Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1929)
- Date
- 1929-03-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Der I s r aslit Blätter Nr. 6. Seite 3 21. März 1929 Wer also den halben Schekel für den Dienst des Schulwerkes der Agudas Jisroel in Erez Jisroel spendet, durch das ein Geschlecht herangezogen wird, das trotz aller wechselnden Verhältnisse an den überkommenen Idealen festhält, hat ein Ganzes gegeben, ein Geistiges, einen, ewigen Wert. ' TW 'N'1 Oberrabbiner Dr. M. L e r n e r. Agudo und Esra. Zu dem Verschmelzungs-Vorschlag von S. S. in Nr. 6 der „Blätter" sind uns eine Reihe von Zuschriften zugegangen, die wir im folgenden wiedergeben. 1. Die Esra-Gruppe in Köln (gez. F. David) schreibt: Da die Ausführungen des Herrn S. S. eine bedauenswerte Unkenntnis über die innere Struktur unseres Bundes verraten, haben wir uns entschlossen, in die Diskussion auf seinen Artikel eingugehen. Wir. geben zu, daß die Anschlußfrage ein von der agudistischen Seite geschaffenes Problem darstellt, das aber bis jetzt mit dem nötigen Takt behandelt wurde. Der Artikel von S. S. wirkt aber entschieden wie der Elefant im Porzellanladen und zwingt, uns aus diesem Grund zu einer energischen Stellungnahme. Wir fragen S. S.: 1. Ist Ihnen bekannt, daß es auch außerhalb der Agudas Jisroel ein gesetzestreues Judentum gibt? Finden Sie es wirklich gut, daß das Judentum lediglich die Idee Ihrer Organisation sei und so zu einer Organisationsangelegenheit degradiert wird? 2. Wissen Sie, daß eine ernste Erziehungsgemeinschaft gerade die Jugend über 15 Jahren zu betreuen hat, und sich nicht damit begnügen kann, das Kindermädchen oder den Elementarlehrer für eine politische Organisation abzugeben? 3. Haben Sie schon einmal gemerkt, daß das gesetzestreue Judentum eine Menge wichtiger Aufgaben stellt, die nur im Rahmen eines politisch neutralen Bundes gelöst werden könnten? 4. Sind Sie sich klar, daß der Esra in seiner heutigen Idee und Struktur 2000 Menschen am Judentum hält, die sonst leicht verloren sein könnten? 5. Beabsichtigen Sie ernstlich, den rabbinischen Rat der Agudas Jisroel gegen uns auszuspielen? Sollte dieser zu unserm Bedauern die Entscheidung fällen, der Esra müsse der Agudas Jisroel beitreten, so wird wohl der Esra, aber nicht die Gesamtheit der Esräer, dem Folge leisten. Sollte S. S. diese Fragen richtig beantworten, so hätte er sich allerdings seinen Artikel ersparen können. Esra-Gruppe Köln i. A. F. David. IJ. Herr Alexander Cohn schreibt namens der ältesten Hamburger Esra-Gruppe: Wenn man in der Ideologie des Esra ein Paradoxon sehen zu müssen glaubt, da nämlich einerseits die Autorität des Rabbinischen Rates der Agudas-Jisroel ge^ wahrt, andererseits aber die völlige und bedingungslose Neutralität im Esra erhalten wird, so befindet man sich in einem Irrtum. Denn der Rabbinische Rat wird nur dann — und zwar ausschließlich als höchste Instanz — in Anspruch genommen werden, wenn es sich um einen min Pi oder um grundsätzliche halachische Streitigkeiten handelt. Die Wahrung seiner Autorität ist völlig unabhängig von der allgemeinen Stellungnahme zur Organisation der Agudas Jisroel. Daß' diese Stellungnahme negativ — wenn man so sagen darf — bleibe, dafür möchte ich als agudistifch eingestellter attiver Esräer im Gegensatz zu S. S. eintreten. Denn der Esra geht nur in dem einen Ziele mit Agudas-Jisroel konform, feine Mitglieder zu guten nmn’ heranziehen zu wollen. Dabei ist auch die Ideologie der Agudas- Jistoel dieselbe wie die des Esra: beider Ideale gipfeln in der Parole. fix Tn ny mm. Der Unterschied zwischen beiden ist meines Erachtens vor allem der, daß sie zur Erreichung desselben Zieles und Ideals zwei verschiedene Wege gehen. Die Agudas-Jisroel den politischen, der Esra den unpolitischen. Ich will hier davon Abstand nehmen zu untersuchen, welcher von beiden Wegen der richtige ist: ich glaube auch nicht, daß man das mit absoluter Richtigkeit feststellen könnnte. Ich beschränke mich vielmehr auf den Hinweis auf die schon von S. S. erwähnte Tatsache, daß der Esra etwas leistet und die Agudas-Jisroel — wenigstens was die Jugendarbeit anlangt — nichts. Es ist möglich, daß dies eine momentane Erscheinung ist, die sich im Laufe der Zeit ändert; es genügt jedoch, daß.wir uns heute vor die Tatsache gestellt sehen, um ganz entschieden gegen ein Verschmelzen von Esra und Agudas-Jisroel-Jugend, d. h. von dem politischen und unpolitischen Weg zur Erreichung des p« yn nsr rnin-Jdeals, Stellung zu nehmen. Die erste unabwendbare Folge des Aufgehens des Esra in der Agudas-Jisroel wäre Politisierung der Jugend, die heute durch die bewußt neutrale Erziehung im Esra unpo'.i.isch (und doch gesetzestreu!) aufwächst. Es bleibe dahingestellt, ob eine solche Politisierung der Jugend schädlich ist oder nicht,- fest steht, daß es nicht lange bei der politischen Zugehörigkeit zur Agudas-Jisroel bleiben wird; sondern daß daraus unbedingt eine Kampfstellung gegen die anderen jüdisch-politischen O.-- ganisationen entsteht, die aufs allerschärfste zu verurteilen ist. Es ist in jüngster Zeit gerade von Führern der Agudas Jisroel auf die Notwendigkeit einer in vernunftgebotenen Grenzen gehaltenen Zusammenarbeit aller gesrtzestreuen Organisationen hingewiesen worden. Und da sollen wir es verantworten können, schon in die Herzen der Jüngsten eine Feindschaft zu legen, deren Nachwirkungen im späteren Leben oft viel größer sind, als man es sich anzunehmen wagt? Dies scheint mir der richtige Grund für die Stellungnahme gegen S. S/ Vorschlag zu sein: die Gefahr einer noch größeren und wirksameren Zerspaltung in der gefetzestreuen Jugend, Denn nicht alle „volljährigen" (16—19 Jahre alten) Esräer werden sich für Agudas- Jisroel oder Misrachi entscheiden; es würde sich eine I Sonniag 24 M&z 9 Abends sprechen HARTOG HARTOGSOHN-KPLN DAVID ULLMANN HAMBURG Inder Suppe na nslall.Theobaldstraße 5 über DIE LAGE DER SABBATHALTENDEN ARBEITNEHMERSCHAFT » M a s s X fil S M neue Partei bilden, eine „Partei der Unparteiischen", in deren Ideologie erst das Paradoxon wirklich auftreten wird, das man heute in der des Esra finden zu können glaubt. Daß auch die finanzielle Leistungskraft des Esra — die schon jetzt sehr klein ist — durch den dann bevorstehenden Massenabzug in den "unn m*n" sehr herabgemindert wird, ist eine Tatsache, die wenn sie auch selbstverständlich klingt, doch den agudistischen Vorschlagmachern zu denken geben sollte. Ich glaube, daß auch die Agudas Jisroel keine Tochterorganisation braucht, die ihr nicht nur nichts einbringt, sondern für die sie sogar noch draufzahlen muß. Deshalb ist es wohl am ratsamsten, wenn man es bei den jetzigen Verhältnissen beläßt und in „wohlwollender Neutralität" miteinander arbeitet. Alexander Cohn. in. Herr D. U. schreib: Die Ausführungen des Herrn S. S. veranlassen mich zu folgender kurzen Erwiderung. Zunächst verwundert es mich, daß der Schreiber von der Untätigkeit der Jugendorganisation spricht, ohne auch nur ein Wort über^ die Tätigkeit der I. O. zu bringen, und andererseits von den Mißerfolgen des Esras nicht spricht. Wenn es uns hier auch fern liegt, eine Kritik am Esra zu üben, so muß es doch einmal ausgesprochen werden, daß die Passivität der Esrasührer, soweit sie Mitglied der A. I. sind, nicht nur durch ihre Passivität dem Fortschreiten der agudistischen Jugendbewegung hinderlich ist, sondern mehr noch durch ihr Sichfernhalten, das nicht anders - zu motivieren ist, als durch eine innere. Animosität gegen die A. I. I. O. Wir glauben, eine der Ursachen dieser Animosität darin zu erblicken, daß diese nicht mehr das wahre Verhältnis zur A. J:-Jdee haben, sondern diese als illusionistisch ansehen. Es gibt zwar Entschuldigungen dafür, aber die Einstellung als solche ist nun einmal vorhanden. Eine gemeinsame Erziehungsarbeit des Esra und der A. I. wird also solange nicht möglich sein, wie der Esra bewußt seinen bis auf den heutigen Tag noch unmotivierten Standpunkt der Neutralität nicht ändert. Zwar wissen wir, daß der Esra nicht religio s-nentral sein will, aber sonst dieses Wort allzu häufig im Munde führt. Neutralität in einer Jugendbewegung, und das ist der Esra, und daher sehr zeitbedingt, selbst in politischer Hinsicht, muß zu einem Fiasko führen. , Die Untätigkeit der Jugendorganisation ist vielleicht doch nicht so groß, wie der Verfasser meint. Wir sind weit davon entsernt, die Zustände in unseren Gruppen als gut zu bezeichnen. Es darf aber gesagt werden, daß, von den finanziellen Arbeiten für den K. H. und für die P. Z., die teilweise die Jugend leistet, abgesehen, eine Reihe von Gruppen auf Grund des vorjährigen Erziehungsprogrammes von Isaak Rosenheim, auf einem beachtenswerten Niveau stehen, in Frankfurt sogar ein agudistischer Club existiert, der sich auf das ernsteste mit allen wesentlichen Fragen beschäftigt. Zu den Vorschlägen des Herrn S. S. möchten wir bemerken, daß seine erste Anregung deswegen abwegig ist, weil die Ortsgruppen in völliger Sterilität verharren, und es ist die unbedingte Aufgabe der Jugend, den Rahmen einer straffen Organisation zu schaffen. Wir möchten mit aller Schärfe betonen, daß m. E. die Leitung der A. I. I. O. nichts mehr begrüßen würde, als wenn der Esra bereit wäre, seine Tätigkeit, bei Wahrung seiner Arbeitsmethode, soweit diese nicht einen überbetonten Jndioidua'.ismus fördert, und soweit diese nicht den Formen einer assimi.«torischen Jugendbewegung huldigt, in den Nahmen der A. I. I. O. Hineinstelien würde. Die Schwierigkeiten sind absolut nicht unüberwindliche, sondern im Gegenteil bei einer durchaus möglichen Umstellung der Esraführerschaftskreife, die eine bewuß ere Bejahung des agudistischen Zieles und der agudistischen Arbeit nach sich ziehen würde, würde sie zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit der deutschen orthodoxen Jugend führen, die ein Plus an Kraft und daher einen Mehrerfolg in der inneren Ertüchtigung sowohl, als auch in der Abwehrfront bedeuten würde. IV.' Herr G. Schragenheim in Frankfurt a. M. schreibt: In Nr. 3 der Blätter schreibt ein gewisser S. S. einen Artikel mit dem Titel: „Esra und Agudas Jisroel- Jugendorganisaiion". Er schreibt da zunächst, daß er bereits Gelegenheit gehabt habe, hinter die Kulissen des Esra und demgegeüber hinter die Kulissen der Agudas Jisroel zu schauen. Wegen des namentlich in letzter Zeit ziemlich jugendbeweglerischen Einschlags des Csra, der praktisch oft eine Ausschließung bezw. einen spontanen Austritt der „Erwachsenen" zur Folge hat und jugendliche „Autodidakten" auf deren Stelle seht, prphezeit er dem Esra seinen nahen Untergang. Welche Altersstufe übrigens dabei der. Schreiber des genannten Artikels mit „Erwachsenen" bezeichnet, soll hier dahingestellt bleiben. Er stellt u. a. die nur teilweise richtige Behauptung auf, es fehle der heutigen Jugend von 16—21 Jahren meist an Verständnis für „Politik". So kommt er denn, nachdem er noch auf ein engeres Programm der Agudas Jisroel und vor allem auf eine Notwendigkeit von Agudas Jisroel-Jugendgruppen zu sprechen gekommen ist zu dem interessanten Ergebnis, man solle den Esra idell und organisatorisch mit der Aguda verbinden, derart, daß die Esrajugend von etwa 15 Jahren an automatisch in die Agudas Jisroel-Jugendorganisation „verpflanzt" wird. Hierbei scheint es mir jedoch, abgesehen von aller prinzipiellen Abneigung, eine große Frage zu sein, ob diese . „Pslanzen" auf dem dortigen Boden gut gedeihen können. Aeßerer Anlaß zu dem Vorschlag scheint der höchst nebensächliche und bisher nur theoretische Umstand zu sein, daß der Esra dem Rabbinischen Rat der Agudas Jisroel untersteht. Zunächst erscheint es ziemlich rätselhaft, warum als ein Motiv für eine ideelle und organisatorische Verschmelzung von Esra und Aguda das mangelnde Verständnis der Jugend für die „Politik" angegeben wird. Denn zunächst bietet für die erwähnte Altersstufe keine Jugendorganisation mehr Gelegenheit zu einer jüdisch-politischen Stellungnahme als gerade der Csra. Da in ihm mehrere jüdische Richtungen P.'ah haben, sehen sich viele Jugendliche gezwungen, mit der Zeit eine gewisse Einstellung zu den Dingen zu erlangen. Wenn man den Esra mit dem üblen Wort „neutral" bezeichnet, so steht er deswegen jedweder Politik noch lange nicht verständnislos gegenüber. Neutralität heißt ja nicht Gleichgültigkeit. Vor allen Dingen aber kann es noch höchstens als ein großer Vorteil angesehen werden, wenn der Esra als eine unparteiische Bewegung nicht in größerem Maße politisiert. Ist es denn eine mmn p rmnsich mit Politik zu befassen? Es gibt wahrlich eine Unmenge von wichtigen Problemen für die gesetzestreue Jugend, deren Lösung entschieden fruchtbarer wäre, und über die man sich nur in einer gesunden Gemeinschaft klar werden kann. Der Esra steht unter den bekannten Jugendbünden ziemlich einzig darin da, daß er Jugendliche aus allen jüdischen Lagern, selbst solche mitunter, die liberal erzogen sind, an seine Kreise heranzieht. Ist es denn nicht ein großer Gewinn, wenn es im Esra Autodidakten gibt, die teilweise eine andere Erziehung genossen haben? Ist es nicht ein vvn vnpwenn gerade solche Leute, die aus eigener Ueberzeugung handeln, soweit diese schon vorhanden sein kann, sich dem Esra als Führer widmen, und nicht immer jene bekannten Milieumenschen? Aber auch im Interesse der betreffenden jungen Leute selbst ist es sehr zu begrüßen, wenn sie, natürlich falls sie dazu reif sind, Esrasührer werden: Wenn es heißt, daß der Esra alle gesetzestreuen Richtungen in sich schließt, so ist das eben ein Beweis dafür, daß in einem gesetzestreuen Jugendbund auch verschiedene jüdische Richtungen Zusammenarbeiten können vi« bs» nrnbn arm rnn«. So kann man auch nicht aus die vielen misrachistischen Führer im Esra verzichten, die es mit dem Esra sehr ernst nehmen, indem man sie bei überschrittenem 15. Lebensjahr ohne Weiteres gütig in.die Misrachigruppen verweist. Und wenn da solche Teilnehmer an dem geistigen Kamps der Jugend, die mit dem Fernglas hinter der Front stehen, die kranken Aguda-Jugendgruppen auf Kosten des Esra heilen wollen, so kann man nur sagen, daß im Esra noch echt-jüdisches Blut pulsiert, und daß dieser einmal den Mut ausbriugen muh, die „Erwachsenen", die schon etwas an