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Der Israelit · 1929-01-24 · Heft 4 (24.1.1929) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 4 (24.1.1929)
Date
1929-01-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Aime Palliere in Frankfurt. Atme Palliere gehört zu den suchenden und vielleicht tiefsten Geistern unserer Zeit. Er hat di« katholische Kirche verlassen und zwischen Christentum und Judentum fand er zunächst den festen Boden im Noachismus, von welcher Kanzel aus er der Menschheit, Juden wie Christen, mancherlei zu sagen hat. Man hört ihn gern, und was er sagt, stimmt' nachdenklich. In Frankfurt hatte den Rahmen für den großen Palliere- Abend im Frankfurter Hof der „Verein Westendsynagoge" geliefert. Zufall! Er hätte gerade so gut in einem ausgesprochen orthodoxen Vereine sprechen können, denn was er sagte, war, bei asten verbindlichen Worten für die liberalen Einberufer, nicht immer schmeichelhaft und erbaulich für die Ideologie des jüdischen Liberalismus. Der int Ltchterglange strahlende Festsaul war ange-- fülft von einem nach Hunderten zählenden illustren Publikum. Herr Dr. Strauß eröffnet« die Versammlung mit der Feststellung, daß das Judentum nie aktive Mission getrieben habe. Wir alle seien Suchende. Palliere sei aus innerer Berufung Missionar des Judentums geworden. Nun betrat der Mann mit dem durchgeistigten Gesichte das Podium. Er fing mit schwacher Stimme deutsch an, begrüßte' und dankte etwas unbeholfen, um dann gleich auf französisch in sein Thema, von dem er beseelt und besessen ist, unterzutauchen. Edle Begeisterung spricht aus jedem Worte, aus jeder Geste. Das Wort des Propheten: „Sieben ^Männer werden sich an den einen jüdischen Menschen heften, daß er sie zur jüdischen Wahrheit führe," vollführe sich zunächst an ihm. Gott habe er früher schon erlebt. Er habe nicht Gott im Judentum gesucht, aber Gott habe ihn mit sicherer Hand zum Judentum geführt. Er mußte dem Drange folgen, die jüdische Seele zu erkennen. Und er fand: Das. Judentum hat keine „Religion", keinesfalls das, was die Welt unter „Religion" versteht. Es hat „Emunah", und das bedeutet Treue. Er denke nicht daran, die Kirche, die er verlassen hat, zu schmähen, aber den Vorwurf kann er ihr nicht ersparen: Sie hat ihre .Offenbarung der Gottesossenbarung entgegengestellt, ihre Auserwähltheit anstelle der Erwählung des Gottesvolkes gesetzt, sie will Israel sein . Aber die von Gott gemachte Offenbarung kann nicht aufgehoben, Gottes Erwähltheit kann .nicht zurückgenommen werden. Er hat die jüdische Seele nach ihrem Geheimnis gefragt. «Sie hat ihm dieses noch nicht offenbart. Aber ahnend glaubt er diesem nahe zu kommen. Die Thora ist die Beziehung des Volkes zu seinem Gotte, ist nicht eine Lehre, ein Glaube, nicht Geschichte, sondern all dieses mnd mehr als dieses, ein Buch der Erziehung, der Welt- und Völkererziehung. Der Sinairuf: „Ihr sollt mir ein -Reich von Priestern sein," ist nicht kollektive Aufforderung an das Volk, sondern der Ruf an jede einzelne jüdische Seele. Die Offenbarung gilt für alle Völker. Aber es gibt nur einen Segen. Er kann nicht zurückgenommen werden. Die Völker müssen ihn durch Israel erhalten. Der.Abraham gewordene Segen: „Durch dich feien alle Völker der Erde gesegnet", steht am Anfand und am Ende der Geschichte. Das Pessachfest, das von der antionalen Befreiung kündet, erhält seine' eigentliche Bedeutung durch das Fest des Sinaigesetzes am Schwuaus. Der Völkerbund ist ein schwacher Versuch nach oben zu den jüdischen Grundwahrheiten, richtiger und jüdischer wäre die Bezeichnung „Völkerf a m i l i e ". Durch Rabbi Jochanan ben Sakkar wurde die jüdische Seele aus dem Zusammenbruch in das Mittelalter und bis in unsere Tage hinein gerettet. Ein alter palästinensischer Rabbiner habe bei Verkündung der'Emanzipation traurig ausgerusen: Das ist das Ende des Judentums! ... Er hatte nicht so ganz unrecht. Der moderne Jude leidet schwer unter dem Dualismus von Jude und Weltbürger. Die Führer des Liberalismus (er nennt sie von Geiger bis Baeck fast alle bei Namen) haben, bei bestem Willen, hier nicht helfen können, haben durch die Sucht nach Anpassung das Uebel nur vergrößert und erweitert. Es gibt verschiedene Wege zum Geheimnis der jüdischen Seele. Einen sieht Palliere im neuen Palästina, einen zweiten in der Renaissance der modernen jüdischen Jugend, ein anderer und sicherer Weg ist die Orthodoxie, (die er, wie uns scheint, mit der Seele sucht, ohne sie zu kennen, sie schon bewußt zu erleben). Starker Applaus löste die stille Ergriffenheit ab, mit der die Worte, die Erlebnisse eines ringenden Menschen, ausgenommen wurden. Herr Prof. Dr. Jul. G o l d st e i n, Darmstadt, spricl ein kurzes, eindringliches Schlußwort. Er dankt dem Redner und deutet schonend an, daß der deutsche Jude wohl nicht immer aus den Erwägungen Pallieres zu den gleichen Konsequenzen kommen müße. Er zielt deutlich auf den Zionismus hin, meint aber vielleicht auch die Orthodoxie. 'Goldstein erzählt, wie er Palliere zweimal in Paris und nun heute abend zum dritten Mal erlebte. Wir treiben keine Mission, aber wir verlieren so viele durch die Taufe, daß wir uns freuen, einmal einen solchen Gewinn verzeichnen zu dürfen. Schuld an der Taufe ist in der Regel einzig und allein das Elternhaus, das dem Kinde kein Judentum gegeben hat, es kann meistens gar nicht mehr als Flucht aus dem Judentum angesprochen werden, weil nichts da war, wovor man fluchten konnte. Wer als Profelyt zum Judentum kommt, hat nichts dabei zu profitieren, so kann es nur aus ehrlichen und edlen Motiven geschehen'. Zu beachten sind zunächst die Konvertiten der eigenen Religion, d. h. die vielen jungen Juden, die aus der Leere ihrer jüdischen Erziehung heraus heute auf irgend einem Wege Judentum suchen. Auch denen, die aus Liebe zu einem Weibe zum Judentume kommen, sei, nach Goldstein, das tiefe, ehrliche Empfinden zugute zu halten. Die wertvollste Kategorie stellen jene wenigen, zu denen auch Palliere gehört, die von der jüdischen Seele gerufen und geweckt werden: von irgend einem Erleben, sei es der Jom Kippur oder der Sabbat, zum Judentum gebracht werden; die bei irgend einem Anlaß erfahren, daß das Judentum kein „religiöses Pompeji", eine verbrannte Stadt, in deren Gasten noch Menschenleben ist, sondern ein lebendiger Organismus, in dem das Feuer vom Sinai noch glüht und zündet. Es ist das Bezeichnende an dieser Art von Proselyten, deren vornehmster Vertreter Palliere ist, daß sie vor ihrer früheren, angestammten Religion noch alle Ehrfurcht bewahren. Es ist gewiß, daß ein Mann wie Palliere auf viele Juden von heute mehr Eindruck machen würde, als alle Lehren und Mahnungen, die von jüdischer Seite an sie ergehen. Der Umweg tut oft im geistigen Leben sehr not und ist nützlich. Er schließt mit Worten, des Dankes. | Und damit schließt auch das tiefe Erleben des Aime Palliere-Abends. Aime Palliere in der V. 2. A. Am Samstag abend war Aime Palliere Gast auf einem Konvente, das die Vereinigung jüdischer Akademiker ihm zu Ehren im Thomasbräu veranstaltete. Die Beteiligung vonseiten der „Aktiven" und der A. H. war sehr stark. Herr Dr. Hosmann erläuterte in klarer gestraffter Ansprache Geschichte, Entwicklung und Programm des nunmehr ein Vierteljahrhundert alten gesetzestreuen Bundes der jüdischen Akademiker. Nachdem Herr Studienrat I. Kaufmann den Inhalt der Rede ins Französische wiedergegeben hatte, ergriff Palliere das Wort, um in längerer, äußerst warmer Rede zu erklären, wie er für seine Person stets nur praktisches, tätiges Judentum gesucht hätte, keineswegs das, was man hierzulande in den gesetzestreuen Kreisen abfällig mit „Liberalismus" bezeichnet. Es wurden Fragen und Gegenfragen gewechselt. Auf die Frage des Gastes, wie sich die Orthodoxie zur hebräischen Sprache und zum neuen Palästina verhält, antwortete Herr Dr. Jsaac Breuer in französischer Sprache, daß Sprache wie Land nur Basis, nur Träger der jüdischen Seele, der Thora, sein können. Herr Palliere sprach in einem Schlußworta seine hohe Befriedigung über die in der V. I. A. wie überhaupt in Frankfurt gewonnenen Eindrücke. Die Woche. Der Tllekor Chajim feiert ein Thorafesk. In neun Jahren hat der Gemoroschiur unter Herrn Rabbiner Dr. Jo>ef Breuer,- der durchschnittlich vierzig Teilnehmer zählt und zweimal in der Woche stattfindet, den Traktat „S a b b a t" mit vielem Zubehör durchgelernt. Grund genug zum Feiern. Man verband damit noch einen Sijum aus Anlaß des siebenjährigen Mikrozyklus (Ehumisch mit Rasch:), der in diesem Jahre abgelaufen war. Also ein Doppelfest, doppelt schön und yarmonisch, wie es sich nur aus der Synthese: Thorafreude und jüdische Geselligkeit ergeben kann. Schon in den frühen Nachmittagsstunden ging der erste Aufmarsch vor sich. Die Festsäle der Frankfurt-Loge füllten sich mit einem sabbatlich gekleideten und gestimmten Publikum. Etwa 200 Gäste waren anwesend. Das Minchogebet wurde verrichtet und Herr Rabbiner Dr. Josef Breuer stand vor einem sich symmetrisch im dreifachen Halbkreis formenden Auditorium (an sich ein herrlicher Anblick) und hielt fein „Hadrar.", das bei aller Tiefgründigkeit mittels der Klarheit der Breuerschen Schule den Zuhörern in allen Phasen verständlich blieb. Es folgte das Auslernen der Thora durch Herrn Dr. Willi H o f m a n n. Die letzten drei Sätze erstrahlten im Lichte alter und neuerer Erklärungen und strahlten zurück, zum „Berefchis". Das Maariwgebet leitete dann zum zweiten Teile und zum eigentlichen Feste über. Alles im Saale schwelgt im hellsten Lichterglanze. Wie modern und ansprechend die gedeckten Tafeln und die ganze Aufmachung. Wenn die Speisen aufgetragen werden, ertönen am Klavier einladende Klänge. Hotelier (Hotel Ries), Vorstand und das Jugendkomitee des Mekor Chajim arbeiteten zusammen, um dem Feste auch den schönen Rahmen zu sichern. Es ertönen zunächst ein paar wehmutsvolle Töne. Herr Josef Sänger ergreift als Präses das Wort, dankt den Dozenten, begrüßt die Gäste und gedenkt der seit dem letzten Sijumfeste Heimgegangenen, des großen Raw und des Rektor Falk?"2r Man erhebt sich zu deren Ehren vom Platze. Herr Rabbinatsastestor Gerson Posen spricht ergriffen und ergreifend von seinem großen Rebben, der genau vor drei Jahren im gleichen Raume an einem Sijum, dem letzten seines Lebens, noch freudig teilgenommen hatte, und gibt Thoraworte des Rabbi wieder. Herr Rabbiner Dr. Josef Breuer richtet flammende Worte an alle, die Thora und das Thoralernen unterstützen. „Und allen Söhnen Israels war Licht in ihren Wohnsitzen", — in allen Wohnsitzen bis auf den heutigen Tag. Und es gibt nur e i n Licht, das wärmt und leuchtet, das Licht der heiligen Thora. —- Ein hübsches Tischlied (Verfasser M. Löwenthal) wird im Chore gesungen, und es folgen Begrüßungen. Herr Markus Hirsch spricht im Namen der Gemeindeverwaltung der „Israelitischen Religionsgesellschaft", betonend, daß die Thora die Seele einer Kehila bedeute, woraus sich das innige und freundnachbarliche Verhältnis zwischen Gemeinde und „Mekor Chajim" von selber ergibt. Herr Dr. S. Ehrmann begrüßt im Namen der Jeschiwo, wiederum auf die inneren Fäden hinweisend, die Jeschiwo und Mekor Chajim verbinden. Daß bei diesem Brückenbau auch einige humoristische Lichter aufstrahlten, ist selbstverständlich. Ebenfalls mit gutem Humor entledigt sich Herr Redakteur Schachnowitz der ihm vom „Liwjath Chen" und der Agudas Jisroel Orts- und Jugendgruppe gewordenen Aufträge. Er gedachte auch Nathan Hamburgers 'Str und fein Hoch galt dem Vorstände des Mekor Chajim und dessen verehrtem Vorsitzenden. Herr Dr. Marcus Lange spricht im Namen der Samson Raphael Hirsch - Schule. Sein beachtenswerter Wunsch geht dahin, daß man über dem Gemorolernen, das zweifelsohne große Fortschritte gemacht hat. nicht das Studium des „Tenach" vergißt. Herr Rabbiner Mosche Karpel überbringt die Glückwünsche des Bes Hamedrasch Ostendstraße 18 und versteht es, in kurzen Worten eine recht hübsche Erklärung zu einem Bibel- und Talmudworte zu bringen. Herr Rabbiner Dr. Ansbacher, Wiesbaden als Gast

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