ch, ersÄich seinernäheren- Umgebung, dann seiner Vorgesetzten Behörde, -einem Kardinal gegenüber, von dem Zwang seiner über 40 Jahve währenden Verkappung und nimmt die Buße -einer innerlich pein-vollen- und doch -befreiten- Wanderschaft! -bis zum Augenblick seinre Erlösung auf sich. Mit behutsamer Hand sozusagen hingehaucht sind die Figuren des Kardinals in seinem weiten -menschlichen Begreifen und in seiner mild--voru-rteilslos-en Denkart und des Baalschemtow, dessen Sterbeszene biesondevs von einer -ergreifend ruhigen Reinheit und Lieb-Vichkei-t ist. Eine kranke Stelle, bei den das religiöse Judentum nicht in seiner ganzen Tieft erfassenden! modernen' Autoren symptoma-tisch, hat -die Dichtung. Die dem Kardinal gegebene Motivierung des bischöflichen Uebertriits zum Christentum fußt auf falschen Voraussetzungen. Trotz des dumpfen Drucks der damaligen Atmosphäre in Polen ist es nicht der Fall, daß „-die Verzweiflung Mutter einer ve rn ich-t ende n Inbrunst" -ist, im Geg-eniteil, sie war stets für dis gläubigen Juden die Mutter einer, -erhebenden! und aufrichtenden- Inbrunst. Und man hat dort und -allüberall keineswegs die Meinung gehabt, -daß-, „-die Gesetze der Religion den einzigen- Weg zueinem Gott wiesen, dem das Entsetzlichste nichts von Erlös u n -g a b z w a n g ", sond ern man hat -bekannt: Mea >.ulpa, hat in s-i-ch die Ursache des- Entsetzlichstengesucht und Nicht -hadernd an Gott gesrevelt. Auch war weder d-ovt noch irgendwo bei UNS „die Seligkeit der Welt eine Sünde", ist „alle B-esreiung -durch Krampf und- Härt-e gewonnen", wird „alle Freude verwiesen oder ersehnt aus einer unendlichen Feme". Hier verwechselt Zweig, die JeNseitssehnsucht und das Bewußtsein des irdischen Jammertals einer anderen Religion -mit einer Grundanschauung des Juden-tums, die, selbstverständlich- -im erlaubten Rahmen, eine Helle Das-einsfreude verilangt, die gerade in Polen, trotz der Enge und B-e-dränWis oft überschäumte. Mankönnte beinahe meinen>, daß sich Zweig in diesem Betracht einmal mit seinen -eigenen- Waffen schlägt, wenn er -den- Bischof unwillkürlich aus seinem jüdischen Herzen heraus zu -einem Novizen -sagen -läßt: „Ihr seid in diese Welt gestellt, Gebt, die Welt." .. . . (Lieben sollt Ihr.) Aber nicht die Qu-a-l, -sonderndi«e' Welt! Nicht trauern, sondern freuen! Nicht das Elend, sonderndie Sonne und das Elend! Ihr sollt in der Welk bleiben und wirken! — Aber 'diese Beanstandung soll bie Bedeutung des Werkes.nicht schmälern, dessen- Schö-n-- h-eil -eiü-ige kurze Worte andeu-ten mögen', die -der Bacvlschemtow vor seinem Ende spricht: ... „Ihr werdet grünen, Freunde — und ich, ich werde auch grünen . . . Bald bin ich verpsilanzt in einen -anderen Garten. Meine ° Seele, ungeduldig hienieden strebt sie hinaus, ich fühls in der Brust, wie sie andie Wand des Eies pocht. Morg-en-, Seelchen, morgen« . . . Ihr weint? Ach, mir ist -leicht' zumute! Sie will wandern, will womöglich fliegen-; wie sie ein Bewegerist der Dinge,, so will sie feibst nichtrasten . . ." ■ ' Sp. mm

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