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Der Israelit · 1929-01-10 · Heft 2 (10.1.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 2 (10.1.1929)
Date
1929-01-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 2 Der Israelit Amerika gefacht, aber nicht gefunden hatte, kommt fast mittellos zurück, und man rät ihm sich an dem Platz, von dem hier gesprochen wir-, niederzulassen. Dort angekommen, wird er mit der größten Zuvorkommenheit ausgenommen, man bemüht sich, ihm die -erforderlichen behördlichen Konzessionen zu beschaffen, um einen Handel zu beginnen, man gibt ihm Kredit und er erweist sich mit der Zeit dessen würdig. Da wird chm nun' von der Gemeinde das Angebot gemacht, er möge doch auf Kosten der Gemeinde seine Familie, Frau und vier Kinder, aus Polen kommen lassen, und die ganze Familie dort ansässig machen. Heute ist er — zumal man außer dem Begriff Ost und West auch den Begriff reich und arm nicht kennt — ein angesehenes Mitglied der Gemeinde, feine Söhne vielversprechende Zukunft für die. jüdische Gemeinde, für das gesamte italienische Judentum. Ja, in dem Streben, die Gemeinde zu vergrößern, den -echtjüdischen Charakter zu bewahren, geht man noch weiter. Man ist bestrebt, frommen jungen Menschen des Auslandes Existenz zu schaffen. Jungen- Menschen, deren Streben es vielleicht war, auf dem heiligen Boden Erez Jisroels zu arbeiten, die zu diesem Zwecke Ackerbau, gelernt haben, leider aber jetzt keine Möglichkeit sehen, ihre Sehnsucht zu erfüllen, bietet sich hier die Gelegenheit, das Gelernte praktisch zu betätigen, sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen und an der Erhaltung religiösen Lebens mitzuwirken. Die israelitische Gemeinde ist bereit und in der Lage, an der Peripherie der Stadt billigen Boden zur Bearbeitung zuzuweisen und ist — was hier selbstverständlich ist — bereit, in jeder Hinsicht Interessenten zu unterstützen und zu fördern Leider ist aber hier, wie im ganzen Lande das Thorcrstudium seit Jahrzehnten vollkommenvernachlässigt worden, mit ein Hauptmotiv für den Abfall von Gott. Während früher m Italien verschiedene Jefchiwoth von Thoragrößen geführt und zur Heranbildung von Talmide Chachomim dienten, besteht seit mehr denn sechzig Jahren keine Jeschiwoh mehr, ist feit dieser Zeit das „Lernen" vollkommen vernachlässigt und dem Abfall als Böige von Unwissenheit Tür und Tor geöffnet worden. Aber auch auf diesem Gebiete können wir mit Genugtuung einen, wenn auch noch kleinen Umschwung zum Besseren verzeichnen.. Die religiöse Strömung, die wir erfreulicherweise in den Nachkriegsjahren in den meisten Ländern Westeuropas verspüren konnten, b-eginnt zaghaft auch in Italien sich bemerkbar zu machen. Liest man die einzige erscheinende jüdische Zeitung „Israel", so findet man in ihr deuÄich einen religiösen Zug, obwohl die Zeitung zionistisch geführt wird. So konnte man in letzter Zeit wiederholt das Problem ernsthaft berührt finden, das auch uns in den anderen Ländern stark beschäftigt, das Schabbos-Probbem. Auch dort wird die Schaffung eines „Schvm-re Schabbos- Bereines" für das gesamte Land erstrebt. So konnte man kürzlich in einem kurzen Artikel eine Bemerkung finden, dre uns zeigt, welch tiefe und innige Religiosität es noch in Italien gibt, wenn da ein Privatmann, nicht etwa ein Rabbiner, schreibt, der jüdische Kaufmann möge doch soviel Bitochaun haben, daß das Geschäft gut gehen werde, wenn er jüdisches, schabboshaldendes Personal aufnehme. Auch aus dem Gebiete des Thorastudiums selbst beginnt es sich zu regen, Talmud Thoras werden besucht, junge Menschen beginnen den Wert und die Heiligkeit der Thora zu erkennen,, ja ich sah schon Kinder, Söhne und Töchter von Eltern — die mechallele Schabbos —, die den geringsten Chilüil Schabbos ängstlich mieden, die, bevor sie ihr Haus verließen, ihre Taschen gewissenhaft untersuchten und selbstverständlich auch die andern Mrzwaus gewissenhaft erfüllen und gern und freudig dem Thorastudium obliegen. Wir sehen sogar schon eine neu entstandene Jeschiwoh, in der in Italien geborene junge Menschen lernen und durch -ihr Beispiel mit Gottes Hilfe mit der Zeit noch viel mehr vollwertige Jehudim in Italien heranbilden werden. (Fortsetzung folgt.) Zewish National Home am deukschea Platze. Wer zum ersten Male in Jerusalem weilt und seine Freunde -am Deutschen Platze besuchen will, hat es nicht leicht. Bon gar vielen wird der „Deutsche Platz" verwechselt mit der „Deutschen Kolonie" der Württemberger, die ferne jeder jüdischen Behausung weit draußen am Bahnhofe sich befindet. Ein arabischer Droschkenkutscher, dem man sorglos sein „Zum Deutschen Platze!" zuruft, wird einen vorerst gewiß südwärts zum Bahnhofe führen und nicht hinauf auf den Zionsberg, nicht ins Bereich der Westlichen Mauer. Und doch liegt dort der „Deutsche Platz". In herrlicher Lage und prächtiger Luft, mit wundervollem Rundblicke, durchwebt von alten heiligen Erinnerungen — die Stätte historischer Momente, der Brennpunkt altjüdischer Tradition. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde der „Deutsche Platz" durch zum größten Teile deutsche Spenden erworben, um der unerträglichen Wohnungsnot zu steuern. Der „Deutsche Platz" enthält zur Zeit ca. 130 Wohnungen: von jeher wohnten hier Rabbiner und Thoragelehrte. Auch Oberrabbiner Sonnenfeld wohnt seit nahezu 50 Jahren am Deutschen Platze im SUtungshause des Oberrabbiners Ettlinger. Sein großer Lehrer Rabbi- Abraham Schag wohnte ebenfalls einige Jahre in demselben Gebäude. Rabbiner P. H. Krank vom Kuk'schen Bet-" Din wohnt in einem Rothschild-Hause am Deutschen Platz. Im Benjamin Feuchtwanger'schen Stiftungshause wohnt Rabbiner Jonathan Horovicz. Hier pflegt es lebhaft zuzugehen. Häufig sieht man dort Besucher aller Kreise und Richtungen, Nationen und Bekenntnisse. Besonders interessant war es am Nachmittage des Chanucka-Donnerstages. Zuerst erschien der Jerusalemer Oberbürgermeister Raghib bey el Nafhishibi mit seiner Gemahlin in Begleitung seines hebräischen Stadtsekretärs, Herrn Franco. Die Unterhaltung wurde bald interessant und zeitigte u. a. folgendes Zwiegespräch: Nashishibi: „Ist eigen-tlich Oberrabbiner Kuk weniger fromm als. Sie?" Rabbiner Horovicz: „Durchaus nicht; ganz im Gegenteil. Sie meinen doch wohl feine persönliche Lebensführung? Nun, ich zweifle nicht daran, daß er frömmer fei. als ich; ich hafte mich gar nicht für so fromm." N.: „Weshalb können dann Sie und Ihre Gesinnungsgenossen nicht gemeindepolttisch mit Kuk Zusammengehen? Welches sind denn die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Ihnen?" H.: „Zwischen uns bestehen gar keine grundsätzlichen religiösen Unterschiede. Wenn man an Rabbiner Kuk dieselbe Frage richtete, wird auch er so antworten wie ich. Er wird ganz wie wir erklären, daß die Neubelebung der jüdischen Nation in Palästina nur auf Grundlage ihrer alten Verfassung, der Lehre Mosis, -erstrebt und verwirklicht werden und daß der wahre jüdische Nationalismus der Basis -der Thora nicht entraten, kann. Ein Unterschied in jüdisch-reftgiösen Grundsätzen über die hohen Ziele -einer jüdischen Gemeinde besteht also nicht zwischen uns." N.: „Warum zählt sich aber dann Oberrabb-iner Kuk zur Gemeinde des Baad Leumi,, während Sie und Ihre Gesinnungsgenossen ein eigenes jüdisches Gemeinwesen bilden? Wodurch denn unterscheiden sich die beiden Gemeinden?" c H.: „Das verhält sich so: -die in- Agudath-Jisrael organisierte orthodoxe Judenheit besteht -darauf, daß die Autorität des Thoragesetzes für das jüdische Gemeinschaftsleben in einem Grundparagraphen anerkannt werde. Die durch den Baad Leumi vertretene Organisation hat aber nach Vorschrift der zionistischen Ideologie di-e Erfüllung -dieser Kardina-lforderung mit der größten Klarheit -und En ts chiedenheit ab ge lehnt. Rabbiner Kuk ist infolge seines unbegrenzten Vertrauens zur sittlichen Kraft der vonihm vertretenen ideellen Werte der Ueberzeugung, daß auch die zionistische Gemeinschaft sich eines Tages zu seinen Prinzipien werde bekennen müssen und bleibt deshalb als Oberrabbiner mit dem Baad Leumivereint. Auch die Kreise um Agudath-Jisrael glauben an die Siegeskraft der ewigen Thoragesetze, meinen aber, daß der Verbindlrchkei-tschcvrakter derselben, soweit es sich um Gemeindeangelegenhe-lten handelt, nichtvon dem Wohlwollen vergänglicher Menschen — mögen -diese noch so hoch stehen und mögen sie es noch so gut meinen — abhängig sein dürfe, sondern, w>ie dies auch bei rein weltlichen Organisationen üblich ist, verfassungsmäßig im Grundgesetze garantiert sein müsse. Uebrigens handelt -es sich gar nicht einzig um unsere Gemeinde, sondern auch um eine ganze Reihe anderer Gemeinden, in deren Namen -auch der fephardlsche Chves-R-abbi Jakob M e ir gegen das von der Negierung bereits fankti-o-ni-erte Gemeind egefetz energischen Protest eiNgereicht hat, weil dieses nach feiner Ansicht auch in mehreren Einzelparagraphen gegen das Religionsgesetz verstößt." N.: „Was soll aber aus der vielbesprochenenjüdischen Gemeinde-Einheit werden?" H.: „Solange die Autorität des Thoragesetzes für das jüdische Gemeinschaftsleben nicht verfassungsmäßig gewährleistet ist, kann in der Tat in religiösen, kuftuellen und kulturellen Fragenjede gewaltsame, unorganische Verschmelzungnur eine systematische Verunreinigung stabilisieren. Es gibtaber eine ganze Menge gemeinschaftlicher Angelegenheiten. in denen wir uns bei beiderseitigem gutem Willenals einheitliches Ganzes betätigen können. Diesbezüglich stehen wir auch jetzt in Verhandlungen mit dem Baad Leumi. Wir hoffen und wünschen sehnsüchtig, daß wir doch zu einer brüderlichen Verständigung gelangen können." Diese lebhaft geführte Unterhaltung zwischen dem Oberbürgermeister von Jerusalem und Rabbiner Horovicz wurde abwechselnd in hebräischer und arabischer Sprache geführt. Man verspürte dabei einen warmen Hauch von der Atmosphäre des jüdischen- Beth Leumi und merkte, der moslemische Oberbürgermeister der heiligen Stadt verstehe so viel Hebräisch wie der Rabbiner am Deutschen Platze Arabisch. Inzwischen sind noch weitere Besucher erschienen, und um 9 Uhr sind- -außer -denbereits Genannten noch! der deutsche Generalkonsul Dr. Nord, der tschechische Konsul F r i c mit Gemahlin und der österreichische Generalkonsul Dr. Haas zugegen. Um 5 Uhr, sage ich. Denn um 5 Uhr, zu Beginnder Dunkelheit, vor 2-nsm zündet man in Jerusalem allüberall an Türen und Fenstern die Chanucka-Lichier an. Daran ist nicht zu rütteln, dagegen J____' _ 10, Januar 192nichts zu machen. Der Rabbiner -erhebt sich,' rezitiert in Gegenwart ferner mchffüdWeni Gäste die Segensfprüche und zündet die Lichter an. Aufmerksam schauen alle zu, und der schöne jüdische Brauch macht sichtlichen Eindruck. Der tschechische und österreichische Konsul richten Fragen an den- Rabbiner über den historischen Ursprung des Lichtfestes. Man hört bald einen regelrechten Chanucka-Bortrag über die Makkabäer- Kämpfe und das Wunder mitdem Oelkrüglein. Der deutsche Generalkonsul fragt, ob dieser Brauch schon alt sei. Rabbiner Horovicz. erklärt, daß er 207 Jahre vor der Zerstörung des zweiten- Tempels emgeführt worden sei und daß man an Hand des Zahlenwertes 207 des Wortes -"iiu», das Licht bedeutet, -leicht jederzeit, sich dieser Jahreszahl entsinnen könne. Im Laufe des Gespräches bezeigt der Generalkonsul noch seine Freude über die Schönheit und Sauberkei-t d-es Deutschen Platzes. Er wird mit warmem Interesse die Entwicklung dieses schönen Stadtviertels verfolgen und wünscht chm bestes Gedeihen und verständnisvolle. Förderung. Auf die Frage über die Verwaltung des. Deutschen Platzes eicklärt Rabbiner Horovicz, daß dieselbe sich in deutschen Händen befinde und die Hauser nebst der Synagoge, die zu den schönsten Jerusalems zählt, ihr Ent- und Bestehen deutfchen Stiftungen berdanken. Die drei anwesenden Konsuln seien die. berufenen diplomatischen Vertreter des Deutschen Platzes,, da — außer den Amsterdamer Pekidim — die drei Gründer desselben: Esriel Hildesheimer, Berlin, (vormals Eisenstadt im österreichischen Burgenlande)-, Oberrckbbiner Mannheimer, Ushorod (Ungvar) und Kommerzienrat Gustav Hirsch von Halberstadt. Nach mehr als zweistündigem Beisammenseinverabschiedet sich dev Oberbürgermeister, indem er feiner Freude Ausdruck verleiht, wieder einmal im gastfreunblichen Hause Horovicz geweilt zu haben-. Er erhofft viele Jahre weiterer Freundschaft, dankt für dre intereffante Unterhaltung und versichert, daß die jüdische Weltanschauung des Herrn Rabbiner, über die er Mit großem Interesse in seiner neuen Schrift: „The attitude of orthodox jewiry to the Constitution of the Vaad Leumi“ gelesen, allmählich gleich jeder andern ideellen Wahrheit allgemeine Hochfchätzung -und Würdigung finden werde, Mit dem Oberbürgermeister gehenauch die andern. Gäste. Nach kurzer Zeit sind ändere Besucher versammelt, und es gibt Besprechungen in ^-Angelegenheiten^ Jewish National Home am Deutschen Platze! % ♦ N O N C E N JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN UMGESIRASSE7 TEL. HANSA 464t POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE INSERATEN-ANNJ1IIME FÜR FRANKFURTER GESCHAFTS-INSERATE DES »ISRAELIT« U R O AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN. 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