Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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SST Der Jsraelit r^vA\v Der heilige Becher des Abarbanel. Eine Erzählung aus der spanischen Zeit. (Schluß.) IV. In! der Nacht wurde der König von Spanien in seinem Bette aus Elfenbein von einem Traume gestört. Der alte Fürst, Don Jsak Abarbanel, stand vor ihm und sprach: „Viele Güter besaß ich im Leben, die ich alle in deinem Lande beließ, als ich in die Verbannung ging. Mein ältester Sohn Juda lebt in Venedig in größter Armut Und wird dort mit all seinen Brüdern nt. wenigen Tagen in die Verbannung gehen müssen. Mein Sohn Juda ist so arm, daß er noch nichts hat, um das Pesiachfest vorzubereiten und sich Zehrung für die weite Reise zu verschaffen. Darum sage ich Dir: Verkaufe meine Güter, die ich bei Dir zurückgelassen habe und bringe den Erlös meinem Sohne Juda nach Venedig." - . In den kommenden Nächten wiederholte sich der Traum mit gleicher Lebendigkeit und Beharrlichkeit. Als der König erwachte, spürte er Schrammen an verschiedenen Körperstellen und erinnerte sich der warnenden Worte des Geistes, daß er ihn bis zum Tode quälen würde, Nacht für Nacht, wenn er den Auftrag nicht ausführen sollte. Da gab der König nach. Er ließ durch seine Verwalter all die von Don Jsak Abarbanel hinterlassenen Güter feststellen und verkaufen. Er selbst nahm den Geldbeutel in die Hand und ging aufs Schiff, das am ersten Adar den Kurs nach Venedig nahm. V. Mit tiefem Kummer im Herzen saß Juda in seinem Gemach in Venedig. Ueber ihn und all seine Brüder war das Verhängnis der Austreibung gekommen, und er wußte nicht, ob er recht gehandelt hatte, wegen eines Bechers, und sei dieser auch kostbarer und heiliger Familienschmuck, so viel Leid auf sich zu nehmen und über andere zu bringen. Wollte er selber leiden, hatte er aber dann das Recht, auch die ganze jüdische Gemeinschaft von Venedig in solche Gefahr zu bringen?! Die Festtage des Pestach nahten heran, und gleich nach den Feiertagen' hatten sie sich auf den Weg, zu begeben. Der Frühling blühte in voller Pracht. Rabbi Juda ging aus dem Haufe, wandelte ziellos durch die Straßen, um den Schmerz zu betäuben und gelangte so bis an den Hafen. Da erblickte er, wie sich ein Schiff dem Ufer näherte, das die spanische Königsflagge trug. Wie im Zwange lieh er das Schiff nicht mehr aus den Augen und beobachtete, wie es anlegte. Er sah dann eille Gruppe von Männern in fürstlicher Gewandung an Land gehen. Einer trat auf ihn zu und fragte: „Bist Du ein Sohn dieser Stadt?" „Ich wohne in dieser Stadt seit meiner Kindheit, und kenne sie wie kaum nein Anderer." „Kannst Du uns also sagen, wo ein Mann mit Namen Juda, Sohn Jsaks aus dem Geschlechte der AbarbaNels sein Haus hat?" Juda erschrak im ersten Augenblick, da er seinen Namen nennen hörte, so sehr, daß er kaum einer Antwort fähig war. Dann aber faßte er Mut und sprach: . „Ich bin es selber, den Ihr suchet." Aus der Mitte der Gruppe trat der Mann hervor, in dem Juda sofort den König von Spanien erkannte. Dieser meinte vorsichtig, man könne einem Fremden nicht ohne weiteres trauen, man müsse erst prüfen, ob seine Angaben auch wahr seien. So gingen sie in die Stadt, wo sich bald bestätigte, daß sie in dem Führer den Gesuchten vor sich hatten. Darauf händigte ihm der König den vollen Geldbeutel aus. Ein Trost war in das Düster der Juden von Venedig eingetreten. Rabbi Juda sah im Ganzen ein Wunder, das nicht ihm allein galt. Er verteilte mit vollen Händen, und die Juden konnten ein schönes Pesiachfest begehen. VI. Es kam der Sederabend. Das ganze Haus prangte in Licht und Glanz und hallte von all den alten Liedern wider. Nur Rabbi Juda saß betrübten Herzens auf seinem Bette. Seine tapfere Frau tröstete ihn: „Warum die Trauer im Herzen und im Blicke? Du siehst, wie rasch Gott seine wundervolle Hand walten läßt. Wir hatten nichts im Haufe am Rüstetage zum Feste, und sitzen jetzt an reich gedeckter Tafel und sind auch im Besitz von Geld und Gut, das uns auch die Ausreise erleichtert." „Und dennoch," sprach Juda, „werde ich den Gedanken nicht los, daß meinetwegen das Verhängnis über die ganze Gemeinde kam. Und dann: Zwei Dinge fehlen zum vollen Glücke unseres Sederabends: der Gast am Tische Und der heilige B e ch e r, der sonst der Tafel höchster Schmuck an diesem Abend war." Die wackere Frau suchte ihren Gatten zu beruhigen. Das mit der Austreibung sei göttliches Verhängnis und er dürfe nicht die Schuld auf sich nehmen. Auch das mit dem Becher. Was aber den Gast anbelange, so könnte man vielleicht noch versuchen, einen yuszutreiben. Er möge doch aus die Straße hinausgehm, vielleicht fände sich noch jemand, der an ihrem Feste teilnehmen wollte. Rabbi Juda hörte auf den Rat seines klugen Weibes und begab sich ins Lehrhaus, in der Hoffnung, noch einen armen Gelehrten aufzufinden. Wirklich stand dort an der verschlossenen Türe ein jüdischer Manu. Er nahm ihn anLer Hand und bat ihn, doch mit ihm zu gehen und das Fest in seinem Hause zu feiern. Der Fremde willigte scheinbar beglückt ein, und er ging schweigend mit Rabbi Juda. Zu Hause angekommen, blieb der Gast im Vorzimmer, indes Rabbi Juda in das innere Gemach eilte, seiner Frau die frohe Kunde zu bringen. Beide begaben sich ins Vorzimmer, um den Mann willkommen zu heißen und ihn ins Haus zu geleiten. Wer schilderte - aber ihren Schrecken, als sie draußen den Mann nicht mehr fanden. Cr war verschwunden. Sie suchten ihn überall im Hause und um das Haus herum, riefen nach ihm, aber er war nicht mehr zu sehen.' Da erblickten sie auf dem Tische einen blinkenden Gegenstand. Es war der kostbare Becher. Der Gast aber blieb unauffindbar. Hier waltete eine geheime Hand Gottes, und sie waren, da sie nun den Seder ohne Gafft aber mit dem „heiligen Becher" hielten, von dem Wunder ganz überwältigt. VII. Sie feierten den Abend nach Gesetz und Brauch. Als sie zu Beginn des zweiten. Teiles die Tür öffneten, da trat plötzlich der /Fremde ins Haus und setzte sich an den Tisch, an der Stelle, wo der „heilige Becher" stand. Wie sie weiter in der Hagada fortfahren wollten,, da gebot der Gast Halt und erzählte eine eigene kleine Hagada. Er erzählte all das, . was dem König von Spanien in feinein Träumen widerfahren war. Dann sprach der Heinde: „Du hast den Becher in die Hut des Propheten Elijahu gegeben. Er aber, Elijahu, befiehlt dir: Gleich nach dem Feste nimmst Du diesen Becher und bringst ihn dem König." Darauf verschwand wieder der Fremde plötzlich, wie er gekommen war und man sah ihn nicht wieder. Nach dem Feste ließ sich Juda beim König melden. „Was willst Du bei mir?" fragte der König, „Herr und König," sprach Juda, „ich konnte Dir bis jetzt den Becher nicht bringen, da er nicht in meinem Besitze war. Nun habe ich ihn, und so bin ich gekommen, um Deinen Wunsch zu erfüllen. Der, in dessen Besitz er sich befand, hat ihn freigegeben. Und nun laß Gnade walten und nehme das Verhängnis, das Du über das Haus Israel beschlossen hast, zurück." „Das Edikt ist bereits aufgehoben," sprach der König. „Den Becher kannst du aber wieder mit nach Hause nehmen. Betet für mich, daß Gottes strafende Hand von mir ablasse und ich wieder genese." An diesem Tage füllten sich die Synagogen zu Venedig Mit Betern. Sie dankten Gott für die Wunder, die er seine Gemeinde erleben ließ und beteten auch für die Gesundheit des Königs. Ihre Gebete fanden Erhörung. Juda Abarbanel kam aber bald darauf in den Hof des Königs, stand in dessen Diensten und blieb ein treuer Fürsprecher und Beschützer seiner Brüder bis zu seinem Lebensende. Zur Geschichte des Sch'lhijasteines. Von Rabbiner I. Horovicz in Jerusalem. In einigen Rezensionen und noch mehr in sreundlicheu Zuschriften rvurden zu diesem ThemaZ ■ eine Reihe von Frageil, Bemerkungen und Anregungen an mich gerichtet, die Anspruch auf ernste Beachtung erheben und mich bestimmen, zu Ehren der historischen Wahrheit meinen Aussführungen eine Ergänzung folgen zu lassen. Im. Mittelpunkt dieser/ kritischen Erörterungen steht die „Megilath beth Hamikdasch", eine die Pläne des zu erbauenden Heiligtums enthaltende Rolle, deren Vorhandensein als sinaitische Urkunde nicht allgemein bekannt war. Sollen wir denn diese Rolle — fragt ein Wißbegieriger — als Bestandteil der sinaitischen Gesetzgebung betrachten? Ein berühmter Orientalist schrieb mir in launiger Weise, mein Werkchen enthalte geistvolle homileiische Erklärungen, agadisch geschmückten Drusch, historisch gewertet, jedoch kaum von Bedeutung. Es genüge nicht, wenn für die geschichtliche Zusammenfassung einer so tausendfach geheiligten Tradition, schlechtweg Thora, Talmud und Midraschim, ohne nähere kritische Beleuchtung, als historische Belege bezeichnet werden. Hierzu bemerke ich vorerst: Die in meiner Schrift angeführten und von mir in chronologischer Aufeinanderfolge gusammengefaßten, im jüdischen Schrifttum zerstreuten, geschichtlichen Begebenheiten sind nicht homiletische Kombinationen, sondern einwandfreie historische Geschehnisse, geschöpft aus der im Schriftwo.te fundierten Tradi.ion. Alles ist objektive, geschichtliche Wahrheit, geschöpft aus Quellen, deren Krediliv jedem Thoralundigen über jeden ^weifest erhaben ist. Bleiben wir z. B. bei der „Megilath betb Hamikdasch". Mit peinlichster historischer Exaktheit wirb in diesem Berichte hervorgehobckn, daß die llebergabe dieser Rolle auch nach Moses, durch die Alten an die Profeten und von den^ Profeten an David, „vorsch iftsmäßig" baamida, stehend sta'tgefunden habe, daß aber für die „stehende" llebergabe in diesen beiden Fällen keine biblischen Belege vorhanden sind. Der harte Vorwurf „homiletische Kombination", >,agadistische Willkür", bezieht sich hauptsächlich auf meine Auslegung bes. Psalms 49, daß König David diesen Gesang im Hinblick auf die ihm noch bevorstehende feierliche llebergabe der göttlichen Rolle, in seiner schweren Krankheit für die Erhaltung seines eigenem Lebens angestimmt hatte. Nach dieser Auslegung betete nämlich David: „Zusammen flüstern meine Hasser über mich, denken Böses gnr zu". (Sie sagen.) „Etwas Unheilbares haftet an ihm, a 1 p b ab asi? iemi, da er einmal liegt, wird er nicht wieder aufstehen". (Wenn er aber nicht auf stehen kann, wird er auch die „Megilath beth Hamikdasch" nicht übergeben können.) Mil Verlaub. Diese Auslegung ist keineswegs eine willkürliche. In der bereits "zitierten Quelle sm» und im 'iiVvv vipb' zweimal wiederholt) 'wlird der 11. Vers .dieses Psalms, lautend: „Du aber, o Gott, sei mir gnädig, ,sv'>pni und richte,mich auf", als Schriftbeleg dafür angeführt, daß König David die „Megilath cheth Hamikdasch". laut tradierter Vorschrift in stehender Haltung übergeben mußte, bezwl übergeben hatte.':»'pnheißt. soviel wie'2i'»vn „Laß mich e r st e h e n . wegen drr göttlichen Rolle, die mir Samuel anvertraute". *) Geschichte des Sch'thijasteines, I. Kaufsmann- Verlag.