Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1929)
- Date
- 1929-02-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Rabbiner Samson Raphael Hirsch und die Gegenwart. Rede anläßlich des 40. Jahrzeitstages. Don Rabbiner Dr. Zutins Werzvach-Aarmstadl. (Fortsetzung). Und was von den a l lg e m einen Gr UN dlagen des Judentums gilt, das Litt auch von seiner Erklärung der E i n z e l f o r d e r u n g e n des Judentums, von dem Sinn der Mizwaus, dem Geiste der Tauroh, den Hirsch uns aufgedeckt. Was ist der Sinn-jedes einzelnen Gotteswortes, was sagt uns jede Pflicht? Wie fördert sie unsere Seele auf dem Weg zur Vervollkommnung, so fragte Hirsch; so forschte er, und so drang er tief, tief ein in den Geist des Judentums. Seine Gedanken begegneten sich mit den Gedanken unserer selbsttätig sie sich erarbeitend (denn nur durch Erarbeitung werden ihre Worte verstanden) wurden, ihre Gedanken zu den seinen. Kusari des Jehudah Htlevi, Ramban und Sefer Hachinnuch, er traf sich mit ihnen; weiter noch ging forschend und denkend sein genialer Geist über sie hinaus, und ein ganzes, geschlossenes Gebäude vollkommen in ällen seinen Teilen erstand in seinen Schriften: der Geist des Judentums in seinen Mizwaus ward durch ihn uns lebendig. Wen packte sie nicht, die Klarheit und Geschlossenheit, die Geistestiefe und Vollkommenheit seiner Gedanken! rnarr rnai s'ia^ als Worte der Wahrheit empfindet, man sie, Gedanken von Gottes Gedanken sind es, Geist von wahrhaft jüdischem Geist; waren es damals und sind es noch heute und bleiben es für immer, denn nicht hört Wahrheit auf, nach vier Jahrzehnten Wahrheit zü sein. Keiner, der erkennen will, was Gott ihn lehrt, kann noch bis heute vorübergehen an den Schätzen, die er uns aufgedeckt. Ja, kann solcher Ideenreichtum,überhaupt vergänglich sein? Er, der ja nur geschöpft aus den ewigen Worten der Tauroh, aus Sprüchen der Weisen, der den Kern, den sie verhüllten, nur aufgedeckt und ihrer Worte tiefsten Sinn erst enthüllt hat. man ewige Weisheitstat Hirschs war dieses Forschen gewesen. Aber auf man folgt nra». und nicht glaube unser Geschlecht, daß alle Fragen gelöst seien, daß es ihm nicht obliege, weiterzuforschen, weiter zu schaffen auf dem Grund, den Hirsch gebaut hat. Versündigung an seinem Geiste wäre es, glaubten wir, in Bequemlichkeit ruhen zu dürfen, meinten wir, nicht neue Aufgaben auch auf diesem Gebiete enthüllten sich unserer Gegenwart. So wie man niemals sagen kann, man habe den letzten Sinn eines Taurohverses erfaßt, so wie es d a gilt, immer tiefer zu forschen, so auch beim Sinn der Mizwaus, niemals hat ihre letzte Bedeutung der Mensch begriffen. So wie dort Titn um 'Töt 'ütpd neben einander laufen und in einander laufen-: klarster Wortsinn und leiseste Hindeutung, tiefstes Erklären des Sinns des Gotteswortes und geheimnisdurchwobenes letztes Begreifen, und alles Wahrheit ist, keines das andere ausschließend und a l l es ist Taurohwort und liegt in ihm; so auch bei jeder Mizwoh mm*? a^a am neundundvierzigsach ist das Antlitz unserer heiligen Tauro". Nach dem Wesen ihrer Worte weiter zu forschen, ist die Ausgabe einer jeden Gegenwart. Die für den Menschen wichtigste, die für sein Leben bedeutungsvollste, die G e i st e s bedeutung der Mizwaus, wie sie unsre Seele zur Vollkommenheit erziehen sollen. S. R. Hirsch hat sie uns aufgezeigt; und da die Tauro Erziehung uns sein soll, hat so die wesentlichste Aufgabe er gelöst, und für ewig gelöst, und nur Kleinarbeit ist hier noch zu leisten. Aber dem Wesen der Gegenwart entspricht er, nicht bei der gedanklichen Bedeutung der Mizwaus, so wahr und erschöpfend sie ist, stehen zu bleiben. Wahrheit, absolute Wahrheit verlangt unsere Zeit. Ob nicht auch der absolute Wahrheitsgehalt jeder Wizwoh Beachtung finden muh? Ob nicht, um ein Beispiel zu bringen, un,mn ma und mm mo und und Innta und alles, was wir „heilige Dinge" nennen, mit dem Begriff der wnpaw anai belegen, ob es nicht durch feine innige Verbundenheit mit Gott, dem Urquell alles Seins, eigene von Menschenerziehung und Menschengeist unabhängige Bedeutung hat? Ob nicht, ein anderes Beispiel, gerade das im Menschen im Unterbewußtsein schlummernde Tier, von dem unsere' Gegenwart so viel zu erzählen weiß und das doch nicht viel Anderes ist als die selbständige Urkraft des jnn -nr-' ob es nicht direkte Bändigung durch die Mizwoh erfährt? So wie ja auch Harsch selbst die Speiseverbote als Schutz der Seele vor direkter, dem menschlichen Verstand verhüllter Stärkung der Kräfte der Unreinheit begreift. Wir täten Hirschs Gedankenwelt unrecht, wenn wir stehen blieben und glaubten, daß nicht auch unser Geschlecht seine Fragen habe. Und noch ein anderes scheint unsere Aufgabe: Hirschs großes Werk war es gewesen, daß er nach dem Sinn jeden Wortes -der Schriften fragte, nach dem „warum" forschte. Was er meisterhaft für anaaw mm getan, uns bleibt es für ns f?yaw .mm die mündliche Lehre, zu ergänzen. Kein Wort des T a lm u d sei, wo wir nicht nach dem Warum fragen, nach den Gründen, nach dem tiefsten Sinn forschen, suchen wie in den kurzen Meinungen der a'XTm die verschiedenen Seiten letzten Verstehens der Mizwaus zutage treten, wie jeder Ausspruch in das tiefste Wesen der Dinge eindringt, wenn auch uns Schaß nur kurz die praktischen Auswirkungen vor Augen hält; danach ut forschen scheint unsere Pflicht, ob im Ausbruch der Halachah der Talmud uns Richt- 'chnur des Lebens gibt, ob er .im Worte der hagadah uns tiefste Weltanschauung lehrt. Heißt dies aber anders als mm im edelsten Sinn? Aber nun nicht nur im Lernen die Worte des Talmud als letzte Gegebenheit hinnehmen, auf ihnen aufbaue-nd zu fußen, zu tragen und zu erwidern, zu klären und zu sinnen, sondern sie s e l b st erst in ihrer tiefsten Bedeutung erklären! Wie ein firn der letzten Zeit es sagte, „nicht sich a u f die Kmx zu stellen; h inte r die maj zu stellen, ist unsere Aufgabe". Das muß uns Lernmethodik kein,, wenn wir Hirschs Gedanken, weiter begreifen und ausbauen: zu lernen, die letzten rrnav zu finden, nach den tiefsten Gedanken zu forschen, das innerste Verstehen jeder Vorschrift zu erreichen, das fei unser Ziel! Hirsch hat, dies war sein großartiges Werk, seiner Zeit anaaw mm näher gebracht, gezeigt, daß nicht leere Formen, nicht inhaltlose Zeremonien, daß deren tiefste innersteHandlungen die 613 Mizwaus sind. Laßt uns unjerer Gegenwart den Weg zum Talmud wieder bahnen: laßt uns zeigen, daß seine Fragen und Antworten nicht nur bloßes, wenn auch tiefstes Verstandesspiel, nicht nur geistdurchtränkte, scharfsinnige Auseinandersetzungen über das Gotteswort sind, sondern das in rrani "a« nr>nn letztes Verstehen uns entgegentritt, daß jede Frage und Antwort aus tiefstem Erfassen des Sinnes der Mizwaus sich fast zwangsläufig ergibt, wenn nach dem Urgrund des Themas man forscht. Unserer Zeit könnten w ir den Talmud erschließen, so wie Hirsch seiner Zeit die T a u r o h geöffnet hat. Das wäre eine Aufgabe, würdig unserer Gegenwart. Hier könnte nra sich bewähren, auf Hirschs man aufbauend. (Fortsetzung folgt.) Die U)oche.j Maximilian Michel Im Alter von 77 Jahren trugen wir am letzten Freitag mittag Max. Michel aus dem Friedhof der Israelitischen Religionsgesellschaft lautlos, wie es die schon vom Sabbat verklärte Stunde gebot, zur letzten Ruhe hinaus. Mit Michel geht ein Stück guten jüdischen Frankfurts dahin. Man wird seinen Namen nennen, so lange man von den großen Rabbinern, der ersten Glanzzeit und der Entwicklung unserer Kehila sprechen wird. Ein Sohn von Lehmann Michel V":st trat er als Kind in die. von S. R. Hirsch neu gegründete Schule ein, saß zu seinen Füßen und später zu denen seines großen Sohnes Direktor Mendel Hirsch r'vr und er bewahrte sein Leben lang eine Liebe und Verehrung für diese großen Meister und die Gestalter auch seines menschlichen und jüdischen Seins, die sich bei jeder Gelegenheit in rührender und ergreifender Weise zeigte. Ein guter min p und wohlvertraut mit dem alten Schrifttum, vertiefte er sich in die Werke von Rabbiner und Direktor Hirsch und erwarb sie sich in geistigem Schaffen, um sie zu besitzen. Das befähigte ihn, zuweilen auch lehrend hervorzutreten. Die Vereine „Mekor Chajim", zu dessen Begründern er gehörte und der früher diesem angeschlossene Literaturverein „Nachlath Aewi"^ boten ihm oft genug die Gelegenheit dazu. Wie konnte er früher im Rahmen des letzteren Vereines bei geselligen Veranstaltungen so jung unter den Jungen sein! Im Vereine „Liwjath Chen", der ihm eine Basis für die Ausübung von na« iv rr»? war, vertrat er oft Professor Sulzbach > sr beim Vorlernen in Trauer» hau,ern und es war ihm wahres Herzensbedürfnis, aus seines Wissens reichem Schatz den Balsam des Trostes in die wunden Herzen zu träufeln. Das soll ihm unvergessen bleiben. Beispielgebend war die Art, mit der er sich an des Judentums zweiten Grundpfeiler, „Awaudo", klammerte. Ein vortrefflicher Vorbeter, vertraut wie kaum einer mit dem Frankfurter Nigun und Minhag, mit einer Andacht, die aus einer tiefsten jüdischen Seele quoll, war er der gegebene Dolmetsch seiner Gemeinde vor dem Höchsten. So durfte er jahrelang im Vethause des Barons Wilhelm von Rothschild, auch später noch nach dem Tode des Barons, Tag für Tag, Sabbat für Sabbat und an Festtagen vor dem Omud stehen. Nichts aus Leben und Umwelt konnte sich trübend in diese reine Andachtsslamme mischen. Es kam der Krieg und brachte auch dem alternden Manne den größten