Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1929)
- Date
- 1929-04-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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örüage m Die Einweihung des Tempels. Novelle von Binjamin Segel. (Schluß.) Er wußte nicht, was es war, das ihn von dieser Welt schied, aber sie war so ganz und gar anders. War das das Neue, Große, war das die Verjüngung? . . . Während er sann, traten von zwei entgegengesetzten Seiten zwei Männer an die Bühne heran, sie waren in weite, wallende schwarzseidene Talare gehüllt, und trugen eine seltsam geformte Kopfbedeckung, beinahe wie die christlichen Geistlichen. Langsam und feierlich stiegen sie die Stufen hinan und traten an den Altar, verbeugten sich vor dem Vorhang und gingen dann jeder aus seinen Platz. Alsbald trat ein dritter Mann auf, stieg langsam und feierlich die Stufen zur Bühne hinan, trat vor den Altar, verbeugte sich, richtete sich wieder auf und stimmte einen Gesang an. Der alte Rabbi horchte hin. Gesang war seine besondere Leidenschaft, und in jüngeren Jahren war er selber ein großer Sänger vor dem Herrn gewesen. Er horchte, ganz Ohr, aber er verstand kein Wort. Auch die Melodie in ihrer feierlichen Getragenheit klang ihm so fremd, ließ keine Saite in seiner Seele Mitschwingen, als hätte er nie etwas Aehnliches gehört. Und ringsum saß alles reglos da, ein Ausdruck verhaltener Neugierde lag auf den Gesichtern, lautlos hörten sie dem immer mehr sich entfaltenden Gesang zu, teilnahmslose Zuschauer, die abwarteten, was sich vor ihnen abspielen würde . . . War das das Neue und Große, war das die Verjüngung? . . . Dieser wohlabgetönte Gesang schien auf-die Menge gar keine Wirkung zu üben, er erwärmte sie nicht, riß sie nicht hin. Kein Jubelruf entrang sich ihrer Brust, aus -den Reihen kam kein Aufschrei, in welchem die Seelen Zusammenschmelzen und sich emporschwingen. Erstarrt in ihrer Wohlerzogenheit, saßen sie da und blickten mit höflicher Neugierde auf den Mann am-Altar, der wie eine Statue dastand und aus dessen Kehle die herrlichsten Töne emporquollen. Jetzt zuckte der Alte zusammen. Ein Knabenchor erscholl: weiche, klare Kinderstimmen schwebten wie ein silberheller Regen irgendwo aus unsichtbarer Höhe nieder. Dem Alten war es, als wendete sich ihm das Herz im Leibe um. Es erfaßte ihn ein ungeheures Heimweh nach seinem kleinen, verfallenen Städtchen, das er Mit leiblichen Augen vor sich zu sehen glaubte . . . Freitag „Abend . .,. die Leute eilen aus dem Bad heimwärts, um sich für den Abend anzuziehen. Auf dem Platz vor der Synagoge stehen kleine, barfüßige Mädchen und streuein aus ihren Schürzen Körner und Brosamen den Tauben und freuen sich, wie die lieben Vögel aus ihrem Nest in dem hohen Dach des alten Gebäudes herbeifliegen. Im Innern flackern, die Lichter auf, und das Abendrot dringt durch die geöffneten Fenster, und in dem Laub der nahen Bäume raschelt leise der Wind. Müde und abgearbeitete Gestalten in fadenscheinigen Sabbatgewändern füllen nach und nach d'en Raum, jung und alt. Arme und Reiche mengen sich durcheinander, ein.heiteres Geplauder, und jeder setzt sich aus seinen- Platz. Der Gesang erschallt und entzündet einen Funken in ihren Seelen . . . Wo beten hier denn die Armen? ... Mt jetzt wurde es dem alten Rabbi klar, daß er sich da in einer völlig fremden Welt befand. Der Herrgott, der in diesem prächtigen Palast thronte, ließ seine Türe von. zwei Polizeidienern und einem Pförtner in' goldenen Tressen bewachen. Und um zu ihm zu gelangenmußte man ein Stück Papier vorweisen. Nicht Kinder traten hier in das Haus ihres Vaters, um ihm ihr Leid zu klagen, oder ihm für seine Wohltaten zu danken, sondern geschniegelte, wohlerzogene Herren und Damen statteten nach den Anforderungen der strengsten Etikette einem übelgelaunten, griesgrämigen fremden Herren einen pflichtgemäßen Besuch ab, und wer sich nicht in Acht nahm und etwas geräuschvoller auftrat, wurde von den livrierten Dienern des Hauses zur Ordnung gewiesen. War das der alte Gott Israels, der die gebrochenen und demütigen Herzen tröstet, zu dem die Demütigen und Schlichten kommen, zu dem man in der Seelennot schreit, zu dem man in, der Freude jauchzend aufjubelt? ... Der Alte ließ den Blick in die Runde schweifen, und jetzt erschienen ihm diese herrlichen. Säulen und Bogen und goldenen Leuchter und Purpurteppiche und Marmorbalustraden wie ein lebloser Hause von Steinen und Metallstücken, die Menschen ringsum wie eine Versammlung von seelenlosen Wachspuppen, herausgeputzt, um einer feierlichen und leeren Paradezeremonie teilnahmslos beizuwohnen. Er glaubte, einen eisigen Hauch zu verspüren, der von ihnen ausging und sich lähmend auf sein Herz legte. Doch konnte er nicht lange diesen Betrachtungen nachhängen, denn es krachte jetzt dort oben in der Höhe, wie das Grollen eines Donners, schien herabzufallen, in der Luft zu zittern und sich schwebend über die Köpfe der Versammlung auszubreiten, dann wieder in die Höhe zu entfliehen, um sich gleich darauf wie ein Purpurstrom in die Tiefe zu ergießen. Den Alten durchrieselte ein angstvoller Schauer .. Die Orgel! Die Orgel! . . . Sie sang oben bald mit tausend menschlichen Stimmen, bald klagte sie in schmelzenden Flötentönen, die in Vogeltrillern ausklingend verhallten. Und schon erbrauste es wieder, wie -ein Orkan, der aus dem Schlummer in tiefen Abgründen erwacht, über Berge und Wipfel dahinstürmt und dann in sanftem Säuseln erstirbt . Die Töne füllten den weiten Raum wie zahllose glimmernde Funken oder wie glitzernde Strahlenbänder . . . Welch ein Wunder! dachte der Alte und ließ sich eine Weile von den Wellen dieses Tonmeeres wiegen, die ihn umschlangen und einhüllten und seine Nerven liebkosten. Es schien ihm, als wäre irgendeine unreine Macht an ihn herangetreten und wollte seine Sinne betören und Gewalt über ihn gewinnen.' Er fühlte sich wie von einem Taumel umfangen, aber er sah deutlich, daß es nicht jener reine, aus dem Innern emporsprudelnde Rausch der Begeisterung sei, der die Seele emporträgt. Er kam von nutzen her, ein sinnlicher Kitzel, der die Menschen nieder^ zwang und betäubte. Etwas Fremdes und Mechanisches schob sich starr und leblos, wie eine dunkle, schimmernde Wolke zwischen den Menschen und seinen Gott . . . Der Alte raffte alle seine Kräfte zusammen, erhob sich, trat aus der Bank und wandte sich dem Ausgang zu, von seinen zehn Jüngern gefolgt, begleitet von den indignierten Blicken der Zuschauer, die über diese unerwartete Störung des Gottesdienstes entrüstet waren. * * * Draußen fing die Dämmerung schon an herabzusinken. Der Rabbi und seine Jünger schritten rasch über weite Plätze, durch breite Straßen, gewundene und schmale Gäßchen, bis sie sich weit draußen vor dem Tore befanden. Im Herzen des Alten tobte ein Sturm. Er empfand etwas wie gekränkte und enttäuschte Liebe und zugleich fühlte er sich mm all dem heidnischen und fremdartigen Prunk und dieser sinnlich berauschenden Musik wie befleckt und verunreinigt. Dann kam ihm der Tempel zu Jerusalem in den Sinn, mit seinen Priestern in goldschimmernven Gewändern, mit seinen glänzenden Hallen, seinen kostbaren, funkelnden Geräten, die Leviten' mit ihren Harfen, Zithern und Posaunen. Er wurde weicher, fast wehmütig gestimmt. Und mit unheimlicher Klarheit stand vor ihm das Wort der alten Weisen: „Als der Tempel zerstört wurde, fiel eine eiserne Wand, die zwischen Israel und seinem Vater im Himmel geschieden hatte". Sie * schritten immer weiter und weiter, bis sie sich weit außerhalb der Stadt befanden. Draußen war es schön und still. Mild und fruendlich lächelnd erlosch der Tag, wie ein Held, der nach getaner Arbeit, wenn die Stunde schlägt, heiter und friedlich sich zur Ruhe begibt. Der blaßblaue Himmel wölbte sich riesengroß wie ein unermeßliches Zelt, von waldbekrönten Bergen getragen, am westlichen Randvon flammenden Gluten eingesäumt. Ein tiefes Schweigen ringsum, nur in der Ferne rauschte der breite Strom und die Wälder flüsterten leise. „Spät, spät, Kinder," tief der Alte einmal nach dem andern. Der Sturm in ihm hatte sich völlig gelegt, er fühlte, wie die milde und weiche Sabbatstimmung in seine Seele einzog. „Spät, spät, Kinder!" Es war in der Tat schon Zeit, die Sabbatlieder anzustimmen. Kommt, wir wollen singen dem Ewigen, Jubeln dem Hort unserer Erlösung. Mit Lobhymnen wollen wir ihn grüßen, Unsre Lieder sollen ihm entgegenschallen. Denn ein großer Gott ist der Ewige Und der größte König über alle Mächtigen. Er hält in seiner Hand die Grundfesten der Erde Und die Zinnen der Berge, ihm gehören sie. Sein ist das Meer, - Denn er hat's geschaffen Und das Festland haben seine Hände gebildet. Denn er ist unser Gott ... Und wir sind das Volk seiner Weide, \ Und die Schätzern Von seiner Hand geleitet. Die Nacht sank herab. Königin Sabbat kam und breitete ihren strahlengewobenen, sternengestickten Mantel hoch oben über die Welt. Der Wind umspielte das Antlitz der Sänger und brachte ihnen den kräftigen Geruch der schlummernden Erde, vermischt mit dem Duft frischen Taues und sprießender, knospender Blumen, und sie fühlten den Odem Gottes, der durch die Welten wehte: Singet dem Ewigen ein neues Lied, Es singe dem Ewigen die ganze Erde. Sprechet unter den Völkern: Der Ewige ist König Und fest steht die Welt, Sie wanket nimmer Er richtet die Völker in Milde. Es freu'n sich die Himmel-. Es frohlockt die Erde, Es-erbraust das Meer und seine Fülle, Es jauchzen die Gefilde Und alles, das sie bewohnt. Es singen all die Bäume im Walde Vor dem Ewigen, Denp er kommt, er kommt, Zsi richten die Erde. Er richtet die Welt in Gerechtigkeit Und die*Völker in seiner Treue. So sangen, sie, und lange noch hallte ihr Gesang durch die tiefe Stille der wundervollen, blauen, duftigen, strählenden, heiligen Sabbatnacht. <