Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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SST Der Israelit Acht Jahre in der französischen Fremdenlegion. „Sie fragen, wie ich, ein polnischer Jude, in die französische Fremdenlegion kam; was ich da tat; wie ich wieder herauskam; wie ich hierher gelangte? Nun, das Fragen ist ja leicht und billig, und das Antworten nicht minder. Als ob man in Worten von paar Minuten ein Höllenleben von acht Jahren so schildern' könnte! Was sind Fragen, Antworten, Schilderungen? Worte, nichts wie Worte. Sie kommen aus dem Munde und verhallen in der Luft. Was man aber leidet, wenn man in Ketten lebt und ein Heimweh, dazu noch ein Gefühl selbstverschuldeten Unglücks im Herzen brennt, was man da erlebt in endlosen Tagen und schlaflosen Nächten, sage ich, das kann man nicht erzählen, auch wenn man hundert Jahre lebt und fortdauernd immer erzählt und erzählt... Wie ich dahin gekommen bin? Aber sagen Sie zunächst, fragen Sie nur aus Neugierde oder Interesse an mir? Stehen Sie nichtirgendwie mit der Legion in Verbindung? Worte sind nichts, aber ein unüberlegtes Wort kann einem zum Verhängnis werden. Ich habe es erlebt." Der so sprach, war ein Mann von dreißig Jahren, hager und knochig, mit langem, eckigem, verwittertem Gesichte, in dem die Augen scharf und mißtrauisch spähten. Es war in der Emigrantenhalle des Danziger Hafens. Und der Mann, der ihn ausfragte, war ein älterer, gefetzter Herr mit so vertrauenerweckendem Gerichte, daß dem mißtrauischen Legionär mählich die Zunge gelöst wurde. „Also, wie ich dahinkam, wollen Sie wissen. Es war 1919. Ich kam vom Kriege zurück, wo Hundert Mal die Gefahr nur so knapp an meinem Kopf vorübergezogen war In meinem polnischen Heimatsstädtchen Wolin, ez war keiner zu meiner Begrüßung da. Die Eltern waren inzwischen gestorben. Verwandte ausgetrieben oder geflüchtet. Arbeit nirgends in der verwüsteten Gegend. Da sagte man mir, — man sagte es überall in der Gegend, — in Frankreich 'würden Arbeiter gesucht, bei hohem Lohn. UÜd Frankreich feiein schönes Land, wo die Soüsie -milde-scheint und die Menschen wie im Paradiese leben. Wie kömmt man aber nach Frankreich? lieber Deutsch!and. So verkaufte ich das Letzte, ließ mir von guten Menschen auch etwas geben und ging an die deutsche Grenze. Dort fand ich noch eine Anzahl jüdischer Arbeiter, die' dem gleichen unbekannten Ziele zustrebten. Wir hatten keine Pässe und wurden von Agenten gegen Geld und gute Worte, mehr Geld als gute Worte, über die Grenze geschmuggelt. Am nächsten Morgen waren wir im großen, kalten Berlin und schon am gleichen Abend m einem großen Gefängnis, weil wir illegal, wie man uns sagte, deutschen Boden betreten hätten. ' - Wir kamen vor Gericht, das uns mit einer geringen Strafe belegte. Wir wurden in Freiheit .gesetzt, ich wenigstens, aber in acht Tagen hatte ich Deutschland zu verlassen. Ich hatte nämlich den glücklichen Einfall, vielleicht hat es mir jemand zugeflüstert, zu sagen, daß ich r u s fisch e r Deserteur sei. Deserteure sind „politische" Sünder und werden nicht an die Grenze ausgeliefert. Ich durfte gehenwohin ich wollte, nur nicht den geheiligten deutschen Böden durch meine Anwesenheit belasten. In dieser Nacht lag ich mit anderen jüdischen Kameraden auf einer harten Strohmatratze in einer großen städtischen Herberge. Der Weg zu dieser Matratze war nicht gar so einfach, man mußte sich ihn bahnen und erkaufen, Schritt für Schritt, und die Lagerstätte durch den Nachweis äußerer und innerer Reinheit erringen. Statt des fehlenden Paffes wies ich den deutschen Strafzettel und Ausweisungsbefehl vor. Der Beamte, der nur Papier sehen wollte und Namen und Stempel darauf, ließ es gut sein. Mit dem Nachweis der äußeren Reinheit ging es weniger glatt ab, und ich darf auch da von Wunder sagen, daß ich passieren konnte. Auf dem Matratzenlager hörten wir aber von Schlafgenossen, daß es mit der Arbeit in Frankreich einigermaßen seine Richtigkeit hätte, man müsse sich an die f r a n z ö s i s ch e M ili t ä r m i s s i o n wenden. Die „Brüder von der Herberge" wußten, auch genau Straße und Nummer anzugeben. Am zweiten Morgen stand ich mit meinen Kameraden-, wir waren jetzt sieben an der Zahl, vor der Schranke in einemkahlen Raume, hinter der Männer an, einem Pulte schrieben und französisch sprachen. „Arbeit?, Ihnen nix davon bekannt." Wir gingen hinaus, gingen wieder zur Herberge, wo man an der Theke für Nickel und Kupfer einen warmen Kaffee, einen Hering und ein Stück Brot erhalten konnte. Wie wir uns aber an den harten Tisch zum Mahle setzten, war noch einer bei uns, den wir nicht kannten, der uns aber schon von der französischen Militärmission aus unauffällig gefolgt war. Er fing, halb deutsch, halb jiddisch, ein Gespräch mit uns an. Woher wir kämen? Das interessierte ihn eigentlich weniger. Aber w o h i n und was wir wollten. Da könnte er uns vielleicht raten und helfen. „Arbeit in Frankreich!" sagten wir. Natürlich gäbe es Arbeit in Frankreich, meinte er, die Dummköpfe von der französischen Militärkommission wüßten es nur nicht. Sie interessiere nur das Kommißbrot, der französische Rotwein und die Löhnung. Er wollte uns schon den Weg zur Arbeit in Frankreich zeigen. Da wären wir bei ihm an der richtigen Adresse. Er sei direkt beauftragt von einer großen Weltfirma, Arbeiter für Frankreich einzustellen. Der Hering, das Brot und der dünne Kaffee mundeten uns nicht mehr, im Gedanken an die Sonne Frankreichs und an das viele Geld, das dort zu verdienen war. Wir folgten dem „rettenden Engel" und waren bald in einem kleinen, dunklen Weinrestaurant, in dem Plüschsofas an molligen Ecken zum Weilen einluden. Es war doch hier alles anders und schöner und freundlicher; als in der kahlen Herberge unter den abgerissenen und halbverhungerten Menschen. Ein junges Weib brachte lachend dickbäuchige Flaschen in einem Eimer und steilfüßige Gläser dazu. Der Agent schenkte ein. Wie' das kochte und zischte und perlte in, den Gläsern! Wir hatten noch nie so etwas getrunken, und der Magen war leer, und unser Führer schenkte immer von Neuem, immer von Neuem ein. Kurzum, wir wurden lustig, aufgelegt, wir sangen, wir umarmten uns, taten Vieles, von dem wir erst viel später erfuhren . . . Gegen Abend saßen wir in einem Auto, da wir nicht mehr gehen, konnten, und später in einem Eisenbahnwag e n, wo wir wie gerädert hinfielen und gleich einschliefen. Wir erwachten am zweiten Morgen mit schwerem Kopfe in einer französischen Kaserne zu Koblenz am Rhein. Wir rüttelten uns aus dem Schlaf, fragten uns erstaunt, wie wir hierherkamen und wollten gehen. Da stand ein Sergeant vor uns und schrie uns an: ,Mohin? Hierbleiben!" Wir sagten: „Was heißt wohin und wieso hierbleiben? Sind doch keine Soldaten. Was sollten wir'in der Kaserne?" „Gewiß seid Ihr Soldaten," rief jetzt ein Anderer, der deutsch sprach. „Ihr habt Euch für die Fremdenlegion verpflichtet." Dr. io 1424 „Wir Fremdenlegion?" Ich spuckte aus, und es wurde mir gleich eröffnet, daß ich für zwei Tage ins Loch komme, bei Wasser und Brot. Was aber die Fremdenlegion anbelange, so habe es schon seine Richtigkeit. Wir hätten gestern in Berlin unterschrieben. Und man zeigte uns die Verpflichtung mit unseren Unterschriften. „Gelogen, eine Entführung, ein Menschenraub!" schrie mein Freund, ein früherer Fuhrmann aus meiner Heimat, und stampfte mit den Füßen auf. Er bekam fünf Tage Arrest bei Wasser und Brot. Wir kämen nach Straßburg, wo wir mit ganzen Scharen von, Menschen zusammentrafen, die auf gleiche oder ähnliche Art zur Legion kamen. Wir wurden ins Bad geführt und eingekleidet. Die Militärunisormen hingen an uns wie die Kleider an der Stange einer Vogelscheuche, so daß jeder über jeden lachen mußte. Etwas anderes unternehmen, hatte keinen Zweck und versprach nicht den mindesten Erfolg. Nach einigen Tagen waren wir in Mars e i l l e auf einem Schiffe verbracht, das mit uns nach Nor dafrika abdampfte. Und das Leben in der Legion? Darüber ist nicht viel zu sagen. In den acht Jahren habe ich mir soviel Mal den Tod gewünscht, wie die acht Jahre Tage und Stunden hatten. Es ist nicht so sehr der schwere Dienst, als vielmehr die ganze Stellung und das Leben des Fremdenlegionärs. Es gab Legionäre, die irgendwo Staatsangehörigkeit, Bürgerrecht besaßen; wohl ihnen. Sie liefen zu ihren Konsulaten, oder schrieben, dahin, und früher oder später kam ihnen Erlösung. Wir aber waren Juden und fremd überall, staatenlos, rechtlos, schutzlos. Wir versuchten es, uns aufs Geratewohl an die erste polnische Konsulatsstelle zu wenden. Es kam keine Antwort. Wir schrieben an den Völkerbund, an Nansen. Keine Antwort. Vielleicht haben unsere Briefe die Adressaten gar nicht erreicht. Es gibt auf Erden so etwas wie ein bürgerliche s Recht, ein politisches Recht, ein persönliches Recht, ein internatio n al e s Recht, ein M i nd e r h e i ts re ch t. Der Legionär hat g a r kein Recht, nicht einmal ein militärisches. Er hat zu gehorchen und zu arbeiten und zu parieren, wie im Altertum die Sklaven auf den Galeeren. Auf Vergehen gegen, Subordination steht die Todesstrafe, vollzogen durch die eigenen Kameraden, die dabei wiederum von anderen Truppen bewacht werden. Dieirtropische Hitze vernichtet Muskeln und Nerven, und kommt der Tropenwahnsinn zum Ausbruch, so ist man ein ' Rebell, für den man, einem Schuß Pulver als letzte Gabe hat. Legionäre, die sich zusammentaten, um durch die Wüste zu flüchten, haben selten einen andern Hafen erreicht, als den des Todes . . . Des Oefteren aber wird ein ausgedienter, »an Leib und Seele völlig gebrochener Legionär ausgeschaltet, wenn Hände und Füße und auch Gehirn, vollkommen den Dienst versagen, und mit einer letzten Zehrung von einigen Francs glatt auf die cheiße Straße gesetzt. Wir pflegten solche Leute zu bene i d e n. Das Schlimmste war, daß wir, die Freunde, nicht beisammen bleiben konnten. Wir waren so weit auseinandergerissen, daß wir uns in, den acht Jahren kaum einmal sahen. Ich kenne das Schicksal meiner Genossen so wenig, wie sie das meinige. Landsleute oder Freunde werden in der Legion immer weit von einander gehalten, auf die verschiedensten Bataillone verteilt. Das gehört so mit zum System. - Ach wußte, daß unzählige - jüdische Brüder gleich mir unter den Ketten der Legion seufzten und seufzen, Hunderte von verwaisten Gräbern sich im Wüstensande erheben, die man mit einem jiiü dusch e n Gedenkworte hätte versehen müssen. Ich konnte aber die Lebenden nicht sehen.