Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1929)
- Date
- 1929-02-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450553--75719-2533256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Nr. 6 Der Isr a e l i r . 7, FMM 192» Und nun nöch eine Legende: Wir wissen, daß in Minsk damnls mindestens jährlich einmal ein großer Brand ausbrach und viele Häuser vermchtete. Es war die Strafe dafür, daß sie den großen Rabbi „Schaagat Arje" mit Schimpf und Schmach aus der Stadt ziehen ließen. Es ruhte des Rabbi Fluch auf den Judenstraßen von Minsk. Die Administration hielt aber nicht viel von diesem Fluche um-d suchte eifrig nach dem Brandstifter. Da wollte das Unglück, daß im Hause eines armen Melameds auf dem Türkenberg Feuer ausbrach. Der Melamed suchte, so ungeschickt er war, zu löschen. Da kam die Polizei, fand den Armen im brennenden-Hause und verhaftete ihn als den langgesuchten Brandstifter. Alle seine Beteuerungen, daß er unschuldig sei, daß er im Gegenteil den Brand löschen wollte, halfen nichts. Sechs angesehene nichtjüdische Bürger, darunter der Polizeimeister selbst, sagten unter ihrem Eide aus, daß sie den Juden bei der Brandlegung antrasen. Das genügte . Die Stimmung war damals ohnehin sehr scharf gegen die Juden. Der arme Melamed wurde nach kurzem Prozeß zum Tode durch Erschießen verurteilt. Eine ungeheure Aufregung bmeächtigte sich der gar.zen Judengemeinde von Minsk. „Was heißt das, einen Juden unschuldig erschießen? Wo ist Rabbi Gerschom Tanchum? Wo bleibt sein Freund Rothschild, aus dessen Wort doch auch der Zar selbst etwas gab?" Sofort lieh der Minsk er Raw anspannen und fuhr mit den besten Postpferden, die er erlangen konnte, direkt und ohnie Aufenthalt nach Frankfurt. Traf es sich gerade, daß der Zar Nikolaus in Frankfurt weilte und selbstverständlich im Palais von Rothschild Wohnung nahm. Es versteht sich von selbst, daß der Barwn, sobald er vom Rabbi die Sache erfahren hatte, keine Minute zögerte und alles haarklein dem Zaren unterbreitete. Sogleich ging eine Depesche nach Minsk ab. Und es kam umgehend die Antwort: So und so fei es. Der Jude sei der Brandstifter. Sechs Bürger, darunter der Polizeimeister selbst, bezeugen es unter ihrem Eide. Da kam der Zar einigermaßen in Verlegenheit. Was tun? Die Bitte eines Rothschild abschlagen, war nicht ratsam. Auf der anderen Seite war aber das Urteil vom Gericht gefällt, auf Grund einer eidlichen Aussage der Minsker Bürger und Behörden. Es ging nicht ohne weiteres an, daß er, der Kaiser, sie alle Lügemi strafst und einzig dem jüdischen Rabbi glauben sollte. Da traf Nikolaus eine salomonische Entscheidung. Die Hinrichtung wird aufgehoben, dagegen soll der Jude nach Sibirien verbannt werden. Nach zwei Jahren erhielt der Minsker Raw einen Brief aus Sibirien mit einer großen Geldspende für die Armen. In diesem Briefe teilte der Melamed mit, daß die Verbannung ihm zum großen Glücke gereichte. Er wurde Großkausmann und es gehe ihm dort so glänzend, daß er wünschte, allen Juden ginge es nicht schlechter. — Das alles und viel mehr noch dankte man dem Freundschaftsverhältnis zwischen Rabbi Gerschom Tanchum in Minsk m'd Baron Rothschild in Frankfurt. Paul Nathan bei Witte und Stolypin. Der angesehene deutsche Publizist Dr. Ernst Feder berichtet unter dem Titel „Politik und Humanität" über die Rußland-Reife, die Paul Nathan zur Zeit der Pogrome in Kischinew, Hömel und Odessa unternommen hat, und über Nathans Begegnung ' mit den Minist-erpräsidenien Witte und Stolypin. Nachstehend einige Auszüge: „. . . Schon im Jahre 1903 war eine furchtbare Not zu bekämpfen. Während der griechischen Osterfeiertage überfiel, unter Duldung der zaristischen Behörden, der Pöbel die Juden von Kischinew. Im selben Jahre folgten die Krawalle in Hömel. Biele Juden wurden getötet, zahllose ausgeplündert. - Der Hrlfsvebein ' griff ein. Neben die Hilfe des Augenblicks trat die vorbeugende Fürsorge: Die furchtbaren- Erlebnisse dieses Jahres führten zu einem Anfchwellen der Auswanderung. Die" bisher planlose Emigration würde jetzt durch die Energie und das Organisationstalent Nathans in -ein System gebracht. Das Zentralbüro war in Berlin: Mit ihm. standen zahlreiche Zweigbüros, Zweigstellen, Kontrollstationen, Registrierftationen in Verbindung. An der deutschen Ostgrenze, in Ostpreußen, Westpreußen und Posen, wurden Schutzkomitees gegründet. Bon ihnen wurden die russischen Emigranten empfangen und auf der Fahrt nach den Hafenstädten begleitet, um dann in Hamburg und Bremen gemäß besonderen Abmachungen mit den Schiffahrtgsesellschaften nach Amerika befördert zu werden. Es war ein großes Werk praktischer Menschenliebe, das in zehn Jahren von, 1914 bis 1923 - fast' zwe-ihunderttaufend Auswanderer durch Deutschland geführt, weitere Hunderttausende in anderen Formen unterstützt hat. Als die russische Revolution von 1905 ausbrach, war nach allen bisherigen Erfahrungen anzunehmen, daß man den Versuch machen würde, sie im Blut der russischen Juden zu ersticken. Deshalb entschloß sich Nathan, persönlich nach Rußland zu gehen, um mit den maßgebenden Ministern Auge in Auge zu verhandeln. Vorher hatte er in London eine Unterredung mit Lord Rothschild, Sir Claude Montefiore und Sir Samuel Montag», .mit denen er seine Pläne besprach. In Rußland blieb er drei' Wochen und besuchte Petersburg, Moskau. Kiew und Odessa. Die erste Konferenz mit Witte fand am 22. November 1905 statt. Hochgewachsen, fast unbeholfen in seinem Gliederbau, abgearbeitet, trat der russische Ministerpräsident zunächst sehr kühll diesem deutschen Privatmann gegenüber, der in innerrussische Verhältnisse hinemreden wollte. Er erwärmte sich rasch, als er erkannte, wie klug und klar fein Gegenüber die Fragen der Humanität und der Gerechtigkeit mit den wirklichen politischen Interessen Rußlands zu verbinden verstand. Im folgenden Jahre geht Paul Nathan wieder auf zwei Monate nach Rußland. Die revolutionäre Bewegung hält an. Der Parteitag der Kadetten (Konstitutionelle Demokraten) wird verboten. Witte ist gestürzt, die Duma gefährdet. Das offizielle Organ des neuen Ministerpräsidenten Stolypin hetzt gegen die Juden. Im Juli 1906 kommtes zu Pogromen in Odessa, die von. den Matrosen niedergeschlagen werden. Am 20. August 1906 hat Nathan -eine Unterredung mit Stolypin. und zwar auf der Apothekerinsel bei Petersburg. auf der die „Datsche" des Ministerpräsidenten liegt. Nathan betont, er habe als Ausländer kein Recht, namens der russischen Juden zu sprechen. Er könne nur die Auffassung des Auslandes wiedergeben. Stolypin sagte gerade heraus, die früheren Regierungen hätten 'in der Behandlung den Judenfrage unglaubliche Torheiten gemacht. Es fei ganz selbstverständlich, daß eine volle Emanzipation erfolgen müsse. Das könne aber nur langsam geschehen. Mit Hilfe der Duma. Nathan: „Aber sonst geschehen doch einschneidende Maßregeln ohne die Duma. Es handelt sich hier um drängende Forderungen der Gerechtigkeit." Stolnvin: „Ich verfahre durchaus nach Recht und Gerechtigkeit." Nathan weist demgegenüber aus die Pogrome hm. Stolypin: „Das ist kein Beweis, daß die Regierung den Juden keine Gerechtigkeit widerfahren läßt." Natt an: „Die öffentliche Meinung der zwi-lisierien Welt ist davon überzeugt, daß die Juden keine Gerechtigkeit finden." Stolypin: „Wo mir ein Fall mitgeteilt wird, schaffe ich Remedur." Der russische Ministerpräsident skizziert dann die einzelnen Maßnahmen, die Nathan mit dem Finanzminister Kokowzow besprechen soll. Es handelt sich um fünf Punkte: 1. Erlaubnis zum Aufenthalt auf dem Lande, 2. Zulassung zu Direktorstellen, 3. Aufhebung der Beschränkungen für die privilegierten Kaufle-ute, 4. Zulassung zum Branntweinausschank. 5. Genehmigung eigener Schulen. Stolypin bittet seinen Besucher um eine schriftliche Aufzeichnung, ein Wunsch, den dieser überhört, um sich nicht zu binden. Zwei Tage darauf hat er die Unterredung mit dem Finanzminister Kokowzow, einem kühlen Bürokraten, der die Unterhaltung in einem ausgezeichneten Deutsch führt. Er ist sehr verstimmt, als Nathan präzise Anklagen erhebt. die die Mitschuld der Negierung beweisen, und auf die er nichts erwidern kann. Die abschließende Unterredung mit dem Ministerpräsidenten findet nach zwei weiteren Tagen statt. Stolnpln. abgespannt und schwer bedrückt, gibt zu. daß die Regierung mit einer Verschärfung der revolutionären Unruhen rechne. Witte werde man aber nicht zurückrufen. er sei bei Hof unbeliebt. Stolypin fragt schließlich nach der Aufzeichnung. Als Nathan erklärt, er habe keine mitgebracht, nimmt das Interesse an der Besprechung sichtlich ab. Stolypin hatte offenbar selbst die Empfindung, daß der Boden, auf dem sie sich bewegten, unterminiert sei. Sein Gefühl war berechtigt — in jedem Sinne. Das Landhaus, in dem sie'das Gespräch hatten, flog zwölf Stunden später in die Luft. Stolypin selbst war nicht anwesend, seine Kinder und zahlreiche andere Personen wurden schwer verletzt. i Erneuern Sfe sofort* beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ £für deti Monat März l Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis-davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G. m. b, H., Frankfurt a.M. rvoa-enratenoer. v. 9. bis 16. Febr. 1929 / v. 29. Schebat bis F. Adar 5889. Samstag j9 29, Sonntag 10 30 Montag In *118 1 vienstag Febr 12 2 Mittwoch 13 3 Donnerstag 14 4 Freitag 15 5 Samstag 16 6 Mauled Samstag vorm. 1* Uhr 44 M. cnn «mir 'k oi' " '3 " nn-nn JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN UNGESIRASSE7 IEL. HANSA 4641 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 N O N C E N EINZIGE INSERATEN-ANNAHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS INSERATE DES »ISRAELIT« u R O!♦ AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VON DRUCKSACHEN HANDELSGESCHÄFTE. PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK Bad Mergentheim. Die von Jahr zu Jahr gewaltig zunehmende Frequenz (mit der Saison 1928 wurde das D r e i ne i n h a lb fa che der höchsten Borkriegszahl erreicht!) macht den ständigen Ausbau der Unterbringungsmöglichkeiten nötig. Jedes Jahr entstehen weitere Hotelbauten, Sanatorien und Pensionen. Auch während des diesjährigen Winters ist eine große Anzahl Neu- und Erweiterungsbauten vorgenommen worden, so daß Bad Mergentheim in jeder Beziehung für die Saison 1929 gerüstet ist. Die am 20. Februar öffnende bekannte Kuranstalt Hohenlohe (Direktion W. Maier) hat ebenfalls Verbesserungen vorgenommen und besitzt mehr Raum zur Unterbringung als - bisher. Qualitäts- Moritz Wolf Zigarren__ ^.LLL ibeiantroorUtdj für oen allgemeinen Teil und do» Atu lleko« SSchach nowiH, Frankfurt a: M.; Inserate r.B:S.Schach- ' owttz, ebenda. Für die pädagogische Betlage: Lehrer L. Kaufmann ln Sprendlingen (Kt. Offenbach). — Verlas .Äsraeltt". T. m.b. H.. Fraukfurt a.M. — Druck iSeruro» Berlägs» Attteugesellschäst, Frankfurt a. M.