Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1929)
- Date
- 1929-06-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SST Der jsraelit Der Jahrmarkt von Rohany. Novelle von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) „S)u, seid Ihr aber früh aufgebrochen, Menschen! Der Zug nach Rohany geht ja erst in einer Stunde oder zwei!" begrüßte der Hausknecht die Ankömmlinge. „Der Herr Stationsvorsteher schläft wohl noch, oder schläft er schon?" fragte der Bucklige. „Hat die ganze Nacht Karten gespielt," brummte der Knecht, „ist erst vor zwei Stunden ins Bett gekrochen." „Aber wann kommt der Zug?" schrie Labik ungeduldig. „Wie soll ich das wissen, Mensch? Nach einer oder Zwei Stunden, vielleicht früher, vielleicht später." „Da muß ich doch beim Herrn Stationsvorsteher Nachfragen." " Mit einigen Sätzen war er im ersten Stockwerk und hämmerte mit beiden Fäusten an die Tür des Stationsvorstehers. Ein zerzauster Kopf kam durch den Türspalt zum Vorschein und eine schlaftrunkene Stimme ries verdrossen: „Lassen die Leute einen nicht ein Stündchen ruhig schlafen. Was willst du von mir, Labik? Es ist ja noch stockfinstere Nacht." „Nacht ist es bei Ihnen im Kopf, Herr Stationsvorsteher. Draußen ist heller Tag . . . Wann kommt der Zug nach Rohany? Hundert Passagiere warten schon unten seit zwei Stunden!" „Wann der Zug kommt? Wie soll ich das wissen, mein Lieber? Bin, ich der Herrgott? Er wird schon kommen, verlaß dich darauf. Das wirst du von der Ferne hören. Er wird pfeifen." „Aber wann f o l l er kommen? Er sollte doch eigentlich schon da sein, das sagen alle, die dort unten warten." „Wart ein wenig ,ich will erst mal nachsehen . . . Ho, ho, ho! Da müßt ihr euch aber noch eine gute Stunde gedulden,. Legt euch ein wenig schlafen. Wenn er ankommt, wird' er euch schon wecken; er wird von der Reise so müde sein, daß er hier ein Stündchen wird ausruhen müssen. Dann kauft ihr euch Fahrkarten und steigt gemächlich ein. Es hat doch keine Eile, Rohany und der Jahrmarkt laufen euch ja nicht weg. Jetzt aber trage deinen Buckel von dannen, und laß mich schlafen." Unten hatte inzwischen der Hausknecht den einzigen Wartesaal erster, zweiter und dritter Klasse geöffnet. Eine Anzahl Arbeiter waren angelangt, die mit der Bahn zu der großen Ziegelei einige Stationen weit reisen, wollten, einige Vauernburschen und -mädchen in bunten Kopftüchern, die zum Heumachen auf -eines der nahegelegenen Güter bestellt waren. Sie machten es sich bequem, holten ihre Schnapsflaschen und Mundvorräte hervor und nahmen unter Scherzen und Lachen einen, Imbiß. „Wir können uns mittlerweile ausschlafen, hat er gesagt," verkündete Labik seinen harrenden Reisegefährten. „Ich bin nicht schläfrig, ich will ein paar Kapitel Thillim sagen." Er holte aus seinem Bündel, in welchem Thallith und Thephillin nebst etwas Reisezehrung lagen, ein, kleines Pfalmenbüchlein hervor. „Eigentlich könnten wir Minjan machen," bemerkte der Glaser. „Wieviel sind wir unser?" „Minjan an einem Wochentag," sagte der Viehhändler, „das habe ich schon feit Jahren nicht erlebt, außer wenn ich in der Stadt bin." „Wir sind unser im ganzen acht. Wenn man Josefs kleinen Sohn hmzurechnet . . ." „Zur Not dürste man ihn schon mitzählen. Aber da fehlt ja immer noch einer." „Hersch, dich könnte man eigentlich für zwei rechnen," sagte Labik, „du bist einer, und der andere, den du immer bei dir hast, ist der zweite." „Laß mich in Ruh, Schelm, der du bist. Was für ein anderer?" „Na, deinen Jünger, meine ich, nur müßte man zuerst entscheiden, ob man ihn überhaupt mitzählen darf." „Mach keine Witze, Labik. Wenn Steiner kommt, ist das Minjan voll. Wird er wirklich kommen, Hersch?". „Sag nein, dann kommt er sicher." „Er sagte mir gestern, daß er heute mit Tagesanbruch nach Rogi kommt, um von hier mit der Bahn nach Rohany zu fahren," beteuerte Hersch Lügner. „Er hat mir eine Menge Geld zu bezahlen, für das Schriftstück, die Eingabe an die Bezirkshauptmannschaft, sonst wäre ich ja gar nicht hergekommen, ich habe ja kein- Reisegeld," fügte er jämmerlich, fast verzweifelt, hinzu. „Wenn er weiß, daß du da bist, kommt er gang gewiß. Aber auch dann haben wir nichts davon. Solche großen Herren nehmen sich Zeit, und treffen auf der Bahn ein, wenn der Zug schon reisefertig ist. Dann heißt es gleich einsteigen." Ihnen allen war jedoch die Idee, Minjan zu machen, in den Kopf gegangen. Sie winkte ihnen, wie die Aussicht auf einen seltenen Genuß. Diese Dorfjuden, die unter den Bauern zerstreut wohnten, fanden sich nur am Sabbat zusammen, um einemregelrechten Gottesdienst zu halten und aus der Thora vorzulesen. Dazu hatte Berl, der Getreidemakler, in seinem Häuschen eine besondere Stube eingerichtet, mit einer Heiligen Lade, in der eine in seiner Familie erbliche alte Thorarolle verwahrt wurde, mit einem verblichenen, goldgestickten Vorhang davor; daneben ein Ständer mit einem Pult, in der Mitte -ein Tisch, mit einer schönen Decke darüber. Ein Kasten mit Büchern stand an der Wand, vom Balken hing ein neunarmiger Hängeleuchter herab. Das ganze sah aus wie eine Miniatursynagoge. In den schönen Sommermonaten kamen sie sogar am Freitag abend zusammen und hielten Gottesdienst. Aber in der stürmischen Winterzeit traf es sich, daß manche sogar am Sabbat morgens nicht hinkommen konnten, und dann gab es eben kein Minjan. Und nun schon gar an einem gewöhnlichen Wochentage, da gehörte ein Minjan zu den größten Seltenheiten. Wenn einer Jqhrzeit hatte, ließ er eine Woche zuvor die Nachharn bitten, an diesem Tage sich bereit zu Haltens und bei ihm einZufinden. Jeder mußte ja seiner Beschäftigung nachgehen. Die Gelegenheit, an einem Wochentage Keduschah und Borchu zu sagen, erschien ihnen wie etwas Festliches, wie ein merkwürdiges ausnehmliches Ereignis. Sie gruppierten sich in einer Ecke, der Glaser rückte seinen Kasten beiseite und sprach: „Ob wir Minjan haben oder nicht, auf jeden Fall ist es gut, mit dem Dawenein hier fertig zu werden und etwas zu sich zu nehmen. Wenn man in der Stadt ist, hat man dann einen freien Kopf, und kann seinen Geschäften nachgehen." Hersch Lügner war der einzige, der Tallith und ThephMm nicht bei sich hatte. „Ich leihe dir die meinigen," sagte Josef, der Schneider, „du machst es ja ohnehin schnell ab." Hersch Lügner nahm das Anerbieten an, aber er war heute sehr zerstreut und unruhig. Während er die Gebete murmelte, sah er unablässig zum Fenster hinaus. Es war nicht nur der Großgrundbesitzer Perl, nach dem er ausschaute, keiner ahnte, daß er sich mit.einem unheimlichen Plan trug, den er heute auszuführen gedachte. Cs war ein Stück Papier, das er bei sich hatte, ein sauber m. 2« 192, geschriebener „Akt", wie er ihn als Winkelschreiber oft anzufertigen pflegte - . . -Eine Denunziation . . . Hersch Lügner hatte mancherlei fragwürdige Dinge in seinem Leben verübt, an die er nicht gern zurückdenken mochte. Doch zum Denunzianten war er noch nie geworden. Aber der Bezirkshauptmann von Rohany hatte ihn so lange gequält und ihn mtt allerlei Versprechungen gelockt . . . Der Bezirkshauptmann hatte einen Groll auf den Schultheiß und feine beiden Assessoren in dem Dorfe, wo Hersch Lügner wohnte, das rührte noch von den letzten Wahlen her, aber er konnte gegen die drei Bauern nichts ausrichten. Da warf er ein Auge auf Hersch Lügner. „Wenn du mir diese drei Lümmel in die Hände lieferst, dann sollst du es gut haben, Herschko! Möchtest du eine Tabaktrafik auf Lebenszeit besitzen? Eine Schankkonzession,? Na, wir wollen sehen . . . Nur schwarz auf weiß mußt du's mir bringen ... Es geht in deinem Dorfe manches vor . . . du kannst alles herausbekommen . . . Die drei Lümmel können weder lesen noch schreiben ... Du bist ein kluger Kopf. Herschko paß nur gut auf, du wirst alles erfahren ..." Im Dorfe ging nichts vor, aber Herschko strengte seinen guten Kopf an und paßte aus, und bald wurde ihm klar, daß der Herr Bezirkshauptmann um jeden Preis etwas schwarz auf weiß haben mußte, womit er es den drei widerspenstigen Vauernlümmetn eintränken konnte . . . Lange überlegte sich Hersch Lügner die Sache, aber am Ende, wer möchte nicht gern eine Tabaktrafik auf Lebenszeit oder eine Schankkonzession haben? . . Die drei Bauernlümmel konnten weder lesen noch schreiben. Und der Bezirkshauptmann war ein mächtiger Herr, gleich der nächste nach dem Statthalter. Er mußte wohl wissen, wozu das alles gut war . . . Endlich hatte Hersch Lügner das Papier in der Tasche. Drei Tage lang hatte er darüber geschwitzt . . . Der Herr Bezirkshauptmann, würde vor Vergnügen mit der Zunge schnalzen, ihm zur Anerkennung einen Fußtritt versetzen und ausrufen: „Schön, du Hundeblut, verdammtes! . . . Das hast du gut gemacht." . . Er konnte nun auf eine Tabaktrafik oder eine Schankkonzession rechnen . . . Aber die ganze Zeit über verfolgte ihn der Gedanke, daß die drei Bauern heute ebenfalls mit demselben Zug von Rogi nach Rohany fahren konnten. Allmählich wurde es ihm zur Gewißheit, daß sie es tun müßten, sie konnten.jeden Augenblick ankommen . . . Ha, Herschko, guten Morgen,. Bist du auch hier? Fährst nach Rohany? Schön, wir reisen zusammen, du erzählst uns unterwegs ein paar Geschichten. Das wird lustig werden . . . Ein Schnäpschen gefällig? Ich habe auch gebratene Eier bei mir, und Schwarzbrot, greif zu! Das ist dir doch nicht verboten . . . Dann würde Hersch Lügner nicht den Mut finden, das Schriftstück zu überreichen . . . Unmöglich — Das brächte er nicht fertig. Die drei hatten chm nie was zu Leid getan ... oft etwas zu verdienest gegeben und mit Lebensmitteln ausgeholfen. Wenn er ihnen ins Gesicht blickt, dann, ist es aus mit dem ganzen Plan, die Tabaktrafik und die Schankkonzession sind für »immer dahin ... In seine ohnehin nicht ganz reine Seele war eine große Unruhe gekommen, und jetzt erwachten auf einmal in ihm unangenehme Erinnerungen an allerlei Dinge, die er gesagt und' getan, die er längst vergessen zu haben glaubte . . . Wenn er heute 3um Denunzianten geworden ist, dann wird er freilich für die Zukunft nicht mehr zu sorgen haben, aber . . . aber ... Wenn nur die drei Bauern nicht kätnen . . . doch sie werden gewiß'kommen . . Sie müssen kommen,. . . Hersch Lügner hatte sich in den Kopf gesetzt, daß die drei Bauern jeden Moment ankommen, werden, und sah ihrem Erscheinen mit Beklemmung entgegen. Er starrte fortwährend zum Fenster hinaus, und zuckte zusammen, so oft die Türe aufging . . . Wenn sie kämen, müßten sie schon längst da sein,