Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1929)
- Date
- 1929-06-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Sr Der jsraelit Der Jahrmarkt von Rohany. Novelle von Vinjamin Segel. Es versprach, ein schöner Tag zu werden. Dunkel lagerte noch über der weiten Ebene, aber an d>em kristallklaren Himmel erbleichte schon« der Vollmond. Die Sterne erloschen friedlich einer nach dem andern- Ueber die Erde wälzten sich dichte Nebelballen, schwangen sich in die Luft empor und zerflossen in Nichts. Im Osten fing der Himmel an, sich blahrot zu färben. Zeitweise erhob sich ein leichter Wind und> brachte aus dem Gebüsch in der Runde den« Duft blühenden Flieders und das leise Zwitschern der erwachenden Vögel an die beiden Wanderer heran, welche die einsame Landstraße entlang mit weitausholenden Schritten einhergingen. Es waren Dcrwid, der Viehhändler und Verl, der Getreidemakler: sie hatten sich kurz nach Mitterniacht auf den Weg gemacht, um die Station Rogi der Transversalbahn zu erreichen, mit der sie nach Rohany gelangen wollten. Hier fand nämlich heute ein großer Jahrmarkt statt, aus dem der eine wie der andere ein gutes Geschäft zu machen hoffte. Man konnte zehn, vielleicht sogar zwanzig Gulden verdienen, wenn man Glück hatte. Aber es galt sich zu beeilen, denn der Zug kam und ging, wann es ihm beliebte, und niemand konnte mit Sicherheit Voraussagen, wann er eintraf und wann er abging. Es war immerhin besser, auf ihn zu warten, als auf feine Pünktlichkeit , zu rechnen. - ' An einer Kreuzung des Weges schlossen sich ihnen zwei andere Fußgänger an. Salomon, der Glaser, kam mit seinem mächtigen Kasten auf dem Rücken, er wollte in Rohany Scheiben einkaufen. In seinem Dorfe wurde der Palast der Gräfin ausgebessert, die binnen kurzem zu den großen« Ferien hinkommen sollte. Der Glaser hatte den Auftrag erhalten, die beschädigten Fenster zu restaurieren undmußte gleich übermorgen damit anfangen. Er brauchte Scheiben und Kitt. Sein Gefährte trug einen großen Pack mit allerhand Schmucksachen darin. Hauben, Gürtel und Mieder, die er aus bunten Bändern angefertigt, mit Glasperlen bestickt, für die die Bauernfrauen - und -Mädchen schwärmten. Er hoffte, seine ganze Ware abzusetzen Und Rohstoffe für neue Erzeugnisse einzuhandeln. „Da gehen zwei, die noch früher als wir aufgestanden find," bemerkte einer aus der Gruppe, und wies auf die beiden Gestalten hin, die einige hundert Schritte voraus indem Halbdunkel der Morgendämmerung sichtbar wurden. „He, Labik," ries er mit lauter Stimme, „guten Morgen Labil Willst du auch zum Jahrmarkt? Was bringst du denn hin zum Verkauf?" Der Angerufene und fein Begleiter blieben stehen und wandten sich um. „Meinen Buckel," antwortete der erstere lustig, mit seiner hohen« Stimme. Er war der Spaßvogel der ganzen Umgegend undl machte die meisten Witze über seinengroßen Höcker, den sein klener Körper zwischen den Schultern trug. »Ich kann ihn dir hier auf der Stelle abtreten, wenn du einen ordentlichen Preis bietest. Aber mein Nebenmann da, der hat alle Taschen voll, Auspacken wird er erst drüben auf dem Jahrmarkt." Man lachte. Der Begleiter des Buckels, ein hagerer, hochaufgeschossener Mensch mit undeutlichen Gesichtszügen, war dafür bekannt, daß er überall Lügen feilbot, phantastische Aufschneidereien und ersonnene Geschichten, die keiner mehr ernst nahm. Man nannte ihn deswegen Hersch Lügner, obgleich er mit dem Familiennamen Lindner hieß. Er machte allerlei windige-Geschäfte mit den Bauern, trieb sich als Winkelschreiber und Zwischenträger herum, eine zweifelhafte Figur, der niemand recht traute. „Den ganzen Tag bitte ich ihn, daß er mich zum Kompagnon nimmt," fuhr der Bucklige fort, „aber er will mir nichts Mitteilen, seinen ganzen Vorrat hebt er für den Jahrmarkt auf. Alles, was er mir sagt, ist die reinste Wahrheit, ich glaubs ihm gern. Er hat keinen Heller in der Tasche und grübelt, von wem er sich heute das Geld für eine Fahrkarte nach Rohany borgen könnte." „Mach keine Späsie, Labik," versetzte Hersch Lügner pikiert. „Ich habe dir kein Wort davon gesagt." „Seht ihr, wie recht ich habe," rief der Bucklige. „Er spricht wirklich vorläufig nur die Wahrheit. Gesagt hat ers mir nicht, aber seidsicher, er denkt an nichts anderes. Hab ich recht, Hersch Lügner?" „Nein, du Lästermaul, ich brauche mir bei keinem von euch das Reisegeld zu borgen. Der Gutsbesitzer Perl von Piliza fährt heute ebenfalls nach Rohany; er wird in seiner Kutsche zur Station kommen; der schuldet mir eine Menge Geld für ein Schriftstück, welches ich für ihn abgefaßt habe, eine Eingabe an die Bezirkshauptmannschaft." „Er fängt schon jetzt an, auszupacken," bemerkte Labik trocken«. „Aber wenn Perl kommt, so wirst du schon dein Reisegeld haben, das ist sicher." . „Die einzige jüdische Ader, welche dieser Perl .noch in sich hat, er sagt keinem ab, der ihn um etwas bittet," bemerkte der Glaser. . „Das ist wahr; das wird ihn auf der anderen Welt aus der Hölle herausreißen. Keine Sünde, die in der Thora steht, hat er unterlassen, aber ein gutes Herz hat er und eine offene Hand." „Ach ja, auch wenn es gilt, Ohrfeigen auszuteiten. Davon wissen seine- Knechte und die Bauern auf seinen Gütern was zu erzählen." „Das hat er von seinen Gutsnachbarn, den christlichen Edelleuten gelernt. Ein Jude hat gar nicht das Herz dazu." „Und schreien und schimpefn kann er! Wenn er den« Mund auftut, glaubt man, sein Großvater und Urgroßväter wären schon als Herren auf Piliza gesessen. Aber viele haben ihn selber noch gekannt, als er in Tarnopol ein kleiner Viehhändler war." „Und heute fährt er vierspännig und besitzt drei große Güter. Aber von Jüdischkeit willernichts mehr wissen. Gerade am Sabbat läßt er sich den Schimmel satteln und reitet hinaus, um die Arbeiten im Felde zu beaufsichtigen. Und daß es einen Unterschied zwischen Trpehe und Koscher gibt, hat man in seinem Hause längst vergessen." „Basjka, die Köchin, ist bei chm Schachet für G-eflügel," bemerkte der Bucklige, „und die Schweine für seinen Hausbedarf schlachtet Danilo, der Stallknecht." „Manchmal erwacht in ihm doch n<och ein Funke," sagte Verl. „Im vorigen Sommer hatte der Arendar seines Dorfes Grabow Jahrzeit nach der Mutter und war verhindert, an diesem Tag in die Stadt zu fahren, wie er es sonst immer tat, um in der Synagoge Kaddisch zu sagen. Was war da zu machen? Es kamenaus der Umgegend alle Erwachsenen zusammen, um ein Mmjan zu bilden. Aber an« Wochentagen ist es ja schwer, zehn Männer des Morgens zu versammeln. Neun waren ihrer da, man wartete vergebens auf den zehnten, die Zeit rückte vor, der Arendar war verzweifelt, denn er fürchtete, daß es ihm nicht mehr gelingen würde, diesmal Jahrzeit abzuhalten. Da reitet gerade Perl mitten in einer ganzen, Gesellschaft von Damen und Herren vorbei,. Mein Arendar faßt sich ein Herz, tritt hinaus, lüftet die Mütze, und bittet den Großgrundbesitzer zu Minjan. Und was denkt ihr euch? Der Herr Perl steigt vom Pferd, yrirft die Zügel einem Reitknecht zu und kommt ßi> die Stube hinein, um das Minjan voll zu machen. Geschimpft hat er freilich auf die dummen Juden und ihre lästigen Bräuche, aber er blieb eine ganze Stunde da, natürlich hatte er Thallith und Thephillin nicht an, aber er betete mit, antwortete Amen, Keduschah und Borchu, ganz wie wir andern alle." „Eine jüdische Seele und einen gojischen Magen kann man nie ergründen," meinte Labik, der Bucklige. Ein Wagengerassel wurde hörbar. Aber es war nicht der Gutsbesitzer Perl, sondern Jossel, der Dorfschneider, der auf einer Vauernfuhre daherkam; er wollte mit seinem kranken Sohn, einem zwölfjährigen Knaben, zur Station fahren, um den Stadtarzt in« Rohany aufzufuchen. „Wenn wir nur den Zug nicht verfehlen," sagte der besorgte Vater. „Ich muß langsam fahren, der Junge verträgt das Schütteln nicht." „Eher wird der Zug uns verfehlen," erwiderte der Glaser. „Wenn er sich auf der Station viel zu lange ausruht, so müssen wir die Beine auf die Schultern nehmen und marschieren«, wir kommen immer noch früher an, als er." „Paß nur auf, daß er dir nicht vor der Rase davonläuft, wenn er einmal keine Zeit hat, wie mir gas neulich passiert ist. Er sollte mit dem Glockenschlag dreiviertel auf acht abdampfen. Ich laufe, was mich die Beine tragen, undbin pünktlich eine halbe Stunde früher zur Stelle. Mein Zug steht schon« auf dem Gleis und faucht und pustet, ich stürze atemlos an den Schalter, und während ich das Geld zähle und mir die Fahrkarte eingehändigt wird, — ein Pfiff, und weg ist er. Ich habe vergebens nachgefchrien, daß er warten sollte. Q&r machte, sich nichts daraus." Jetzt tauchte auf -einer Anhöhe das hübsche hellbraune Stationsgebäude aus der morgendlichen Dämmerung auf, dahinter schlängelte sich der weißliche Bahndamm und im Hintergründe ragte wie eine dunkelgrüne Mauer der mächtige, unabsehbare Tannenwald. In den Wipfeln tanzten rote und goldene Lichter der ausgehenden Morgenröte. Ringsum schien alles zu schlafen'. Nur vor dem geöffneten Haustor machte sich der verschlafene. Knecht etwas zu schaffen«. Auf den herumliegenden Steinen waren einige schon früher angekommene Passagiere emg-enickt. (Fortsetzung folgt.) Jüdischer Rakurfinn. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Wiederum prangt die sommerliche Natur in allen erdenklichen Reizen, Farben und- Formen. Sonnenschein und Luft locken Millionen Menschen hinaus ins Freie, hinauf auf die Berge, hinein in Feld und Wald. Sangesfrohe Scharen begegnen uns allenthalben. Unsere Glaubensbrüder und -fchwestern stellen hier auch ihr entsprechendes Kontingent, insbesondere die Jugend, namentlich die vereinsmäßig organisierte. Ein heute noch weit verbreitetes Vorurteil spricht den Juden die Neigung zu echter Wanderlust, die Fähigkeit wahren Naturgenusses ab, ja, jedweden Natursinn!. Das ist freilich ein sehr schiefes Urteil. Erklärlich wird es nur durch die Tatsache, daß die Berufsschichtung bei uns bisher eine ein-, seitige gewesen untr namentlich die landwirtschaftliche Betätigung den breiten Massen fehlte. Gerade letztere aber ist innig mit der freien. Natur verwachsen, werwurzelt und verwoben. Wir sind nicht schuld an diesen durch jahrhundertelangen