Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 16 Der Israelit Gewitterwolken im Osten. Wenn, der spätere Chronist daran gehen wird, das traurige Kapitel des Wilnaer Rabbiner st r e i t e s dokumentarisch darzustellen und zu beleuchten, so wird er an zwei wichtigen Urkunden nicht achtlos vorübergehen können, die wir hier gleich im Wortlaute bringen, damit sich auch die gegenwärtige Generation ein Urteil bilden kann. I. „Oeffentliche Kundgebung an den Kehilarat. Ein Unrecht ohnegleichen beging die Gemeindeverwaltung gegen das Rabbinerkomitee, indeni sie ihm einen Vorgesetzten aufdrängte gegen die Gesetze der Thora und die Statuten der Gemeinde. Unberücksichtigt ließ der Kehilarat, daß, — abgesehen vom Verstoße gegen das Thoragesetz—, er in seiner Unoersöhnlichkeit die Existenz der Rabbiner untergraben hat, die viele Jahrzehnte im Dienste der Gemeinde gestanden haben. Unberücksichtigt ließ der Kehilarat, baß er damit» statt die Autorität des alten Rabbinates, in dem wahre Kapazitäten der Thora und Führer der Nation sich befinden. zu heben, diese und damit die Ehre der Thora mit Füßen getreten. Darum wenden wir uns an euch nicht allein mit einem Proteste, sondern auch mit der öffentlichen Bekanntgabe, daß wir auf unsere Ehre nicht verzichten, und noch viel weniger aus die der Thora. Wir tun euch kund und zu wissen, daß euch jede weitere Handlung in dieser Sache verboten sei, bis vor dem Forum eines B e s - D i n, das eigens dafür zu wählen ist, klare Entscheidung getroffen ist. Diese Warnung ergeht sowohl an den Kehilarat wie an den von ihm gewählten Rabbiner. Das Rabbiner-Komitee in Wilna." II. „An das Rabbiner-Komitee in Wilna. Die jüdische Kehila in Wilna protestiert aus das schärfste gegen das unerhörte beleidigende Vorgehen des Rabbiner-Komitees gegen die jüdische Kehila und den von ihr gewählten Rabbiner und teilt mit, daß aus den „frechen Brief" (wörtlich im Terte „Chuzpodiken Brief"), welcher auch keine einzige Unterschrift trägt, die Kehila jetzt und auch später nicht antworten wird, da sie darin lediglich Intrigen Einzelner sieht. Die Kehila drückt gleichzeitig ihre Verachtung aus gegenüber der unerhörten Lüge, als hätte sie die materielle Existenz der anderen Rabbiner in Wilna untergraben. Die moralische und materielle Lage der Rabbiner zu sichern, sei der Gemeinde überlassen, je nach Verdienst und Stellung der Rabbiner, sobald die Frage auf die Tagesordnung gestellt wird. Der Rat der Verwaltung der Jüdischen Kehila in Wilna." Diese beiden Dokumente, gegenübergestellt, ergeben ein klares Bild der ungeheuerlichen Dinge, die jetzt in Wilna vorgeheni und ganz gewiß keine ausschließlich Wilnaer Angelegenheit ausmachen. Daß sie bereits Schule machen in Bialistock, Lemberg und anderswo, kann kaum noch wundernehmen. Zunächst aber Wilna! Welche von beiden Parteien hat hier mit dem Friedensbruch begonnen? Der Briefwechsel gibt klare Antwort. Man bedenke: Seit 150 Jahren herrscht in Wilna der in den Gemeindeakten und Memorbüchern' festgelegte Brauch, keinen religiösen Führer, und sei er noch so hervorragend, mit dem Titel „Rabbiner" oder „Oberrabbiner" zu schmücken. Die Rabbinatsgeschäfte und die religiösen Angelegenheiten der großen Gemeinde werden von einem Rabbinat besorgt, in dem Männer von der Geistesart eines Rabbi Chajim Oser, eines Krakowsky u. v. m. sitzen. Da kommt plötzlich eine kleine zur Macht gelangte zionistische Oberschicht, die sich an Brauch und Tradition, auch an Thoragesetz nicht gebunden fühlt, und setzt es, in Ausnutzung einer guten politischen! Konjunktur, bei der Regierung durch daß ein aus sozialem Gebiete verdienter Mann, der aber unter ernst zu nehmenden Rabbinern von Rang und Ruf nie seinen Platz gesucht hatte, von A m t s w e g e n zum O b e r r a b b i n e r von Wilna und zum Oberhaupt des greise, weltberühmte Lehrer umfassenden Wilnaer Rabbinates ausgerufen wird. Man erkühnt sich, im Namen der Wilnaer Gemeinde zu sprechen, obwohl man recht gut weiß, daß durch die breiten Schichten der Wilnaer urtfr nicht allein der Wilnaer Bevölkerung, ja, durch ganz Litauen und Polen eine tiefe Erschütterung ob dieses unerhörten Attentats geht und die Welle der Erregung auch im westlichen Auslande wie in Amerika ein starkes Echo hervorgerufen hat. Man operiert bei der Regierung in Warschau mit dem „Willen der Gemeinde", indem man ihr eine falsche Volksstimmung vortäuscht, der Bevölkerung gegenüber kämmt man aber mit dem „Willen der Regierung", an dem nichts zu ändern sei. Und mitten in diesem Doppelspiele, gewissermaßen als Zwischenspiel, zerrt man die alten Rabbiner in den Staub und kommt all denen, die wagen, öffentlich ihr Wort gegen eine solche Vergewaltigung zu erheben, mit dem Büttel. Die orthodoxe Zeitung, „Das Wort", wurde auf Betreiben der Wigodski-Partei beschlagnahmt, der Redakteur des Blattes der Staatsanwaltschaft angezeigt. Mit Gewalt und Denunziation begründet man die Autorität des neuen, aus der Selbstherrlichkeit der. kleinen zionistisch-liberalen Oberschicht BiOXULTDA Die 3tarkxh&Lm*nd9 Sauontoff-Z&hnp&sfm wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 80 Pf BIOX-MtlliDWASSER Flasche 1.— und 2.— Mt. Gegen lockere Zähne. P rob e-Flasche gratis. Max Elb A. G., Dresden hervorgegangenen „Oberrabbiners". Das kann keinen guten Ausgang nehmen. Die alten Rabbiner, in ihrer Autorität und Existenz-bedroht, in Angst und Sorge um die Zukunft 'ihrer Gemeinde, vom Grauen gepackt über einen Schulsall, der den Anfang vom E 'n> d e u n d d e n g e i st i g e n R u i n f ü r d a s ö st l i ch e Judentum bedeuten kann, verlangen, wie es ihr Recht ist, die Zusammensetzung eines unparteiischen Bes- Din, das hier Recht zu sprechen hätte. Dieses Anerbieten der alten Rabbiner, sich einem Rechtsspruch zu unterwerfen, wo sie doch — z. T. anerkannte übir — selber befugt wären und dazu bestellt sind. Recht zu sprechen, mußte als ein ergreifendes Zeichen von echt jüdischer Demut und Friedensliebe wirken. Die Kehilaverwaltung reagiert auf die dargebotene Hand mit einer Beleidigung und Beschimpfung, wie sie in solchem Maße und. in solcher Form einzig dastehen dürfte in der Geschichte jüdischer Gemeinden. Der Treubruch ging vom Kehilarate aus, und e r war es auch, der kurzerhand das Tischtuch zerschnitt, da von der andern Seite ein Weg zu einem Rechtsfrieden gezeigt wurde. Die S ch u l d von Wilna wird historisch bleiben. In B i a l i st o ck spielen sich ganz ähnliche Dinge ab. Der dortige „Oberrabbiner" heißt Dr. R a u s m a n n. Die Orthodoxie will ein RabbinischesKollegium, wird aber, da man nicht wie in Wilna an eine Tradition gebunden ist, auch den Rabbiner öder „Oberrabbiner" hinnehmen, vorausgesetzt, daß er diesen Namen und ihr Vertrauen verdient. Die örtliche Macht ist aber, wie in Wilna, auf Seiten derer, die sich nicht damit begnügen, das „Kronrabbinat" wieder auferstehen zu lassen, sondern diese „Krone" der Kultuskuriosa aus der alten zaristischen Welt noch obendrein mit der Autorität der min *in> auszustatten suchen. Daß sich nun auch in Lemberg die Tempelprediger regen, ist nur eine natürliche Konsequenz der Vorgänge im litauischen Polen, srm n»^ Was bleibt nun den Gesetzestreuen in Wilna, die nach vielen Zehntausenden zählen, zu tun übrig? In der Wilnaer orthodoxen Zeitung, „Das Wort", wird die Frage des Austritts und der Bildung von gesetzestreuen Sondergemeinden ventiliert. JnL e m - b erg erklärte der Vertreter der Aguda im Kehilarate, der Gemeindepräses, geradeheraus, daß die Einräumung rabbinischer Rechte an die Tempelprediger den Grundstein zur separaten orthodoxen Gemeinde legen würde. Das wird nach dem neuen Gesetz nicht so leicht und einfach sein, und die Juristen -■man nuv nitsan Von Rabbiner Dr. Laah in hindenburg O.S. Die Wahl der Hafto a am naff giebt in den Gemeinden vielfach zu Meinungsverschiedenheiten Anlaß, da die Angaben sowohl in den Kalendern als auch in den Chumofchim von einander abweichen. Während nach den einen in jedem Falle die Haflora naisn gesagt wird, wird in anderen bemerkt, daß diese Haflora nur dann zu sagen ist. wenn "man raw ans nos nsr füllt, sonst aber die zur Stdra gehörende. 9lach der Meinung des Wilnaer Gaon ist es, wie aus manchen Chumofchim ersichtlich ist. sogar umgekehrt: Im allgemeinen wird naitfi gesagt, dagegen am nos aiv die Haftora zur Sidra. Bei dieser Verschiedenheit der Angaben ist es kein Wunder, wenn sich in vielen Gemeinden kein einheitlicher Minhag gebildet hat. Für die Wahl der Haftora war im allgemeinen nach dem Talmud Megilla 29 b der Grundsatz ri'b maßgebend, d. h. daß eine Aehnlichkett zwischen dem Inhalt der Sidra beziehnngsweisedes betreffenden Fest- oder Gedenktages und dem des Prophetenabschnittes besteht. Diese Aehnlichkeit liegt oft nur in einem einzelnen Worte oder in einem durch haggadische Auslegung gewonnenen Sinne. Und so dürfte vielleicht für den Brauch, daß man am Vmn naip nur dann naisn sagt, wenn nos aitt ist, bestimmend gewesen sei, daß in dem ersten Wort naisn eine haggadische Beziehung zu aisr gesunden wurde und daß Vers 10 >>i ^3 isr in dem Worte »1, das einen Zahlenwert von 14 hat, ein Hinweis auf den 14. Nissan geseben wurde. Aber wie dem auch sein mag, die Beziehungen zwischen dem Inhalt der Haftora naisn und dem des bnin naip sind, wie z. B. in v'i.112.1 '»pv iss und noch eingehender in den lichtvollen nma rnatwi onias dargelegt ist. so bedeutsame und wichtige, daß es sich empfehlen dürste, in denjenigen Gemeinden, in denen sich kein fester Minhag gebildet hat oder in denen die Tradition schwankend geworden ist, grundsätzlich in jeoem Falle naisn zu wählen, wo man hierdurch der Sache am beiten gerecht wird und so die Meinungsverschiedenheit eine befriedigende Lösung finden dürfte. Wo stch dagegen, ein fester Brauch eingebürgert hat, soll es nach dem Grundsatz nun Vtnizn 1,112 bei dem bisherigen Brauch bleiben. Beiträge zur Hagada-Ertlärung. Don Willy Wolf, Köln. „Nicht durch einen Seraph, Nicht durch einen Engel, Nicht durch einen Boten." In anschaulicher Form kommt die ausschließliche Göttlichkeit des Auszugs aus Aegypten zur Darstellung, indem die vornehmlichen Vertreter der vernunftbegabten Wesen aus Himmel und Erde vor unsere Seele treten und jede Möglichkeit ihrer Mithilfe am großen Rettungswerke entschieden verneint wird. .Ist doch tpe> hier, wie wir glauben, ein Engel, der das Himmelsreich nimmer verläßt; irr!-» ein Engel, der gleichfalls den Regionen des Himmels angehört, indes gelegentlich im Aufträge Gottes aus Erden erscheint und schließlich n'l-v ein Bote, als welcher auch der Mensch zu gelten vermag. Ist unsere Auffassung zutreffend, so besagt unsere Stelle: „Ich werde durch das Land Aegypten einherziehen" — und wenn ich auch zeitweilig einen Engel zur Erde entsende, so doch: „Ich, und kern Engel".- Durchs Land Aegypten werde ich selbst hindurchschreiten! — „Und ich werde jeden Erstgeborenen erschlagen" — ein übernatürliches Eingreifen in die Gänge der Natur und der Wenschenwelt. — Und wenn ich mich auch eines Seraph zu bedienen vermöchte, um vom Himmel herab dieses übernatürliche Werk zu vollbringen' —. jo koch: „Ich und kein Seraph"; die Erstgeborenen werde ich selbst erschlagen. — „Und an allen Göttern Aegyptens werde ich Sttafgerichte vollziehen" — Götter gibt es ln Wahrheit nicht, sie leben in der verblendeten Vorstellung der Menschen und sind an sich so machtlos, daß es keiner außerirdischen Kraft bedarf, beispielsweise das Holz, das Metall und den Stein, aus welchen sie gefertigt sind, zu vernichten. Ich könnte daher mit ihrer Zerstörung den staubgeborenen Menschen betrauen, jedoch: .„Ich. und kein Bote"; an den Göttern Aegyptens werde ich selbst das Strafgericht vollstrecken! — Unserer Auffassung, daß der tptf das Gebiet des Himmels nicht überschreitet, steht die Stelle Jesaias 6, 6, wie wir glauben, nicht entgegen. Dort spricht zwar Jesaias: „Da flog zu mir einer der (zuvorgenannten) Seraphim". Indes weilt der Prophet, wenn er auch körperlich auf Erden bleibt, im Zustande des prophetischen Schauens mit seinem Meiste im Himmel, sodaß der Engel eigentlich nur himmlische Dimensionen durchflog, um zupi ProphMn zü gelangen. Dazu kommt im besonders, daß der irdische