Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Hfäffer fievausgegeßen von dev Candesorganifafion dec Hgudas>Jisvoe( in deuifcßiand. <5. Jahrgang Hamburg, ^8. April 1929 / 8' Nißan 5689 Nummer 8 Schriftleitung: Wotf S. Jacobson in Kawburg. Kenessio gedaulo wie«, S. bis 12. Elul sess Wählerverzeichnis anlegen! Muß bis >. Ijar mit den Trumas Lhower- Beiträgen in den fänden der Landes- Grganisation sein. Auslegung der Wählerlisten: J5. 3jar bis Siwan. Abgeordneten- Wahlen zur kenessio gedaulo: i(5. Äwan bis ^5. Tamus. Lettland. Reisebriese von Wolf S. Jacobson in Hamburg. Riga. I. Von Wien, das mir lieb und teuer, durch seine agudistischen Menschen befreundet und verbunden, in seiner Jugendgruppe eine der schönsten Positionen unserer Agudas Jisroel bedeutet, von Wien, in dessen Agudazentrale, der viel und wohl immer zu Unrecht geschmähten, ich einige Tage geweilt hatte, sollte ich nach Lettland. Mir bangte vor der Reife, Lettland schien mir in einer andern Welt zu liegen, in der sagenumwobenen „Arktis" fast, und doch: ich kam hin, sah und — wurde besiegt. Ich will den Gesamteindruck vorweg nehmen. Ich bemerke, daß ich durch längere Agudaerfahrungen gelernt habe, die Erscheinungen vorsichtig auf mich wirken zu lassen, und darum will ich nur von einem Eindruck sprechen: Ich glaube an eine sehr starke Zukunft des agudistischen Gedankens in diesem Land, und hoffe auf eine weitere Erstarkung der agudistischen Organisation. Schon heute darf sie, speziell in Riga, sich sehen lassen. Dies dank der hervorragenden Vertretung der lettländischen Orthodoxie im Parlament durch Dubin, den Vertrauensmann der Regierung, der „bewußtsinnigen" Orthodoxie und außerdem der Hilfs- und Ratsbedürftigen m alle n Lägern, von der äußersten Rechten bis zur extremsten Linken; dank der klugen Leitung durch ihren der Großindustrie zugehörigen Vorsitzenden Wolschonok, dank einer dem Agudaideal ganz ungewöhnlich hingegebenen Jugend (einschl. der Schuljugend) und schließlich dank der Tatsache, daß alle min '22 von Rang Agudisten sind, vom Lubawitscher Rebbe abgesehen, über dessen Verhältnis zur Aguda noch ein besonderes Wort zu sagen ist. Aber mehr als alle diese äußeren Faktoren, die den Weg zur starken Organisation bahnen oder bereiten helfen, dürfte doch der innere Umschwung der Gemüter, der sich im Laufe der letzten Jahre vollzogen hat und immer mehr vollzieht, den ^»*7 v"N n-,18 ebnen. Man hat hier erkannt, daß es ein verständnisloses, gleichgültiges Zuschauen, wie die Jugend von Tag zu Tag durch falsche Messiase zu falschen Erlösungen gebracht und so rrm*7 pr mehr und mehr hinausgezögert wird rrv daß es solch gedankenloses Dabeistehen nicht mehr geben kann, daß das eine rmwa nb'ya ist, durch die unsere D'2Hj? 31t s'^iN' unser heiligstes Gut, unsere Jugend, zu unheiliger Allerweltsware wird. Man hat hier erkannt — und zieht die Folgerungen: Entweder die Orthodoxie folgt dem Ruf der.7728: '*?K 'n^ oder sie wird zerrieben zwischen all den feindlichen „Ismen", die sie rings umbranden: Nationalismus, Bundismus, Kommunismus: Und darum singt und klingt es. aus vielen, vielen Seleen: „Schüttle dich ab vom Staub, erhebe dich, zieh' an das Kleid deiner Pracht, mein Volk!" Man begreift, daß das jüdische Volk sein Kleid tragen muß, sich nicht mit fremden Federn aufputzen und dann der Umwelt vorstellen darf: „Schaut, so sehe ich aus" — daß diese im jüdischen Volk dann nur Nachahmung und Verzierung eigner Art und Form erkennt — und so dies Volk — verkennt! Warum ist hier diese Erkenntnis schneller zum Durchbruch gelangt als anderswo, wo die Dinge erst im Werden sind? Dieses Land war nie so stark Rußland, daß feine Menschen ganz umspült wurden vom 7'iü‘?nn D' das in den eigentlichen Grenzgebieten zum Westen hin — Litauen und Polen — mächtig flutete ,in dieses Land kam nur der letzte Wellenschlag, darum auch fehlt es hier an den großen nia'v Litauens, dem großartigen v'77N-System Polens. Man hatte hier also nicht so zäh um eine alte, hohe Form zu kämpfen, es war nicht so Großes und Eigenartiges und Einzigartiges zu erhalten wie anderswo. Noch mehr: Man konnte sich hier gar nicht so in Sicherheit, wenn auch oft nur vermeintlicher, wiegen, denn dies ist ein offenes Land, die großen Festungen derm2'w' dem Feind zu wehren, fehlten. Und so war man nicht gezwungen, eine bestimmte, typische Form zu erhalten, mit jener Ausschließlichkeit, die nur die eine Sache kennt und darum den Blick für die Umwelt verliert, man hatte einen freieren Blick, sah die eigenen Nöte und Blößen deutlicher, suchte draußen nach den Wegen, sie zu beseitigen und fand sie im Zusammenschluß der Orthodoxie und in der Erziehung der Jugend im Sinne des von Hirsch und Hildesheimer vorgezeichneten Programms:! na ^-»7 av mm ii. .p« im Di7 min!" Bei uns eine Erziehungsiform, hier.im Lande geradezu das Symbol für mlle auf Festigung des orthodoxen Judentums gerichteten Bestrebungen, in deren Mittelpunkt hier und anderorts die Schule dieses Namens steht. In Riga besteht dies Schulwerk aus Kindergarten, Grundschule und Mittelschule, — die Absolvierung der lettländischen Mittelschule berechtigt zum Besuch der Hochschule (Universität) — beide Schultypen für Knaben und Mädchen getrennt, und wird von ca. 450 Schülern besucht. Die Schüler sind in einem besonderen Schulverein, M7nn8,7 mit völliger Selbstverwaltung, eigener Zeitung 7i»*?nn in der Knabenschule — 2pv rcn in der Mädchenschule — Bibliothek und Kantine, zusümmengeschlossen. Und ' alles, Schulleitung, Schülervereinigung, Zeitungen, strebt dem einen Ziele zu: ,72V''?,77vNN7'M,7'7dem Judentum hier im Lande wieder feste, mutige Bekenner, gebildete, dabei aber thoraerfüllte Vertreter, glaubensfeste, selbstbewußte Vertreterinnen heranzubilden. Wenn in diesen Schulen Lehrer und Schüler — auch diese schon — Agudisten sind, dann dies nicht deshalb, weil man „Politik" schon in die Schule hineintragen will, sondern weil man nur so die Hoffnung hat, ein nsn "17 heranzubilen, nur so die Sicherheit hat, Männer und Frauen unserer Art und unseres Schlages zu erziehen, d. h. Menschen, die wissen, daß Judentum eine Gemeinschaftsangelegenheit ist. Der Besuch dieser Schulen hat bei mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Das ganze, vom Staat geforderte Wifsenspenfum wird absolviert und trotzdem wird aber die dreifache Stundenzahl wie bei uns auf Bmp '71Ö1? verwendet. Die Unterrichtssprache ist hebräisch, selbstverständlich, wie der Schulleiter bemerkt, in aschkenasischer Aussprache, der 87v2 Unterricht wird jiddisch erteilt. Mehrere Jahrgänge Abiturienten hat die Schule schon entlassen, alle, ausnahmslos alle halten die Fahne der Schule hoch und in Ehren. Sie sind teils als Lehrer, teils als Kaufleute, tätig, teils haben sie die akademische Laufbahn ergriffen — zusammengeschlossen im jüdischen akademischen Zentrum, das unserer B. I. A. entspricht — und alle arbeiten sie mit einem sondergleichen für die A. I., organisiert in der r>728 '7'srx ^87V'--Und wer dieses wunderbare Schulwerk gegründet hat, wer es erhält? Zunächst sei die zweite Frage beantwortet. Einen Teil des Budgets trägt der Staat, ein kleiner Teil wird aus Schulgeldern gedeckt und den großen Rest zahlt jahraus, jahrein ein Mann — sein Name ist Dowbeer Lewitas — an dessen Kasse allmonatlich die Beträge erhoben werden,, der dem Schulwerk ein prachtvolles Gebäude errichtet hat und ein zweites Gebäude der Schule geschenkt hat, daß sie für alle Zeiten aus den Mieterträgnissen gesicherte Einnahmen habe. (Und ein anderer Rigenser Sobolewitsch, leistet in gleicher Weise für ein zweites, unter,!der Aufsicht des Oberrabbiners Sack '"2 stehendes Gymnasium n’iznn und ich registriere dies, um zu zeigen, daß die Kunst zu geben dort noch immer — bester verstanden wird als bei uns!) Und wer dies Schulwerk gegründet hat? So unglaublich wie es klingt, besonders für einen an deutsche Verhältnisse, Gründung und Schulen Gewöhnten; einige beherzte -87v»' N728 '7'vL sie waren die Initiatoren, brachten die Kapitalien auf, warben um die Schüler und- Schülerinnen und sie sind heute noch die vom Staate anerkannten Direktoren: S. Vitenbergs für das Gesamtschuhtoren: S. Vitenbergs für das Gesamtschulein Fräulein Markusch e witsch für die Mädchenschule, alle Lehrer und Lehrerinnen entstammen diesem Kreise, sind in engster freundschaftlicher Kollegialität verbunden, arbeiten Hand in Hand und Schulter an Schulter. Wer diesen Menschen ihren wunderbaron Optimismus gegeben, wer sie für ihr großes Werk begeistert und vorbereitet, es ist der gleiche Mann, der die ganze Organisation der Zeirim geschaffen, der Lehrer der ganzen orthodoxen Jugend Rigas: Rabbi Joel Varanschik, ein Mann 12 aybx nn 7W8; aus diesem Geist hat er alles geschaffen, was an neuem, jüdischen zukunftssicheren Leben in Riga aufblüht! ttl. Der Lubawitscher Rebbe. Ein Name wunderbaren Zauberklanges, sein Träger, der Erbe des 8'2vjenes unumstrittenen Führers der chassidischen Judenheit im weiten russischen Reich. Und sein jetziger Inhaber, der Mann, dessen gange Seele ausgefüllt ist von der Not der ^N7W '22 12N'8 in Sowjetrußland, der Tag und Nacht grübelt und — tut, diese furchtbare Not zu lindern, der gerade in diesen Wochen, wie bekannt, eine große ni^v-Aktion für Rußland eingeleitet und durchgeführt hat. Wie groß der Lubawitscher Rebbe ist, wie weitreichend sein Einfluß, wie unnachahmlich fein V22N r>7'vv' wie ungewöhnlich fein Organisationstalent, das die Menschen aller Erdteile in den Dienst der Aufgabe seines Lebens stellt — Hilfe für die Juden-