Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JtnilletOH Wlsgr ßr. 19 IW9 Der heilige Becher des Abarbanel. Line Erzählung aus der spanischen Zeit.*) I. In der Zeit, da sich das Glücksrad in Spanien Durch .Einführung der Inquisition so sehr zu Ungunsten der Juden wendete, lebte in Madrid Don Jizchak Abarbanel. Ein Fürst und ein Lehrer zugleich, war er Stütze seines Volkes in seiner größten Not. Er war in Portugal geboren, wanderte dann, als Neid und Haß ihm die Palme des Verdienstes aus der Hand winden wollten und sogar sein Leben gefährdeten, nach Spanien aus. Dort ernannte ihn König Ferdinand zum Finanzminister, und die Juden erkannten ihn als "Führer auch in der Lehre an. Blieb ihm doch noch bei all den Staatsgeschäften Zeit und Sinn, all die herrlichen Werke zu verfassen, an denen wir uns heute noch, 450 Jahre nach seinem Tode, ergötzen und erbauen. Als es Torquemada, dem Großinquisitor, gelungen war, die Sinne von Ferdinand und Jsabella so zu umstricken, daß sie das Austreibungsedikt gegen die Juden in Spanien!, die beinahe eine halbe Million zählten und zu den reichsten und tüchtigsten Elementen des Staates gehörten, erließen, da fiel es dem Königspaare nicht leicht, sich von seinem jüdischen Minister, Freund und Ratgeber zu trennen. Ferdinand ließ daher Abarbanel rufen, eröffnete chm sein Vorhaben gegen die Juden und fügte hinzu: „Dich Abarbanel betrifft der Befehl nicht. Du kannst im Lande bleiben und wirst nach wie vor meine Huld und mein Vertrauen genießen." Ohne nur eine Minute zu überlegen —• er hatte vielleicht bereits von dem Verhängnis Wind bekommen und darüber nachgedacht — erwiderte Abarbanel: . „Die Auszeichnung des großen Königs macht mich stolz. Aber ein noch größerer König, der König aller Könige, hat mir meinen Platz bei meinen Brüdern angewiesen und befiehlt mir, da zu sein, wo sie sind und da hinzugehen, wo sie hingehen." Der König machte in den kommenden Tagen einige Bemühungen, Abarbanel festzuhalten. Doch der. Beschluß des jüdischen« Fürsten stand so felsenfest/ atz ihn keine Lockungen, noch Drohungen davon gsibyingen konnten. Am Tage der Austreibung zog Abarbanel mit Frau und Kind mit seinem Volke in die Verbannung. All seine reichen Güter ließ er in Spanien zurück. Unter den wenigen Schätzen, die er neben einem Geldbeutel mit hinaus nehmen konnte, befand sich ein wunderbar schöner K e l ch aus getriebenem Golde und mit Edelsteinen besetzt. Es war ein altes Familienerbstück. Man sagte, es wäre der „Kelch des Heiles", den König D a v i d in die Höhe' höb, um, wie es in den Psalmen heißt, „den Namen Gottes anzurufen". Denn dis auf König ' David ging der Stammbaum der Abarbanels - zurück. Elijahu, der Prophet, hatte ihn nach Zerstörung des Tempels in Verwahrung genommen und dann einem Ahn.' der Abarbanels 'wieder in die Hand gegeben."Mesen Becher echrH. Rabbi JHchak wie ein HeiligMn, er gebräuchte ihn" nur dei Beschnei-Mge« sind an oest'Äd^rabenden. * An.' diesen bAden. FestabeMMlMndU vollgeMt-mDperlendemMMe iin Mittelpunkte der Sedertafel qls „Becher des Propheten Mjähut" " ';’i : v Nach langer Wanderschaft und ungeheuren, Rach dem Werke apjp •,na,o (Suftatirt 5664) frei erzählt. ' r Strapazen ging Abarbanel über die italienische Grenze und gelangte zunächst nach Neapel. Dort nahm König Ferdinand I. den jüdischen Fürsten freundschaftlich auf und zog ihn« in seine Dienste. Bald aber mußte der König von Neapel, bedrängt von den französischen Heeresmächten, selber aus seinem eigenen Lande flüchten,. und Abarbanel begleitete den kranken König nach Sizilien. Später kam er über Korfu nach Venedig, wo er dem Landesfürsten mit klugem Rate beistanid, bis er 1508, im Alter von 71 Jahren, sein taten- und leidreiches Leben beendete. Seine Angehörigen ließ er in großer Armut zurück, da er die letzten Reste seines Vermögens bei der Flucht aus Neapel einbüßte. Nur der goldene Becher blieb ihm und er ging in den Besitz seines ältesten und bedeutendsten Sohnes, Rabbi Juda, über. n. Im Haufe Rabbi Judas, der wie fein Vater in höchstem Ansehen bei den Juden stand, verkehrten die Granden des Landes. Eines Tages erblickte dort einer der Fürsten den seltenen Becher, der ihn entzückte. E^r bot Rabbi Juda eine große Geldsumme für das Prunkstück an. Aber Rabbi Juda sprach: „So reich ist kein König auf Erden, daß er mich mit seinem Gelbe bewegen könnte, mich von diesem heiligen Becher zu trennen." . Das ärgerte den Höfling und er ging zum König und redete auf ihn ein: „Deine Schatzkammer, großer König, ist so reich, wie keine Schatzkammer in der Welt. Wie kann sie aber vollständig seinso lange sich das köstlichste aller Stücke im Besitze eines anderen, eines Indien, befindet. Darf es der König dulden, daß dieser kostbare Becher im Hause des spanischen Emigranten bleibt?" „Wie heißt dieser Jude?" fragte der König. „Rabbi Juda Abarbanel," antwortete der Höfling. Da begab sich der König unverhofft und unangemeldet in das Haus Judas und verlangte, daß man ihm den Becher zeige. Rabbi Juda tat, wie ihn geheißen. "Wie berauscht betrachtete der König den herrlichen Pokal und die glitzernden Steine in der Einfassung. „Wieviel verlangst Du für diesen Becher?" fragte der König. „Nenne die Summe so hoch Du willst, Du sollst sie haben." In Angst und Erregung -antwortete Rabbis Juda: „Der König ist voller Gnade, aber in seiner Weisheit weiß er, daß es Dinge im Leben gibt, die teurer sind, denn Geld und Gut. Dieser Becher, es ist ein heiliges Stück, das einzige und heiligste, das uns im Wandel der Zeiten geblieben ist. Er ist mir für alles Geld der Welt nicht feil/" Blaß vor Zorn stand der König da. Aber Rabbi Juda suchte ihm den Sachverhalt näher zu erklären: Dieser Becher geht seit undenklichen Zeiten von Hand zu Hand, von Generation zu Generation in unserer Familie. Er ist gleichsam unser Wappen, unsere Familienkrone. Er war der „Kelch des Heiles" in/ der Hand des Königs David, und der Prophet Elijahu, der ihn nach Zerstörung des Tempels in Verwahrung genommen hatte, gab ihn einem unserer Ahnen, daß er ihn weitergebe an seinen Sohn. Wie sollte ich mich von diesem Stück, das sich durch die Jahrhunderte auf mich vererbt hat, trennen?" , Damit ließ sich der König aber nicht besänftigen. Im Gegenteil, er bezeichnete es als Verrat gegeü Staat und Königshaus, irgend eine Tradition höher zu'stellen, als den Willen des Königs. In der Weigerung, den Becher herzugeben, fäh er eine Verletzung der königlichen Autorität, ein Zeichen der Unitreue gegen die Krone. „Du hast sieben Tage Bedenkzeit. Ist die Zeit verstrichen und ich bin nicht im Besitz des Bechers, dann weiß ich, was geschehen soll." Mit diesen Worten verließ der König voll glühenden Zornes das Haus Rabbi Judas. m. Rabbi Juda hatte Grund, um sein Leben zu bangen. „Und dennoch," sprach er sich Mut zu, „werde ich dien Becher nicht hergeben." Und damit nichts in der Welt mehr imstande sei, ihn in seinem Beschlüsse irre zu machen, nahm er den Becher in die Hand, glättete ihn zärtlich und legte ihn in den eisernen Kasten, wo er die letzten Familienschätze aufzubewahren pflegte. Dann nahm er den schweren Schlüssel und schloß das Kästchen ab. Er verschloß dann die eiserne Türe zu der Kammer und warf beide Schlüssel zum Fenster in den Fluß hinein. „Elijahu Hanabi", betete er dabei. „Der Becher gehört Dir, ich lege ihn somit wieder in Deine Hand. Verfahre mit ihm nach Deinem Belieben." Die sieben Tage waren abgelaufen. Kurz vor Nachtanbruch des letzten Tages ließ der König noch einmal Rabbi Juda rufen. „Nun hast Du noch wenige Minuten Zeit. Bist Du entschlossen, den Willen Deines Königs zu erfüllen und mir den Becher zu bringen?" Rabbi Juda antwortete: „Herr und König, ich kann! darauf nichts sagen, denn der Schlüssel zum Becher befindet sich längst nicht mehr in meiner Hvnd." Da befahl der König seinen Dienern, in das Haus Judas zu gehen und dort nach dem Schlüssel zu suchen. Nach einiger Zeit kamen die Diener zurück und berichteten: „Wir haben das Haus Judas von oben bis unten in allen Löchern und Ritzen durchsucht, keine Ecke und keinen Winkel ließen wir aus dem Auge, aber den Schlüssel fanden wir nicht." In kochender Wut ließ der König seine weisen Ratgeber versammeln!, teilte ihnen den Vorfall mit und bat sie um ihr Einverständnis, alle Juden des Landes zu verweisen. Alle stimmten sie bei. Noch am selben Tage wurde in den Straßen Venedigs unter Pauken und Trompeten der Befehl von..König und Rat verkündet, daß in wenigen Tagen alle Juden/ das Land.»zu verlassen hätten. Wer nach dem Termine im Lande gefunden würde, sei dem Tode verfallen. Aller unbewegliche Besitz der Juden müsse Lande bleiben. (Schluß folgt.) Der fremde Bruder. Von W. WachraH in Z3ad Krcnznclch:; Triumphierender Hahnenschrei kündet den jungen Tag an. Noch, blickt der Mond herunter in die krumme, enge Gasse, durch die dunkle Gestalten huschen, dem uralten Gotteshause entgegen. Seine eisblumengezierten Fenster, mattbeleuchtet, winken freundlich ihnen zu/ Nur wenige Beter erhebe^ sich aus den Vänken, gleich einzelnen Halmen aus einem Vrachfelde. Immer dieselben sinds, die ein knappes „Minjan" ermöglichen, nur jeweilig verstärkt durch den, der eine Jahrzeit begeht. . Der Erfolgreiche im Daseinskämpfe glaubt, Gottes Hilfe nicht zu bedürfen, er verdankt alles nur eigner Kraft, eigner Intelligenz! — Der schwer Kämpfende aber muß jede Minute ausnützen, um sich durchschlafen zu können«! — ,! Durch die knarrende Pforte tritt' eine hohe 1 iinponierende Gestalt. Hohe Stiefel än den Fü- Hen, in prächtigem Pelzmantel ugd rundes Hut- , chen auf»hem lockigen Haupte, schreitet gravitätisch ein Mann vorn zu einem Sitze, wo die Notabeln sich befinden. Ein polnischer Rabbi ists, der vertrieben aus seinem Heimatsorte, gleich „Ahasver" die Lande .durchzieht. Dem mächtigen Pelze entschlüpft, steht er in von entschwundener