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Der Israelit · 1929-04-18 · Heft 16 (18.4.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 16 (18.4.1929)
Date
1929-04-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14. Nr. 16 Der Israelit 18. April 1929 Ein Ijeiiles, trübes Kapitel. Die Gemeinde nimmt von Jahr zu Jahr ab. Meistens hört man sagen: „Seit der Bernhard, seit der Heinrich, seit der Varuch tot ist." Dieser Bernhard, dieser Heiwrich und dieser Baruch, es waren die Einzelnen, die letzten, an denen noch alles hing, die das Ganze zusammenhielten. Seitdem die tot sind, geht es vollends abwärts. Man kann keinen Lehrer halten, die Kinder haben mangelhaften oder gar keinen Religionsunterricht. Die Alter, halten noch den Sabbat, wie sie ihn verstehen, die Söhnchen haben rote Kappen auf und fahren am Sabbat in die Stadt zur Schule, am freien Sabbatnachmittag und am Sonntag gehen sie auf den Sportplatz . . . Es ist nicht gar so schwer, auf dem Lande den Sabbat zu halten und man hält ihn auch soweit. Man geht „schulen" und man „ort". Wenn zwei aus dem rächsten Dorf mit der Bahn am Sabbat ungefähren kommen, gibt es auch M i n j a n . . . Nach Schul geht man ins Wirtshaus, spielt und trinkt und zahlt auch. Daß es lauter Ungeheuerlichkeiten sind, wissen sie nicht mehr. Am Sabbat wird recht gut gegessen. Daß man die Speisen am offenen Feuer auch nicht einmal wärmen darf, wissen sie nicht. Es hat es ihnen keiner gesagt. Vor dem Schlafengehen greift jeder zum Gebetbuch, keiner geht ohne Nachtleienen zu Bett. Morgens legen die Alten Tefillin, oft v o r Tag und beten weiter hinter der Kuh, die sie im Morgengrauen zum Markte treiben. Die Jungen fürchten sich bei Tag nicht... In den, Haushaltungen ist es überall streng koscher, sofern man die Schechita am Platze oder in der Nachbargemeinde als solche bezeichnen darf. Die Alten Nehmen ihre Hauswurst mit auf die Reife, wie anno dazumal. Die Jungen? . . . Stundenweit gehen die braven Menschen' zu Fuß über Land, um letzten Liebesdienst einem toten Bruder zu erweisen, oder Trostbesuch bei dessen Verwandten zu machen. Die Gästfreundschaft im Hause ist grenzenlos wie im alten Ghetto. Jahrzeit wird streng eingehalten. Am Purimabend, so erzählte mir der Parneß von H . . . stolz, fehlte keiner. Äber es war keiner da, der aus der Megilloh lesen konnte. Seitdem der Bernhard tot ist . . Man las aus dem Chumisch, die Megilloh lag daneben. Morgens waren nicht alle da, und die da waren, hatten große Eile, denn in Osthofen war Markt. Man begnügte sich daher mit den ersten zwei und dem letzten Abschnitte. Mein Entsetzen darüber begreifen sie nicht. Es sagt es ihnen auch keiner. Alle klagen sie über die Rabbiner, die sich „nicht sehen lassen". Es wäre noch manches zu machen. Hochzeiten finden am Platze nicht mehr statt, und „Beerdigungen" besorgt der Herr Lehrer aus der Nachbargemeinde, von wegen der Kosten. Auf d i e Weise bekommt man den Herrn Rabbiner wie zu Gesicht. (Das gilt in diesem Zusammenhänge lediglich für Rheinhessen.) Ueberhaupt, daß sich keiner in der Stadt, wo lo viel von der Not der Landgemeinden und der, Landflucht gesprochen wird, um ihre geistigen Nöte kümmert! Ingenieure, Agronome, Bauräte kommen im Winter ins Dorf und belehren die Bauern über die Bebauung des Bodens, über Dünger, Maschinen, Ausnutzung des Raumes beim Bau von HaW und Garten. Reichstags- und Landtagsabgeordnete kommen und orientieren die Landleute über Politik, Partei und Parlament. Warum kommt man nicht, die Juden auf dem Dorfe, und insbesondere die Jugend, in der Religion zu unterweisen, sie zu unterrichten, zu belehren, etwa über den Sabbat, die Erziehung? ... Nur eine Partei kommt, die des Zentralvereins. Aber auch die Dorfjuden empfinden es zu innerst, daß das wohl eine recht wichtige, aber doch nur äußerliche Sache ist. Es gibt fönst noch Fragen im Judentum, die nicht gerade mit Hitler und Ludendvrff und dem „Stürmer" zu tun haben. Davon erfahren sie auf dem platten Lande so gut wie nichts ... Ich gewann sie von Neuem lieb, diese ehrlichen, braven MenscheU. Bei all ihren Mängeln, KAWETO GOETHESTR. 28 TEL. RÖMER 754 ELEGANTE DAMENTASCHEN PORTEFEUILLES REISEARTIKEL ihrer Unwissenheit und Unkenntnis. Es ist schon beinahe Mehr Schicksal, denn Schuld. Und wenn schon Schuld, dann mit unsere Schuld ... Vielleicht bringt diese Gewißheit Nutzen. Von Biblis ab bin ich allein, und ich studiere die tiefen Worte aus dem „Testamente des Rabbi Naftali Hakohen" zu Ende — über die j ü d i s ch e Seele, die nie und nimmer an Glanz verliert, die, wie Salomos Teppiche, wohl Schmutz und Staub annimmt, aber, gewaschen und gereinigt, wieder gleich dem Aether glänzt, wie am ersten Tage, wie das Licht aus dem Urquell, dem sie entsprossen ist . . . Zwei Stunden später fahre ich mit der Achtzehnerlinie der Frankfurter Straßenbahn durch die alte Stadt. Ein Blick nach rechts in die alten, krummen Gaffen und auf die alten, zum Teile neu und bunt gestrichenen Giebelhäuschen um den Dom herum und dahinter bis zum Maine und weiter nach dem Börneplatz zu und an der alten Friedhofsmauer vorbei, hinter der es zwischen schwärzgrauen Aesten schon grünlich schimmert. Auch, Und erst recht hier, gäbe es mancherlei zu schauen .,. Aber, um all dieses so gesammelt zu sehen und zu genießen, wie mir dies heute Morgen in Worms gegönnt war, darf man nicht in Frankfurt wohnen und leben, sondern man müßte schon über Frankfurt kommen und.hier für einige Stunden den Anschluß verpassen . . . Ainderecke. Der Elijohu-Becher. Don Kdith Levi, München. In dem Grenzstädtchen Latisow in Polen lebte ein armer, frommer Mann, Schelomeh Chajim. Er ernährte sich und seine zehnköpfige Familie schlecht und recht mit dem Kaufen und Verkaufen von Fellen. Wenn er so die Woche hindurch mit feinem schweren' Sack über dem Rücken über Land ging, so mochte man es ihm wohl gönnen, daß auch sein Verdienst so sein möchte, daß er mit den Seinen ein sorgenloses Leben führen könne. Aber wenn er Donnerstag Nacht müde und vor Anstrengung fast erschöpft, nach Hause kam, da reichte der Verdienst gar manchmal nur für die halbe Woche und den Rest derselben mußten sie sich mit Kartoffeln und Kaffee begnügen. Aber am „lieben Schabbos", wie Schelomeh den Ruhetag immer nannte, mußten immer Fisch und Berches auf dem Tische sein. Und klopfte, wann es auch war, ein armer Wan>- derer bei ihm an, so wurde er nie leer von der Tür gewiesen. Wenn man von dem großen Walde von Ulihanow herkam und vielleicht noch eine Stunde die breite, staubige Landstraße hinunterging, so lag links als eines der ersten des Städtchens, ein niederes, rußiges Häuschen. Jeder, der daran vorüberging,, blieb davor stehen und betrachtete die spiegelhellen Fensterscheiben mit den kleinen, weißen Vorhängen,. die anscheinend alle, beide gar nicht recht zu ihrer Umgebung paßten. Die wackelige Haustüre war bis auf eine kleine Spalte geschlossen, so daß man vom Innern und seinen Bewohnern nicht viel sehen konnte. In dieser bescheidenen Behausung lebte Schelomeh Chajim. Wer bei ihm eintrat, fühlte sich wohl in der behaglichen Wohnstube, die mit ihrem sauberen Boden jeden herzlich willkommen hieß. Denn wenn es auch sparsam und ärmlich bei ihm herging, so ließ es.dennoch.die gute.und fleißige Rahel, seine Frau, nie daran fehlen, ihren Lieben das zu geben, was in ihrer Macht stand, vor allem ein sauberes und gemütliches Heim und ein freundliches Gesicht. Wenn die große Kinderschar schon fest schlief, dann putzte und scheuerte und flickte und nähte, die gute Mutter bis tief in die Nacht, denn tagsüber hatte sie dazu keine Zeit. Es war wieder einmal Erew-Peßach geworden, wenn man auch draußen in der Natur noch wenig von ihm merkte. Ueber Wald und Feld lagen noch Spuren von Schnee und Eis und der Himmel hing dicht voll grauer Wolken. Die fleißige Nahel und das ganze Haus hatten seit Purim unermüdlich zusammen geholfen, den Jomtof würdig zu empfangen. Es war gründlich geschüttelt worden und das Häuschen von Kopf bis Fuß geputzt und gescheuert. Wie jedes Jahr, so ging auch heuer wieder Schelomeh am Erew- PeßachMachmittag vor das Häuschen und nagelte an die Tür ein weißes Blatt, auf dem mit. großen Buchstaben zu lesen stand: „Kol dichsin jeisei vejeichul". Heute, am Peßach, wo er Mazzos und Wein hatte, da sollte keiner an seiner Tür vorübergehen, der ärmer sei als er. Drinnen im Hause waren die größeren Mädchen und die Mutter damit beschäftigt, den Sedertisch zu richten und die letzten Vorbereitungen für Jomtof zu treffen. Schelomeh richtete sich dann auch für Jomtow her. Wie immer galt seine letzte Arbeit der Schabboslampe; dann war es Zeit, in Schul zu gehen. — Es war bereits dunkel geworden, und der Vater müßte schon bald von Schul nach Hause kommen. Da sah man eine große Gestalt mit müden Schritten die Landstraße heraufgehen. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und lehnte sich für einige Augenblicke an einen Baum. Als sie näher kam, bemerkte man einen älteren stattlichen Mann, der in einem voll mit Staub bedeckten Anzug steckte. Mühsam schleppte er sich auf feinen todmüden wundgelaufenen Füßen weiter, bis er endlich vor der Türe Schelomes stehen blieb und mit traurigen Blicken die großen schwarzen Lettern an der Türe las. Da füllten sich seine Augen mit Tränen; trotzdem die Türe heute weit offen stand, trat er nicht ein,, und ohne zu wissen wohin, ging er an dem Hause vorbei, in die Dunkelheit hinein. Da ward ihm erst recht weh ums Herz und er kehrte wieder zur freundlich einladenden Tür zurück. "Schluß folgt.) Kokoffal-Zirkus Krone kommt nach Frankfurt a. M. Tin Ereignis, sie es sich so bald für Frankfurt und die weiteste Umgebung nicht wiederholen wird, steht uns bevor mit einem Gastspiel des Zirkus Krone, der heute sein Kommen ankündigt. Krone nimmt in Europa unter den Unternehmen seiner Art eine Ausnahmestellung ein, die am treffnedsten gekennzeichnet wird, wenn man ihn als die circensische „Großmacht" des Kontinents anspricht. Nicht ^ein zweites Mal existiert eine so kostbare und erlesene Sammlung auf Reisen, und bei einem Bestand von mehr als 800 Tieren kann sich dem Krone-Zoo kein anderes derartiges Unternehmen an die Seite stellen. Von wie ungewöhnlicher Anziehungskraft dieser Zoo ist, beweist die Tatsache, daß er als Rekordbesuch an einem Tage nicht weniger als 60 000 Besucher verzeichnen konnte und daß dieser Rekord nirgends anders als in Berlin erreicht wurde, das durch seinen eigenen Zoo ja sicherlich sehr verwöhnt ist. Gigantisch sind natürlich die Materialmengen, die für den Aufbau dieses Kolossal-Unternehmens erforderlich sind, und die Ausmaße, die es zu seinem Aufbau benötigt. Auf 30 000 Quadratmeter Fläche stehen etwa 1 Km. laufende Zeltbauten, die .das große Vorführungszelt von mehr als 120 Meter Durchmesser himmelhoch überragt. 1500 Köpfe aber zählt rund der eigene Personalbestand, den dieses rollende Großunternehmen mit sich führt. Mit Recht darf man aus Krones Gastspiel gespannt sein, das nur wenige Tage dauern wird, da die anderweitigen Reisedispositionen bereits festliegen. «erantwortttch für den allgemeinen Seit und das Fenilleto* S. Schach«owitz, Frankfurt a. M.; Inserate 1.S. Schach' nowtb. ebenda. — Für dte piidaavgtsche Betlatze: Lehrer B- Kaufmann in Sprendlingen (Kt. Offenbach). — Berlar .Lsraelit", T.m.b.tz., Frankfurt a. M. — Druck «ermon «erlag-' Aktiengesellschaft, Frankfurt a. SW.

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