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Der Israelit · 1929-05-10 · Heft 19 (10.5.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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©ei*e 10. Nr. 19 Der Israelit HO. ME 1929 Pracht zeugendem seidenen Kaftan. Er hüllt sich in seinen Tallis ein, legt die Tefillin an und beginnt sein Gebet. — Ein wahrhaft Bild von Meister Strucks Hand! — Kein! Glied an seinem Körper ist in Ruhe:, „Alle meine Gebeine sprechen: Herr, wer ist wie Du!" — Von Zeit zu.Zeit durchschreitet er mit weitem Schritt den ganzen Raum der kleinen Schul. . Der inbrünstig Betende entrückt uns dem heimischen Gotteshause, versetzt ins Bethaus uns weit, weit da draußen im eiseskalten Osten: Elende, zerlumpte, zerschlagene, verhungerte Gestalten krümmen, murmeln, schrsien!, schluchzen ihr Gebet zum Allerbarmer, daß er befreie sie aus Kummer, Jammer, Rot und Tod! Es heult der Sturm durch die engen, krummen, schmutzigen Gassen, er rüttelt an Türen und Fenster zerfallener Holzhütt-en. Er übertönt das Jammern hungernder Kinder, wetteifert mit dem Johlen, Brüllen, Fluchen wilder, grausamer, peitschenknallender Kosaken, die auf der Jagd nach Judenwild die Gassen durchjagen'!- Die „Kosel maarowi" (westliche Mauer) im fernen sonnigen Erez Jisrael erhebt sich vor unseren Augen. Uralte, eisgraue Patriarchengestalten schütteln in andachtsvollem Gebete sich. „Wann willst, o Herr, Du unsrer Dich erbarmen, uns aufrecht führen in unser Land? O bring zurück doch unsre Richter wieder, wie zuerst, unsre Räte, wie einst in unsrer Väter Tagen!"- Zu Ende ist das Schacharisgebet. Das Gotteshaus entleert sich rasch. „Sie alle gehn an ihr Geschäft." — Wer verdenkt es dem fremden Bruder, daß er, vertrieben von Heimat, Haus und Hof, um das Leben zu fristen!, auchan — seines geht? — Möge er offne Türen, Herzen und Hände finden, auf daß sich bewahrheitet, „daß alle Jisreelim Brüder" sind! Badische Notizen. Von D—r. (Schluß.) Dem soeben erschienenen Verordnungsblatt Nr .2 des Oberrats entnehmen wir einige wichtige Mitteilungen. Die bereits letztes Jahr in die Wege geleitete Erholungsfürsorge für die Beamten der Landessynagoge wird in erfreulich großzügiger Weise weitergeführt. Rabbiner, Lehrer, Kantoren, Gemeindebeamten erhalten — gemäß einer Vereinbarung des Oberr-ats mit dem Schwarzwaldhotöl in Herren-alb — dort die Möglichkeit eines Kuraufenthaltes zu ermäßigtem Preis. Wenn man ferner liest von geplanter Mittelstandsk r e d i t h i l f e, von bereits jüngst erwähnten Beschlüssen, die die Beseitigung verschiedener bisher vorgenommener Gehaltsabzüge für Kasualien betreffen, wenn wir von Erweiterungsmöglichkeiten des G a i * linger Altersheims hören, von Plänen, in Heidelberg eine j ü d i f ch e Mens a zu schaffen, dann kann wohl von wertvollstem Schaffen auf sozialem Gebiet gesprochen werden. Freilich, die Zeit der Not und die Not der Zeit verlangt das. Aber es gehören Menschen und Mittel zur Durchführung. Kommen auch prinzipielle Forderungen des religiösen Lebens zu erfolgreicher Erledigung? Das Jahr 1929 wird da Arbeit bringen. Galt der Winter der Vorbereitung der neuen G e m e i n d e o r d n u n g, so wird im Sommer wohl die Synode deren Verabschiedung vorzunehmen haben. Gewiß, die welkenden und erlöschenden Gemeinden — sie werden im nächsten Jahrzehnt leider immer mehr werden — brauchen für ihre paar Männlein keine- Gememdeordnung mehr. E i n richtiger P a r n e s , der weiß, was nottut und an alles denkt, was zu geschehen hat, um die Cmunoh am Leben zu erhalten, ist uns lieber wie 100 Paragraphen der ausgefeiltesten Gemeindeordnung. Aber wir brauchen sie doch. Und einige Paragraphen, die sich mit den Rechten der Minedrheiten befassen, werden, je nach ihrer Fassung, die g-esetz-estveuen Vertreter vor die Frage der Annahme oder Ablehnung des Entwurfs stellen. Die Aussichten für eine befriedigende Lösung strittiger Punkte brauchen, bei gutem Willen, nicht schlecht sein. Aber es gibt wohl Grenzen, über die aus grundsätzlichen Erwägungen nicht hinausgegangen werden kann. Ein ander Mal wird vielleicht über diese Frage mehr zu sagen si-en. * Es ist gar keine Frage, daß auch der „Verein zur Wahrung" die wichtige Aufgabe hat, neben vieler und notwendiger Kleinarbeit, sich den größeren Dingen zuzuwenden. Die Möglichkeit, klare und für die gesetzestreuen Vertreter bindende Richtlinien zu bestimmen, liegt in erster Linie beim V. z. W. Die geschickte Vorbereitung der Synobalarbeiten unserer Gesinnungsgenossen kann bedeutend gefördert werden, wenn der V. z. W. vechtzei'ti>g das Nötige unternimrnt. Wir verdanken ihm Vieles. Eben -hat er wieder an> Pefach in der Heil- und Pflegeanftalt in Wies!o ch die rituel'le Berk östig'U.N'A der jüdischen Insassen, die leider nicht in jüdischer Anstalt unte r zu bringen sind, du-rchqleführt. Seme Buch gaben., besonders an junge Menschen, als Ansporn zum Lernen und Betätigen im Dienst der Kehillo, brachten und Lvrngen Freude. Biele Wünsche, auch materieller Art, die an den B. z. W. gerichtet werden, beweisen' seine Notwendigkeit. Manchmal wird er wohl Enttäuschung bereiten, wenn er mit Bedauern ein Nein aussprechen muß. Mögen die, die es> ang«eht, wissen,, daß von ihrer Energie und von der Beschaffung der Mittel die Effüllung vieler Aufgaben abhängt. Wie wäre es doch schön, wenn' der B. z. W., da der Oberva-t es bis jetzt nicht tun zu können glaubte, von sich aus einen Sofer hinausschicken könnte aufs Land! Arbeitslosigkeit wäre das kleinste Uebel, über das er zu Nagen' hätte . . . Die Beschlüsse des Synodaiausschusses vom 10. Februar, wonach der Landeskirchensteuerfuß für 1929/30 auch wieder 6 P r o z. beträgt, nehmen die Beschlußfassung der neuzuwählenden Säuersynode vorweg. Nachdem die Gemeindeordnung, wohl durch die bisherige Synode erledigt werden wird, werden Neuwahlen fällig werden. Wie diese aussallen werden, ob etwa die jetzt in Mannheim 'neub>egründete, mittelparteilich ori>entterte Gemeindevereinigung, dabei eine neue Gruppe zu bilden sucht, wird sich zeigen. In allen Lagern wäre eine Berücksichtigung jüngerer Kräfte wohl am Platze. Das gilt übrigens auch für alle anderen' Gremien«. Man stellt immer wieder fest, daß alte Leute, die Jahrzehnte segensreichen Wirkens für Gesamtheit und Gemeinde hinter sich haben, aus sehr falsch' verstandener Pietät in ihren Aemtern belassen werden, obwohl die Elastizität und Spannkraft, die Blickweite -und Sicht in das, was nötig ist, nicht mehr vorhanden ist. Es scheint uns in vielen Fällen die größere Kowaud, die mandem weißen Haupte erweist, wenn man mit einer -gewissen Unnachgie-- bigikett das Greisenakber in die verdiente, würdige Ruhe setzt, soweit amtliche Funktionen -und Tätigkeitsgebiete der Allgemeinheit in Bedacht kommen- ... Mannheim „baut" nun nach Pefach nichtig weiter. Das langumstrittene Projekt des Kl -aussy n a g o g.e n- Umbaues ist von der Gemeindevertretung beschlossen und der Umbau wird den segensueich wirkenden Kräften der alten Sti'ftungseinrichtung auch äußerlich gewiß einen würdigen und das innere Leben beeinflussenden, neuen Rahmen verleihen. Schade, -daß im -künftigen Neubau nicht der bisherige zweite Kantor, Herr D e Jong, weiterwirkenwird. Er ist nach Amsterdam berufen, und die Freude über diese höchst würdige Einschätzung seines Könnens wird beeinträ-chbigt durch die Tatsache, daß eben Mannheim gerade diesen echten Sch-liach Zi-bbur verliert. Wenndie Gemeinde nun als Nachfolger einen Chafan und Lehrer sucht, so ist tröes besonders zu begrüßen. Damit dokumentiert sie -in sehr kluger Weise, daß sie die Bereicherung des jüdischen Lebens eben nicht nur in der Anstellung gesanglich hoch-qualifizierter Kräfte sieht, sondern dem architektonischen Ausbau der Klaussynagoge mit betonter Absicht den Ausbau des- Unterrichtswesens an di-e Seite stellt. Das ist auch -eine Notwendigkeit. Wer die Gelegenheit und die Freude hatte, -im Jahr hindurch und bei der Sch-lußveransta-ltung die Arb e i t der K l -a u s r -e l i g ionsfch u l e kennen zu lernen, muß ihr die Möglichkeit des Ausbaus, die Neugewinnunq einer guten Ährkraft zur Entlastung der derzeitigen Kräfte und zur Erweiterung des Lehrplans sehr wünschen. (Es soll in anderem Zusammenhänge einmal erörtert werden, ob nicht in der größten Gemeinde Mannheim und im Lande selbst die U ni e r r i ch t s Gelegenheiten organisa t o r i s ch! gründlicher Neuordnung bedürften. Es liegt vieles im Argen.) Mannheim hatte einen nicht sehr ergiebigen Vortrags- Winter. Und so darf erfreulich vermerkt werden, -daß der Abend, den der „Verein zur Wahrung" vor Pefach mit dem Vortrag von Herrn S. Schachnorvttz (Frankfurt) über „Alte und n e u e Sachlichkeit" bot, einen Höhepunkt bedeutete. Eingespann-t in den Rahmen -einer Rückschau in die Gasse des Ghettos — die „Gasse" ist dem Verfasser der „Feuerzeichen" ja besonders vertraut — führte die kundige Hand des Vortragenden aus dem „Bädeker" des Maharil herüber zur Straße und Welt der Gegenwart. Vor gespannt -aufmerksamem Publikum griff Schach-nowitz kühn -und ohne Scheu in die uns alle bewegenden Fragen der Gegenwart hinein. Die Jugend verschieden gerichteter Kreise, di-e zahlreich erschienen war. wird manchmal skeptisch gewesen sein. Der Redner sprach u. a. über S p o r t. Vielleicht wird dieses Problem -eines der schwersten sein, wenn es sich darum handelt, der Nachkriegsgen,eration begreiflich zu machen, daß die Losung „Kräftigt den Körper" nicht üb-ertönen darf jenes Wort, das dem an Körperkraft -besonders hervorragenden R. Schimon ben Lokifch zugerufen wurde: „Deine Kraft gehöre der Thora!" . . . Wir glauben,' man darf etwas heute nicht außer acht lassen. Die Gene-vati-on der Gegenwart, die ihre Kraftquellen nicht mehr -in dem Maße, wie früher, in -den kräftigeren Geschlechtern jüdischer Landbevölkerung findet, braucht vielleicht in weit größerem Umfange Menschen, die der körperlichen Ertüchtigung freie Zeit widmen. Es ist eine große Aufgabe, hier die Synthese zu finden. Das ist ja überhaupt das Schwere und Große im Leben aller Derjenigen, die jüdische Menschen sein- und jüdische Menschen leiten, erziehen und führen wollen, seies in der Schulz in der Gemeinde, der Vereinigung, dem größeren Kreis einer Religionsgemeinschaft: Ueberall will das Wirtschaftsleben, der Beruf, die Umgebung, -die' Arbeit im, Kreise -und Aus-, trage Anderer das Primat -erMgen. Der Schabbos, die Speiseg-efetze, - das Lernen, die Arbeit für jüdische Belange, die Durchführung altjüdischer Lebensgewohnheit — all das will, soll sich 'durchsetzen und stößt in den Lebensbezürben des Golus-, imder badischen Kleinstadt und der ame-rik-anilschLn Weltstadt, das ist überall dasselbe, auf Mauern« und Hindernisse. Es wird immer rvi-eder die Aufgabe fein für alle, Me führend Hinweisen wollen zum Akten, nicht nur zu mahnen und zu lehren, sondern -im Mahnen und Lehren den Weg zu weisen, wie das Große und Schwere zu bewältigen ist. Das Ziel zu zeigen, wird nie schwer sein. Die Bergfpitze ist fast immer sichÜiar. Die Führer fehlen in vielen Fällen. Wir B a - den-e r, ja, was bedeuten wir schließlich im Leben« -des gesamten jüdischen Klall? Eines Tages wird der spärliche Rest noch winziger «geworden sein. Trotzdem, wenn junge jüdische Menschen, Me im baMschen Dorf oder der' badischen Stadt herangewachsen' sind, einmal f-or-tziehen, übers Land oder übers Meer, wenn« sie -im Bereich ihrer Heimat und Jugend -den Weg gewiesenbekamen, der zur wahren jüdischen Lebensführung hmweist, dann war auch die Arbeit derer, von denen ln badischen« oder bayrischen, in deutschen' oder anderen Notizen Me Rede ist, nicht vergeb-ens. Ainderecke. Es war einmal.... Von Hermann Seckbach. Vor Zimmer 14 blieb der, Arzt mit der älteren, sympathisch aussehenden Schwester stehen und sagte: „Na, den kleinen Jakob haben wir aber sein durchgebracht, nicht zuletzt durch Ihre rührige, sorgsame Pflege. Noch ein paar Tage, dann können wir ihn entlassen. Aus Wiedersehen, liebe Schwester." Schwester Mirjam eilte srohbewegt zurück ins Krankenzimmer zu „ihrem" Buben. „Jakobchen, bald darfst Du wieder nach Hause und zur Schule. Onkel Doktor hat mirs eben gesagt." „Hurrah, das ist feint" rief freudestrahlend der kleine Junge. „Was wird die Lehrerin für Augen machen, wenn - ich wiederkomme. Und erst meine Freunde, der Arthur, der Julius und Friedel! . Die haben mich so oft zu sich eingeladen, und immer tonnte ich nicht zu ihnen, ich war doch krank!" Plötzlich wurde das Gefichtchen ganz ernst. „Ach, Schwesterchen. werde ich auch wieder ganz gesund so — wie — die — anderen?" „Aber Du Dummerl, natürlich wirst Du das, sei froh, daß die Schule so schöne Einrichtungen hat. Die liebe Schulschwester hat gleich gesehen, was mit meinem Jakoole los war und hat sich sofort Deiner angenommen. Und was hat die Gute alles für Dich veranlaßt, wieviel Sorge hat sie von Deinen Lieben genomnren! Nun ist aber auch Dein Körperchen ganz gesund, vom Köpfchen bis zu den Füßchen." Hellauf lachte Schwester Mirjam dabei und umarmte glücklich „ihren" Jungen. Zu meiner Zeit war das anders, da gab's keine Schulschwester und keinen Schularzt, die gleich nachschauten, was mit diesem oder jenem Kerlchen los war. Und lag man dann gar wochenlang zu Bett, da flatterten keine so schönen, herzigen Briefe von den Mitschülern ins Haus. Und wie herrlich Dir die Kinder schrieben,' mit Staunen sah ich, wie die kleinen Knirpse bereits Hebräisch beherrschten, sodaß der so schön angebrachte rwi'rr Wunsch wie ein inniges Gebet ausklang- Weißt Du, ,Jakobchen, die Märchen fangen alle an „es war einmal", und da wollen die Kinder etwas recht Schönes lesen. Es gibt aber Märchen aus vergangenen Zeiten — die nicht schön sind — von denen wir alle aber gelernt haben." „Ach Schwesterchen, bitte, bitte erzählen Sie mir doch,-“ „Nein, mein Liebling, das kann ich nicht, sonst mühte ich Dir die lange Leidensgeschichte eines Kindes erzählen, das — so wie Du — frohbewegt einstens sich auf die Schule freute. Doch die ärmlichen häuslichen Verhältnisse und der weite, weite Schulweg, der täglich hin und her 3 Stunden beanspruchte- (Verkehrsmittel wie heute standen da nicht zur Verfügung), brachten es mit sich, daß das Kind müde und krank zur Schule kam und — niemand fragte danach. Doch, Jakobchen, Du brauchst nicht zu weinen, allen Stürmen des Lebens trotzend, hat das Kleine, auf G'tt vertrauend, sich später durchgetämpst und freut sich mit Euch, die ihr es jetzt so gut habt und denkt wie, im Märchen: Es nmr einmal-— ÄrrantwortttH für den allgemeine» Teil und vas Fe-ruecv. S Schachnowltz, Frankfurt cs. M.; Inserate t. B.: S Schatz' Ivwitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lerrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr- Offenbach). — Berlae .Äsraeltt", T.mb.H., Frankrurt a. M. — Druck Heimo« Verlag»' AMrngesrllschast. Frankfurt a. SW,

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