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Der Israelit · 1929-05-16 · Heft 20 (16.5.1929) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 20 (16.5.1929)
Date
1929-05-16
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seile 4 Nr. 10 Der Israelit Blätter 16. Mai 1929 auf dem Standpunkt steht, daß jedes organisatorische Kompromiß mit Organisationen, Gemeinden! oder Parteien, die die Thora nicht als Grundlage kennen, mit dem Ideal der Agudo unvereinbar ist?" Zunächst: Diese Gegenüberstellung halte ich für völlig abwegig, denn bereits in Kattowitz wurde mit schärfstem Nachdruck Folgendes zum Ausdruck gebracht: „Denn es ist nicht ein Verein neben andern Vereinen, den wir gründen wollen, nicht e i n Z w e ck v e r b a n d , dessen Be deutung sich in der Verwirklichung irgendwelcher praktischer Einzelzwecke erschöpft. Was uns als hohes Ziel vorschwebt, ist vielmehr die Wiederbelebung uralten jüdischen Besitzes: der überlieferte Begriff des K l a l l Jisroel ist es, — Israels Gesamtkörper, erfüllt und ge trage n von seiner Tauroh als organisierender Seele — den wir durch Unsere „Agudas Jisroel" inmitten der Kulturwelt und mit den technischen Mitteln, die die Kultur uns aufs neue leiht, realisieren wollen." Und wenn man trotzdem in der Kattowitzer Resolution den Organisationszweck in den Vordergrund stellte, hingegen mi Wien den Sinn und die Bedeutung der Organisation selbst im ersten Paragraph der Verfassung scharf und unzweideutig umschrieb, so geschah das — ich zitiere Dr. Jfak Breuer — aus der „verantwortungsbewußten Bescheidenheit der bedeutenden Männer, die Agudas Jisroel gründeten", nicht aber, weil diese Männer, unter ihnen die größten Thoraführer, sich damals über den! wahren Sinn der Agudas Jisroel noch nicht klar gewesen wären. Daß sie damals einen Zweckverband nicht gründen wollten, weiß auch gewiß Herr Dr. Ehrmann, wenn er sich des oben angeführten Zitats aus der Rosenheimschen Kattowitzer Rede, die im Mittelpunkt der Kattowitzer Tagung stand, erinNiert. Wenn wir aber einmal für einen Augenblick die Formel des Herrn Dr. Ehrmann und ihre Definition als richtig annehmen, dann ist Herr Dr. Ehrmann, gewiß unbewußt, in den Fehler verfallen, den er mit vollstem Recht an A. M. geißelt. Er sagt nämlich: Entscheidet der deutsche Rabbinische Rat so wie A. M. und seine Freunde es wünschen, dann schlägt er die Agudas Jisroel kaputt, macht er aus der Golus-Organisation im Dienste des thoratreuen jüdischen Volkes einen armseligen Zweckverband. Wie konnte Herr Dr. Ehrmann seiner eigenen Auffassung von der absoluten Souveränität eines Rabbinischen Rates in solcher Weise untreu werden? Die Liebe macht das Krumme gerade. So wie Forst und A. M. sieht er nur fein Ideal, und Agudas Jisroel ist ihm ein Instrument, durch das er seiner Auffassung des orthodoxen Judentums, seiner Auffassung von Aufgabe und Organisationssorm des thoragetragenen Volkes zum endgültigen Sieg verhelfen will. Und darum malt er greuliche Folgen, wenn der souveräne Rabbinische Rat eine Entscheidung trifft, die ihm nicht paßt. Weder A. M. hat m. E. den deutschen Rabbinischen Rat vor einem „Wagnis" zu warnen, wenn er nicht so entscheidet, wie A. M. es wünscht, noch Dr. Ehrmann den Rabbinischen Rat darüber aufzukläven, daß, wenn er nicht nach seinem Sinn entscheidet, er die große Losung von Wien nicht verstanden, und die Agudas Jisroel wieder zu einem (von Dr. EhrmMin konstruierten!) Zweckverband degradiert. Der Rabbinische Rat entscheidet, wie er will, nein, wie die Thora es gebietet, denn sonst sollten wir lieber auf ihn, ja, auf die ganze Agudas Jisroel verzichten. Ich möchte auf das Problem nicht weiter eingehen, sondern nur Hinweisen auf den in der gleichen Jüdischen Presse, wo die vorstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Ehrmann zu ftnden sind, abgedruckten Aufsatz von Rabbiner Fischer in Sarospatak (Ungarn): „Soll und darf eine Teilung innerhalb der ungarischen Orthodoxie erfolgen?" Dort wird belichtet, daß in Ungarn eine neue Strömung entstanden ist mit dem Losungswort: „Die orthodoxe Gemeinde gehört der Orthodoxie". Diese Strömung fordert, daß der orthodoxen Gemeinde nur orthodoxe Mitglieder angehören dürfen, und daß sie, gemäß der von Samson Raphael Hirsch ausgestellten, und in den nach seinem Muster in Deutschland gebauten Gemeinden auch überall verwirklichten' Forderung, nur von orthodoxen Parnossim geführt werden dürfe. Das Vorhaben dieser Kreise, obgleich sie in dem Punkt der Gemeindevorsteher doch unstreitig nur das verlangen, was S. R. Hirsch fordert und' durchgeführt hat, nennt Fischer, ein begeisterter Anhänger Hirschs und ein unbedingter Verfechter der Trennungsorthodoxie, Zerstörungsorthodoxie". Und nun möchte ich Folgendes fragen: Jemand, der im Privatleben den Schulchan Aruch mit Füßen tritt, kann in Ungarn Parnes der orthodoxen Gemeinde fein, obgleich dies (s. S. R. Hirsch Gesammelte Schriften, Band 4, Seite 529) religionsgesetzlich unzulässig ist, sobald er nur für die Gesamtheit der Gemeinde den Schulchan Aruch als verpflichtend anerkennt. Und da sollten Angehörige gemeindeorthodoxer Organisationen nicht Mitglied zentraler Verwaltungskörperschaften der Agudas Jisroel sein können, wenn sie für die Gesamtheit des Klall Jisroel die alleinige Herrschgewalt der Tauroh anerkennen, weil sie in Fragen, des jüdischen Gemetndelebens einen Standpunkt einnehmen, der nach Auffassung der selbständigen Orthodoxie unzulässig ist? Der liberale Parnes schwächt nicht den orthodoxen Charakter der Gemeinde; wenn er das für sie gültige Prinzip anerkennt, da interessiert uns Weiteres nicht. Und die Wahl eines Gemeindeorthodoxen, der das Prinzip der Agudas Jisroel anerkennt, in den G. A. oder Zentralrat, ollte die in Wien gewonnene Erkenntnis vom Sinn des jüdischen Volkes und seiner Organisation, der Agudas Jisroel, trüben? Karin man, als noch so eifriger Verfechter der „ungarischen Forderung", kann man als überzeugtester Anhänger der Austrittsidee, zu der ich mich mit ganzer Innigkeit bekenne, solchen Standpunkt aufrecht halten? Entspricht doch die Lebensführung dieses ungarischen Parnes anerkanntermaßen nicht der Thora, und entspricht doch — dies geht aus dem ersten Satz des zweiten Absatzes des § 4 im Zusammenhang mit der auf dem Halberstädter Delegiertentag vom Februar 1924 von der Gesamtheit der deutschen Agudas Jisroel gefaßten 'Resolution 7 ganz unzweideutig hervor — Gesinnung und Lebensführung des Gemeindeorthodoxen anerkanntermaßen wohl der Thora. Es ist überflüssig, zu bemerken, daß ich, in unbedingtem Respekt vor dem Rabbinischen Rat meine Auffassung nur solange aufrechthalte, als dieses Gremium nicht durch seine Entscheidung ein. Gegenteil zum Ausdruck bringt, und dadurch die Unhaltbarkeit meines Standpunktes sich dartut nach dem Worte: *]vrr> m nmnn 's hpr- - Und so wollen wir nun an den deutschen Delegiertentag Herangehen, nicht Jeder darauf bedacht, Agudas Jisroel nur zur Stärkung seines, gewiß aus reinstem Herzen und' frommster Absicht kommenden Standpunktes zu benutzen, sondern in der Absicht mitzuhelfen, daß Agudas Jisroel das werde, was Kattowitz plante und Wien nicht aufhob, sondern nur bestätigte, und das ist, um ein Wort aus Rabbiner Dr. Kohns Aufsatz in dieser Pessachnummer der Jüdischen Presse zu zitieren: „Zum Sinai zu gehen, und darin den einzigen Sinn des Weges vom Lande Gosen fort zu erblicken." Und wenn, woran wir nicht zweifeln, in Leipzig die Meinungen einander gegenüberstehen werden, dann wollen wir daran denken; daß wir in den Sesiratagen zusammenkomnien; und daß.hie Sefira uns mahnt, als Schüler des großen Habbi Akiba ma nr riaa äina*?..' da wir doch alle, die wir da -in Leipzig zusäMmenkommen, Kinder der Thora, Schüler des Rabbi Akiba sein möchten. Der Kampf um den 84. Von Jacob Landau in Frankfurt a. M. I. Der Kampf um den § 4 der Agud «-Verfassung hat bereits begonnen. Insofern dieser Kampf sachlich geführt wird, ist er zu begrüßen. Rolens volens wird ja die kommende Kenessio Gedaulo sich mit diesem Paragraphen ernstlich beschäftigen müssen. Die erste K. G. konnte nicht anders als lediglich eine machtvolle Demonstration des Lebenswillens des historischen Judentums sein. Für systematische Kleinarbeit,' die eine nüchterne Ueberlegung erfordert, war iföe heiße Atmosphäre der ersten K. G. völlig ungeeignet. Ebenso war das Plenum für Fragen minutiöser Art kaum vorbereitet. Man hatte deswegen zuviel Zutrauen zu den einzelnen Kommissionen, deren Zusammensetzung nicht immer der Sache dienlich war. Daß die Arbeit der ersten K. G. in mancher Beziehung lückenhaft sein mußte, ergibt sich aus diesem Grunde von selbst. Was die Kommissionen beschlossen, wurde dann im Plenum kritiklos hingenommen. Die. Verantwortung dafür, ist niemandem zuzuschreiben, höchstens der herrschenden Situation. Die Aufgabe der zweiten K. G. wird es daher fein, all die Beschlüsse, deren Richtigkeit und Zweckmäßigkeit sich als sehr zweifelhaft erwiesen, einer gründlichen Revision zu unterziehen. In solchen Dingen soll es weder eine Tradition, noch eine übertriebene Ehrfurcht vor dem Ewig- Gestrigen geben. Was als falsch oder unzweckmäßig erkannt wurde, das muß von der Wahrheit oder Zweckmäßigkeit abgelöst werden.*) Uebrigens ist dies ja auch bei anderen Organisationen der Fall. Aus diesen Erwägungen heraus ist es dringend nötig, schon jetzt in eine Erörterung über die strittigen, Fragen einzugehen, die die nächste K. G. zu beschäftigen haben werden. Die agudistische Oeffentlichkeit soll über die Probleme der K. G. restlos aufgeklärt werden. Insbesondere gilt dies für den heißumstrittenen 8 1, welcher voraussichtlich in den Debatten der K. G. eine überaus wichtige Rolle spielen wird'. Die erste K. G. stand unter dem Zeichen der lebendigen Willensäußerung des historischen Judentums, feine Geschicke gestaltend in die Hand zu nehmen. Die zweite K. G. muß von dem Zeichen völliger Klärung bestrittener und umstrittener Fragen geleitet sein, besonders organisatorischer Kardinalfragen. II. Nicht viele Agudisten kennen überhaupt den § 4, am allerwenigsten seine politische Bedeutung.! Wie ein Gespenst flog er im thoratreuen Lager herum, unwißbar und unerklärbar. Einerseits verfluchte man ihn seiner zersetzenden Gewalt wegen», andererseits wiederumschaute man auf ihn wie auf einen retten!)en Engel. Aber man fürchtete, an ihn mit überlegter Rüchternhgst heranzugehen. Vielleicht aber bringt UNS gerade die kalte Ueberlegung Heil. Der 8 4 behauptet: „Angehörige von Organisationen, die sich in prinzipiellem Gegensatz zur Agudas Jisroel befinden, sind in die zentralen Verwaltungsorgane nicht wählbar." In prinzipiellem Gegensatz zur Aguda befinden sich diejenigen Organisationen, die die Souveränität der Thora im jüdischen Volke nicht anerkennen. Betroffen von diesem Paragraphen! sind all diejenigen-thoratreuen Juden, welche die Verbindlichkeit der Thora für sich und das jüdische Volk anerkennen, aber aus irgend welchen Gründen für richtig oder erforderlich halten, m solchen Organi- *) In seinem offiziellen Referat aus der ersten Kenessio Gedaulo über das jetzige Organisationsstatut sagte Herr Dr. Jsaac Breuer selbst: „Daß der Entwurf noch' der Abänderung und Ergänzungbedarf, ergibt sich von sich selbst. Jede e i n g e h e n d e r e statutarische Festlegung könnte sich leicht zu einer Hemmung der reiferen Entwicklung gestalten. Um eine solche Hemmung zu vermeiden, schlagen wir vor, dem Entwurf zunächst nur bis zur n ä ch st e n K e n e f f i o Gedaulo Gesetzeskraft zu verleihen/' ...

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