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Der Israelit · 1929-01-10 · Heft 2 (10.1.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 2 (10.1.1929)
Date
1929-01-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Br. 2 1929 Der Rabbi und sein Gleichnis. Die Mai-Gesetze waren von Pleve, dem Ministerpräsidenten' des zweiten Nikolaus, gegeben. Sie waren in Kraft getreten und zogen die Zwangsjacke, die für Rußlands Juden schon seit dem ersten Nikolaus bestand, noch enger um den Judenrayan!, wo hart im Raume sich die Dinge stießen, wo auf enger Fläche Millionen Menschen ohne Licht, ohne Luft, ohne Freud und Freiheit, vegetierten. Die Führer des russischen Judentums protestierten, intervenierten, baten, flehten, warnten. All die Schreie und Bitten verhallten im endlosen russischen Raume. Bis zu dem Ohren des Zaren gelangten sie nicht. „Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit!" läutete ein von den Russen täglich gebrauchtes Sprüchwort. Und da ein dünner Lichtstrahl mitten im Dunkel. .Der Ministerpräsident lud die großen Rabbiner zu einer Konferenz nach Petersburg, um ihre Wünsche entgegenzunehmen, ihre Meinung und ihre Vorschläge zur Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Lage im Judenrayon zu hören. - Welch eigenartiges Bild zeigte jetzt der große Konferenzsaal im weißen Palaste von Livadia bei -Petersburg. Dort, wo man ansonst nur die strahlenden Uniformen der Generale, Gouverneure, Minister und die goldgestickten Kütten hoher . geistlicher Würdenträger zu sehen pflegte, saßen letzt die längbärtigen, gebeugten, in neue Atlaskaftane gehüllten Rabbigestalten. Anstelle deS'Säbelklirrens ging ein Raunen und Tuscheln durch den Saal aus dem Munde um -ihr Volk geängstigter und hoffender alter Menschen. Da sah man an der- Spitze, den. gewaltigen, bartumwellten Kopf des Rabbi Jizcho k Elcho - non aus Kowno, dort die kleinere Gestalt mit den blitzenden Augen des Rabbi Chajim V r i s k e r. Dazwischen der stets in Liebe und hingebendem Erbarmen mild lächelnde E l i e Chajim Meisel aus Lodz. Sie hatten alle ihre Hüte abgetan, und. neue Samtkäppchen hoben sich um die Mitte des Kopfes vongrauem oder weißem Haare ab. Sie faßen in Spannung und hielten in Mienen stille Vorberatung ab. . Ein Rascheln wie von einem nachschleifenden Schwerte, schwere Schritte. Die Türe ging rasch auf. Die Brust ganz mit Bändern und goldenen Orden bedeckt, trat Pleve, hochaufgerichtet, ..als wollte er den alten Rabbis feine ganze Größe und Ueberlegenheit zeigen, mit kurzem Gruß, nur durch leises Kopfnicken angedeutet, in den Saal. Die Rabbiner standen aus und blieben eine Zeitlang stehen, bis der Gewaltige den langen Säbel abschnallte, diesen wie die Amtsmütze an den Nagel hmg und an der Schmalseite der langen, grüngedeckten Tafel vor dem großen Zarenbilde Platz nahm. Er winkte leise mit der Hand, und die Versammelten setzten sich wieder. Die Aussprache begann/ Neben den alten Rabbinen waren auch einige sprachkundige, akademisch gebildete Kronrabbiner aus dem Großgemeinden in Petersburg, Moskau, Odessa und Kiew anwesend, die, gut vertraut mit den Manieren und Allüren der Gesellschaft und des Hofes, die Wünsche der Juden darlegten und in scharfem Russisch Redö und Antwort standen. Pleve beschwerte sich, daß die Juden, besonders deren, Jugend, den destruktiven Elementen angehörten-. Die Juden seien stets unzufrieden, hätten, immer etwas zu wünschen, würden durch ihre Klagen und Anklagen in der Auslandspresse Rußlands Renommee schädigen. Der Kampf gegen die Anarchie, die den Staat unterminiere, sei von Juden genährt und getragen. T i o m k i n, ein Mann von ragender, schöner Erscheinung und größer Sprachgewandtheit, verteidigte. Andere seiner Kollegen unterstützten ihn. Die Regierung und der Ministerpräsident seien über die Lage der Juden falsch unterrichtet. Der Prozentsatz der Juden unter den Sozialisten sei viel geringer, als man annehme. Und dieser kleine Teil könne nicht als Ursache der Unterdrückung gelten, er sei vielmehr die Wirkung derselben. Die jüdische gebildete Jugend, die vom Gymnasium ferngehalten wird, der die Universität verschlossen bleibt, würden ins linke Lager geradezu ged ran g t. Die Sache würde sich mit einem Schlage ändern, so die Rechte der Juden erweitert würden. Die Beteiligung der Juden am Heeresdienste, wies. ein. anderer Sprecher nach, sei weit über den Prozentsatz der Bevölkerung hinaus groß. Sie sind gute Soldaten, wiewohl sie schweren Verfolgungen, Mißhandlungen und Zurücksetzungen ohnegleichen im Dion sie unterworfen sind. „Die Auskünfte, die dem Minister über den Juden zugehen," sagte ein Dritter, „stammen aus. Femdesmunde. Menschen, die unser Verderben suchen, denunzieren uns, und es wird alles ohne nähere Prüfung geglaubt und hingenommem." Pleve, der bis dahin sich nur auf kurze Fragen und Bemerkungen beschränkt hatte und die Verteidigungsreden kalt und ohne mit einer Muskel zu zucken, anhörte, wurde jetzt lebhaft: „Ja, damit hat es schon seine Richtigkeit. Es wird uns so mancherlei über Euch zugetragen. Aber, es sind zumeist I u d e n selbst, die ihre Brüder anschwärzen. Vor dieser Tatsache, daß sich Eure Juden gegenseitig zerfleischen, prallt all Eure Verteidigung zurück. Ihr behauptet, eine bessere Rasse zu sein. Aber unter all den vielen Völkern Rußlands gibt es keines, in dem so viel Haß und Zwietracht herrscht, wie bei Euch im Rayon, wo der eine dem anderen, das Leben nicht gönnt. Kaum hat einer ein Geschäft aufgemacht, so entsteht ihm gleich in der Nachbarschaft dreifache Konkurrenz. Es regnen Eingaben, Anklagen. Wie sollten wir Euch noch achten?" Die Männer erblaßten. Einer der Kronrabbiner stand auf und stotterte etwas Unzusammenhängendes. Es war schwer, sich gegen eine solche Anklage, die, wenn auch übertrieben, in ihrem Grundkern nicht erdichtet war, sich zu rechtfertigen. Da erhob sich der stets lächelnde Rabbi Elje Chajim Meisel. Sein Russisch war nicht so scharf und elegant, wie das der anderen Herren. Aber er sprach klar, einnehmend, und man verstand ihn. „Eure Exzellenz", Hub er an, „werden erlauben, daß ich, ein alter Rabbi, so spreche, wie wir es im Lehrhause gewohnt sind, nämlich in einem Gleichnis. Sehen wir uns doch in der Natur, im Wald und Felde um. Nirgendwo beobachten wir, daß ein Tier über ein anderes Tier seinesgleichen herfällt. Noch nie hat ein Löwe einen Löwen zerrissen, ein Wolf einen anderen Wolf angegriffen. Anders aber die Fische im Wasser. Wer von ihnen größer und stärker ist, verschlingt den kleineren und schwächeren und frißt ihn auf. Woran mag der Unterschied zwischen den Tieren auf dem Festlande- und denen im Wasser liegen? Die Tiere haben die ganze trokkene Welt vor sich, alle Felder und Wälder stehen ihnen offen, die endlosen Steppen, die Pußta, die sibirischen Berge, und überall finden sie im Feld und Flur ihren gedeckten Tisch. Warum sollten sie sich auch gegenseitig umbringen? Anders aber die Fische im Wasser. Am Ufer verkommen sie. Sie sind allesamt auf das bißchen Wasser angewiesen. Eingepfercht im engen Raume, müssen sie sich, um nur leben zu können, gegenseitig verzehren. „Und nun die Nutzanwendung," setzte der alte Rabbi fort. „Alle Völker Rußlands können sich frei bewegen, vom Kaukasus bis Sibirien, und sie finden, wohin sie auch gelangen, ihr Brot. Anders aber die Juden. Eingesperrt, eingeschränkt hinter Licht und Leben im engen Rayon, ohne Möglichkeit, hinauszukommen, ohne Möglichkeit, sich auszudehnen, >da ihnen der Boden genommen, die meisten Erwerbsquellen verschlossen sind, tun sie eben das, was die Fische im Wasser tun, sie verschlingen sich gegenseitig. „Rechte, mehr Rechte'" schloß der Rabbi, „sie werden nicht allein die Lage und die äußeren Lebensbedingungen der Juden bessern, sie wer-- den auch ihr geistiges und sittliches Niveaus heben." — — Ob diese Worte gewirkt haben? Ein paar Erleichterungen traten nach dieser Konferenz vorübergehend ein. Andere Bestimmungen hoben sie später auf. Die Tragödie der russischen Juden dauerte ohne Unterbrechung bis zum Zusammenbruche nach dem Weltkriege an. Aber die klugen Worte des Lodzer Rabbi, auf die der Minister nichts zu erwidern wußte, wurden in Rußland nicht vergessen. Eine Ikalienreise. Von Th. M. Gleich den vielen Tausenden, die nach einem Jahr anstrengender Arbeit ihre Erholung im Süden suchen, führt-e auch mich in diesem Jahr der Weg nach Italien. Wenn ich einen Bericht über meine „Jtalienreise" gebe, so gilt dieser nicht der herrlichen- Natur, -die von vielen Dichtern. schon besungen, nicht /den reichen Kunstschätzen ' auf den verschiedensten Gebieten, vielmehr eine Betrachtung über das jüdische Italien, von dem wir im allgemeinen wenig oder garmchts hören, soll meine Reise-' I b e sch re i b ung darstellen. Wenn wir in jüdischen Blättern „Jüdisches" ans > Italien lesen, so beschränkt es sich im allgemeinen auf j Annoncen der Koscher-Restaurants in einigen wenigen Badeplätzen, die, betrieben von nicht-italienischen frommen Juden, fast ausschließlich von ausländischen Juden 'besucht werden, also mit dem italienischen Judentum selbst wenig Berührung haben, so daß manim Ausland gar nicht weiß, daß es überhaupt noch Juden in Italien gibt, die dem Glaubender Väter -treu geblieben sind, und als wahre Hüter des Erbes bezeichnet werden können, das die großen Geaunim und Gedaulirn Italiens früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte hinterlassen haben. Mein Weg führte-mich in eine kleine Gemeinde von etwa achtzig jüdischen Familien. Ein Städtchen, mitten im Kampfgebiet des letzten Krieges gelegen, völlig zerstört von den erbitterten Kämpfen, die sich auf den Bergen ringsherum abgespielt haben. Das Kriegsende t hatte außer der nahezu völlig zerschossenen Synagoge 1 nur zwei Juden zurückgelassen, die trotz aller Kämpfe an der Heimatscholle sestgehalten hatten. Nach und nach waren wieder einige Familien zurückgekehrt, die Stadt wurde wieder aufgebaut, -und heute, haben wir wieder ein vollkommen normales Leben in -diesem reizend ge- I legenen, klimatisch wunderbaren Fleck Erde. Die Synagoge wurde auf Staatskosten wieder in ihren früheren Zustand gesetzt. Wie wir es leider in ganz Italien und i bedauerlicherweise auch in den anderen Ländern Westeuropas finden, ist der weitaus größere Teil der jüdischen Bevölkerung, hier ohne'etwa prinzipieller Gegner der jüdischen Tradition^zu sein, areligiös. Ab-er dennoch sind in diesem kleinen Stäbchen einige wenige italienische Familie vorhanden, die ganz in den Wegen Gottes wandeln und auch unter großen Opfern an jedem einzelnen Gebot der göttlichen Lehre festhatten. Sie hat es mit aufrichtigem Schmerz erfüllt, zu sehen, daß die Gemeinde zusammengeschmolzen ist, daß besonders das Häuflein frommer Juden immer kleiner wurde, und mit Freude haben sie es daher begrüßt, daß -einige fromme jüdische Brüder aus dem Osten sich dort ansässig machten. Kaum dort angekommen, waren sie schon in -das Gemeindeleben hineingezogen, kannte man nicht, wie wir dies in anderen jüdischen Zentren westlicher Länder leider des öfteren beobachten müssen, einen Unterschied zwischen den Einheimischen und den Fremden, -den „Ostjuden". Im Gegenteil. Wir finden, daß sich die Einheimischen sehr bald von den hinzugezogenen Brüdern belehren lassen, wir sehen, wie trotz großer Opfer die Schechitah eine Besserung erfährt, wir sehen trotzdem es bedeutender Geldmittel b-edast, eine koschere und schöne Mikwoh erstehen, wir finden wi-eder täglichen Morgen- und Abendgottesdienst, der im Verhältnis zu der kleinen Gemeinde gut besucht wird. Wir finden hier aber auch noch einen Zug, der beispielgebend sein kann und sein soll. Ein polnischer Jude, der sein Glück in

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