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Der Israelit · 1929-04-11 · Heft 15 (11.4.1929) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 15 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Gemeindeversammlung der Synagogengemeirche »Israelit. Religionsgesellschaft". Die ordentliche Gemeindeversammlung fand am Sonntag den 7. April nachmittags 3A Uhr, in der Aula der Realschule statt. Es waren etwa 400 Gemeindemitglieder anwesend. Nach kurzen Eröffnungsworten des Vorsitzenden, Herrn Nastali Schwabacher, verlas der Gemeindesekretär, Herr Bergmann, den Geschäftsbericht, dessen auszugsweise Veröffentlichung Vorbehalten bleibt. Der Bericht sagt hinsichtlich der noch ungelösten Rabbinerfrage, daß der Vorstand unablässig bemüht gewesen sei, zunächst eine Persönlichkeit ausfindig zu machen, die nicht nur der großen Mehrheit, sondern womöglich allen Gruppen der Gemeinde genehm sei, damit die Vorbedingung aller Weiterentwicklung, der innere Friede, gesichert werden könne. Erfreulich sei, daß man in der Person des Herrn Direktor Dr. Elias einen Pädagogen ersten Ranges für die Leitung der Samson Raphael Hirsch-Schule gewonnen habe. Ausführlich verweilt der Bericht bei den Finanzproblemen, die von drückender Schwere seien. Das Defizit des Jahres 1928 beträgt Mk. 72.000 bei einem Budget von etwa Mk. 700.000. Alan hofft zu einer Gesundung mit Hilfe des jetzt gesicherten Steuerrechtes zu gelangen, sobald die auf Grund des Gesetzes ausgearbeitete Steuerordnung genehmigt sei. Die Einsicht in die von den Finanzämtern gelieferten Unterlagen bewiesen jedenfalls, daß trotz Ith? Mißverhältnisses zwischen Mitgliederzahl und Umfang der Gemeindeinstitutionen diese erhalten und weitergefördert werden können, sobald die Mitglieder gewillt sind, auch nur die gleichen Opfer zu bringen, die jede Mittelgemeinde in der Provinz von ihren Angehörigen verlangt. Der Bericht geht die Wirksamkeit der einzelnen Gemekndeinstitutionen für Tauroh, Awaudo ' und Gemilus Chasodim durch und betont, daß die Gemeinde bloß für Erziehungsinstitutionen nahezu eine Viertelmillion Mark. ausgibt. Eine besonders starke innere und äußere Entwicklung weisen I e s ch i w o und Volksschule auf. Erstere wird , von Zeit zu Zeit von über 80 ordentlichen Hörern besucht, wozu die Aeschiwoketano mit 120 Schülern tritt, die Volksschule von ungefähr 720 Kindern. Der Bericht gedenkt des erfolgreichen Verlaufes des' Schuljubiläums und erwähnt im Zusammenhang damit die Stiftung neuer Freiplätze sowie die Wiederaufsüllung eines Teiles der durch die Inflation vernichteten Freiplatzstiftungen. Dankbar gedenkt der Bericht der in den Ruhestand tretenden verdienten Schulmänner Dir. Dr. Fink und Prof. Dr. E a r o. Den Schluß bildet eine lange Reihe von Nachrufen für die im Berichtsjahre dahingegangenen Männer und Frauen, die sich an führender Stelle des Gemeindelebens betätigt haben und zu deren Ehrung sich die Anwesenden von ihren Sitzen erheben. In der hierauf einsetzenden Diskussion ergreift zu eurer längeren Rede Herr Zahnarzt Hugo R.o s e n b a u m das Wort. Von der ungünstigen Finanzlage ausgehend, macht er für diese das Verhalten und die Taktik führender Männer der Gemeindeverwaltung verantwortlich. Dte einmütige Begeisterung, von der die' Gemeinde in früheren Jahrzehnten erfüllt gewesenfei, existiere infolge des Ver-> fchuldens dieser Führer nicht mehr. Seit 15 Jahren habe man in der Gemeinde kein entschiedenes Wort mehr für den Austrittsgedanken gehört, es sei denn, daß der Heimgegangene Raw V'xr einmal ein paar Worte gesprochen habe, was dem Vorstand auch noch unangenehm gewesen sei. Der Vorstand habe es auch versäumt, durch Gründung von synagogalen Veranstaltungen im Westen der Stadt weitere Kreise der Gemeinde zu gewinnen. Alles einzelne aber, was gewisse Führer der Gemeinde verschuldet hätten, seien nur Symptome für die Grundkrankheit der Gemeinde. Diese bestehe in der Hinwendung zum K'lall Jisroel-Gedanken, wie sie von jenen Führern unter Opferung der Gemeindeinteressen propagiert würde. Diese Betonung des Klall- Gedankens müsse erfolglos bleiben und richte um eines Traumes willen nur Schaden an. Herr Dr. N. E. Weil 1 verliest namens der Mehrheit des Gemeinderates die nachfolgende Erklärung: „Die Majorität des Gerneinderats vermißt in dem Bericht des Vorstandes die Mitteilung über einen wichtigen Schritt der Verwaltung, welcher schon jetzt die Erledigung der Rabbinerfrage wesentlich, beeinflußt. Der Vorstand hat gestern Abend — am Vorabend einer Gemeindeversammlung, in der ein Viertel der Mitglieder dieses Gremiums neu zu wählen ist — beschlossen, der Wahl des Herrn Dr. Joseph Breuer zum Rasch Jeschiwah seine Zustimmung zu geben. Der Gemeinde rat, der erst in letzter Stunde von dem beabsichtigten Schritt des Vorstandes Kenntnis erhielt, Hai m seiner Majorität wegen der Unzweckmäßigkeit des Zeitpunktes dieses Schrittes im Zusammenhang mit der Wahl eines neuen Rabbiners sich in diesem.Augenblick trotz voller Würdigung des Herrn Rabbiner Dr. Joseph Breuer und seiner ausgesprochenen Eignung als Rösch Jefchiwah gegen diesen Schritt ausgesprochen.. Da der Vorstand trotzdem in unverständlicher Eile, ohne Rücksicht auf die heutigen Neuwahlen, den Beschluß des Gemeinderats' ignoriert hat, sieht sich die Majorität des Gememderats veranlaßt, vor der Gemeinde zu erklären, daß sie das Vorgehen des Vorstandes nicht decken kann und jede Verantwortung hierfür ablehnt. Ich bin von meinen Freunden beauftragt zu der Er-- klärung, daß wir es außerordentlich bedauern würden, wenn Sie an diese Resolution irgendwelche Diskufsion anknüpfen würden. Wir geben der Gemeinde ' hiervon "..:r Kenntnis, weil wir diese Information Äs erforderlich erachten." v ' Namens seiner Freunde gibt Herr Nathaniel Bier die nachfolgende Erklärung ab:' „Ramels meiner Freunde, die am 3. September vergangenen üahres ihre Stimme entsprechend dem Willen unseres heim gegangenen Raws abgegeben haben, habe ich folgend, s zu erklären: Aus dem Vorstand scheiden gegenwärtig zwei Herren aus, die wir ganz zu den Unseren zählen durften. In weiser Erkenntnis, daß es oberste Pflicht aller um den Frieden unserer Gemeinde wahrhaft Besorgten sein muß, den Riß, der unsere Gemeinde leider.gegenwärtig noch spaltet, allmählich zu schließen, hat der inoffizielle Wahlausschuß, der alljährlich in einem gewissen Einvers nehmen mit dem Vorstand sich um die Wahl bemüht, den( Mitgliedern unserer Gemeinde zur Wahl in den Vorstand wenigstens einen Herren empfohlen, der sich zu unserem Kreise zählt. Wir betonen, daß nicht wir. sondern der Wahlausschuß, deni wir durchaus fern stehen, diesen Vorschlag gemacht hat. Wir selbst haben uns, um den Frieden nicht zu stören, jeder Wahlpropaganda enthalten. Zu unserer schmerzlichen lieber raschung hat aber das aus den vergangenen Rabbinerwahlkämpfen bekannte sogenannte Aktionskomitee, das offensichtlich nochimmer besteht, den Gem-emdemitgliedern ein Zirkular Angehen lasten, das sich als unmittelbare Fortsetzung der noch in Aller Erinnerung stehenden Rabbinerwahlzirkulare darstellt-, und das im Gegensatz zu dem im Einvernehmen mit dem Vorstand erfolgten Wahlvorschlag des Wahlausschusses die Gemeindemitglieder auffordert, - in den Vorstand und in den Gemeinderat lediglich solche Persönlichkeiten zu wählen, die zu den Siegern des 2. September gehören. Wir erblicken in diesem Vorgehen den Willensentschluß, uns in Zukunft brutal zu majörisieren. Wir werden hieraus alle sich ergebenden Konsequenzen zu ziehen wissen. Die Verantwortung trifft lediglich die Kreise des Aktionskomitees, die offenbar für unsere bisher seit dem 2. September bewiesene Friedensliebe kein Verständnis hatten oder diese Friedensliebe als Schwäche mißdeuteten. Wir überlasten es unseren Gegnern vom 2. September, dem Aktionskomitee zu folgen oder ihm die Gefolgschaft zu versagen. Verwirklicht sich der Wahlvorschlag des Aktionskomitees, so haben unsere Freunde, die kein Amboß einer siegesiollen Majorität zu fein wünschen, in der ®e=* meindeverwaltung voraussichtlich nichts mehr zu suchen. Die Entscheidung liegt nunmehr bei unseren Gegnern vom 2. September." Die beiden Erklärungen bilden den Auftakt zu einer langen Debatte über die Frage der Leitung der Jes ch r w o und über die bevorstehende E r g ä n z u n g s - mahl zum Sorfton d. Zu der erfteren Frage sprechen. aus der Mitte des Gemeinderates die Herren Dr. E h r m a n n und Leopold Oppenheimer, vom Vorstand Herr Nathan Sondheimer. Dr. Ehrmann erklärt, daß die von der Mehrheit verlesene Erklärung dem Plenum des Gemeinderatesl unbekannt geblieben sei. Er zollt dem Entschlüsse des Vorstandes Beifall, der nur das Selbstverständliche getan habe, indem er einen von Vorstand und Gemeinderat einstimmig als qualifiziert erachteten Mann, wie Herrn Dr. Josef Breuer, nachdem er 7 Lahre der faktische Leiter der Jeschiwo gewesen sei, nun auch juridisch ohne Rücksicht auf die noch in weitem Felde stehende Losung der Rabbinerfrage zum Rosch Jeschiwo gemacht har. Herr Leopold Oppenheimer dagegen verurteilt das Vorgehen des Vorstandes, der Gerneinderat und Gefamtgememde dadurch brüskiert habe, daß er einige Stunden vor einer Wahl, die eine Veränderung der Vorstandsmehrheit zur Folge haben könne, schwerwiegende Beschlüsse fasse und ausführe. Es wäre Herrn Dr. Breuer damit nicht zu nahe getreten gewef-en, wenn man feine Ernennung noch um ein halbes Jahr vertagt hätte, um dann womöglich die Jefchiwofrage zusammen mit der Rabbinatsfrage zu lösen. Es fei zu befürchten, daß geeignete Kandidaten nicht nach Frankfurt komnren würden, wenn ihnen der Weg zur Jefchiwo versperrt sei. Herr Nathan Sondhe i in e r erklärt namens des Vorstandes, daß es .dieser ablehnen müsse, eine von vielfachen Imponderabilien abhängige Personalfrage im Plenum der Gemeindeversammlung zu erörtern. Er bedaure den Schritt der Gemeinderatsmehrheit, die besser getan hätte, Meinungsverschiedenheiten zwischen Vorstand und Gemeinderat im gemeinsamen Beratungszimmer auszutragen, statt sie in die Oeffentlichkeit der Gemeindeversammlung hineinzuwerfen. Von Vertretern des Aktionskomitees wird öer Gegenseite vorgeworfen, daß sie es abgelehnt habe, einen vom Aktionskomitee angeregten gemeinsamen Wahlvorschlag für den Vorstand, der neben der Wiederwahl eines frei* den Teilen genehmen Vertreters, füMede Partei ein en Kandidaten enthalten Habs, gemeinsam zu unterzeichnen.-. Von der Gegenseite wird erwidert, daß man durchaus den Frieden wolle und darum jede Wahlagitation unterlassen habe. Man könne aber nicht die unterschriftliche Billigun eines Kompromißvorfchlages verlangen, die anstelle zweier ausscheidender Vertreter der eigenen Partei nur eine n setze und einen der Gegenpartei zubillige. Herr Ehajinr Eis en be rg. führt Beschwerde über das Verhalten der Aemeindeverwaltung gegenüber den ostjüdischsn Gemeindemitgliedern. Man denke noch .immer nicht daran, den Oftjuden eine genügende Vertretung in den Berwaltungskörperfchaften zuzubilligen. Das müsse anders werden. Vorn Vorstände spricht Herr Jacob R o f e n h e t m zu den Ausführungen des 'ersten Diskussionsredners, Herrn Zahnarzt Rosenbaum. Cr könne nur nach der sachlichen Seite Stellung nehmen, während er es grundsätzlich ablehnen müsse, auf die gegen ihn gerichteten persönlichen Angriffe ein zu gehen. Nach den durch eine geschichtliche Notwendigkeit bedingten. schweren Kämpfen um den Rabbinatsfitz, müsse er die Tatsache, daß feine Person Gegenstand heftiger Abneigung und Gegnerschaft von Seiten gewisser Teile der Gemeinde sei, als unvermeidlich hmnehmen. Er habe sich in diesen Kämpfen .lediglich von seinenr Gewissen leiten lassen und das Gleiche tue -er, wenn er heute dazu mahne, die Streitaxt zu begraben und im Lebensintereste der Gemeinde zufammenzuarbeiten. Nur solle Herr Rosenbaum sich nicht einr-eden, daß die Wahrheit allein auf seiner Seite fei. Man könne eben sehr verschiedener Meinung darüber sein, ob die Methode, die Herr Rosenbaum und seine Freunde zrir Vertretung des Sclibständigkeitsgedankens anwenden, die richtige fei oder die falsche. — Die Errichtung eines Stützpunktes im Westen hat die Gemeindekörperschaften wiederholt beschäftigt; die Ausführung derartiger Pläne ist aber immer an finanziellen Momenten gescheitert. Bei der Beurteilung der Finanzlage läßt sich natürlich nicht verkennen, daß moralische Momente eine große Rolle spielen; aber entscheidend sind sie im letzten Grunde für die Gestaltung des Budgets nicht gewesen.. Hier spielen vielmehr in erster Reihe wirtschaftliche Entwicklungen eine Rolle, die gerade die Kreise unserer Gemeinde am härtesten getroffen haben. Den ostjüdischen Gemeindemitgliedern könne er nur den Rat geben, sich

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