Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1929)
- Date
- 1929-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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28. Februar 1929 Frankfurt a. M., den 18. Adar 5689 Der Israelit erscheint jLden Donnerstag. Inserate 60 Goldvf. für die fiebengespaltene Nonpareille-Zelle. Monnente« zahlen bet Stellengesuche» und FamUienanzeige« nur 4üPf. Die 75 mm breite Reklaruezeüe r letzte Tertfeite 2 — ML, vorletzte Terlsette 2.50 ML; Thiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt «ach Tarll. Bet laufende« Jnferataufträge« rartfnr. Preiserhöhung *“h£,ri iinrfip&nit. ^nferntp« <m itofime dnrck» de» Abonnement ab Januar 1884: Deutschland 1 Goldmark monallich: Ausland: Bierteltahrpreife (entsprechend dem deutsche» Inlandspreis zuzüglich «oste» des Streifband-Ber» gindes) Deutsch-Österreich: Schilling 6^-; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli rankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5; Holland 2 fl.; Italien ao 1.1.88.18 Lire; Jugoslawien W Din.; Litauen 7.60 LiL; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Pole» 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1.Juli 1827; Dänemark 8.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 8.80 «ron. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. _.... direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 7^«. -Postsparkassenamt Budlwest Nr. 18424. - Zarschau Nr. 180787. - Postscheckamt ZÜNchNr. VIII 7m - Inkasso-Bank Rotterdam - Postscheckamt Amsterdam Nr. 34889 — Böhmische Nnionbankin Prag - . Bhnfc & Co. Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram, — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Jttseratett ftch ergebenden Zahlungsoerp^ichtungen^tst^ruukTUkt^ko^M» Sin bißchen Zukunftsmusik. . Von Dr. Wathan Mrnöaum in ZSertin. Sitzung des großen rabbinischen Rates und Keneffio gedaulo vor der Tür — wahrlich Anlaß genug,- nicht nur, um uns über die voraussichtlichen Tagesordnungen und Ergebnisse Gedanken zu machen, sondern auch um jener fchicksalsvollen Schwere nachzusinnen, die auf uns lastet und uns fast um allen Erfolg unserer Mühe bringt. Jüngst war Gelegenheit genommen, in diesem Blatte* *) von dem einen der beiden Gewichte Zu sprechen, die unsere religiöse Treue, unfern sittlichen Mut und die Würde unseres Daseins knicken, unsere Hoffnungen zermalmen — von der unglückseligen Großstädter- und Händler- Existenz unseres Volkes. Das zweite dieser Gewichte ist die Zerrüttung und Zerklüftung des gesamtjüdischen Lebens durch den Drang von Einzelnen und Gemeinden nach unbegrenzter, eigenbrödlerischer .Selbstverwaltung des religiösen Gutes und vor allem durch die Disharmonie in Temperament Stimmung und Auffassung, die zwischen den im Zuge der jüdischen Wa-nderungs- und Geistesgeschichte entstandenen Gruppen — auch im Lager der Ueberlieferungstreuen, ja in diesem erst recht — herrscht. Es ist ja wahr, daß wir im: tiefsten Grunde alle eines Willens sind, und es ist schön, diesen Willen gelegentlich zu demonstrieren, auch nützlich, solche Gelegenheiten herbeizuführen. Mein, es ist weder wahr, noch schön, noch nützlich, wenn wir uns stets nicht eingestehen, daß unsere Einheit in Wollen zu blaß-prinzipienhaft. ist, um eine Einheit in wollender Tat zn erzeugen, und baß Demonstration, wenn nicht greifbare Tatsächlichkeit^ hinter ihr steckt, nicht auf lange wirkt. Es ist 'leichtsinmg, Erfahrungen, die jeder Tag der Arbeit für das unverfälschte Judentum bringt, nicht zu.beachten; sich z. B. nicht erinnern zu wollen, wie sehr die rabbinische Rechtsprechung sogar hi benachbarten Orten variiert; sich nicht vor Augen zu halten, wie oftgroße Klal-Jisroel- Aufgaben nicht gründlich oder gar nicht durchgeführt werden konnten, weil irgend eine Gruppe nicht recht mitmachte undauf sie besondere Rück- Wt genommen, werden mußte; nicht bemerken zst chüllech' es aus lauter UnsUmmigkeiten y.f, i.i.i v . ' *) Siehe meinen, AlrtikA , Zur Sabbat-Aktion" in Nr. 61 des vor. Iährg. i! , nicht zu einer gemeinsamen Arbeit für einen seelisch-sittlichen Aufschwung des jüdischen Menschen kommen kann. Es ist leichtsinnig, sich unter solchen Umstanden nicht jeden Augenblick quälerisch zu fragen: Wie soll aus diesen ungleichartigen, ihrem Sondertrotz überlassenen und ihn pflegenden Menschen, Lagern, Gruppen eine in sich einheitliche Tat, mehr noch — weil mehr nötig ist — das ganze große einheitliche Siegeswerk des gesetzestreuen Judentums erwachsen? Man könnte ja, insbesondere hinsichtlich der Gruppengegensätze, einwenden, daß ja auch der Zionismus unter dem gleichen Verhängnis der Zerklüftetheit des jüdischen Volkes zu leiden Habe und dennoch schon viel wirkte Und Manches erreichte. Nun, die Frage seiner Erfolge, die nicht hierher gehört, bei Seite gelassen — ist ihm dieses Verhängnis wirklich so gefährlich wie uns? Ist es ihm überhaupt noch dasselbe.Verhängnis? Gewiß, auch er hat es nicht so leicht, gegen die Spannungen innerhalb des jüdischen Volkes.aufzukommen. Aber da er nicht Wesens-, sondern gesinnungs- und zielnational ist, da das wesentlich Jüdische, wie es eben seit Jahrtausenden ist^ seiner freigeistigen Mehrheit für nichts gilt und bei der frommen Minderheit durch die Zielformel verdunkelt wird, hat diese Zielformel Kraft genug, um die aus den verschiedenen Gruppen ihm Zuströmenden zu einer entschlossenen Arbeitseinheit zusammenzuschweißen, die — von den Gruppencharakteren im Ganzen und Großen nur im Methodischen! und Technischen ausgehalten — sie schließlich überwindet. Wir aber leben nicht vom Ziele, sondern vom Wesen. Wir haben keine Decke von Zieleinheit, und brauchen sie auch nicht, um eine Wesensblöße damit zu bedecken. Dafür ist jedoch jede Störung, jede Hemmung unserer Einheit eine Störung und Hemmung unseres Wesens selbst, verlangsamt nicht bloß, wie bei den Anderen, das Vorwärtskommen, sondern lähmt uns schon im Ausgangspunkte. Im Eifer unseres guten Willens merken wirs nicht; glauben wir schon vereint zu schlagen und haben uns doch nur „vereint" nicht von der Stelle gerührt; sind wir stolz darauf, die Einigung verschiedener Gruppen der Ueberlieferungstreuen, die sich früher maßlos befehdeten, zustande gebracht zu haben, und sehen nicht, daß diese Gegensätze nur ruhen, weil wir stille stehen,, und daß wir stille stehen, vor jeder, großen Entscheidung und Aufgabe uns drücken müssen, weil wir. uneingestaudenermaßen fürchten, die Gegensätze kannten wieder auf einander losfahren, und weil wir unsere Ohnmacht, sie zu fruchtbarem Einklang zu bändigen, fühlen. Darum: So wie die jetzt nur in engen Grenzen mögliche Sabbat-Aktion uns an eine notwendige Sabbat-Aktion größten Stiles, an die Verländlichung großer Teile unseres Volkes, erinnern soll, gerade so sollen uns die ersten Abschlagszahlungen an die Idee der gegliederten Vereinheitlichung unseres Volkes im Namen der Thoratreue — die Keneffio gedaulo und die Sitzung des. großen rabbinischen Rates — all die Aufgabe der völligen Erfüllung dieser Idee gemahnen. Wenn unlängst eine Notiz durch die Presse ging, daß eine Versammlung amerikanischer orthodoxer Rabbiner zwei Resolutionen faßte: die eine; daß die christlichen Kirchen dazu zu bringen wären, statt des Sonntags den alten Sabbat als Ruhetag einzuführen; die andere,'daß auf Grund demokratischer Wahlen (!) ein Synhedrion errichtet werde —1 so spricht selbst aus diesen ins Groteske geratenen. Beschlüssen die geheime drängende Sehnsucht des Volkes nach mehr als Augenblickstat, nach Schaffung von Verhältnissen, die der Sabbatentweihung sozusagen automatisch, einen Riegel vorschieben, ebenso wie nach endlicher undendgiltiger Beseitigung des heillosen Zustandes von Ungeordnetheit, Ungegliedertheit, Nichtzusammengefaßtheit, in dem sich die Knesses Jisroel, die diesen Namen jetzt gar nicht verdient, befindet. Diese geheime drängende Stimme des Gottesvolkes muß endlich in ihrem reinen vollen Klange, klar und unverworren Hervorbrechen. Riesengroß muß sich in der gesetzestreuen Judenheit der Gedanke aufrecken: Kein Aufwärtsschreiten, ehe es nicht wieder eine über g a n z I s r a e l h i n w i r k e n d e , instan - zenmähig. gestufte Autorität gibt, welche die Einheitlichkeit der rabbinischen Rechtsprechung sichert, d i e Gruppe ngei st er dahin bringt, daß sie sich der großen Einheit unterwerfen, und das Volk der geschriebenen und m ü n d l i ch überlieferten Thora nachinnen und außen repräsentiert!*) Keine Bürgschaft des endlichen Sieges jüdischen Lebens, bis dieses Volk nicht wieder in feste Form gefügt und an sie gewöhnt, ehe es nicht wieder zu einer wahren Kn esse s Jisroel geworden ist. -Und wenn sich *1 Siehe meinen Aussatz ..Die jüdische Allgemeinde" im 'Israelit" vom 29. Januar 1926 (Beilage .Blätter") und alle meine Schriften seit 191?.