Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite 10. Nr. 10 Der Israelit und die Toten nicht suchen. Ich war acht Jahre lang unablässig auf mein eigenes Schicksal und meine eigene Rettung bedacht." , „Und wie ist diese gekommen?" Der Legionär sah sich noch einmal vorsichtig um und sprach dann weiter: „Ich bin nicht aufgelegt und auch nicht befähigt, Romane zu erzählen, darum will ich die Sache nicht gar so farbenreich ausmalen, obwohl man schon dicke Romanbände darüber schreiben könnte, ohne den ganzen Sachverhalt in seiner wilden.Romantik wiederzugeben. Wir waren, d. h. ich und zwei andere Legionäre aus Italien, in den Hafen beordert, um bei Ladungsarbeiten fürs Militär mitzuhelfen. Wir arbeiteten fast ganz nackt, und der Schweiß rann irr Strömen von unserem schwarzgebrannten Körper herab. Ich aber sah zwischen der Arbeit sehnsüchtig nach dem Schiffe, das einen deutschen Namen trug und den Kurs nach Hamburg hatte. Eine Nacht lag ich unter Säcken und Kisten im Hafen versteckt, daß ich nicht mehr glaubte, den Morgen zu grüßen. Dann war ich im Kohlenraum des Schiffes solange, bis das Schiff aus der französischen Zone herausgesahren war. Ich merkte es an den Fahnen, die ich durch die schmale Luke beobachten konnte. Ich lebte tagelang von Erbsenkörnern, die ich mir aus einem Sacke, in den ich ein kleines Loch hineinbohrte, holte. Der Durst schnürte mir die Kehle zu. Mit verrußtem Gesichte, verhungert und halb erstickt vom Kohlendamps, kam ich dann an den Tag, daß die Leute glaubten, ein Gespenst sei aus der Unterwelt der Fluten aufgestiegenl. Aber ich war einmal da, und sie konnten mich nicht ins Wasser werfen,, auch nicht den Franzosen zurückgeben, denn wir waren über den Bereich der französischen Fahne hinaus. Es setzte Keile ab vonseiten der handfesten Matrosen. Kapitän und Offiziere stellten ein Verhör an und fertigten lange Protokolle aus. Ich wurde für Arbeit beordert, um mir die Reisekosten zu verdienen. Was machte das alles? Und wie habe ich gearbeitet. Sehen Sie die Schwielen an meinen Händen. Das alles vom Kohlentragen und Schleppen der Taue. Ich kannte keinen Tag und - keine Nacht, und es bildete sich mit der Zeit ein gutes Verhältnis zu den Matrosen und Mannschaften heraus. Ich bekam in Hamburg sogar noch eine kleine Summe herausbezahlt und Anerkennung für die fleißige Arbeit, wiewohl ich .es eigentlich verdiente, so sagte der alte Reeder, an den Galgen zu kommen. Ich war frei. Fuhr noch am gleichen Tag mit dem Personenzug nach Berlin und wurde in Berlin verhaftet — wegen der Grenzüberschreitung vor acht Jahren. Was die Deutschen ein unheimlich gutes Gedächtnis haben! Ordnung, das muß mcm ihnen lasten, die . haben! sie. Im Polizeirevier brauchte der Beamte nur nach dem Schubfach zu greifen, und ich, der ich doch nirgends eine Heimat hatte, war hier im Register mit Namen, Vatersnamen . usw. bis zum dritten Geschlechte fein säuberlich eingetragen. Also, gar nicht so heimatlos, wie ich dachte . . . Eine Kopie des Strafbefehles und der Ausweisung lagen dabei. Es sage noch Jemand, ich sei von der Menschheit vergessen . . . Ich sagte etwas von Frankreich und der Fremdenlegion. Das ging aber den Beamten keinen Deut m. Für ihn lag zwischen der Verurteilung von damals und der Verhaftung von heute nichts. Er hatte in diesen acht Jahren sein warmes Büro nur verlassen, um bei seiner Familie zu speisen! und an dienstfreien Sonntagen mit seinem Weibe spazieren zu gehen. „Flunkereien", nannte er das mit Frankreich und der Fremdenlegion ... Damals war ich ein „Deserteur". Jetzt, wo ich es wirklich war, glaubte es mir kein Mensch. Ich wurde an die polnische Grenze geschoben. Diese ist zugleich die D a n - zig er. Und so bin ich hier." „Und was soll jetzt werden?" „Ich weiß es nicht. Ich werde zurück nach meiner Heimatsstadt Wolinez gehen. Man sagte mir, die Verhältnisse in Polen hätten sich gebessert. Andere wiederum behaupten, es bestehen dort noch die Zarengesetze. Mag kommen, wie es will, eine Fremdenlegion gib t es dort nicht. Wenn hungern, dann in Freiheit und' Ehren, mit und unter Brüdern . . . Amnestie und Pogrom. Don I. Heilet.*) Am 18. Oktober 1908 um die Mittagszeit, als ich mich auf dem Landgericht befand, kam die Nachricht von dem Manifest vom 17. Oktober 1905. Diese Nachricht machte auf alle Anwesenden einen gewaltigen Eindruck; wildfremde Menschen umarmten einander; manchen standen Tränen der Freude in den Augen. In den Straßen bewegten sich Volksm-asfen und sangen revolutionäre Lieder; es fanden Versammlungen statt, und von den Balkonen herab wurden Reden gehalten. Die Intelligenz verbrüderte sich mit Arbeitern, Droschkenkutschern, Soldaten. Bei Anbruch des Abends aber begannen bereits beängstigende Gerüchte herumzuschwirren. In den Straßen standen gruppenweise Ladeninhaber, Straßenhändler u. ä. herum, und das Wort „Jid" begann immer häufiger zu ertönen. All diese Menschen gruppierten sich um einen in Saratow bekannten Lumpenhändler, Uwarow, einen Dunkelmann, der sich später wegen irgendeines Schwindels vor Gericht verantworten^ mußte. Uwarow und seine Gesinnungsgenossen, die in sittlicher Beziehung wohl kaum'reiner waren als ihr Anführer, behaupteten, die Juden hätten von den Balkonen herab lästerliche Reden gehalten und den Zaren beschimpft. Dieses sinnlose Zeug wurde vor allem dem bekannten jüdischen Anwalt S. Kalmanowitsch in die Schuhe geschoben, obwohl er überhaupt keine Ansprachen über das Zarenmanifest gehalten hatte. Die ganze Nacht hindurch mußte der unglückliche Kalmanowitsch mit seinen Kindern Zuflucht suchen, da der Pöbel nach ihm fahndete und ihm nach dem Leben trachtete. Meine Frau und ich waren am Tage auf der Straße gewesen und kehrten abends zurück. Bald erhielten wir aber von unseren guten Bekannten Schmerlings einen Zettel mit der Bitte, sie in dringender Angelegenheit zu besuchen. Wir fuhren hin. In den Straßen herrschte herzbeklemmende Stille . . . Alle Haustore waren verschlossen. Aus manchen Fenstern lugten verängstigte Gesichter, ' hauptsächlich von Juden, hervor . . . Unweit des Hauses unserer Bekannten wurde unsere Droschke von einigen uns unbekannten jungen Leuten in Einjährigen-Uniform angehalten, die uns rieten, nicht weiter in den Straßen herumzufahren!, da ein Judenpogrom im Gange sei. Wir fuhren dennoch zu unseren Bekannten hin und trafen sie in äußerst deprimiertem Zustand an: sie waren -mit Mühe und Not den Pögrombanden entkommen. Hierauf beschlossen wir, diese Familie mit zu uns zu nehmen, und bestiegen zusammen beide Droschken. Während der Fahrt erblickten wir eine Gruppe von Leuten,, die mit Stöcken ausgerüstet waren. Sie riefen uns an und befahlen uns, anzuhalten. „Steigt aus," wandten sie sich in barschem Tome an uns, „wir müssen untersuchen, ob Ihr keine. Revolver bei Euch habt." In einer der mit Knüppeln ausgerüsteten Gruppen erkannte ich einen Polizisten, der oft im Gerichtsgebäude Wachtdienst tat. Ich wandte mich an ihn und fragte: „Kennst Du mich denn nicht? Ich bin Landgerichtsrat und wohne ineben dem Pvlizeichef." Der verkleidete Polizist wurde sehr *) flm Berlage von I. Kausfmann, Frankfurt a M. erschien dieser Tage „Meine Lebentzarbeit" von \ Teitel, 215 Seiten, Preis Mk. 450. Diese Memoiren des bekannten und bochver« '»i-'nten russischen Staatsrates und Richters umfassen die letzten Jahrzehnte des 19. vnd die ersten des 20. Jahrhunderts bis zumZüsamwenbruche und sind ein Dmkmal der russischen Golustragödie Mnxich Gorki und Prof. S. Dubnow haben das Werk mit Geleitrvorten versehen. W,r veröffent lichen vier mit Genehmigung des Berlages noch eigener. Auswahl und. mit eigener. Titel gebnNh einige ußs besonders interrssant und lehrreich erscheinende Skizzen aus dem Buche der Erinnerungen. 7. März 1929 verlegen und begann, sich eifrig zu entschuldigen, daß er mich nicht wiedererkannt hätte. Seine Anwesenheit erklärte er uns damit, daß er „ordnungshalber" da wäre. Wir kamen wohlbehalten nach Hause und konnten von Glück reden. Denn Schmerling hatte einen Revolver in der Tasche und wäre dieser gefunden worden, so wäre es Schmerling sehr schlimm ergangen. Er würde sicher ebenso bestialisch ermordet worden sein wie jener christliche Ingenieur, der im Beginn des Pogroms es versucht hatte, einen jüdischen Knaben, vor dem Pöbel zu retten. Die betrunkenen Rowdies hielten ihn fest, durchsuchten seine Taschen, fanden einen Revolver und ermordeten den Ingenieur auf der Stelle. Aber die Nacht, die uns bevorstand, war angsterfüllt. In unserer Wohnung beherbergten wir außer den Schmerlings noch einige andere jüdische Familien. Die Pogromhelden kamen auch an unser Haus heran; sie suchten eine reiche jüdische Familie, die in der oberen Etage wohnte. Des Nachts kam ich ein paarmal heraus und erhielt von meinem Nachbarn, dem Polizeichef, sowie von den Kosaken, die sein Haus bewachten, Nachrichten über den Verlauf des Pogroms. Ich telefonierte auch an den Vizegouverneur und den Staatsanwalt und erhielt von beiden die beruhigende Nachricht, daß der Pogrom —angeblich — unterdrückt werde. In Wahrheit aber griff dieser immer stärker um sich. Wie ich bereits sagte, wurde die Wohnung des Polizeichefs von Kosaken bewacht. Charakteristisch sind die Worte eines von ihnen: „Beunruhigen Sie sich nicht, Wohlgeboren," sagte er mir, „wir Kosaken haben den Pogromleuten gesagt: „Wir werden Euch dort weiter nicht stören, aber hier, in der Nähe des Polizeichefs, dürft Ihr nichts machen!" Ein schöner Trost! Am nächsten Tage erhob sich die Pogromwelle noch heftiger. Meine Frau und ich begaben uns auf die Hauptstraße; während unserer Abwesenheit kam, wie wir später erfuhren, der Pogrompöbel an unser Haus heran, begoß das Haustor mit Petroleum und wollte es in Brand setzen, wurde aber von den Kosaken daran gehindert. Der Gouverneur Stolypin war damals aus Saratow abwesend; ihn vertrat der Vizegouverneur Knoll, ein Mann von geringer Energie, der nun vollends verwirrt wurde und nicht wußte, wie er sich den Pogromhelden gegenüber verhalten sollte, die mit Zarenporträts und Kirchenfahnen durch die Straßen! zogen. Unterdessen wurde in der Stadt das Gerücht weiter ausgestreut, die Juden hielten - Reden gegen Gott und den Zaren und träfen Anstalten, alle Christen auszurotten und ein „jüdisches' Reich" zu gründen. Einige Tage wohnten wir gar nicht zu Hause, sondern bei unseren Bekannten Barzews*) und Schapiro. Ich muß an dieser Stelle der Wahrheit die Ehre geben und bemerken, daß viele christliche Familien mit den Juden mitfühlten. und in großer Anzahl Spenden zur Linderung der Not darbrachten; besonders gilt das von dem Oberpriester Jwanowski. _ (Fortsetzung folgt.) *) Chüsten. Schwiegerett-rn brg bekannten russisch n Wfnfrjjfipn Nrank. A"m. bps Derf. Briefkasten. S. W. ZS. Sie haben für KlezK zusammen Mk. 95 00 eiva^a"bt. Familiennachrichten. Barmizwo: Gabriel. S"hn des Herrn Chäjim Harber. isiv- Uhlandstr. ZP.Htrh.il. rnjnB bnp'l Shaaao,e Friphber^er ylnlaae. Qualitäts- Zigarren Moritz Wolf Zeit 49 Telefon Römer 90. «eranuoorrnm rar oett augemeine« xetijMtQ oa* »raelit". T.M.H.L., Frankfurt N. M.—Druü ßetmon Brrlag Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.