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Der Israelit · 1929-05-23 · Heft 21 (23.5.1929) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 21 (23.5.1929)
Date
1929-05-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Dr. 21 1-2- Sn!?"' Der Jsraelit Katharina Steiner. 73m MUMM? i I. Line von den unglaublichen Geschichten, die das Leben dichtet. Ein kalter grauer Wintermorgen. Schneeflocken fallen vom Himmel, zerschmelzen in der Luft und landen als schmutziges Nah aus dem Boden. In der Mgen Straße stockt eine kleine Weile der Verkehr. Ein schwarzer Wagein> zieht daher, ein kleiner Kondukt. Nur vier Menschen gehen hinter ihm her. Es war ja nur eine alte, arme Frau. Ein Mann, zwei alte Nachbarsfrauen und ein Gemeindefunktionär geben' ihr das letzte Geleit. In der Friedhosshalle spricht der Vorbeter das Gebet und geht von dannen. Die zwei Frauen- und der ältere Herr begleiten die Bahre bis zum Grabe. Wie alles fertig ist und die Totengräber die Erde zu schaufeln beginnen, tritt der ältere Herr näher und spricht ins offene Grab hinein: „Wie arm und verlassen gehst du dahin. Die Menschen, die dir das Leben verbitterten, kümmern sich auch um deinen Tod nicht. Einmal wühlte dein Schicksal das Weltgewissen auf. Man hat dich vergessen. Nun findet dein zerbrochenes Leben sein Ende. Ruhe in Frieden, arme Karharina Steiner!" Nach wenigen Minuten lag der Friedhof still, das frisch aufgeworfene Grab verlassen in der Reihe der anderen Gräber. Der Alte ging nach Hause. -Aber in einer Ecke seines Herzens lebte die Tragödie eines Menschen auf, einer jüdischen Frau, die einmal Glück erhofft, Freude erlebt und Schmerz gefühlt, die belastet und beladen war von Sünd und Fehl und schwer büßte. Das alles lebte noch einmal in seiner Seele auf, um vielleicht morgen oder übermorgen schon mit ihm ins Grab zu sinken. Keiner sonst als dieser alte Freund wußte , so genau um die Geschichte der Katharina Steiner, wiewohl ihre späteren Schicksale einmal eine Zeitlang ganz Wien und Oesterreich, ja die Welt in Atem hielten. H. In einem kleinen ungarischen Iudenstädtchen lebte iherwohlhabende Holzhändler und Waldbesitzer'Joachim Stein mit seiner Familie. Das einzige^ Töchterlein Keile zeichnete sich durch so viele Eigenschaften aus, daß es schon den Eltern beinahe bang wurde um ihr Kind- Die Mütter fürchtete das „böse Auge". -Ahnte die gute Frau etwas? Die Furcht, vor dem „bösen Auge" dr-' füllte sich in etwas anderem Sinne, in einer Weise, wie sich die Eltern nicht hätten träumen lassen. Die kleine Keile wurde in die öffentliche Schule geschickt, wo sie mancherlei lernte. Im Elternhaus nahm sie jüdischen Geist aus, lernte die Weihe jüdischer Sabbate und Festtage kennen, wuchs wie eine liebliche Blume auf dem weichen Boden stillen jüdischen Familienfriedens empor. Draußen in der Schule und unter ihren Freundinnen sah und hörte sie andere Dinge. Im Kampfe der zwei Seelen in ihrer Brust siegte einmal die eine, einmal, die andere. Die Welt draußen war schön, voller Sang und Klang, im kleinen Elternhause aber wohnte das Glück. Das stille Glück im Winkel ergoß sich durch das Blut bis in die tiefsten Kammern der Seele. Die blinkenden Lichter draußen aber blitzten und blendeten, begruben das kleine Haus, ist HM'Lichtfülle. ".Der Ausgleich war schwer -IMihp Heines' jüdisches Leben strömten die Lichtfluten von außen hinein und störten es. War sie draußen bei Tanz und Sang, saß wiederum das eigene jüdische Qebm wie ein mahnendes Gewissen in ihrem Herzen, um die Freude zu dämpfen, zu trüben, ihr Einhalt zu gebieten. Die kleine Keile litt und hatte keine Freundin, der sie sich anvertrauen konnte. Der strenge Vater und die übergute Mutter hätten sie nie verstanden. Im Städtchen spielte zuweilen ein Theater, das aus der Residenz kam und auch heimische Kräfte heramzog. Keile versäumte keine Vorstellung. Sie war mit achtzehn Jahren eine vollaufgeblühte Rose. Sie musizierte und hatte Gesangsstunden. Einen besseren Musiker und Gesanglehrer als Pataty, der gelegentlich auch im Theater mitwirkte, konnte man gewiß nicht finden. Pataty wurde der Freund uni)' Vertraute von Keile Stein. Die Elternbeachteten die wachsende Freundschaft kaum. Er war ja Christ und da war doch nichts zu befürchten . . . Ueberhaupt hatte das Benehmen des Mädchens im Haufe nicht den geringsten Anlaß zu Argwohn gegeben. Aber eines Tages war doch Keile mit einem nicht allzugroßen Barbetrag verschwunden. Auch Pataty war Nicht mehr zu sehen. Alle im Städtchen wußten es und redeten davon, daß der Schauspieler mit dem Mädchen geflüchtet sei, alle wollten auf einmal gesehen und gewußt haben, daß sich zwischen den beiden ein Verhältnis anbahnte und daß die Sache so und nur so enden mußte. Joachim - Stein und> seine Frau waren vom Unglück so ungeahnt überfallen, daß sie ganz die Fassung verloren. Joachim war aber ein harter Mann, ein Starrkopf. Er war der Meinung, jede Verfehlung trage ihre Ahndung in sich, Keile würde schon wiederkommen, wenn das Geld zu Ende und der kindliche Starrsinn gebrochen sei. Im Herzen hielt er die ganze Sache für eine Kinderei, die bald vorüber sein würde. Es vergingen aber Tage, Wochen und Monate, und Kelle ließ nichts von sich hören. Man sagte, sie sei mit ihrem Geliebten nach Wien gegangen. Alles ging und flüchtete nach Wien, was in die Welt wollte. Jetzt erst setzte man die Polizei in Bewegung. Eine Anfrage an die Wiener Behörden kam mit dem Vermerk zurück: „Ein Mädchen mit.Namen Keile Stein unbekannt- und aus keinem Polizeirevier angemeldet."' Joachim fuhr nach Wien, suchte und forschte und kam unverrichteter Sache nach Hause zurück. Man mußte abwarten und sich inzwischen in sein- Schicksal ergeben. III.;!i In einem Wiener Außenbezirk saß schon zwei Tage nach ihrer Ankunft das Mädchen aüs der ungarischen Provinz allein und' verlassen da. Patcity war am ersten Morgen mit all dem Gelde und den wenigen Schmucksachen verschwänden. Sie dachte gar nicht daran, nach ihm zu fahnden. In ihrem Herzen saß tiefer Schmerz. Es. war der erste harte Schlag, den ihr die lichte Welt draußen gebracht, und aus einer geheimen Ecke ihrer Seele schlugen, wie um sie zu verhöhnen, sich an ihrem Leide zu weiden, die alten lieben Lieder der Heimat an. Die Melodien führten aber nichtzurück. Vom Vater hätte sie den Starrsinn geerbt und sie beschloß, alles eher zu tun als in dieser Lage in die Heimat, zum Gespötte der kleinen klatschsüchtigen Bürger, zurück- Hukehren. Man mußte sich in der großen Stadt öürchbeißen. Wofür hatte sie all die schönen Dinge gelernt? Sie kannte sich rin der Musik aus, war schön, hatte gute Stimme Und konnte singen. Vor allem weg mit den kleinen provinziellen Namen. Sie'' hieß jetzt Katharina - statt Keile, und aus Stein wurde S t e f n e r. „Katharina Steiner" auf einem Theaterzettel klänge gar nicht übel. So ging sie als Katharina Steiner gleich zur großen Oper. Sie konnte mehrere Opernarien. singen. Und wie oft hatte ihr Pataty, ihr Lehrer, geschmeichelt und ihr prophezeit, es blühe mit ihr eine große Bühnenhoffnung heran. Im Büro des großen Kuppelhauses empfing sie ein Sekretär etwas mürrisch und mißtrauisch. Als er die Augen hob, erhellte sich sein Blick und es kam mehr Freundlichkeit in seinen Ton. Sie sei hier fehl am Orte, sagte er, als er ihr Anliegen hörte. Und nun geleitete er sie selbst ins Direktionszimmer. Ein behäbiger Herr mit glattem Gesichte und freundlichen Augen musterte sie von oben bis unten und fragte, wo sie ihre Ausbildung genossen hätte. Pataty. Es fiel ihr schwer, den Namen des Treulosen zu nennen. Ihr Stottern gab ihrem Benehmen noch mehr Unsicherheit, aber die erröteten Wangen vermehrten ihre Schönheit. Pataty? Einen Meister dieses Namens kannte der Herr Direktor nicht. Er rief den ersten Kapellmeister an, der bald kam. Dieser war ein schlanker,.,eleganter Mann, dessen scharfe, strenge Blicke sie vollends verlegen machten. Nach wenigen Worten, die die beiden Männer miteinander austauschten, setzte sich der Kapellmeister an den Flügel. Sie sollte -etwas singen, egal was.- Aus Mignon? Auch gut! Der Musiker warf mit nervöser Bewegung den mächtigen Haarschopf nach hinten und schlug ein paar- Takte an. Katherma sang; sang ungefähr so, wie sie es im kleinen Theater ihrer ungarischen Heimat gehört, wie sie es bei ihrem Pataty gelernt, sang aus -tiefster Seele, aber falscher Kehle, gezwungen und besangen. Wie oft hatte sie mit diesen Arien ihre Leute daheim entzückt, im Vereine und bei Wohltätigkestsvorstellungen Beifallssturm entfacht! Hier war die Wirkung eine ganz andere. Der Herr Direktor runzelte die Stirn und sah die geschmeidige Mädchengestalt so an, als wollten sich die Augen für das verletzte Ohr entschädigen. Der Kapellmeister aber sah von den Tasten auf, warf die Mähne wieder nach vorn, schüttelte mit dem Kopf und brach mitten im Akkorde ab. „Unmöglich," sagte er trocken, „gänzlich unausgebildet!" „Und die Stimme? „Ein nettes Salonstimmchen mit gefälliger Mittellage. Höhenlage zu dünn, im Ganzen ohne geringste Aussicht für eine ernste Bühne." Damit war das Urteil endgültig gefällt. Der Herr Direktor begleitet sie zur weißen Treppe hinaus und reichte ihr die Hand: „Geben Sie es auf, schönes Kind. Es ist auch nicht viel verlörest. Die Bühnenlaufbahn ist so voller Dornen, daß die paar schönen Rosen am Rande gar zu teuer erkauft sind'. Wenden Sie sich dem zu, wozu Sie berufen sind und Sie werden gewiß was'Tüchtiges leisten, werden auch mjt Ihrer primitiven Kunst manches spenden können. Die Bühne erfordert viel und bietet wenig. Leben Sie wohl!" Der erfahrene Mann -wandte das Gesicht ab. Er kannte es, und er mochte keine Tränen, außer Theatertränen, sehen.- Katharina sah aber zwischen Vaterhaus und Welt keinen Mittelweg, der zu einem Unterschlupf führte. Hatte sich das kleine Häizschen ihr geschlossen-, mußte sich ihr die Welt öffnen. Sie mußte hinein, und wäre es auch durch eine H'iutertüre. Ein paar Tage später war Katharina Steiner Choristin in einem kleinen Operettencafe. Wegen der Musik ihrer weichen Linien, wie ihr der Leiter sagte. Ihre Stimme hatte sie noch zu schulen, ihre musikalischen Kenntnisse zu vermehren, um sich im. Chore zu behaupten. (Fortsetzung folgt.)

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