Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450557--75796-2533337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
&#JfflEUT Die Woche Elternabend. Am Mittwoch den 26 .Februar, abends hielt Dr. Hermann Weyl auf Einladung des Eltern rat es der Samson Raphael H i r s ch - S ch u l e (Vorsitzender des Elternrates: Dr. Hermann Oppenheimer, der auch den Abend leitete) einen Vortrag über das Seele n--- leben des höheren Kindesalters und der Jugendlichen. Behandelt wurdendie Lebensallter von 6—18. Nach psychologischen, . ärztlichen und heilpädagogischen Prinzipien beschrieb der Referent die allgemeinen seelischen Verhaltungsrveisen, und der mannigfache Konfliktstoff der in dem natürlichen Ablauf des jugendlichen> Seelenlebens begründst ist, wurde entsprechend aufgedeckt. An Hand von Beispielen und spontanen Aeuher,ungen der Jugendlichen (Gedichte, Tagebücher) wurde dies -erklärt. — Die Tendenz des Vortrags war zunächst eine rein darstellende, die typische Haltung der Jugendlichen in den verschiedenen Lebensaltern wurde oom' Referenten seiner Intention gemäß rein sachlich vermittelt. Auch die höhere seelische Problematik der Vorpubertät und der Pubertät wurde beschrieben, dageg-sn die -eigentliche sexuelle Frage mit Vorbedacht übergangen, da sie in diesem Zufammem hang und in dieser Oefsentlichkeit nach Ansicht des Referenten nicht sachgemäß und folgerichtiggenug erörtert werden könnte. Ebenso schied der Vortragende das eigentlich krankhafte Seelenleben aus den vorliegenden Betrachtungen aus. , An den etwa einstündigen Vortrag schloß sich eine interessante Diskussion. Zunächst ergänzte Herr Dr. Adler (Sämson Raphael Hirsch-Schule) die Ausführungen Dr. Weyls nach bestimmter religiöser und praktisch-pädagogischer Seite, und brachte auch Erfahrungen aus der Jugendbewegung. Herr Dr. R o s e nbe r g führte -interessante kinderärztliche Beispiele an über den Zusammenhang zwischen kindlicher Seelenoeräniderung und körperlicher Erkrankung, und betonte die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Lehrern. Eltern, Schularzt und Hausarzt. Auch widmete er dem im Vortrag von Dr. Weyl aufgetauchten Begriff der Individualisierung bei ^Erkenntnis und Behandlung des jeweiligen Falles erläuternd-e Worte- Herr O ch f s n m a n n sprach v-om Standpunkt des praktischen Pädagogen und verwarnte vor mancher U-ebersteigerung in der modernen Psychotherapie, besonders mit Rücksicht auf die meist ziellose und ohne klare Leitlinie sich vollziehende, aber gern sich modern gebärdende Bemühung seitens ungenügend erfahrener Eltern und häuslicher Erzieher. Herr Hirschberg warf ein paar Fragen auf über die Stellung der Tauroh zu diesem ganzen Fragenkomplex. Herr Studien-rat Munk brachte die erforderliche Aufklärung. Im Schlußwort setzte sich Dr. Weyl mit den ver^ schied-en-en Diskussionsrednern kurz auseinander. Vereinigung ehemaliger Schüler und Schülerinnen der Samson Raphael Hirsch-Schule. Infolge verschiedener Krankheitsfälle steht sich der Vorstand genötigt, die für den 12. ds. im Saale des Zoologischen Gartens geplante Abendunterhaltung um einige 2B o^ e n z u verschiebe n. Der Zeitpunkt wird rechtzeitig bekanntgeg-eb-en werden. Dte bereits g-elösten Karten behalten ihre Gültigkeit. Jüdische krankenhilfe. Im Anschluß an die -im Neuen Theater am Samstag den 9. März stattfindende Ausführung des Festspiels „Leinen aus Irland" findet ein Kabarett statt. Die Mitwirkung von Mathilde Einzig, Alice Lach, Wera Donalies, Irene Weil, Alois Großmann, Eugen Jenssen bürgt für luftige Stimmung. Die Theaterkarten berechtigen zum freien Besuch des Kab-aretts. Karten für den ausschließlichen Besuch des Kabaretts werden nicht ausgegeben. Wie uns die Festleitung mitteilt, sind noch einige Einzelplätze Samstag an der Abendkasse erhältlich. Die Vorstellung beginnt pünktlich 20.15 Uhr. Wohltätigkeitsfesi des Esras Rofchim. Der Verein „Jüdische Frauenhilfe Esras Nofchim" veranstaltet am 17. März ds. Js. um 6.30 Uhr in den Räumen des Volksbildungsheims Efchenh. Anlage 40/41 ein W o h l t ä t i g k e i t s f -e st zu Gunsten einer Pessachaktion. Zur Ausführung gelangt ein altes jüdisches Volksstück von Goldfaden „Die Zauberin" (Bobbe Jachne) unter Regie des Herrn Frommer. Ferner viele künstlerische Darbietungen. Reichhaltiges Büfett. Tombola. Mitglieder und Gönner des Vereins sind herzlichst Willkommen. Karten sind zu haben in- Buchhandlung M. A. Wahrmann, Am Schwimmbad 11 und Drogerie Schneemann, Zeit 39. Neues aus der Agudas Jisroel-Iugendgruppe. Am 31. März und 1. April findet in Köln eine Rheinische Bezirkstagung statt, auf der u. a. Herr Jacob Rofenheim ein Referat halten wird. Die Frankfurter Jugendgruppe wird sich an dieser Tagung beteiligen. Wir bitten die Mitglieder, die teilzunehm-sn be-absich-tigen, dies umgehend dem Vorstand miizute-ilen, damit für entsprechende Reiseermäßigung gesorgt werden bann. Diejenigen Damen und Herren, die für Unterbringung in Köln besondere Wünsche haben, bitten wir dies auch umgehend dem Vorstand mitzuteilen, damit dieselben rechtzeitig berücksichtigt werdenkönnen. Zum 1. April wird das Korrespondenzblatt der Agudas Jisroel I. O. unter Schriftleitung des Herrn Dr. Arnold M e r z b a ch unter dem Ti-tel „ A r e w u s " erscheinen. Zur Deckung der Unkosten wird die Nummer unter Erhebung eines Nachnahmeb-etrages in Höhe von Mk. —.20 zugestellt. Wir bitten daher unsere- Mitglieder, dafür zu sorgen, daß das Blatt bei Zugang eingelöst wird. Dr. Siegfried Schwarzschild V"t- Worten des Ruhmes war Dr. Schwarzschild abhold und er sicherte sich das Privileg des Nichtgelobtwerdens auch über das Grab hinaus, indem er sich Nachrufe in Wort und Schrift v-erbat. Mitge-teilt sei nur der früh-e Tod Dr. Siegfried Schwarzschilds, mit dem Bemerken, daß nicht nur Familie und Gemeinde, sondern auch die Kunst und nicht zuletzt die jüdische Kunst und die jüdische Altertumskunde in seiner Vaterstadt Frankfurt, in ihm einen warmen Freund und Förderer verloren haben. Seine S-amm- Jüdische Zeitungsgründer. Von Dr. Richard Elb in Dresden.*) Es war im Jahre 1856. Verliiin.. damals eine Stadt von noch nicht einer halben Million. Einwohner, hatte noch nicht die ihm heute -eigene Vormachtstellung als sozusagen deutsches Kulturzentrum. Eine um so größere Rolle spieltedamals- Frankfurt, und wir müssen uns einerseits vergegenwärtigen, welcher politische Druck die Gemüter erregend nach 48 aus Deutschland lastete und wie anderseits gerade Frankfurt, durch seine viel zentralere Lage begünstigt, der natürliche Schauplatz großer politischer Ereignisse uü-d ebenso eines bedeutenden Börsenhandels geworden war. Nicht -umsonst gediehen hier die Rothschi l d s , nirgends anders hin zu denken als nach Frankfurt, wo die Börse damals noch der umsasfendsie und maßgebendste unter den deutschen Märkten für Staatsanleihen und ähnliche Fonds war. Hier lebte feit mehreren- Jahren im Genuß der Bürgerrechte Leopold So n ne mann, dessen Herkunft an diejenige Albert Ballins -erinnert. Er war nochnicht 22 Jahre alt, als -er Vater und Mutter verlor und das väterliche Großhandelsgeschäft, das auch Beziehungen zu Amerika unterhielt (was damals -eine große Sache war), allein zu führen hatte. Er wandelte es bald in -ein Bankgeschäft -um und große Erfolge waren dem Unternehmen, das seine Fäden überall hin spann, beschieden. Aber in Sonnemann lebte -auch -eine kräftige politische Ader. Sie war es, die ihn bald dem Journalismus zuführte-. Reichten doch feine K-indhei-tserinnerungen in die Zeit zurück, da in Bayern -das Ministerium Abel die Protestanten maßr-egielte und einen Teil der jüdischen Bevölkerung aus dem Lande trieb. Seine Eindrücke -als Jüngling -empfing er während der Tagung des Frankfurter Parlaments, und die Gebrechen -der Folgezeit konnten seinem Scharfblick nicht entgehen. Er bekam sie insofern selbst zu spüren, als er nach seiner Schilderung auf -einer Reife von Bremen -nach Frankfurt über Minden-— Köln -gar übel unter den damals üblichen Praktiken des Paßzwang-es zu leiden hatte. Diese -an sich unscheinbar e Begebenheit war für seinen Lebensweg entscheidend, die erwähnte Schilderung sein erster journalistischer Versuch. Er schrieb dann noch über verschiedenes, das ihm einer öffentlichen Besprechungwert erschien — aber -allem wurde Ablehnung zuteil. So fühlte er, daß hier eine Lücke in der Tagespreise bestand, an deren Ausfüllung mitzuwirken e-r sich für berufen hielt. Ein andrer Bankier namens R o f e n t h a l gab damals für seine Kundschaft einen „Geschäftsbericht" heraus, den er bei dem gesteigerten Interesse des Frankfurter Publikums für den Börsenverkehr -in ein Hand-e l sblatt umzuwandsln wünschte. Er trat an Sonnemann heran und dieser, der zunächst gar nicht daran dachte, ein über einen bestimmten- Rahmenhinausgehendes Blatt zu schaffen, willigte mit Freuden ein . Der Umfang war zunächst vier Seiten, der Inhalt des neuen Blattes bestand aus Winken , für Kauf und Verkauf, später kamen Depeschen hinzu; vorherrschendes Zeichen des Blattes w>ar Kritik. Das Blatt fand, solchen Beifall, Laß die Herausgeber sich schon nach ein paar Wochen entschlossen, ihm ein-e mehr zeitgemäße Form zu -geben und es F r a n k f u -r -t e r H a n d e -l s z e i t u n g> zu nennen. Run wurde eine Rubrik „tebegraph-ischer Kursbericht" hinz-ugefügt, wurde eine Einladung zum Abonnement erlassen, wurde ein Feuilleton in Fo-rm -einer Sonntagsbeilage geschaffen. Schon 1859 konnte das Blatt, das inzwischen zweim a l t ä -g l i ch erschien, in „ N e u e Franks u rter Zei tung — Franksu r ter Handelszeit u n g " umgetauft werden und sein b r e i maliges Erscheinen, wirklich etwas Epochemachendes, ankündigen. Erst 66, nach noch mancherlei Zwischenfällen, hat das Blatt seinen heutigen Titel „Frankfurter Zeitung" und Ha ndelsbla-tt" erhalten, das nun ausschließliches Eigentum von Leopold Sonnemann war, der am Kopf der Nummern als Herausgeber genannt wird. Will man kurz skizzieren, was die „Frankfurter Zeitung" in jenen Zeitkäufen, da sie selbst noch auf schwachen Füßen stand, geleistet hat, so kann man sagen-: sie verfolgte, indem sie sich gegen Auswüchse einzelner Institute wandte, ein-e gesunde Bankpolitik. Sie arbeitete mit ‘— und dies blieb die für sie charakteristische Note — an der Gründung der feinerzeitigen -deutschen Volkspgrtei; sie beeinflußte sehr stark die öffentliche Meinung Frankreichs und dies trat besonders stark vor und nach dem 70er Krieg zutage. 1871 zog Sonnemann in den Reichstag ein. Es fehlte dem aufblühenden Blatte nicht an Preßprozessen, und wenn man nur denjenigen mit Bismarck erwähnt, den ersten, wo er denschweren, jedoch nicht bewiesenen Vorwurf gegen die Zeitung erhoben hatte, daß sie mit Frankreich konspiriere, so hat. man schon den Mann genannt, dessen Bekämpfung, wo es nur ging, Zeit seines Lebens eine der wesentlichsten Tendenzen der Frankfurter Zeitunggebildet hat. Die dann folgenden Jahrzehnte, in denen mit dem Aufblühen der Künste auch das F-euillet o n der Zeitungeinen bedeutenden Aufschwung -erfuhr, führen uns' immer näher -an Eigenerlebtes heran. Man kannwohl sagen, daß die Frankfurter Zeitung an keinem Ereignis d-er deutschen Geschichte, mochte es auch nur innerpolitisch sein und auf kulturellem, wirtschaftlichem oder sonst einem Gebiete liegen, kritiklos vorübergegangen ist; mir wollen nu-r, weil uns das hier am nächsten liegt, die antisemitische Bewegung nach 1890 herausgreifen, bei welch letzterer allerdings auch -gegen die zionistische Bewegung Stellung genommen wurde, und zwar deshalb, „weil mit ihr die Utopie des jüdischen Nationalstaates verbunden sei, die die Humanitären jüdischen Ansiedelungsbestrebungen hemmte und lediglich -dem R-asfenan-tiseinitismuse-ine neue Stütze gab", hieß es -damals in der Frankfurter Zeitung. Sonnemanns Werk, kann man zusammenfassend sagen, ist die Synthesevon Oppositions- und Nachrichtenblatt, womit bewiesen ist, daß beides durchaus nichts Unvereinbares bildet. Hatte die politische Presse ursprünglich keinen Handelsteil, fo hat er aus einem bescheidenen Han-delsblätt -eine weltbeherrschende politische -Zeitung gemacht. Krankheit ließ -ihn -leider -an der Feier des 50jährigen Bestehens seines Werkes 1906 nicht teilnehmen, drei Jahre später starb er. Sein Vermächtnis, abgessherr von der sozialen Fürsorge für seine Mitarbeiter, bestand darin, daß er die bisherige Haltung, fortgesetzt wissen wollte mit den Worten: „Politisch freiheitlich, in sozialer Hinsicht jederzeit gerecht und reformfreundlich, immer zur Unterstützung des wirtschaftlich Schwachen geneigt." *) Aus einem Bortrage.