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Der Israelit · 1929-04-05 · Heft 14 (5.4.1929) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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ilMlE nr. 14 IW» Die Einweihung des Tempels. Novelle von Binjamin Segel. Der Rabbi und seine zehn Jünger bahnten sich mit Mühe einen Weg durch die wogende, festliche Menge, welche die ragenden Mauern des neuen .Tempels umflutete. Es war Freitag nachmittags, und eine herrliche Maisonne beschien die starren Häuserreihen rmgs um den weiten Platz, entzündete ein schimmerndes Gefunkel hoch oben an der vergoldeten Kuppel des Tempels und spiegelte sich in den Äugen der drängenden, rauschenden Menschen, die ungeduldig des Augenblicks harrten, da die hohen Tore des Heiligtums sich öffnen würden, um hineinzuströmen und das Fest der Einweihung zu feiern. Und der Rabbi und seine Jünger bahnten sich mit Mühe einen Weg durch die bunte, festlich gekleidete Menge, die mit verwunderten und spöttischen Blicken die fremden Gäste musterte, welche aussahen, als kämen sie aus einer fernen Welt. Voran der Alte in. seiner altfränkischen, stark abgenützten Zobelmütze, um die breiten aufrechten Schultern einen schwärzen verblichenen, lang herabwallenden Atlasmantel, in dem von weißem Bart und Schläfenlocken eingerahmten Gesicht ein Paar energischer, fast gebieterisch dreinblickender Augen. In seinem Gefolge einige schlanke frische Jünglingsgestalten, in altfränkischen schlecht anliegenden oder verschlissenen Kaftans steckend, mit lachenden Gesichtern unter den breitkrämpigen Samthüten und blitzende Augen, die etwas befangen dremschauten, und in die manche Großstädterin einen verstohlenen, neugierigen Blick warf. Cs waren da aber auch einige magere Asketenfiguren mit leidenschaftlichen Bewegungen und eigensinnigen Köpfen, andere wieder waren schlottrig, mit bleichen Gesichtern und gekrümmten Schultern und schienen in den Falten der längen Röcke Jahrhunderte von Not, Elend und Moder zu tragen. Ueber ihnen allen lag es wie ein altertümlicher Staub, wie Rost und Schimmel verschollener Zeiten. Und sie stachen seltsam ab von den glitzernden Mauern ringsum, von dem Prunk der Auslagen, den schmucken Linien der Türmchen und Säulen des Tempels und von den eleganten Gewändern des versammelten Publikums. Sie hatten sich aus der weiten Entfernung aufgemacht, waren zwanzig Meilen weit von ihrem weltvergessenen Neste zu Fuß nach der Hauptstadt gewandert, um die Einweihung des neuen Tempels zu sehen, von dem 'Im ganzen Lande Wunderdinge erzählt wurden und der ein neues Zeitalter einleiten sollte. Eine neue, verjüngte Lehre sollte von ihm ausgehen, und die Geister weit unten in der Provinz waren erregt und.aufgestachelt. Den Rabbi Und seine zehn Jünger aber litt es nicht länger tn ihrem verfallenen Städtchen, bis sie hierehr kamen, um mit eigenen Augen das Wunder zu schauen. Alle warteten ungeduldig, bis die hohen Pforten sich von innen auftaten. Zu beiden Seiten pflanzten sich zwei Polizeibeamte auf, daneben ein feierlicher Kastellan, breitschultrig, in goldbetreßter Uniform/-einen szepterähnlichen Stab in der Rechten. Im Vestibül wurden einige funkelnde Zylinderhüte sichtbar, Fräcke und blütenweiße Vorhemdchen eilten hin und her. Die Menge fing an, Hineinzuströmen. .}■ ä Mitgezogen von dem Strom, stand das Häuflein der Fremden bald vor der Schwelle des Heiligtums. Die weißbeschuhte Hand eines Polizisten streckte sich dem Alten entgegen. „Karten!" :'A‘ 'V „Karten? Wa — was meinen Sie damit?" Er bemerkte nicht das spöttische Lächeln des goldbetreßten Kastellans, der verachtungsvoll auf diese vorsintflutlichen Gestalten herabblickte, die ohne Karten Einlaß begehrten. „OhneKarten darf niemand hinein," sagte der Polizeibeamte trocken, während er über die Köpfe der .Gruppe hinwegschaute und das kartenbesitzende Publikum Hineinströmen ließ. Der Rabbi und seine zehn Jünger blickten einander in stummer Vrewunderung an. Die meisten wollten einfachKehrt machen. Aber der Alte war nicht gewöhnt, einen gefaßten Plan so leicht aufzugeben. Mit einer Handbewegung befahl er den jungen Leuten, dazubleiben. Sie fingen nun an, mit der Geduld und Langsamkeit von Kleinstädtern die prunkvolle Fassade des Gotteshauses zu betrachten und bemühten sich, die über dem Portal in goldenen verschnörkelten Lettern angebrachte Inschrift zu entziffern: „Das ist die Pforte des Ewigen, die Gerechten kommen da herein." „Nun verstehe ich es," scherzte einer, „nur Gerechte kommen da herein. Wer von uns ist ein Zaddik?" „Ich nicht, ich habe keine Karte," antwortete der Alte, und alle lachten. Mittlerweile fuhren zahlreiche Karossen vor, die Festgäste brachten. Die funkelnden Zylinderhüte und die schneeweißen Vorhemden eilten jedesmal heraus und geleiteten unter tiefen Bücklingen die Ankommenden ins Vestibül. Endlich wurde es still. Der Platz hatte sich geleert, aber die Herren in Frack und Zylinder standen noch immer am Eingang und warfen jedesmal unruhige Blicke nach beiden Seiten der Straße, als. erwarteten sie noch einen wichtigen Gast. „Wollen wir's versuchen," sagte einer von den jungen Leuten, „vielleicht gelingt es." Ein offener, vierspänniger Wagen rollte majestätisch heran. Zwei Herren in großer Staatsgäla, mit goldenem Degenknauf an der Seite wurden sichtbar. Seine Durchlaucht Fürst Lumirski," ging ein aufgeregtes Flüstern durch das Vestibül des Tempels. „Seine Durchlaucht der Statthalter kommt". Die funkelnden Zylinder mit den schneeweißen Vorhemden stürzten heraus und bildeten Spalier. Einer trat vor, stellte sich in Positur und strich sich nervös den Schnurbart. Er hatte offenbar eine Rede auf dem Herzen. Doch der Fürst- Statthalter ließ zur größten Verblüffung des ganzen Spaliers eine Strecke weit von dem Eingäng halten, sprang aus dem Wagen und eilte mit sicht-' sicher Freude auf den abseits stehenden Ältest zu. „Sie hier, Herr Rabbiner? Welche Neber-- rafchung!" Sie drückten sich herzhaft.die Hände. „Seit ich''Pezirkshauptmann in Ihrem; kleinen, Nest dort unten war, habe ich Sie nicht gesehen» schon sechs Jahre. Vergißt man so ganz seinen alten langjährigen Freund? Aber was machen Sie denn eigentlich hier?" „Wir sind gekommen, um uns die Einweihung des neuen Tempels anzusehen, aber wir haben keine Karten und man läßt uns nicht hinein." „Ja, lieber Freund, das ist hier nicht so, wie dort bei uns, draußen in der Provinz. Hier sind wir zivilisiert. Wissen Sie, was das heißt? Na, ich werde sie schonhineinbringen, Sie und Ihre ganze Schar: Sagen Sie doch, wie geht es den Leuten dort unten? Wissen Sie noch, wie wir Nächte lang, bei Jhnen.tm Zimmer zwischen den vielen dicken Büchern säßen und schwatzten? Das waren schöne Zeiten V/■:' Aber jetzt besuchen Sie mich/doch, da: Sie nun einmal hier sind. Ni'iht waßv?.>. llstd-'jetzt' kümMen. Sie," , Der Fürst faßte den Räbbinr unter den ArM> und sie näherten sich dem Spalier. Die funkelnden Zylinder wurden gelüftet. Die schneeweißen Vorhemden verschwanden schier unter den ge-> bückten. Köpfen, die: Glatzen! schimmerten. Der Vorsteher richtet sich auf und öffnet den Mund. Aber der Fürst reicht ihm die Hand und klopft ihm dann gemütlich auf die Schulter. „Schon gut, schon gut, mein Bester. Ich weiß. Sie würden mir aber einen großen Gefallen tun, wenn Sie den Herrn Rabbiner, der mein, alter, lieber Freund ist, auf einen sehr guten Plätz führen wollten. Ihn und seine Schüler. Nicht wahr, Sie werden die Güte haben?" Der Statthalter sprach sehr höflich, aber in seiner Stimme lag jener besondere Klang, vor dem das ganze Land zitterte. „Zu Befehl, Durchlaucht," hauchte das Spalier wie aus einem Munde. * * * Der Rabbi und seine zehn Jünger saßen in der ersten Reihe des Mittelschiffes und konnten sich vor Staunen und Bewunderung nicht fassen. Der alte Mann, der sein halbes Leben aufrecht und mit erhobenem Haupte, ein Führer, ein Lehrer und ein Richter, unter seinem Volke gestanden hatte, fühlte sich hier seltsam beklommen, und fast gedemütigt. Den ungeheuren, fensterlosen Raum erfüllte kaltes, gelbliches Licht unzähliger elektrischer Lampen. Mächtige Säulen reckten sich in die Höhe, wo das emporblickende Auge sich verlor, und zwischen den Säulen wölbten sich bald runde, bald spitze Bogen, die die obere Galerie trugen. Was aber die Augen des alten Rabbi am stärksten anzog, das war die Bühne, die sich einige Schritte vor ihm erhob. Von der Mitte des Raumes, wo sie in altmodischen Synagogen standen, hatte sie hier den Sprung nach vorne gemacht und dehnte sich von einer niedrigen Marmorbalustrade umgeben, unter einem schweren Purpurteppich bis tief in die Nische dort oben hinein. Ein Altar unter einer goldgestickten Decke erhob sich, drei große goldene Leuchter tragend, und hinter dem Altar — was war das nur? Ein Schrein? Eine Kapelle? In blinkend weißem Material, wundersam zart und fein geschnitzt, schien es in der Luft zu schweben und umrahmte das Allerheiligste, die Bundeslade, die ein schwerer Vorhang in Goldbrokat verhüllte. Davor hing an einer silbernen Kette eine kleine Oellampe hernieder . . . Wie groß und herrlich war das alles. Ein würdiger Tempel des großen Gottes. Und wie klein, ärmlich und wochentäglich erschien ihm die Synagoge dort unten in seinem Heimatstädtchen. Was er bedauerte, war -nur, daß er sich nicht gehörig nach allen Seiten umwenden konnte, um alles genau in Augenschein zu nehmen. Ringsum herrschte tiefe Stille, obgleich die Reihen gedrängt voll waren und oben in den Frauengalerien es förmlich hell war von den vielen lichten Sommerkleidern und den blumengeschmückten weißen Hüten, die sich übereinander türmten. Alle saßen steif und stumm. Und wenn einer eine Bewegung machte, wurde er sofort zurechtgewiesen. Es streiften nämlich zwischen den Abteilungen auf den teppichbedeckten. Gängen einige hochgewachsene kräftige Männer mit seltsamen Käppchen und in langen Talavrn und hatten auf die Anwesenden ein wachsames Auge. Später Ankommende wurden von ihnen stillschweigend zu den leeren Sitzen geführt. Aller Augen waren in spannnugsvoller Erwartung auf die Bühne gerichtet, als sollte dort ein ungewöhnlich sehenswürdiges Schauspiel beginnen. Aber die Bühne blieb noch immer leer, nur der Schrein im Hintergründe blinkte weiß und der. Vorhang schimmerte und-leuchtete. Die Spannung steigerte sich And bemächtigte sich des alten Rabbi immer mehr, aber zuMW beschlich ihn ein seltsames Gefühl öer.'Fj'eWyeK"-' Dkse. Welt war so ganz verschieden von der, in welcher er seit seiner Kindheit geatmet. Er suchte vergebens in seiner Erinne-, rung, in seiner ganzen Seele nach einem Anknüpfungspunkt, nach einer Anlehnung und Verbindung. (Schluß folgt.)

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