Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1929)
- Date
- 1929-03-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Die drei Wunderrabbmer. Von Rabbiner A. S1. in A. „Die drei Wunderrabbiner" nennt sich ein Kapitel der „Silhouetten" (AmalLhea-Verlag Wien), des Buches eines Arztes mit goldenem Herzen und briltanter Feder. Aerzte schreiben gewöhnlich unverständliche, ja, meist unleserliche Rezepte, um kranke Körper zu heilen; es haben sogar Aerzte „kranke Bücher" für gesunde Menschen geschrieben, doch hier schreibt ein Arzt, der vieles erlebt und viel Menschenleid mittragen half, ein gesundes verständnisvolles gut leserliches Buch, ein Arcanum für Geist und Seele. Ueber den Rebbe von Sadagora lesen wir in den „Silhouetten" des Doktor von Horteniau: „Ein schmächtiges Männchen mit eingefallener Brust und schmalen, blassen Wangen; aber aus tiefen Augenhöhlen leuchteten in merkwürdigem Glanze große graue Augen sinnend und beobachtend und seine Haltung verriet das Bewußtsein seiner Würde. War er auch nur der Lehrer, Berater und Richter armer orthodoxer Juden Beßarabiens und der Bukowina, er wußte, daß sie an ihn glaubten, wie sie seit Jahrhunderten an seine Vorfahren geglaubt und trotz Kaftans und Schläfelocken spielte um sein Haupt die Gloriole des Gottesgnadentums. Seine Frau war von: klassischer Schönheit, in Gestalt und Haltung eine englische Prinzessin; beim ersten Worte jedoch, das sie in ihrem armseligen Jargon sprach, verriet sie, daß sie keine englische Prinzessin sei. Der zweite meiner Wunderrabbis kam aus dem dunkelsten Rußland. Hofrat Reußer, der ihn zu mir nach Abbazia gesandt, setzte in seinem Begleitschreiben ein warnendes Ausrufungszeichen zu seiner Blutdruckshöhe 230! Wenige Stunden nach seiner Ankunft trat das Erwartete ein — ich traf ihn mit schwerer Gehirnblutung in tiefer Bewußtlosigkeit. Seine ersten Worte beim Wiedererwachen zeugten für seinen Glauben an seine Sendung: „Weint nicht Kinder, ich werde gesund werden!" Daß er es wirklich in verhältnismäßig kurzer Zeit wurde, wäre ja an und für sich kein Wunder; wunderbar jedoch nur das Verhalten seiner kleinen Gemeinde von Gläubigen, die täglich ihre telegraphischen Bulletins erhalten: mußte und, da der Rückgang der Lähmungserscheinungen ihr zu langsam erschien, mich um Professor Reußers Berufung bat. Wunderbar erschien mir auch des Rabbis Widerstand dagegen. „Herr Doktor", sagte er mir, „ist dies denn nötig? Ich habe Vertrauen, zu Ihnen und fürchte die großen Kosten". „Sie wissen doch, Herr Oberrabbiner, daß Ihre Gemeinde dafür aufkommen wird". „Gerade deshalb möchte ich sie vermeiden". Ist diese Auffassung eines Mannes, der seine Bildung aus der Beobachtung seiner armseligen Umwelt, sein ganzes'Wissen aus Büchern bezog, die vor zwei Jahrtausenden alte Lehrer schrieben, nicht wunderbar? Schließlich kam Reußer und blieb stundenlange bei dem Kranken!. Als es mir endlich gelang, ihn frei zu machen, sagte er mir: „Sehen Sie, lieber Kollege, diese Leute gehören zu meinen dankbarsten Patienten." - Heute, zwei Dezennien nach dieser Episode, kann, ich nur«.bedauern,»-daß im Kollegium, welches über die Errichtung eines Denkmales für Professor Reußer m der Aula zu Wien zu entscheiden, hatte, nicht auch der Wunderrabbi von nr. ir \m Cziesanow sitz- und stimmberechtigt war; vielleicht<Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der hätte Reußer, dieser glänzendste Diagnostiker und Glaube." gütigste Mensch, sein Denkmal, erhalten."- Die „Silhouetten" sind nicht, nur .dem Gereiften zu verordnen als ein Buch der Erinnerung an eine schöne versunkene Zeit,-sondern auch der heranreifenden' Jugend als Wegweiser in eine hellere Zukunft. „Lernen". Von P.I ft.*) In der Purimnummer vom Jahve 5667 (1907) dieses Blattes erzählte ich den Lesern von Rabbi Chajim Meerschaum und seiner Devise: „Lernen muß man können". Angeregt durch die KlassikerFeÄüre seiner einzigen Tochter, HÄte er es versucht', den' — wie er behauptete — sonst völlig unverständlichen „Erlkönig" von Goethe durch einen neuen „Peschat" nach der „Lernmethode" zu erklären, der von sachverständigen Freunden mit großem BeifM ausgenommen - wurde. Dieser Beifall ermunterte ihn, seine Forschungen auf diesem- Gebiete, fortzusetzen und es ist. chm gelungen, manche -dunkle oder schwierige Stelle in den Dichtungen der großen- Klassiker Goethe und SchkWe. in" ungeahnter Weise aufzuhellen. Tatsächlich ist seine Erklärungsweise 'geeignet, die Klassiker in einem völlig neuen ungeahnten Lichte erscheinen zu lassen. Um den Lesern, des „JsraoN" schon heute eine Probe seines gewiß bald im Druck erscheinenden KlaWerkommentars zu geben, lasse ich hier zwei Beispiele folgen. Im ersten Teile des „Faust", in der Szene „Bor dem Tor" läßt Goethe Faust dem Wagner sagen: „Zwei- Seelen wohnen, ach, in meiner Brust". Zwei nrcNj? (Schwierigkeiten) sind diesem Ausspruch entgegenzuhalten: 1. Da kein Mensch sonst zwei Seelen besitzt, ist mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß es sich bet der zweiten S e e l e um die sogenannte "mvr nam» handelt, die nad) Talmud Bezah 16a and Taanich 27b, mit Beginn des Sabbat sich der ersten, eigentlichen naira (Seele) zu gesellt und bis Säbbatende mit ihr vereint bleibt. Diese m»jv>. nvva wird aber, nach der angeführten Quellenur Angehörigen des jüdischen Volkes zuteil, während diese Son-dergab-e Andersgläubigen vorenthalten wird. Da nun, wie es zunächst scheint, Faust ein Nichtjude gewesen sein dürfte, stünde seine Behauptung in direktem Widerspruch zum Talmud. 2. Die mw natwltm-rtu vom Talmud als -eine besondere Auszeichnung, die dem Mischen Volke zuteil geworden, hingestellt, ist also unter allen Umständen eine Liebesgabe ,die beim Empfänger nur freudige Gefühle auslöfen kann. Wenn nun wirklich Faust ausnahmsweise mit einer solchen m°>rp nniw begnadigt worden wäre, wie kommt es, daß er dieses Geschenk mit einem „Ach!" — -das ja ein Ausdruck des Schmerzles ist — begleitet? Alle Schwierigkeiten wären gelöst, wenn man Faust nicht als historische Persönlichkeit, und seine Geschichte nur als Sage gelten ließe, wenn also Goethes Werk nicht eine wahre Begebenheit Ä-arstellte, sondern nur Dichtung wäre. Man könnte diese Auffassung durch Goethe selbst stützen. Er läßt seiner Dichtung den „Prolog im Himmel" vorangehen, -der, wie bekannt, eine Nachdichtung des biblischen Buches'Hiob ist. Von Hiob selbst aber wird im Talmud Baba b-atra:15a von einer Seite behauptet: n'n bvn aba xaaa.xVymn ab p-px er habe ' nie existier^, und seine Geschichte sei. nur, eip Gleichnis. Da nun Goethe seinen Faust dem Hiob nachbildet, so ckönnte man auch von erste'rem dassÄbe 'sagen: rraaa x^wnrL n*n i»wÜ;--«r sei nie gewesest/u-nd gehöre der Sagan. Damit -entstellen alle SchwiWgkeiten, die-,sich aus' ihm -ergeben. Diese Lösung kann aber schon darum nicht genügen, weil der einen Meinung, die Hiob die Existenz äbspricht und ihn in das Reich der Fäbel verweist, «nhalbes Dutzend anderer gegenübersteht, die sein Dasein behaupten und es,, in die verschiedensten. Zeitepochen verlegen-. Hat aber Hiob wirklich gelebt, so darf man das Gleiche von Faust behaupten, und damit haben auch die angefiihrten Schwierigkeiten neues Lebenerhalten. - Nach längerem Frage- und Antwortspiel, ob Hiob Jude oder Nichtjude gewesen, entscheidet der Talmud, daß nach Ansicht fast aller Erklärer — einen einzigen, der ihn in die Patriarchenzeit'zurückversetzt, ausgenommen — Hiob Jude gewesen sei. Wenn nun Faust, wie erwähnt, eine Nachahmung des Hiobbu-ches ist, dürste man ruhig behaupten, daß, was von Hiob gesagt wird, auch von Faust gilt: auch er sei ein Jude gewesen. 'Eine Stütze hätte diese Auffassung in Fausts Aufruf, mit dem er auf den Chor der Engel, der von der Auferstehung fingt, reagiert: .. ...... ..j. „Was sucht Ihr, mächtig und gekind, Ihr Himmelstöne, mich im Staube? Klingt dortumher, wo weiche . Menschen sind! *) Dieser Aufsatz war für die Purimnummer gedacht und bestimmt, konnte jedoch wegen Raummangels nicht mitkommen. Er wird auch noch nach Purim Freünden jüdischer Parodien'Freude bereiten/ D. Red. Ein weiterer Beweis dafür - wären Margarethes Vorhaltungen übet seine Jrresigiösität in der Szene, in „Marthens Garten", die in dem Vorwurf enden: „Du hast kein Christentum". Die Berechtigung zur Annahme, daß er I u d e gewesen, ergibt sich vus dem einige- Hellen weiter folgenden' Satz: „Sonst stürzte sich der Hiinmelsliebe Kuß Auf mich herab in ernster Sabbatstille." Wer anders als der Jude feiert den Sabbat und kennt seine Ruhe, die Faust hier als Sabbatstille bezeichnet? Führt uns aber Goethe, wie es nun den - Anschein hat, in Faust einen Helden jüdischen Stammes vor, dann wäre wenigstens die -erste unserer Fragen, wie er zu einer ni'w komme, beantwortet, da ihm als Jude wohl eine solche zusteht. - Aber nicht nur weil sie bloß eine halbe wäre, muß diese Lösung abgelehnt werden, sondern hauptsächlich darum, weil sie letzten Endes — trotz aller Beweise — falsch ist. Faust ist in Wirklichkeit von seiner Geburt an bis zu seinem Tode, wenn auch kein guter, doch immerhin ein Christ gewesen. Daß er als Christ geboren war, geht klar und deutlich aus dem gleichen Monolog hervor, dem die oben angeführten Berst entnommen sind. Dort heißt es: „Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt. Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben." Und wie christlich selig Fausts Tod sich vollzieht, braucht bei der großen Zahl -neutestamentlicher Gestalten, die um sein Unsterbliches sich bemühen, und sich zu seiner Rettung versammeln (siehe Faust 2. Teil, letzte Szene), gewiß nicht erst gesagt zu werden.. Damit sind aber unsere beiden Fragen wieder akut gerqorden. Um nun zu einer befriedigenden Lösung zu gelangen, ist es vor allen Dingen nötig, über den Begriff und das Wesen der nw nae-a Klarheit zu erlangen, und da ist es gewiß angebracht, die Talmudstelle, welche davon handelt und die Quelle aller Schwierigkeiten ist, im Urtext anzuführen. Sie steht in Bezah 16a und lautet: n~apn vist |nai? ms» ha 'Ni' fa j-iya» »an V1V« jam» »an n»x pai »a»a naxap ,xyars orö pa» ri2E>a pin X’DmDa onb;na »Ninix N3V v'naa iVavi' xl> 'an ->x xvi nax ^xn»» »aa ina’jmx »aa Dias? ]nn ,xa»x msra ’xa ona->“;Tix xV d*ob? ]na ina'anax jma nn»n' nnwa vyb p pvnv *n naxn ,ana'vnax x^> nnm» nava /ffsa'n naxav naa»n nnax fbuia rav »xsiaVa nav a-y mxa rrapn •aa mnx »*n nawa? jva (Es sagte R. Jochanan im Namen des R. SiMon Sohn Jochais: Alle Gebote hat der Heilige .gelobt sei Er, Israel öffentlich gegeben, nur den Sabbat gab er ihnen im Verborgenen, wie es heißt: Zwischen mir und den Kindern Israels ist -er ein Zeichen für ewig. Frage: Wenn dem so wäre, sollten ja die Andersgläubigen w«-gen der Nichcheiligung des Sabbats nicht bestraft werden? Antwort: den Sabbat hat Gott auch ihnen bekanntgegeben, den dafür verheißenen Lohn ab-er hat er ihnen nicht bekannt gemacht. Du kannst auch sagen, er hat ihnen auch den verheißenen Lohn bekannt gemacht, -di-e besondere Seele aber hat er ihnen nicht 'kundgetan. Es sagte nämlich R. Simon Sohn Lakisch: „Eine besondere Seele gibt Gott in den Menschen am Rüsttag des Sabbat, und beim Sab-batausgangnimmt er sie -ihm wieder weg". Rasch! ■ zur Stehe! gibt. folgende Erklärung: nncri Vax’i nrrhi» mna nnavi nmaai» ai> an-n : na-rvnava ' -vbp 'nxp WQ2 v>xi (Die besondere Seele -ist der rveite Ausblick — das richtige Verständnis fü-v-di-ö Msthe und Freude, sich frei und unbeengt zu fühlen beim Wen und Trinken, ohne Widerwillen zu', -empfirrden)., Jp.Taanith 27b, wo der Ausspruch des R. Simon Sühn L^klM zitiert wird, erklärt Raschi: ' ni"axi> mail ri'a'naaV nava (die besondere Seele, die des Menschen Sinn erweitert für Essen und Trinken). - Diese Erklärung Raschis ist 'wohl daserstaunlichste, was man sich denken kann und wird gewiß bet allen Talmudkun-d-ig-en einberechtig-tes Kopffchütteln Hervorrufen. Es wäre verständlich gewesen, wenn Raschi die Funktion der mvv>' na»a . als eine rein geistige erklärt hätte, daß sie etwa einen besonderen Trieb zu-r Beschäftigung mit der Thora upd Ausübung der Mizwot schaffe und das Verständnis und die Empfänglichkeit dafür fördere. Daß aber Ziel Und Zweck dieser besonderen Auszerchnung nichts anderes-fein sollte, als eine rein , körperliche, eigentlich tierische .Perrichtung auszulösen, daß also die nvm naw letzten Wdes nur als Appetitanreger dienen fast ist gewiß eine Erklärung, die einer eigenen Erklärung bedarf. Aber in Wirklichkeit hüt Rafchk in der Erklärungdieser Talmudstelle nur die Konsequenzen aus seinem Standpunkt .gezogen, den er, im Gegensatz zu. anderen Erklärern, in einer wichtigen Halacha einnimmt. , Ueber die im Ritual, eine hervorragende Rolle spielende, dem Talmud'-entstammende Regel: '»a-Vhaatj'an'i>3 (Wenn ein Tier -ein Glied' zuviel hat, ist es-so, als ob es fehlen würde (Chullin 58b), gibt es drei verschiedene Erklärungen: Nach R as chi -ist zuviel-zuwenig,' d. .h! -bei! einem überflüssigen' Gliede ist nicht nur dieses selbst, sondern