Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 10 Nr. 20 Der Israelit Daß König David die letzten Jahre seines Lebens an das Krankenbett gefesselt war, wissen wir aus dem Berichte Könige II, 1, 1. „Und König David war alt geworden, hochbetagt, sie bedecktem ihn mit Kleidern, doch wurde ihm nicht mehr warm." Die Tradition ergänzt diesen knappen Bericht wie folgt: „Als David bei der Tenne des Jebusiter Arnon den Engel des Herrn schwebend zwischen Himmel und Erde, mit über Jrrnscholaim gezucktem Schwerte sah, wurde er derart vom Schrecken erschüttert, daß Zittern und Krankheit bis zu seinem Tode nicht mehr von ihm wichen." In Würdigung eines so beträchtlichen historischen Hintergrundes, tut es der kritischen Wissenschaft keinen Abbruch, wenn auch die vorhergehenden Verse dieses Gesanges im Geiste dieser authentischen Beleuchtung kommentiert werden. Zur Feststellung, daß von Jakob bis Da.'id aas Geheimnis des Sch'ihijafteines in geschichtlichess Dunkel gcfifilii war. weist Rabbiner S. Eppstein, Leiter der Jc!-- schiwajh Thora.h Charm, auf die bemerkenswerte Steile in Taigum Jonathan hin. Den Schriftvers i! V. M. 1b a übersetzt Jonathan folgendermaßen: „Ihr habt ges-hen. loa'- ich an Mijrajim getan, im Nu, w»e auf Adlerflügeln hob ich Euch von Ramses in Wolken und führre Euch nach dem Orte des Beth Hamikdasch, um dort das Peßachopfer darzubringen; in derselben Nacht brachte ich Euch zurück nach Ramses und von dort führte ich Euch zum Empfang der Thora." Oberrabbiner Sonnenfeld meint dagegen, es fei immerhin anzunehmen, daß in jener wundervollen Nacht — ähnlich wie bei Jakob —■ die heilige Oertlichkeit der Opferstätte ihnen noch nicht zum Bewußtsein gelangt war. Daß wir es bei Behandlung dieses Themas im großen ganzen mit uralten, historisch beglaubigten Traditionen zu tun haben, wird in Jad Hachsakah des Rambam mit ganz besonderem Nachdruck sestgestellt. In Hilchoth Bech Habchkrah II, 1 heißt es wie folgt: „Der Ort des Altars ist genau bestimmt, man kann ihn n i e nl a l s verändern. Es ist eine allgemein anerkannte Ueberlieferung, daß dieser Ort des Altars, den David und Salomo erbauten, der nämliche sei, auf dem die Akedah stattgesunden habe. Adam, Kain. Abel und Noa haben hier auch geopfert." usw. Ueber die .Entfernung der heiligen Lade vom Sch'thijästein, die, wie ich in Paranthese bemerkte, zu Zeiten des Königs Jofijahu stattfand, wollen wir m. G. H. in einer besonderen Abhandlung referieren. Die Ausstellung' in Tel-Aviv. Es war zwischen Stuttgart und Heidelberg. Der Zug fuhr gerade an dem schwäbischen Fabriksorte Geislingen vorbei. Ich befand mich auf der Rückfahrt einer Palästinareise. Meine Gedanken kreisten noch durch die Berge, Hügel und Täler dieses kleinen Landes, das fo unauslöschlich wirkt, weil der Atem der größten Epochen der Menschheitsgeschichte und der größten Taten der Menschheitskultur seine Lust belebt. Da zuckte plötzlich der Gedanke in mir aus, ob ein ganz winziger Scherenschnitt in die große Karte von Deutschland, ein Ausschnitt, auf dem nur ein halbes Dutzend Fabrikorte ihre rauchenden Schlote zeigen, nicht schon mehr wirtschaftliche Kraft konzentriert als das ganze Palästina. Doch man muß die Dinge nicht nur im Raume, sondern auch in der Zeit messen. Die Zeit aber bedeutet hier zwei Jahrtausende gegenüber wenigen Jahrzehnten. Bor zw er Jahrtausenden begann in Deutschland die rvirtschaftlichs Entwicklung, hineingebracht durch die Eroberungszüge Roms, desselben Roms, das damals Palästina für zwei Jahrtausende in Schutt und Asche legte. Eine, Kultur, wie zu Abrahems Zeiten, eine Oekonomie so primitiv, wie noch nicht einmal in Abrahams Tagen, auf Steppen grasende Herden — also trafen die jüdischen Pioniere unserer Tage das Land an. Und nun heute! Ein Besuch der Ausstellung in Tel-Aviv belehrt, was die Energie dieser Pioniere trotz einer Sklaoenoergangenheit, gleich der ihrer Ahnen einst in Aegypten hervorgebracht hat. Wenn man die grüße Halle mit den Schöpfungen der Industrie Palästinas — sie sind bis auf wenige Ausnahmen jüdische Produktion — durchschreitet und ein Jude ist, dann packt es an die Seele. Eehobenheit, Stolz, Vertrauen auf die Zukunft heben sie empor. Würden die gediegenen Ertziugnis.'e edlen künstlerischen Geschmackes der Tel-Aviver Möbelfabrik Govalski u Krinizi nicht auch in Paris, New Pork, Berlin Anerkennung finden? Oder s'.nd die Europa G. K.-Oefen aus der Fabrik des geschätzten Mitgliedes der Agudas Israel, Josef Vetter in Tel-Avio, heute nicht bereits den bewährten amerikanischen Persecii'on -Ofen vorzuziehen? Nebenbei: sind diese neuen Oefen nicht ideale Sabbatoefen? Wie preiswert und mannigfaltig präsentieren sich die Fabrikate der großen Tel-Aviver Strumpfwareinsabrik „Lodz'a" oder der Textilindustrie „Barkai"! in dem Tel-Avio nahen Bnei - Berat, oder der Schuhfabrik Corona, Tel-Aviv. Recht ansprechend stellen sich auch die Süßigkeiten der Schokoladenfabrik Lieber, Tel-Aviv, und der Biskuitfabrik Frunim, Jerusalem, vor, welche Unternehmungen gleichfalls lebhaft bemüht sind, mit dem Ausland immer mehr den Wettbewerb aufzunehmen. An dem in bunter Beleuchtung magisch erstrahlenden, aus Streichholzschachteln und Streichhölzern in orientalischer Form hergestellten Kiosk der Stresichholzfabrik „Nuo" bleibt der Fuß unwillkürlich stehen. In derartigen Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs wird übrigens schon 16. Mai 1929 allerlei in Palästina hergestellt, so eine beliebte Zahnpasta der Tel-Aviver Fabrik Silber -u. Co., so Seifen, so Schuhkrem, so Bürstenwaren usw. , Viel Interesse erwecken die kunstgewerblichen Gegenstände. -Teppiche, Wandbilder, Decken, Olioenholzge^LNstände, Buchbindereiarbeiten, Goldornamente usw. zeigen, daß die Kunstgewerbeschule Bazalel in Jerusalem zahlreiche Anregungen gegeben hat. Wie bei uns Juden, dem Volke des Buches, nicht anders zu erwarten, ist auch bereits der Buchdruck an Qualität und Quantität beachtenswert. Die hier gegebene Aufstellung ist nicht erschöpfend, so wenig, wie die Ausstellung die Industrie der Juden in Palästina in allen ihren Unternehmungen umfaßt. Verglichen mit den Ausstellungen in den großen und dichtbevölkerten Kulturländern ist die Tel-Aviver Ausstellung nur klein — und trotzdem wird sie auch an große Ausstellungen gewöhnete Besucher überraschen, wie schon Tek- Aviv, die einzige jüdische Stadt der Welt/ jeden Touristen überrascht, da sich hier offenbart, daß die Juden alle Talente für einen vollkommenen Volkskörper mit allen seinen Schichten der physischen und psychischen Arbeit besitzen. Tel-Aviv, S. G. Leo Trotz«. Im „Lodzer Tageblatt" berichtet der feinsinniges hebräische und jüdische Schriftsteller Renben Br ein in über frühere Begegnungen mit Trotzki: Bei verschiedenen Gelegenheiten traf ich mit ihm zusammen und hatte Gelegenheit, in seine Psyche zu schauen. Die Kunst, sich zu maskieren, befaß keiner wie dieser junge Stürmer. Maske über Maske. Wenn er die eine ablegte, so saß dahinter eine andere. Sein wahres Gesicht bekam man selten zu sehen. Niemals sprachen wir über die Revolution in Rußland, er wich diesen Fragen aus. Vorsichtig war jedes Wort abgewogen. Der leidenschaftliche Redner konnte auch schweigen und verschweigen. In fünf Sprachen konnte er sich fließend unterhalten, anregend und temperamentvoll, über Fragen der Weltliteratur, der Geschichte. Seine Urteile über historische Persönlichkeiten waren kurz und scharf. Wie Zeine war ihm das himmlische Geschenk der „rückhalilosen Frechheit" geworden. Als Trotzki die Höhe erreichte und anfing, die Geschicke Rußlands zu führen, als man seinen Namen mit dem Lenins, ja sogar neben Napoleon nannte, dachte ich noch einmal über die Eindrücke, die der junge Trotzki damals auf mich machte. Ich mußte zu dem Refutate kommen, daß Trotzki niemals deU Eindruck' auf mich machte, den bedeutende Männer bei mir hirtterljehen, selbst solche, denen es später weniger gelang, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Vielleicht kam es aber nur daher, weil ich Trotzki bei feiner eigentlichen Arbeit nicht beobachten konnte:'Ich kannte ihn als Journalisten, als Intellektuellen, sah aber nicht seinen Aussprung in die schwindelnde Höhe. Trotzki war früher öfters Besucher des Cafe Monopol in Berlin. * In Wien trafen wir uns im Cafe Central. Ganze Berge von Zeitungen lagen stets auf dem Tische vor ihm, die er mit eiligem Blicke überflog. Von den führenden Männern in der' Weltpolitik hatte er keine gute Meinung. Er pflegte auf sie die ganze, Schale seines Spottes und Zornes auszugießen und immer zeigen, wie man es anders und besser machen könnte. Aber noch mehr als in seinen Reden spiegelte sich seine revolutionäre Natur, seine Selbstüberschätzung, sein durch und durch egozentrischer Charakter in dem wider, was er nicht sprach. Hierbei waren seine Gersten, seine Bewegungen/sein Mitznenspiel untrüglich. Trotzki war der Meinung, daß auch in der geistigen Welt eine gewisse Despotie herrschen müsse. Das Genie zwingt feinem Gedanken feiner Umgebung auf. Er liebte, sich bei der Entwicklung solcher Ansichten an hohen Phrasen zu berauschen. Belehren ließ er sich auch durch Logik nicht. Damals schon klang' im Gespräch der Kommandoton des künftigen Feldmarschalls mit. Das wirkte auf manche abstoßend. Und seine Einstellung zum Judentum? Von einer solchen konnte nicht die Rede sein. Damals hatte er noch ein jüdisches Gesicht, er machte den Eindruck eines idealistisch intellektuellen und in Welträumen befangenen jüdischen jungen Mannes, mit fanatisch flackernden schwarzen Augen, bleicher Gesichtsfarbe, dünnen Lippen und dem kleinen Ansatz eines Bärtchens. Wenn ich heute seine Bilder ansehe, so finde ich noch kaum eine Spur vom damaligen Juden in seinen Zügen. Er mutet heute fast nwngolisch an. Trotzt verschwieg seine Angehörigkeit zur jüdischen Rasse mit Beharrlichkeit und Peinlichkeit, die reizen und herausfordern mußte. Er ging allen jüdischen Fragen in weitestem Bogen aus dem Wege, ob Fragen der Geschichte oder der Gegenwart. Sprach man von Juden oder jüdischen Dingen, so saß er vollkommen teilnahmslos da. Und gerade mit dieser aufdringlichen Passivität verriet er überall den Juden. Er revolutionierte gegen den versteckten Juden in sich selbst. Es hatte nicht viel genützt. Soweit Breinin./' Wir möchten noch dazu sagen: So sehr .es uns interessiert, den Entwicklungsgang dieses Mannes und seine wilde Flucht aus dem jüdischen Milieu in die Weltpolitik kennen zu lernen, so wenig dürfen wir irgendwie, wie es viele Zeitungen tun, vom „Juden" Trotzki sprechen. Er ist der intellektuelle Urheber aller Religionsverfolgungen in Rußland, die mit dem Zusammenbruche seines Regimentes nicht aufgehört haben. Was er vom Judentum hat, das ist sein Schicksal, für welches wir eine gewisse menschliche Teilnahme nicht unterdrücken möchten. Ein Eolustyp, in Verkörperung der jüdischen Golustragödie •■ij ’ia •> oönm. Eine Bestätigung, übrigens auch des Wortes im Hohenlieds, ns nx« '■oi ED’»‘orT' „Zum Hüter der Weinberge haben sie ihn bestellt, den eigenen Wein berg ließ er unbehüket." JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN LAHGESIRASSE1 « TEL HflHSA 4841 PÖSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE IHSERflTEH-fiHMflHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS INSERATE DES »ISRAELIT« AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE hiesige Und Auswärtige tageszeitungen.wochEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VON DRUCKSACHEN HÄNÜEL<GESCHAFTE*PRIVÄTE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK Wir verweisen an dieser Stelle nochmals besonders auf dis in vorliegender Nummer erschienene Anzeige des Reformhauses „Am Allerherligentor", Langestr. 49. Das hier erwähnte Spezialgeschäft für Diätkost bietelt in mannigfacher We se große Anregung in neuzeitlicher, naturgemäßer Heil- und Lebensweise. 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In Lieferungen erscheint das Lerikon nicht, die Erfahrungen haben gezeigt, daß die Ausgabe in einzelnen Heften und Heftchen zuviel Nachteile für die Bezieher mit sich bringt. Brrantwortlich für de» allgemeinen Teil und da» Lrmllelo« S. Schach nowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i.J8.: SiSchatz' «owttz, ebenda; r— iFür die pädagogische Beilage: - Lehrer L« Kaufmann in Sprendlingen (ffr. vsfendachl. — Verlas .Ssrarlit". T.m>b.tz.» Frankfurt a, M. — Druck Sermon Berlage« SMteugesellfchaft, Frankfurt a. M. -LLSHSSSSiSLSSSWüMgüMMMSSiiMMSSSSSSSWEW»«