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Der Israelit · 1929-04-05 · Heft 14 (5.4.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 14 m Ser Israe! i t 5. Stpnl 1929 Menschen und Menschen. Am Freitag morgen las ich in lokalen- Blättern von einem interessanten „Stümper". Kam da ein Schisser aus Offenbach, der es scheinbar sehr eilig hatte. An der Konstabler Wache versetzte er einem alten und schwächlichen Mann mit den Worten: „Platz machen!" einen „Stümper", daß dieser hinfiel. Nach zwei Tagen machte man dem Alten Platz, — draußen auf dem Friedhofe, wo er keinem mehr im Wege stehen und -ihn keiner mehr umwerfen wird. Der Schiffer bekam vom Schöffengericht drei Monate Gefängnis. Nicht mehr. Denn der Wie mar nicht, wie es sich ordnungsmäßig gehört hätte, gleich auf dem Platze liegen geblieben, sondern er hatte ism sonderbaren Einfall, noch einmal aufzustehen und nach Hanse zu gehen. Die Kopfwunde war auch zu klein, um den . au-al nexus zwischen „Stümper" und Tod zweifelsfrei zn belegen. Zudem hätte nachgewiesenermaßen eine Dame dem Manne mit ihrem Taschentuche das Blut abgewischt. Es konnten auf diese Weise Bazillen in die Wunde gekommen sein. Wer weiß? . . . Am Ende hatte ihn nicht die Roheit, sondern gar die Barmherzigkeit getötet . . Der Schisser bekam drei Monate, mit Bewährungsfrist. Er wird sich bewähren. Beim nächsten „Stümper" steht das Opfer nicht mehr erst auf. Am Freitag abend werden in der Uhlandstraße drei von einem „Sochor" friedlich daherkommende Männer von einem Trupp junger Burschen überfallen. „Da sind ja die S . . judde!" Der eine wird an die Wand gedruckt und getreten, der andere erhält ein paar Faustschlüge ins Gesicht, der dritte wird mit einem Gummiknüppel blutig geschlagen. „Der liebe Gott ist hoch und Väterchen- Zar ist weit!" pflegten die Russenfrüher in solchen- Fällen zu sagen. Noch viel weiter scheint der Schutzmann von der nachtdunklen Uhlandstraße zu sein. Sie müssen ihn erst aus dem Revier suchen. Da stehen die Blutzeugen neuteutonische-n Heldentums vor dem Wachtmeister. Er ist zwar sehr müde, hört sie aber mit sichtlichem Interesse annimmt ein Protokoll auf und sägt, sie könnten gehen . . . , Am Sonntag morgen lese ich in der Straßenbahn eine Zeile in der „Frankfurter Zeitung" und einen ganzen Artikel in der „C..B>Zertung" über die neueste F r i e d h 0 f s s ch a n d u n g in ... ingen in Oberbayern, die e 4 nu nds ie b zig st e seit zwei Jahren. Ich kann den etwas länglichen Artikel in der „C. B- Zeitung" nicht zu Ende lesen, denn eine ältere, ärmliche Frau steigt mit einem halberblindeten Kinde ein und ich stehe aus, um ihr Platz za machen. Ich tue es, weil von den acht halbwüchsig-en Burschen und Mädels, die unter älteren Leuten in ihren Windjacken mit ihren Ruckfächen dasitzen, keiner eine Miene macht, es zu tun. In solchen Situationen ist es rötlich und heilsam, in seinen Erinnerungen herumzustöbern- und sich andere Erlebnisse zu vergegenwärtigen, um die Gewißheit zu erlangen, daß „Stümper", Gummiknüppel und rüpelhaftes Benehmen nicht unbedingt zu den Kriterien der menschlichen Gattung gehören. . Ein überfüllter D-Zug saust durch die Nacht. In -meinem Abteil ist die eine Seite von vier Männern -Und Frauen besetzt. Auf der andern Seite habe i ch den einen Eckplatz inne. Am Fen-stereck sitzt eine junge Frau, und die zwei Plätze -dazwischen füllt ein schlafendes Kind aus, auf Decken und Tüchern gut gebettet. Auf einer größeren Station steigt ein schlanker, ältlicher Herr mit schwerem Handgepäck -ein. Er sucht den ganzen Wagen ab und kommt dann in unser Abteil. Die Frau fährt etwas zusammen und schickt sich sofort an, das schlafende Kind an sich zu ziehen. Der fremde Herr wehrt ab. Da aber die Mutter dennoch Miene macht, das Kind wa-chzurütteln, wird der Mann ungehalten und stößt ein paar aufgeregte Worte in einer fremden Sprache hervor. Ins allgemein Menschliche übertragen hieß es wohl: „Für was halten Sie mich denx . für einen- Barbaren, der Kinder aus dem Schlafe reißt? Ich verbitte mir solche Einschätzung". Da stehe -ich auf, um dem Herrn- Platz zu machen, obwohl Frau und Kind mir so fremd sind wie dieser Mann. Aber er winkt wieder ab und begibt sich mit dem schweren Gepäck auf den Gang, steht am Fenster und raucht. Er hat auf einmal das starke Bedürfnis, zu rauchen, und im Abteil darf ja nicht geraucht werden . .. . So steht er bis gegen fünf Uhr morgens, da das Kind von selber aufwacht und sich zur Mutter hinübertastet. Da erst steckt der Herr draußen seine Zigarre ein, kommt ins Abteil und nimmt den leeren- Platz ein: dabei stellt sich heraus, daß er den Platz vorher mit Matzkarte belegt hatte. , Das Zügliein schleicht sich gemächlich auf Schmalspurgeleis, durch das wellige Gelände, hält alle paar. Minuten, setzt Reisende ab und nimmt -andere auf. Auf der kleinen Station' eines Bergdorfes steigen' sieben fange Burschen in den Wagen, alpipisch ausgerüstet, zwei mit Zupfgeige und Harmonika, die Gesichter rotbraun, strahlend und strotzend von Freude und Gesundheit. Ich denke an gewisse Beispi-el-e - in der lieben Heimat und erwarte I nichts Gutes. Sofort hebt ein Singen und Lachen im voll-gefüllten Wagen an. Da stößt einer die andernan,! flüstert was und weist auf mich hin. Soll heißen: „Da sitzt -in der Ecke ein älterer Herr.und arbeitet, wir wollen ihn nicht stören." Erst als ich das Notizbuch einstecke und den Burschen lachend zunicke, finden sie ihre Stimmung wieder. Sie postieren sich auf dem Boden-. Der eine zupft an der Geige, der andere zieht an der Harmonika und alle singen und jodelnein Lied von „der Sennerin auf der Alm", singen -lachend und lachen-singend, daß der ganze Wagen von Lust und Freude über- . sprudelt. ] Wie aber jetzt das Züglein hält und die Burschen merken, daß ich aussteigen will, schnellt einer aus die Bank, um mein Gepäck herunterzuholen, der andere öffnet die Türe, der -dritte reicht den Koffer, hinaus, und zwei von den Burschen, die hier ebenfalls aussteigen, lassen ,-es sich nicht nehmen, den Koffer zur Bahnhofshalle bis '5um Auto hinauszutragen. Meinen Dank überhören sie, denn sie jodeln und jubeln die letzte Strophe des Liedes zu Ende ... Beides erlebte ich in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr in diesem Winter; ersteres -im Nachtzuge iV a f-e l - G-e n f und letzteres m der Kleinbahn zwischen -Lausanne-Montreux — unter Menschen, die französisch sprechen und den Krieg nicht gesehen haben ... Von der Zeschiwobank zur Baumwollplankage. Im Warschauer „Jud" erzählt A. M. Rubin von einer Begegnung mit einem früheren Delscher Bachur in Florida. Ich bin auf der Reise durch die gesegneten Baumwollfelder von Florida. Soweit -das Auge reicht, tiefblauer Himmel und milchweiße Erde, die-durch die schwarzen beweglichen Punkte, kleine Negerjungen, die an der Wolle zupfen, noch weißer in die Augen fällt. Wir sind in den Baum wo llplanta gen von Florida. Plantagen und Pflanzer! Man hat in- Amerika und in der Well keine gute Meinung von diesen Dingen! Man denkt an- Ausbeuter und Sklaven, besonders «mdie schwarzen Sklaven, die den weißen Unternehmern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind. Um so mehr Lvunderte es mich, als man mich auf einen Farmer und Baumwollpflänzer verwies, der in Gesicht, Sprache und Wesen ganz was anderes darstell-te. In einem Städtchen in Karolinien traf ich mit chm zusammen. Ein großgewächsener, hagerer Mann von kupferbraunre Gesichtsfarbe. Er empfing mich zuerst etwas serviert Wärmer und gesprächiger wurde er, als er merkte, daß ich an feinem jüdischen .Wesen und seiner Iüdischkeit Interesse zeigte. Er bewies gleich in der ersten Unterhaltung, wie sehr er heute noch im Talmud, im jüdischen Schrifttum und in der hebräischen Literatur bewandert ist. Bor vielen Jahren kam er mit Weib und Kind nach Amerika. Er ernährte sich eine Zeitlang.als Melamed und vertauschte dann diesen in Amerika nicht leichten und wenig einträglichen Beruf mit dem Hausierer-pack. Ein nichtjüdischer Kunde, der sein Freund geworden war, oerhalf ihm zu einer kleinen Baumwollfarm, die -er erst in Pacht und Bearbeitung nahm, um bald deren Besitzer zu werden. Sie ist heute eine kleine blühende Plantage. Er ist der einzige jüdische Baumwollpflänzer in der Gegend. Und auch e r wird sich hier nicht allzulange halten können. „Warum nicht? Die Neger sind doch willige und billige Arb-eiter?" Ein Irrtum, belehrte er mich. Negerarberter gibt es nur unter zwei Bedingungen: Entweder sie erhalten zehn Dollar km Monat bar ausgezahlt und haben dabei einen gewissen Anteil am Reingewinn, oder sie bekommen- 25 Dollar monatlich ohne Gewinnanteil. Der schwarze Arbeiter ist aber nicht genügend entwickelt, um zwischen Mein und Dein zu unterscheiden. So kommt es denn, daß der Pflanzer nie und nimmer den vollen Ertrag einbringt., Mindestens die Hälfte der Baumwolle verschwindet. Ich versuchte schon das Doppelte an Gehalt zu zahlen, das nützte aber nichts. Mit den weißen Arbeitern -in Rewyork, die fünfmal so viel Lohn erhalten, kommt man viel weiter. Weiß-r Arbeiter anzustellen, geht aber keineswegs, weil der Pflanzer gar nicht Herr seiner Erde und seiner Produkte ist. Den Markt und die Preise machen Andere, auf die er keinen Einfluß hat. Feste Anstellungen- Arbeiterverträge mit Pensionen sind hier nach Lage der Dinge undenkbar. „Am Schwersten dürfte doch wohl für sie das j ü - d i s ch e Leben sein, die jüdische Erziehung der Kinder in dieser unjüdischen Umgebung?" „Gerade das nicht," wehrte er ab. „Kommet in m-eftt. Haus und Ihr werdet staunen, .wie meine Kinder,, ein Knabe und drei Mädchen, das Jüdische beherrschen. Mein Junge lernt Gemoro. Und wenn ich abends oder am Sabbat meine Baumwolle und meine Neger vergesse und mit meinem. Sohne beim Lernen sitze so bin ich m T e l s ch wieder. Auch, das Kind, obwohl es hier geboren ist und nie Litauen Mehen hat.. Es kommt .aMs.auf,die/Eltern an." Wenn' d i'e nicht wollen, dann sind alle. Versuche,^ eine jüdffche Atmosphäre in Mnerikä zu schaffen, vergebens." -i - ‘ ' (Der Gerufch de jure.) Der Präsident der jüdischen. Bölkerbunds'liga in Bulgarien, Dr. Saul Mezan-, hat im Hinblick auf die im Mai d. I. in Madrid stattfindende Vollkonferenz der internationalen Mlkerbundsgesellschaften an den Präsidenten der Union der Völkerbundsliga das fo:lg-ende Schreiben gerichtet: „Herr Präsident, Sie wissen, daß auf Grund des Edikts der spanischen Könige Ferdinand und Jsabella vom Jahre 1492 alle Juden Spaniens, die ihren Glauben nicht abfchworen wollten, aus dem Lande vertrieben wurden. Seit Anbruch der konstitutionellen Aera haben jüdisch-politische Gruppen so auch die Alliance Jsraelite Universelle, versucht, die Aushebung dieses Ediktes zu erwirken; die spanischen Regierungen rveigerten sich aber, dies zu tun und erklärten, daß die heutige spanische Verfassung die Glaubensfreiheit sichere und daß durch sie das Edikt von- 1492 außer Kraft gesetzt erscheint. Heute -aber, wo in Spanien die Der-, fassung außer Kraft gesetzt ist, darf Mansich mit Recht, fragen, ob Spanien alle Garantien für die Abhaltung eines internationalen und interkonfessionellen Kongresses. wie es die Plenarversammlung der Völkerbund-' ligen ist, -bietet. Ich bitte Sie also,. Herr Präsident, wenn möglich, -die gegenwärtige spanische Regierung, zu der Abgabe einer präzisen Erklärung zu veranlassen, ob sie das Austreibu-ngsedikt von 1492 als effektiv ausgehoben betrachtet. Ohne eine solche Erklärung erscheint mir ein Garanbieminimum für die Teilnahme jüdischer Gesellschaften an der Madrider Konferenz nicht gegeben und ich muß zweifeln, ob diese Gesellschaften, an die ich mich gleichzeitig wende, zu der Mai-Konferenz werden erscheinen können. . Genehmigen Sie, Herr Präsident, die Versicherung meiner -ausgezeichneten Hochachtung. Dr. Saul Megan, Präsident der Jüdischen Völker-bundsgesellschast in Bulgarien." Äinderecke. Auflösung des Rätsels in Nr. 13. 3M2H — Bösewicht iirw —- Reichtum Richtige Lösungen sandten ein: I. H. Tempelho . Saarbrücken; B. Kamm. Düsseldorf. Wochenkalender. v. 6. bis 13. April 1828 / 9. 25, Weadar bis 3. Nitzan 5689. Samstag 25 ennn pias tinnn's w b TTK Mauled Dienstag mittags Sonntag 7 tyo 26 13 Uhr 12V9 M. nsijm Nontag 8 27 blenstag 9 28 Mittwoch W o. N 10 29 lüp *1133 Dl’ vonnerstag 11 p’2 1 .nn freitag 12 2 Samstag 13] 3 y’irn Familiennachrichken Vermählte: Emma Pollack, New« Bork - Marktbreit, Sam. Glooer, Bankdirekt, Chicago. Briefkasten. L. K. in K. IN solchen Fällen ist tnpan maßgebend, der an Ort und Stelle sestgest-M werden muß. Araü <F. I. in Htt. , Rabbi Isra el Salanter ist in Königsberg im Jahre 1882 gestorben. Nicht zu verwechseln mit Rabbi Samuel Galant, der in Jerusalem gelebt und gelehrt hat und dort 1905 auch gestorben ist. Qualitäts- Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 90. Berankwortlich für ve»^ allgemeine» ÄÜ üüv da» Lemltttö« T. Tchachnoroitz, Frankfurt a. M.; Inserate t.B,: -SJg.d)ach> «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage-: Lehrer 8- Kaufmann te Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlae .Srrarltt", T.«.b.K.. Frankfurt u. M. — Druck Sermon BerlaaM Aktiengesellschaft, Frankfurt a- M.

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