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Der Israelit · 1929-02-07 · Heft 6 (7.2.1929) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 6 (7.2.1929)
Date
1929-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Prinz und sein Opsergang. Eine tragische Geschichte nach alten Urkunden. . (Schluß.) Rabbi Jzchok Eisik sah nach einigem Nachdenken und Sichbefragen bei den alten Schriften die von Gott gesponnenen inneren Fäden der Begebenheit. Der Prinz, daran konnte man nicht zweifeln, war von der Vorsehungzu großen Aufgaben erkoren, und seine Tochter dazu auserwählt, das Gotteswerk zu vollführen. Da durfte er, der alte Rabbi, nicht Rein sagen. Er segnete ihren Bund und unter allen nötigen Vorsichtsmaßregeln schrieb man noch am gleichen! Abend die Verlobungsurkunde. Rach zwei Monaten sollte die Hochzeit stattfinden. Das ganze Ghetto lebte in Jubel. Ob sich Denunzianten in der Gaffe befanden, ob die Menschen im Hof und in der Stadt von selbst etwas witterten? Kurz, die Fürstin erfuhr, daß ihr Sohnnoch lebe, zurückgekehrt sei und sich im Ghetto unter den Juden befinde. Just im Momente, da im Schulhofe der Trauhimmel aufgestellt war, darunter das Brautpaar in Anwesenheit der ganzen Gemeinde des Vaters Segen erhalten sollte, standen, wie aus der finsteren Erde gestampft, die Fürstin mit ihren Soldaten im Hofe vor dem feierlichen Äufzuge. Staunen und Angst ergriffen die Menschen und Viele jagten davon. Der Rabbi aber ließ sich nicht irre machen und führte den Trauungsakt ruhig zu Ende. Die Fürstin, die wohl bisher das ganze Gerede für ein Märchen hielt, eine Ausgeburt der Phantasie, wie sie seit dem Verschwinden, ihres Sohnes die merkwürdigsten wilden Blüten trieb, sah den Bräutigam mit durchdringenden Blicken an, einmal und noch einmal. Da stieß sie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Die Mutter hatte ihr Kind erkannt. Ein Mutterauge läßt sich nicht trüben und trügen. Man hatte die Fürstin zum Leben geweckt und wollte sie heimführen. Aber sie weigerte sich, den Platz zu verlassen und schrie nur immer und immer wieder: „Emmerich, mein Sohn! Wo und wie bist du! Komme, Emmerich, in die Arme deiner Mutter!" '' Der Prinz sah zu der weinenden Frau gar nicht hin.. In der allgemeinen Verwirrung gelang es dem Rabbi, Tochter und Schwiegersohn nach sich zu ziehen und in einem Verstecke unterzubringen. Die Zuschauer waren eiligst davMgelaufen. Der Platz, der noch vor wenigen Minuten von Sang und Klang und Harfenspiel widerhallte, lag tot da, wie nach einer verlorenen Schlacht. Die Fürstin kehrte wutschnaubend nach ihrem Palaste zurück und machte gleich ihre Soldaten gegen das Ghetto mobil. Der Rabbi beschwor Emmerich, sich irgendwohin zu retten. Er aber lehnte es ab, sich selber zu retten, indes andere Menschen großer Gefahr ausgesetzt waren. Auch hoffte er immer noch, die Fürstin würde sich belehren lassen, daß ihre Meinung auf einem Irrtum beruhe, daß er nicht der wahre Emmerich sei. So wenig fühlte er sich noch mit seiner Vergangenheit verbunden, daß er hoffte, die Verwandlung müßte auch von anderen empfunden und anerkannt werden. Noch am gleichen Tage wanderte der Rabbi mit seiner ganzen Familie mitsamt vielen anderen Juden, in schwere Ketten geschmiedet, in das dunkle Gefängnis. Den Jüngling ließ aber die Fürstin zu sich bringen, und hieß alle aus dem Zimmer gehen. Mit chm allein, warf sie sich ihm um den Hals und fkchte: „Erkenne mich doch, Emmerich, erkenne Deine Mutter!" Emmerich blieb aber fest und unerschütterlich bei seiner Aussage, daß er sie gar nicht kenne und mit dem Prinzen Emmerich gar nichts gemein hätte. Er wurde ins Gefängnis gesetzt. Zunächst versuchte die Fürstin, ihm das Gefängnisleben so angenehm wie möglich zu gestalten, ihn im Guten für sich und seine fürstliche Aufgabe wieder zu gewinnen. Als die Wirkung ausblieb, versuchte man es mit der Folter. Aber weder das gütliche Zureden, noch die Marterwerkzeuge vermochten, ihn anderen Sinnes zu stimmen oder ihm ein Geständnis abzugewinnen. Die Fürstin sagte, nur ein Zauberwerk koininte ihr dieses Unheil bringen, und die Hexe, die ihn verzauberte, daß er nun Mutter und Abstammung verleugnete, war keine andere, als das Judenmädel. Mit ihm und ihrer Sippe wollte sie nachher schon richtig abrechnen, erst wenn sie den Sohn selber wieder hatte oder vollkommen verloren geben mußte. Im schwachen Momente, als alle Versuche versagten, lieferte sie den Sohn in unermeßlicher Zornaufwallung der Inquisition aus. Damit war der Schritt getan, den sie selber nicht mehr so leicht rückgängig machen konnte. Die Inquisition warf sich aus ihr Opfer, und schon nach wemgen Stunden war der frühere Prinz zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Emmerich verzog keine Miene. Stolzen Hauptes, glücklich und zufrieden, trat er den letzten Gang an, da die Glocken läuteten, die Geistlichkeit in vollem Ornate versammelt war, das Volk raste und die Flammen züngelten. Nun aber, da die Flammenzungen den wehrlosen Körper umfingen, stürzte die Fürstin herbei, so daß man sie mit Gewalt Zurückhalten mußte, daß sie nicht selber von den Flammen erfaßt wurde. Ihr Mutterherz hatte sich geregt, im entscheidenden Augenblick. Sie schrie und jammerte, sie wollte ihr Kind wieder haben, Christ oder Jude, oder was er auch sei. Ihr Kind sollte man ihr wieder geben. Es war zu spät, dafür hatten schon die frommen Herren der Inquisition gesorgt, daß es zu spät war. Ein leises „Schema Jisroel" stieg mit Rauch und Feuer zum Himmel hinauf. Die Fürstin fiel in Ohnmacht. Von ihrem Sohne war nur noch ein Häuflein Asche da. „Nun die grausige Rache!", schnaubte die Fürstin, als sie wieder zum Leben erwacht war. Me sollten sie im Ghetto mit Stumpf und Stiel aüsgerottet werden. Es mußte erst der schmerzvollste Tod, der langsamste und qualenreichste ausgedacht werden. Rad und Scheiterhaufest genügten nicht, mit glühenden Zangen sollte man sie langsam in Stücke reißen. Am Morgen sollte es geschehen. Das Volk freute sich auf das herrliche Schauspiel, auf das Fest der großen Rache. Es durfte auch nach der Prozedur in die tote Gaffe eindringen und alles Judengut an sich ziehen. q- * * Da geschah es aber, daß in der Nacht vor diesem großen Schauspiele ein Geist der Fürstin im Traume erschienen war. Es war, sie erkannte die Erscheinung gleich, ihr Sohn Emmerich. Er liebkoste sie, wie dermaleinst, als er noch als kleines Kind auf dem Schoße der Mutter war und um etwas bat . Auch jetzt hatte er einen Wunsch. Er beschwor sie, das Dekret gegen die Juden zurückzunehmen, alle Juden aus dem Gefängnis zu befreien und dafür zu sorgen, daß ihnen nichts geschehe. Jeder Tropfen jüdischen Blutes, das vergossen würde, würde an ihr tausendfach geahndet werden. Er aber, der Sohn, liebe noch die Mutter und wolle sie vor schwerem Unheil bewahren. Nr. ö m Am Morgen stand die Fürstin sehr zerschlagen auf. Die Dienerschaft hörte sie in der Nacht viel weinen. Schon in aller Frühe trabten Herolde durch die Gassen, die den höchsten Befehl der Fürstin bekanntgaben, wonach dem« Juden kein Leid an Leib und Leben zugefügt werden dürfe. Wer sich dagegen verfehle, habe sein Leben verwirkt. Bald daraus konnten die gefangenen Juden den Kerker verlassen. Aber die Juden zogen es vor, und die Fürstin sah es gern, daß sie T y r n a u verließen. Nach drei Tagen wanderte die ganze Judengemeinde, an deren Spitze der ergraute Rabbi Jizchok Eisik und seine zarte Tochter, zum Stadttore hinaus. Auf verschiedenen Wegen suchten sie irgendwo eine neue Heimat. Erst nach vielen, vielen Jahren kamen einzelne Juden wieder nach Tyrnau zurück. Was man sich in Minsk von Baron Rothschild erzählt. Rabbi Gerschom Tanchum hieß der große Rabbiner von Minsk, der, wie die Minsker heute noch behaupten, enge Freundschaft mit dem Varon An-selmMeierRothschil d pflegte. Die Freundschaft rührte aus dem jährlichen Sommerausenthalt des Rabbi im Auslande her, wo er täglich mit dem Baron zusammentraf und mit ihm lernte. Als Rabbi Gerschom Tanchum einmal am Sabbat in Frankfurt weilte, lud ihn der Baron nach Schul zum „Kiddusch" ein (unter „Kiddusch" versteht man im Osten., den Morgenimbiß am Sabbat nach dem.Gottesdienste, zu dem auch Gäste eingeladen sind). Es war gerade nach der ersten Bekanntschaft zwischen dem Rabbi uind dem Baron. Mit größter Spannung folgte der Rabbi seinem hohen Gastgeber durch die herrlichen Gänge und Gemächer des Palastes in den Speisesaal. „Nun muß ich doch einmal sehen," dachte der Minsker Raw, „was es bei Rothschilds zum Kiddusch gibt." Mitten im prächtigen Speiseraum, in dem der Rabbi wie gebannt vor all den nie gesehenen Schönheiten der Möbel und Bilder stand, befand sich ein langer eichener Tisch, der wohl schön, aber nicht so übermäßig fürstlich gedeckt war. Darauf stand eine große Weinkaraffe und rund herum silberne Becher für die Familienmitglieder und -Gäste. Jeder Becher stand auf einem Unterteller, der aber, nicht, wie er erwartete, aus Gold, Silber oder Kristall war, sondern wie einfacher Töpferton aussah. Das befremdete den Rabbi gar sehr. Noch mehr verwundert war er, außer dem Weine nichts Eßbares auf dem Tische zu sehen. Nun sprach der Baron, an der Spitze der Tafel, das Kidduschgebet, das alle stehend anhörten. Dann schenkte er alle Becher ein. Alle sagten sie den Segensspruch und tranken. Auch er, Rabbi Gerschom Tanchum. Aber die Frage ging ihm nicht aus dem Sinn: „Wo bleibt der Kuchen? Ist es Brauch irn Hause Rothschild, daß man Kiddusch nur über Wein macht, ohne was dabei zu essen?" Da hörte er, wie der Baron, und nach ihm alle andern, laut den Segensspruch „Bore mine Mesunas" hersagten. „Worauf denn?", wunderte sich der Gast, aber seine Verwunderung wurde noch größer, als nun der Baron den Tonteller unter dem Becher in die Hand nahm und entzweibrach. „Schabbos!", entfuhr es dem Rabbi. „Nichts zu sagen!", lachte der Baron, „macht es nur nach." Und er sah, wie alle ihre „Unterteller" zerbrachen, in den Mund taten und mit großem Appetit verzehrten. Er tat es ebenso und fand, daß der Zuckerkuchen in Tellerform aus der Küche des Baron Rothschild doch noch tausendmal besser schmecke, als die besten Leckereien von Minsk . . .

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