Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SST Der Jsraelit \5 Wenn man um zwei Minuten den Zug versäumt. Kleine Erlebnisse auf kleiner Tour. Schuld waren zunächst Rabbi Naftali Hakohen und dann die breiten Quadrate des Mannheimer Straßennetzes. Das war nämlich so. Em lieber Freund in Mannheim überreichte mir, im Gedenken an meine „Feuerzeichen" und in Erinnerung an die Mannheimer Zusammenkunft, einen alten, vergilbten Fürther Druck, der das Testament Naftali Hakohens, des Rabbi aus der Zeit des Frankfurter Ghettobrandes, enthielt. Spannende Blätter voll tiefer Gedanken, wie geschaffen füt Nachtlektüre bei abgedunkeltem Lichte. Ich hatte nachts zu lange und zu tief in die alten, ewigneuen letzten Wahrheiten und Weisheiten geschaut. Und morgens, nach dem kurzen einsamen Gebete im Hotelzimmer, noch einmal hineingesehen. Noch zwanzig Minuten Zeit. Und durch die schonen breiten. Straßen Mannheims ist gut gehen und gut finden. Noch reichlich Zeit zum Zuge! In Mannheim kamt k einer irr e g e h e n, nur kommt man meistens immer wo anders hin . . . Die Straßen sind so gebaut, als hätte ein Kind, aus der ersten Vorschulklasse nach der neuen Arbeitsmethode den Plan dazu entworfen: schön ornamental, exakt symmetrisch, hell und heiter, mit buntem, breitem Bord, an den Ecken und graugrüner Einlage in der Mitte. Die eine Straße genau wie die andere, der erste Platz, wie der zweite, alle numeriert, uniformiert und alle gleich schön. Und dennoch ist es ärgerlich, wenn man bei dieser schönen Gleichförmigkeit zehn Minuten vor Abgang des Zuges statt am Bahnhof an dem prächtigen Rosengarten landet. Da erst tue ich das, womit ich eigentlich gleich am Hotel hätte beginnen müssen. Ich wende.mich an einen Chauffeur mit der Frage, wie man von hier am besten und schnellsten nach dem Bahnhof gelange. Man soll sich immer bei diesen bewährten Führern der Menschheit befragen, man „fährt" gut dabei. Er gibt mir kluge Antwort: „Am besten und schnellsten kommen Sie ani den Bahnhof, wenn Sie sich in meinep Wagen setzen . . Ein guter Rat, ich habe ihn nicht bereut, und kostete nur achtzig Reichspfennige ..... Aber zu spät kommt die Einsicht — zwei Minuten zu spät. Der Schnellzug nach Frankfurt war vor zwei Minuten abgefahren. Ich hatte nicht einmal das Nachsehen. So rasch können Schwellzüge sein, wenn man sie versäumen soll. Aber die Badenser Bahnbeamten sind joviale Leute, so nett und höflich, als würden sie französisch sprechen. (Siehe Feuilleton „Menschen und Menschen" in Nr. 14 des „Israelit".) „Es geht noch ein Zug," tröstete der Mann hinter der Schalterklappe. „Steigen Sie nur ein!" ermutigte der Mann mit dem blinkenden Messingschild an der Brust und dem bescheidenen Titel "Portier". „Ja, wohin fährt dieser Zug?" "Sie komme schon nach Frankfurt!" "Heute noch?" „Heute!" So stfeg ich ein. Und damit beginnen die Erlebnisse. Zunächst bringt mich der Zug über die monumentale Rheinbrücke nach dem etwas harten und arbeitsgrauen L u d w i g s h a f e n, hin, in einem Wagen, der vollgestopft ist mit Männern und Frauen, die zur Arbeit hinüberfahren. Einige, zumeist ältere Jahrgänge, sehen recht ausgeschlafen und ausgeruht aus, andere, jüngere, haben sich von der Sonntagserholung noch nicht erholt, und wieder andere sitzen still in der Ecke und brüten wohl über das letzte Glas von gestern nach. „Was ist der Mensch, wenn eine Kanne ihn umwirft?! . . ." Alle sprechen von dem seligen Karl Venz, dem Erfinder des Motorwagens, der gestern, Sonntag, mit 83 Jahren in der Gegend zur letzten Ruhe getragen wurde. Das von. ihm in den achtziger Jahren zuerst konstruierte Wagenmodell, damals Wunder der neuesten Technik, wurde hinter dem Leichenwagen hergefahren. Es mutete wie ein Monstrum von anno dazumal an . . . Sie sprachen nun von dem seligen Karl Benz und von der „schönen Leiche". So viele Blumen, so viele Fahnen! Ein kleiner Streit entspann sich, der drohte, in Tätlichkeiten auszuarten. Einer verflieg sich zu der Behauptung, Benzin komme von Benz, er habe diesen feurigen Stoff gleich miterfunden. Ein anderer behauptete genau das Gegenteil: der geniale Erfinder habe sich den Namen Benz zugelegt, weil er eben, mit Benzin arbeitete. Ein dritter entschied überlegen, beides wäre blühender Unsinn. Darüber ein vierter und ein fünfter und ein sechster laut und spöttisch lachten. Da einigten sich der erste und der zweite gegen den dritten, und alle drei gegen die Lacher und Spötter. Zum Glück dauert die Ueberfahrt nach Ludwigshafen, nicht so lange, um eine solche Affäre bis zur letzten Phase ausreifen zu lassen. In Ludwigshafen wartet auf dem andern Geleise der Schnellzug, als wäre er eigens für mich angespannt. In zwanzig Minuten bringt er mich durch das flache Land der bayrischen und hessischen Pfalz, wo die winterlich dürren Weinberge mit Apfelbaumskeletten am Rande umsäumt sind, nach Worms. Und hier sagte der Stationsvorsteher kalt und sachlich (in Hessen sprechen die Beamten „deutsch")r „Anschluß-nach Frankfurt in zwei Stunden, Personenzug!" Nun erfasse ich dey höheren Sinn, der versäumten „zwei Minüten". Ich werde noch einmal die alten Gassen von Worms sehen: Ich grüße dich, zum so und so vieltenmale, alte schöne Stadt am Rhein, durch die der Fuß Raschis und der Tosafisten geschritten ist. Durch die Hauptstraße gleich hinein in das Gewinkel der engen. Gassen bis ans Viereck mit dem alten Brunnen in der Mitte, umgeben von Rundtürmen, Zinnen und Kuppeln. An alten Kirchen- Mauern rankt sich noch totes Weinlaub. Aus diesen drei Domportalen werden, sich die Horden mit dem Symbol der Liebe in der einen, dem Mordbeil jn der anderen Hand, unter dem Geläute der großen Glocken, in die enge Gasse ergossen haben . . . Die kleinen Giebelhäuschen hinter den neuen Fassaden schmiegen sich heute noch so scheu hintereinander, wie die Schäfchen, in deren Reihen der Wolf eingebrochen ist. Als hätte sich hier die Todesangst von Jahrhunderten versteinert ... Aber auch etwas von der Geruhigkeit und vom stillen Glücke alter Zeiten schaut durch die vergitterten kleinen Scheiben. Festesfreude rauscht durch die Luft. Ein Hochzeitszug mit Zimbel, Pauke und Trompete und mit zitternden Fackeln bewegt sich durch den Nebel dem Schulhofe zu... Ist nicht durch diese hohle Gasse, zwischen j den zwei grauen Brandmauern, der Rabbi v jo n B ach rach geeilt,' vom Grauen gejagt, in weiten Mantel gehüllt, da die schwarzen Männer die Kindesleiche unter seinen Sedertisch geworfen? Fest umklammert hält er? den Arm seines Weibes und zieht/ es nach sich. „Mache die Augen zu, schöne Sara!" . . Und I a e k e l N a r r, und der Nasenstern, und Hündchen Reiß und die S ch n a p p e r e l l, und wie sie sonst alle hießen ... Das war in Frankfurt? Ob Frankfurt, Mainz oder Worms, das Gesicht des Ghetto war überall gleich. Da gehe ich schon durch das R a s ch i t o r. Durch zwei Pforten wälzt sich reger Stadtverkehr. Hier ist die „eingedrückte Mauer", die ein jüdisches Weib mit einem Kinde unter dem Herzen aufnahm, als. ihm m der Enge von einer Fuhre der Tod des Erdrückens drohte. War es die Mutter Raschis (die nie Worms gesehen hat), oder die des Rabbi Jehüda Hachassid, der wirklich in dieser Stadt zur Welt kam? Das Symbol bleibt!. Wie oft wurde hier und in den anderen alten Gassen Mutter Zion von Gewalt und Roheit in die Enge getrieben, an die Wand gedrückt. Die blühende Frucht unter dem Herzen war bedroht. Aber es tat sich die rettende Nische in. der Mauer auf, und die Frucht blühte weiter, indes, draußen ein falsches Licht nach dem andern erlosch und rohe Kräfte brachen und verfielen. Dieses ganze Ghetto, es ist eine Nische, in der bedrohte jüdische Zukunft Rettung und Bergung fand ... Durch die Andreasgasse am Dome vorbei gelangen wir in das heiligst^Reich der Vergangenheit. Es ist hier im Winter, wo die Bäume weniger üppig und das Laub dürr und durchsichtig ist, leichter sich auszukennen. Hier das Massengrab der Märtyrer aus dem Schreckensjahre 4856, von denen das Klagelied von W i rm a i s o in unseren Kinoth spricht. Nicht weit davon das Grabmal des Rabbi Meier von Rothenburg, und etwas von ihm abstehend das des Rabbi Süßkind Wimpfen aus Frankfurt, der sein, ganzes großes Vermögen hergegeben hatte, um die heiligen Ueberreste des Gefangenen aus der Festung zu retten und in der heiligen Erde zu bestatten. Gar nicht weit davon ruht Rabbi Jacob Möllen, der „ Ma h a r i l ". Wie ein Singen und Klingen geht aus diesem Grabe, Melodien mit und ohne Worte, die Generationen in Gotteslob verbinden! ... Und andere, und wieder andere, jedes Grab ein Kapitel jüdischer Geschichte, ein Zeuge jüdischer Glanz- und Leidenszeit zugleich. Gesegnet die zwei versäumten Minuten, daß ich euch, heilige Gräber, heute Morgen noch einmal grüßen darf! ... Zurück an der alten Synagoge vorbei. Für den S t e i n st u h l in der Kapelle, auf dem Raschi gemessen und gelehrt, reicht es nicht mehr. Die „zwei Minuten", die mich zwei Stunden gekostet, oder richtiger mir eingebracht, dürfen sich nicht wiederholen. In den alten Gassen, durch die der Geist der jüdischen Geschichte sichtbarlich wandest, sah ich k!aum ein jüdisches Gesicht, auch in den neuen nicht. Es ist Montag Morgen, Geschäftszeit, und die i Nachkommen der Ghettobewohner sitzen in den Büros oder hinter Ladentheken oder sind auf Reisen. Am Bahnhof sehe ich deren einen ganzen Trupp. Viehhändler oder Fruchthändler aus Osthofen, Gau-Odernheim, Hillesheim, Heßloch, oder wie sonst die Dörfer und Flecken am linken Rheinufer heißen. Sie kommen zur Fruchtbörse oder fahren zum Viehmarkte. Ich kenne den Typ. Zumeist wetterfeste Gestalten mit guten, treuen jüdischen Gesichtern, ländlich, aber gut ungezogen,. Der alte Viehhändler im blauen Kittel mit dem Knotenstock in der Hand ist ausgestorben, Jüngere haben den Schnurbart gut gedreht und tragen graue Regenmäntel weltmännisch auf dem Arm. Alle grüßen, obwohl mich keiner kennt, grüßen in mir den Juden, den Bruder. , Im Vahnwagen komme ich mit einigen ins Gespräch. -Wackere brave Männer und mißmutig. Das Leben auf dem Lande ist heute schwer. Der Viehhandel, und nicht minder der Fruchthandel, liegen im Argen. Wenn der Bauer nichts hat,! hat auch der Jude nichts. Wehe aber, Wenn sich letzterer ftön' eigener Illüt dazu' treiben läßt, den verschuldeten Bauer etwas hart anzupacken ... Es sind ohnehin Männer am Werke, dem Bauer klar zu machen, daß an allem der Jude schuld sei . . . Die Jüdischkeit auf dem Lande?