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Der Israelit · 1929-01-17 · Heft 3 (17.1.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 3 (17.1.1929)
Date
1929-01-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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\rs,m täte* Der Prinz und sein Opfergang. Eine tragische Geschichte nach alten Urkunden. \3n Volksgeschichten und Romanen begegnet man oft dem „Prinzen", der sich in ein jüdisches Mädchen verliebt, ihr ewige Treue schwört, Haus und Hof verläßt, die Krone von sich wirft, um als Jude die Liebste seines Herzens heimzuführerr. Mit Spannung, und hungrigen Augen nach dem stolzen Ritter pflegten junge Mädchen diese Geschichten zu lesen. Es geschah aber einmal, daß ein wirklicher Prinz, nicht einer aus dem Romanen, eines einfachen jüdischen Mädchens wegen, Judentum und Tod auf sich nahm. Es war dies im vierzehnten Jahrhundert in Tyrnau, das damals als selbständiger Freistaat von einer Frau regiert wurde, der Fürstin von Tyrnau. Davon er--' zählen alte Urkunden und Geschichten im Munde des Volkes Es war kurz nach der schwarzen Pest, die einige Jahre in ganz Mitteleuropa grausam wütete und ein gut Teil der Bevölkerung vernichtete. Die Juden waren die erstell' Opfer. Weniger von der Seuche betroffen, waren sie der Wut des Volkes preisgegeben, da Verleumder ausstreuten, sie hätten die Brunnen vergiftet und die Pest verursacht und verbreitet. Im Laufe der Verfolgungen wurden Tausende niedergemetzelt und ganze Judengemeinden dem Erdboden gleichgemacht. Später suchte man, sie wieder an ihre Heimat zu fesseln, eine Sicherheit für Leib und Leben trat aber noch lange nicht ein. Damals lebte und lehrte in Tyrnau der große ' Rabbi Jizchok Eisik. Es waren erst wenige Jahre her, daß die Fürstin sich gegen eine große Geldsumme bestimmen ließ, den Juden die Rückkehr nach Tyrnau zu erlauben. Sie dürften sich in einem eigenen Ghetto ansiedeln. Einmal, es war ein schöner, sonnenheller Wintertag, im Jahre 1839, ging Channa, die einzige Tochter des Rabbi Jizchok Eisik, mit ihren Freundinnen ein wenig zum Ghetto hinaus, um sich die großen Karnevalszüge in der Stadt anzusehen. In einiger Entfernung bestaunten sie die Menge und das Festtreiben-auf der Straße. Als es anfing zu dunkeln, begaben sich die Mädchen zurück «nach der Gaste. Channa aber hielt es wie mit eisernen Banden hier fest. Der Lebensrausch in der Stadt hatte auch sie, die hinter den dunklen Ghettomauern wenig vom Lichte und der Freude der Welt erfuhr, erfaßt. Sie blieb allein da, um noch weiter zu schauen und zu staunen, als die hundert bunten Lichter auf dem Festplatze aufleuchteten. , Etwas später machte sich auch Channa auf den Heimweg. Da stellten sich ihr zwei Masken in den Weg, junge, vorwitzige Burschen, die mit schlüpfrigen Reden sie aufhalten wollten. Sie suchte einen Seitenweg einzuschlagen und aus dem Bereiche der Stadt zu kommen. Aber die Burschen ließen nicht locker und schickten sich an, sie mit Gewalt nach sich zu zerren. In ihrer Angst und Verzweiflung begann Ehanna zu schreien. Das lockte viel Volk an. Da ertönte Trompetenklang. Ein Reitertrupp kgm des Weges angetrabt, in blinkender Rüstung saßen die Männer auf ihren stolzen Pferden, die Hellebarden in die Luft schwingend. An der Spitze des Trupps ritt auf schönem Schimmel ein junger Ritter in strahlender Gewandung, mit | einem Schwert in silberner Scheide. Die Burschen wichen ein wenig zurück. Die Reiter, von der Jagd kommend, jagten weiter. Das Volk war inzwischen sehr angewachsen und nahm Stellung gegen das fliehende Judenmädchen. „Ergreift sie", schrieen viele Stimmen. „Die verfluchte Jüdin!" „Eine Hexe." „Sie hat das Heiligenbild geschmäht!" „Verbrennt sie-:-- " Schon war das Mädchen wie ein gehetztes Wild an eine Wand gedrückt und viele.Fäuste erhoben sich gegen die Hilflose. Da machte der Reiter an der Spitze der Jäger, zu dessen Ohren das Wutgeschrei des Volkes gelangt war, kehrt. Er trabte mitten in die Menge hinein, sprang von seinem Pferde und zog das Schwert. Als er zum Opfer an der Wand hinschaute, stand er eine Weile wie gebannt von der' strahlenden Schönheit des gehetzten Wesens da. Dann donnerte er in die Menge: „Was wollt Ihr von diesem Mädchen, Ihr Halunken? Wer sie anrührt, der kommt mit diesem Stahl in Berührung!" Das Pferd, wild geworden durch die vielen Menschen und die blanke Waffe, stürmte unter die Gaffenden und schlug mit den Hufen nach rechts und links. Der Reiter ergriff das Mädchen, hob es aufs Pferd und jagte mit ihm davon. Das alles war die Tat von einer Minute. Die Menge war starr vor Entsetzen. Nun aber erwachte sie wieder langsam und kam M Bewegung. „Ergreift sie", schrie es von allen Seiten, „schlagt sie tot, alle beide!" Der Reiter war schon ein Stück Wegs davongejagt, da bäumte sich das Pferd und wollte nicht weiter. Schon war die.wilde Meute hart hinter ihm her. Da gelang es ihm noß) im letzten Augenblick, sich durch eine Seitengasse in einen Hof zu retten. Die Verfolger stürmten vorbei, in der Meinung, der Reiter sei mit seinerm Raub weitergekommen. Jetzt, in dem Gefühl erster Ruhe und Sicherheit, konnte der Prinz Atem holen. Er wischte sich den Schweiß vom Gesichte und ließ das Mädchen langsam und vorsichtig vom Pferde gleiten. Sie hatte ohnmächtig in seinen schützenden Armen gelegen, und er mußte sie erst zum Leben rufen. Ihr Gesicht war totenblaß. Ihre aufgelösten Haare umwallten fast den ganzen Körper. Der kleine Mund war geschlossen und auf den Lippen spielte ein kindliches Lächeln. All dieses verlieh der Gestalt fast himmlischen Glanz. Der Mann, Sohn eines Volkes, das die Juden wie den Tod haßte, stand ganz im Banne eines jüdischen Mädchens,.das er aus den Klauen und Krallen der Menschenbestie fürs erste gerettet hafte. Er war berauscht vom Anblicke und wartete geduldig, daß die Lebensgeister des Mädchens wieder erwachten. Inzwischen hatte die Horde erfahren, daß sich die Verfolgten in den Hof geflüchtet hatten. Sie bestürmte nun das festgeschlollene Außentor. .Schon wollte das Holz in der Eisenfassung nachgeben. Mit dem blanken Schwert stand der Retter innen vor dem Tore, um die Stürmer zu empfangen und, komme was wolle, für seinen Schützling zu kämpfen. Es krachten die Türen. Da schrie jemand von draußen in die Menge: „^eid Ihr denn alle von Sinnen? Wen verfolgt Ihr da? Ihr nicht, dak es,Prinz Emmerich ist und daß die Fürstin das Blut ihres Sohnes von Euch fordern wird? Geht heim, Ihr Narren, bevor Euch der Zorn und die Rache der Fürstin treffen." Emmerich erkannte die Stimme. Es war die des Kanzlers, des Grafen von V a t i a n y. Er war zusammen mit dem Prinzen aus der Jagd gewesen und konnte, nachdem er von diesem getrennt war, den ganzen Zwischenfall beobachten. Er suchte und es gelang ihm auch, die Menge zu beruhigen. Der Kanzler gehörte nicht zu den Fanatikern inder Umgebung des Hofes. Den Juden insbesondere war er wohlgeneigt und hatte manches Unglück, das ihnen von der Fürstin drohte, verhütet. Emmerich, der junge Kronprinz, sah in Batiany seinen Freund und Berater und hatte seine menschenfreundlichen Ansichten sich ganz zu eigen gemacht. Er wußte, der Kanzler würde sein Einstehen für ein unschuldiges jüdisches Mädchen billigem und loben. Von den wilden Schreien draußen geweckt, kam das Mädchen inzwischen zu sich. Verloren sah sie sich im Raume unrund nur langsam kam ihr die Erinnerung an das Vorgefallene wieder. Als sie erfuhr, wer ihr Retter war, brach sie in Tränen aus. Wie sollte sie die Worte finden, einem solch hohen Herrn zu danken? Der Prinz wischte ihr aber die Tränen aus den Augen und beruhigte sie. Es bedürfe keines Dankes. Der Mensch müsse den Menschen schützender Starke den Schwachen. Sie war schwach und von so Vielen verfolgt und bedroht. Was natürlicher, als daß er, im Besitz einer Waffe, sich ihrer annahm? Wie sie heiße, wollte nun der Retter wissen. Und sie nannte ihren Namen: Channa, die Tochter des großen Rabbiners von Tyrnau. Nun wollte sie gleich auf Umwegen durch Seitengassen nach Hause eilen. Der Vater würde schön sehr beunruhigt sein. Prinz Emmerich aber wollte sie nicht allein gehen lasten, er wollte sie begleiten, beschützen. Sie bat ihn, es zu unterlassen. Die Gasten seien still und menschenleer, es sei keine Gefahr mehr vorhanden. Für ihn aber wäre es höchste Gefahr, wenn er m Gesellschaft eines Judenmädels angetroffen würde. Er gab aber nicht nach, und sie einigten sich endlich dahin, daß er ihr in gewisser Entfernung unauffällig folge, um im gegebenen Momente ihr zu Hilfe zu kommen. „Wann sehen wir uns wieder?" fragte er zum Abschied. Channa erschrak. „Nie und nimmer!" sagte sie. „Nie wird wieder mein Fuß die Stadt betreten nach den heute erlebten Schrecken." „Aber ich möchte Dich doch noch einmal sehen," bat der Prinz. „Nein," sagte das Mädchen entschieden. „Wir dürfen nicht mehr zusammentreffen. Ihr, der Prinz und künftige Beherrscher des Landes, und ich, ein armes jüdisches Mädchen, das von jedem Christen verspottet wird, wir dürfen nicht Zusammenkommen. Wehe, wenn Eure Mutter erfährt, daß ihr einziger Sohn sich eines jüdischen , Mädchens annimmt. Alle Juden der Stadt hätiten es dann mit ihrem Leben zu bezahlen." „Wir werden uns wieder treffen," sagte der Prinz, „und keiner wird etwas davon erfahren." „Nein," bestand das Mädchen, „man spielt nicht mit dem Feuer." „Du magst mich nicht! Wirst meiner vergessen!" „Vergessen?" sagte das Mädchen tränenden Auges, „Man vergißt seinen Lebensretter nicht. Ich werde mein Lebtag für Euch beten." „Noch einmal möchte ich Dich sehen, nur einmal!" flehte er. Sie aber bat ihn flehentlich, nicht mehr daran zu denken und sich die Sache ganz aus dem Sinne zu schlagen. Noch einen Blick aus ihrem dunklen Auge warf sie auf ihn, als wollte sie sich seine Gestalt auf immer einprägen. Dann, ging das Ghettotor auf und sie verschwand in den kleinen, engen Gassen. „Gott beschütze Dich!", tönte ihr letzter Gruß in seinem Ohre nach. Channa warf sich auf ihr Bett. Die Erlebnisse des Tages stürmten mit brausender Macht auf sie ein und verwirrten ihre Sinne. Angst, Dank und noch etwas, das sie selber nicht zu deuten wußte, füllten ihr Herz. Sie konnte keinen Schlaf finden. Es war das erste Mal, daß sie ihre Erlebnisse ihrem Vater nicht mitgeteilt hatte. Als am zweiten Morgen der Rabbi seine Tochter danach fragte, wo sie sich so spät in der

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