Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1929)
- Date
- 1929-01-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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ST'A Rabbiner Samson Raphael Hirsch und die Gegenwart. Rede anläßlich des 40. Jahrzeitstages. Von Rabbiner Dr. Julius Werzvach-Iarmstadt. Am heutigen Abend sind 40 Jahre verflossen, feit Rabbiner S. R. Hirsch seine rii'Nv rrawj' seine reine Seele nach einem arbeitsreichen Leben in die Hand des Schöpfers zurückgegeben hat, seit er seine klaren Augen als unser aller Meister geschlossen. Unser aller Meister? Ist S. R. Hirsch noch h e u t e unser aller Meister? Ein neues Geschlecht ist in vier Jahrzehnten ausgestanden, das sich wohl vom Vater erzählen ließ, wer S. R. Hirsch gewesen ist, das ihnselbst aber nicht mehr gekannt hat. Mit 40 Jahren erwacht selbst nach dem Ausspruch unserer Weisen nra*? O’ynK p im einzelnen Menschen eine eigene Einsicht. Eine neue Generation steht heute da, die gewiß zu eigenem Denken gekommen. Selbst ein Geschlecht tmnnmnnvr, öas eben noch an der 49. Pforte der Unreinheit in Mizrajims Knechtschaft gestanden hatte, konnte in 40 Jahren verwurzelt werden in Tauroh zum Gottesvolk. W i r sollten nicht anders geworden sein in vier Jahrzehnten? Haben sich doch ganz andere Verhältnisse entwickelt, neue Weltanschauungen wurden geboren, neue Geistesergebnisse gewonnen, alles, Wirtschaftliches, Organisatorisches, Weltanschauliches, alles ist anders geworden. Ist es neue nm oder alte nrn? Ist es neue oder alte Einsicht, die uns eigen? Oder ists vielleicht — und dies wäre das gesündeste — beides zusammen? Denn Binoh bedeutet: "»21 im» *i2T eines aus dem andern folgern, aus der Wahrheit als Grundlage Folgerungen ziehen, auf ihr aufbauen und weiter denken. Schrieb unser Meister ja selbst so über nra : „Nur insofern wahr, als objektiv in dem bereits vorher als Wahrheit Erkannten enthalten; nur insofern neu, als dem Bewußtsein bis dahin nicht gegenwärtig". Und so die Aufgabe des heutigen Abends ein Zwiefaches: zu prüfen, ob die Gedankenwelt S. R. Hirschs ewige Weisheit ist, die auch unserer Generation als Grundlage unserer Einsicht, unseres Weiterschaffens dienen kann, und zu erforschen, wie wir, auf seiner Gedankenrichtung fußend, in Binoh auf Chochmoh gegründet, Neues uns erarbeiten können. * * * In einem jedenfalls ist unsere Zeit ärmer: Nur aus seinen Schriften können wir schöpfen, nicht mehr aus seinem Leben. Wenn die Netteren von Ihnen, die ihn noch gekannt, seine geschriebenen Worte lesen, so macht ihnen der persönliche Eindruck, der in ihrer Erinnerung lebendig ist, das Schriftwort zum gesprochenen; seine flammende Rede hört unser Geschlecht nicht mehr. Ob machtvoller Glanz von seiner Persönlichkeit, von seinen Augen ausging, uns berührt es nicht. Äber in seinem Kusari schreibt Jehuda Halevi: „Wisse: Jeder, der einen Propheten traf, wenn er seine göttlichen Worte hörte, fühlt er einen andern Geist in sich erwachen; eine Seelenreinheit, ein Sehnen nach jenen Höhen, eine Der- Das Ehewroh-Lernen. < V Am Sonntag v2V rt> hielt die Bruderschaft o'-nn p"n ihre niixo in traditioneller Weise ab. Das hier wiedergegebene Bild, das die Menukarte schmückte, zeigt die Chewrohmitglieder beim Sabbatmorgen-Lernen.! wandtheit mit Demut und Lauterkeit, anders als ' bisher entstand in ihm". Ob diese Worte auf seine Reden zutrafen, ich weiß es nicht; aber auf seine Schriften treffen sie zu. Wen reißen sie nicht mit,/ trotz der unserer Zeit so ungewohnten Sprache, der uns fremden Wortfülle und der schwer lesbaren Sätze? Wen reißt sie nicht mit, die Glut seiner Empfindung, die Tiefe seiner rnn* das msnVnn'öie flammende Begeisterung für rmn 'n? Wen packt er nicht bis ins Tiefste der Seele und wer fühlte nicht Reinheit und Lauterkeit, durch seine Worte angeregt, in sich erwachen? Lest den entlegensten, zeitgeborenen Aufsatz in den „Gesammelten Schriften" und diese Empfindung muß in Euch wach werden. Und besonders der suchenden Seele unserer Zeit in ihrer Zerrissenheit, wie sie sich zurückgestoßen fühlt von dem Wirklichkeitstaumel der Gegenwart: eine Befriedes Menschen liegt. Ihm galt es, sich selbst in yan hineinzuversetzen, es in seiner und aus seiner Seele sprechen zu lassen, wie seine Gedanken. S o konnte er aus jedem Wort nn»« schöpfen. Nicht das ist wichtig, ob jede seiner Uebersetzungen oder Erklärungen die einzig mögliche, ob seine geniale Spracherklärung unangreifbar. Das ist das Wesentliche: daß er sich einzufühlen verstand in die göttlichen Gedanken, daß die Grundideen er aufsuchte, daß nach dem Inhalt des scheinbar unbedeutendsten Wortes er forschte; daß für die Fratzen jeder Gegenwart inTenachAntworter suchte. So lehrte er uns Tehillim empfinden, so wurde Jesajas Geist durch ihn uns wach und selbst der Tauroh Wort wurde das in unfern Nöten uns erlösende Wort. Es nehme der, der Tenach noch nicht erkannt, seine Erklärungen zur digung, eine Sehnsucht m ihrem Streben nach Hand, und ungekannte Welten eröffnen sich ihm. Harmonie muß sie empfinden in der Einheit Tiefster Zusammenhang enthüllt sich seinem Blick, und Geschlossenheit seines Weltbildes. Nach der Persönlichkeit drängen die Edlen unserer Zeit, und die Kraft können sie finden an ewige Wahrheit erschließt sich ihm. Seht, wie in den „19 Briefen" oft nur Tenachs Verse aneinandergereiht es sind, die ihm die wesentlichsten seiner machtvollen Persönlichkeit. Ob es die tiefe seiner Gedanken ergeben, die ihn seine grandiose Wahrheit des Erkennens oder die reine allum- Geschichts-Philosophie entwicklen lassen, und die fassende Liebe oder die heilige Schönheit und die höchst lebendigen Antworten auf die Fragen Pracht des jüdischen Lebens betrifft nsnr» rwvrj?; der Gegenwart ihm geben. S 0 müssen w i r mKsnm Dwim wer fände nicht in seinen Worten Tenach begreifen lernen, wenn in Binoh auf Anregung und den Weg, vorwärts, aufseiner Chochmoh wir fußen wollen, wärts zu schreiten; denn nicht nur Begeisterung,! Wohl änderten sich die Zeiten. In der Sprache nicht nur Stolz verlangt seine Weisheit, sondern seiner seiner „Monatsbetrachtungen": Auf Griewir haben an uns zu s ch a f f e n; und finden ja, chenlands Idealismus und Humanismus, auf den sei es im ersten Teil des Chaureb, sei es in den Kampf der Menschheits- und Schönheitsideen ge- Gesammelten Schriften, Gelegenheit genug zur gen das Judentum folgte die weit gefährlichere Tat erziehung. mächtigere Weltlichkeit Roms, fein Realismus * * und sein Materialismus. Damals war die * Frage: Gibt uns das Judentum genug an Ho- Und worin wurzelte Hirschs Kraft? Die Tiefe 'hem, Hehrem, Heiligen und Wahrem? Heute heißt seiner Empfindung, die Kraft seiner Persönlichdie Frage anders: Gibt es überhaupt im keit? Er selbst hat es gesagt: Tenachs Ge-'Leben Hohes, Hehres, Heiliges und Wahres? danken waren es, die die „frühesten Keime fei-.Natur, Wirtschaft, Technik, Leben, das ist heute nes geistigen Lebens, die seligsten Stunden seiner die „Wahrheit"! O, führen wir unsere Zeit gleich Jugend bedeuteten". Nicht trockener Gegenstand Hirsch und mit Hirsch an Tenachs Wahrheiten des Wissens, und fei es selbst des Wissens von hinan! In seinem Sinn würden wir handeln, einem heiligen Buch, war ihm die Erforschung 'zeigten wir, daß die Sehnsucht der Menschen ein des Tenach, nicht ein Buch, das a u ß e rh a lbjanderes sein kann; ließen wir wieder die Seelen