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Der Israelit · 1929-06-20 · Heft 25 (20.6.1929) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 25 (20.6.1929)
Date
1929-06-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a. 2Tl.f den 12. Awan 6689 «|jj\ Ein Centralorgan fOr das orthodoxe Judentum l(fOj _Will Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. UK1 J Begründet von Dr.lLehmann in Mainz. MonnemeM.«/Januar 18M DenMvmd 1 TowMlttr «onaMchr,»«»lLndt tahrpkeise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis »ULögltch «osten des EtretfdarN»-Ber. iandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8^; Amerika 1 Dollar: England t sh.; ab 1. Juli FranKetch L8Fr.; Belgien ab 17. 27. Belga 8: Kolland8 fl.;Jtaiie» cL 1. l. L8 18Site; Jugoslawien % m; Litauen 7.50 Sit; Rumänien ab 1. 7. 27.150 Set; Polen 4 deutsche Goldmart zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 ft*. Tschecho-Slorvakm SB Kronen; Ungarn Pengö 6 ab I.Juli 1837; Dänematt 8.50 «ron; Norwegen 8.50 «ron.; SchwedenL60 «ron. die flebeugesvalten« ienanzeige« nur 40 Pf. Textsette L50 Mt; e eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufende» Thiffregebühr in Vorbehalt Jnseratenannahme durch den ^t«an^J«l. eckmidtLanaestr.7.N. Tet Sans« 4841. Matzvor»chr.ohn-Berbtndltcht. Rr. 18484. — ngen direkt an uica HiiniMroscli Blank & Co. itt arschau Nr. 190757 Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. w. Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins erichtsstand für Agram U Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Juli) Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G,m,h.H,, Frankfurt a.M. Von Lemberg bis Posen. Die Stadt Lemberg hat neben, einer polnischen Millionenbevölkerung eine erkleckliche Anzahl .von Ukrainern und eine starke jüdische Minorität, die nach der Neuordnung der Dinge auch so etwas wie ein eigenes nationales Leben führt. Reibungen liegen in der Luft, an Zündstoff fehlt es selten. Je nachdem, -wie es sich gerade macht, gehen Polen und Ukrainer gegen die Juden vor, oder -es heißt bei den Polen: „Gegen Ukraine und Juda!" Oft aber dokumentieren die Ukrainer ihre autonome Selbständigkeit dadurch, daß sie ganz auf -eigene Faust (wörtlich) auf die Juden dareinschlagen. Die Juden in Lemberg und Ostgalizien suchten, wie unseren Lesern -aus dem Widerstreit zwischen Lemberg und Warschau bekannt ist, sogar in ihrem ultranationalen Teile politisch den Anschluß an die Polen- undhielten sich von einer überspitzten Mmderheitspolitik fern. Der Dank wird ihnen jetzt votiert in der Form von eingeschlagenen Fensterscheiben und- Schädeln in den jüdischen Quartieren. Wie immer, geht die Hetze vom Pöbel im Studentenfracke aus. Jüdische Kinder hätten eine katholische Prozession verhöhnt. Wer hat das gesehen? Die Studenten gewiß nicht, sie ziehen Kirche und Prozession die Kneipe vor. Der Geistliche, der die Prozession führte, hat -nichts von der Störung gemerkt. Aber so was hat die Wirkung auf das untere Volk noch nie versagt, man kennt das noch vom Mittelalter her. In den Straßen Lembergs wütete tagelang ein regelrechter Pogrom, der fein Echo in Warschau und Posen fand. Die Regierung ließ ihre Truppen marschieren — aber erst nach Tagen, nachdem die Exzesse ihren Weg von der Judengasse nach dem Regierungviertel genommen hatten. Und da zeigte sich, wie immer, daß die Polizeibehörden, den Krawallen wohl gewachsensind, sobald sie nur wollen und müssen. Wesentlich anders als in Lembergliegen die Dinge in Posen, das wohl eine Solidarität des Judenhasses mit Lemberg unterhält, aber diesen unter ganz anderem Zeichen nährt und gelegentlich, so auch jetzt, zur Explosion kommen läßt. Die andere Minorität in Posen sind die Deutschen, die etwa 3]A Proz. der Bevölkerung ausma-chen. In der Hauptsache Ueberbleibsel des früheren Grenzmarkbeamtentums, haben die Pofener Deutschen, sofern keine Wahlhilse nötig ist, für die Juden nicht viel übrig. Diese aber sind für sich zu gering und von der deutschen Zeit viel zu wenig national eingestellt, um von n,ationalen Minoritätsrechten, selbst wenn sie ihnen gesichert wären, den vollen Gebrauch zu machen. Von den 10 000 Juden, die vor Kriegsausbruch in Posen wohnten und auf allen Gebieten des -wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen- Lebens hervorragend tätig waren, sind bei Beginn des polnischen Regimes gut vier Fünftel weggezogen. Mit dem Zuzug aus den Ostprovinzen Kongreßpolens, dessen Stärke übertrieben wird, zählt die jüdische Gemeinde in Posen heute im Ganzen rund 2500 Seelen (kaum XA Proz. der Gesamtbevölkerung). Der soziale und wirtschaftliche Ausgleich hat sich durch den Zuzug der ärmeren Schichten, für die mit der Polonisierung Posens die Grenze nach dem Westen aufgehoben und sich ein „Ei-nfallstor nach Europa" zu besseren Lebensmöglichkeiten bot, natürlich nicht sinstellen können-. Die Steuerlisten der Stadt sprecheneine deutliche und traurige Sprache. Von den- 2500 Juden zahlen kaum 450 Kultussteuern. 1914 und noch später inden ersten Kriegsjahren zählte Posen 2500 Steuerzahler, darunter solche, deren jeder mit seinem Steuerobolus die gesamte Steu-erquote von heute auswog. Viele Gemeindeinstitutionen sind darum eingegangen, der Gemeindebetrieb ist stark reduziert, der Reformtempel — was kein Unglück ist, aber ein Symptom, — geschlossen,. Im öffentlichen Leben spielen die Juden gar keine Rolle mehr. Die 1907 neuerbaute große Synagoge, die damals mit ihren 2000 Plätzen - neben den vielen Vethäufern die Andächtigen nicht fassen konnte, ist verödet. Dabei hat die Gemeinde Posen ein heiliges Vermächtnis zu wahren. In der Synagoge bekommt der Besucher einen, großen Schrank gezeigt, in dem viele Thorarollen-, heilige Utensilien, die letzten Andenken von Gemeinden der Provinz Posen, die infolge der Verhältnisse vollkommen eingegangen sind und, nachdem der letzte Jude fortgezogen war, ihre heiligen Reliquien -nach Posen schickten, wie sie ihre Bethäuser und alten Friedhöfe in den Schutz -der Pofener Gemeinde gegeben haben. Bei dem Bilde, wie wir es hier in konzentrierter Fassung entworfen haben, tritt uns das große Fragezeichen vor Augen: Auf welchem Wege konnten sich die Lemberger Vorgänge nach dem weiten, Posen verpflanzen? Aus welchem Anlaß stürmt man hier die menschenleeren Judengasse und demoliert die Synagogen? Von welcher Art sind hier die Demonstranten und Demonstrationen? Was will man hier von den paar Juden, deren kleine Existenz sich kaum bemerkbar macht und wenn je, nur in gutem und befruchtendem Sinne? Die Antwort liegt klar auf der Hand. Bei den ewigen nationalen Eifersüchteleien zwischen Deutschen- und Polen muß man irgendwo seine Wut abladen. Mit den Deutschen selbst ist nicht gut anfängen. Berlin, ist nicht weit, und die internationalen Abkommen, aus denen man für das eigene Land so viel Profit wie nur möglich ziehen will, dürfen nicht mit Steinwürfen zerstört werden. Die Juden sind Deutsche zweiter Garnitur, billige Deutsche, die man beleidigen, mißhandeln kann, ohne daß die Polizei gleich mit dem Gummiknüppel auf dem Plane ist, ohne daß die Zentralregierung groß Wesens daraus macht, ohne daß sich Konsulate einmischen und internationale Affären daraus machen, ja, ohne -daß sich die Deutschen selbst, die doch eigentlich gemeint sind, besonders darüber auftegen. Man kann sogar hinterher sagen — das ist in Warschauer Zeitungen tatsächlich verbreitet worden, — die Deutschen hätten den ganzen Pogrom angezettelt. Von den Deutschen darf die Welt schon so etwas glauben. Dafür haben sie im eigenen Lande und in Wien — wo sie auf der Universitätsrampe faktische Beweise für ihre Solidarität mit den polnischen Huligans in Lemberg lieferten — reichlich gesorgt. Bei alldem: Der Völkerbund hat doch einmal religiöse und andere Minoritäten anerkannt und ihnen gewisse Rechte gewährleistet. In Madrid wurde, und wird in den Exekutivinstanzen noch,

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